Fußballclub (DDR)
Ein Fußballclub war im DDR-Fußball ein speziell geförderter, leistungssportlich orientierter Verein. Die zehn Fußballclubs der DDR bestanden in dieser Form von 1965/66 bis 1990. Bereits seit 1953 gibt es zudem die ab den späten 1960er-Jahren ähnlich einem Fußballclub geförderte SG Dynamo Dresden.<ref name="11freunde">Tim Jürgen: Start in eine neue Ära. In: 11 Freunde. 26. Januar 2026 (Ausgabe 291), Seite 64–69.</ref>
Allgemeines
Seit Einführung der Sportclubs ab Mitte der 1950er-Jahre dominierten deren Fußballsektionen weitgehend den Spielbetrieb der Oberliga. Infolge eines Beschlusses von DTSB-Funktionären aus dem August 1965<ref name="kicker">Andreas Hunzinger, Steffen Rohr: Im Osten was Neues. In: kicker Sportmagazin. 19. Januar 2026 (Ausgabe 8/26), Seite 90/91.</ref> erhielt der Fußball zum Jahreswechsel 1965/66 eine Sonderstellung im Leistungssportsystem der DDR mit dem Ziel, das Niveau der Oberliga weiter zu heben und den Spitzenfußball gezielter zu fördern. Das sollte schon im Nachwuchsbereich beginnen.<ref>Eine der vordringlichsten Anliegen der neuen Fußballklubs: Neubildung von zahlreichen Kinder- und Jugendmannschaften. In: fuwo – Die neue Fußballwoche. 25. Februar 1966, Seite 16.</ref> Aus zehn bestehenden Sportclubs wurden die Fußballsektionen herausgelöst, die im Winter 1965/66 den neuen Status erhielten.<ref name="11freunde"/>
Bis auf den FC Carl Zeiss Jena (Bezirk Gera) waren alle in Bezirkshauptstädten beziehungsweise in Ost-Berlin angesiedelt. Vorgesehen war maximal ein Fußballclub pro Bezirk, wobei Berlin eine Ausnahme bildete. Neben den beiden vom Ministerium für Staatssicherheit bzw. der Nationalen Volksarmee gelenkten Clubs BFC Dynamo und FC Vorwärts entstand dort als ziviles Gegengewicht mit dem 1. FC Union ein dritter Fußballclub.<ref name="11freunde"/> Dies ist insofern bemerkenswert, als dass eigentlich nur die stärksten Fußballsektionen für eine Fußballclubbildung in Frage kamen, Union-Vorläufer TSC Berlin war zu dem Zeitpunkt jedoch nur Zweitligist. Sechs weitere, teilweise höherklassige Sportclubs verloren hingegen ihre Fußballsektionen, die an Betriebssportgemeinschaften angegliedert wurden. Keine Fußballclubs gab es in den sechs Bezirken Schwerin, Neubrandenburg, Potsdam, Cottbus, Suhl und Dresden.
Apropos Dresden: Eine Sonderstellung nimmt die SG Dynamo Dresden ein. Sie war dem Namen nach während der SED-Diktatur nie ein Fußballclub, sondern eine Sportgemeinschaft der Sportvereinigung Dynamo. Gegründet am 12. April 1953, erlangte sie 1968 per Beschluss des DTSB-Bezirksvorstands den Status als Fußballleistungszentrum für den Bezirk Dresden. Damit kam ihr eine besondere Förderung zu, die jener der zweieinhalb Jahre zuvor gebildeten Fußballclubs glich. Eine weitere Besonderheit stellt der FC Vorwärts dar: Dieser von der Armeesportvereinigung Vorwärts getragene Fußballclub spielte von 1966 bis 1971 als FC Vorwärts Berlin in Ost-Berlin. Dann wurde er im Zusammenhang mit dem Umzug des ASK Vorwärts Berlin nach Frankfurt (Oder) ebenfalls in diese Bezirkshauptstadt „delegiert“ und trat fortan unter der Bezeichnung FC Vorwärts Frankfurt (Oder) an. Die Rolle des BFC-Edelfans und Stasi-Chefs Erich Mielke bei diesem dirigistischen Eingriff ist nicht vollständig geklärt, der „wohl aber erneut (...) seinen Einfluss auf Verteidigungsminister Heinz Hoffmann geltend machte, um endlich seinen BFC im Zentrum Berlin als dominierenden Hauptstadtklub zu etablieren.“<ref name="11freunde"/>
Die Förderung der Sportclubs beziehungsweise der Fußballclubs als alleinige Leistungszentren führte, mit der Umsetzung des DFV-Fußballbeschlusses von 1970, zu einer politisch gewollten Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Fußball-Oberliga: Die erheblich geförderten und unter weitgehend professionellen Bedingungen arbeitenden Clubs dominierten den Spielbetrieb in jeder Hinsicht. Die besten Betriebssportgemeinschaften (BSG) dienten dagegen nur als Reservoir an talentierten Nachwuchsspielern, die später zu den großen Fußballclubs „delegiert“ wurden. Die Spielertransfers wurden nach der in der DDR typischen Verfahrensweise nicht mit Geld getätigt, sondern im Zuge der Leistungskonzentration und mit sportpolitisch begründeter Notwendigkeit abgewickelt.
Nach 1954 wurde deshalb nur einmal eine BSG-Mannschaft DDR-Fußballmeister: im Jahr 1964 die BSG Chemie Leipzig, die jedoch im Vorjahr aus Spielern zweier aufgelöster Sportclubs zusammengestellt worden war. Von 1968 bis 1991 standen dagegen immer Fußballclubs auf den ersten drei Plätzen der Oberligatabelle. Eine vergleichbare Situation bestand auch in der Handball-Oberliga der DDR, in der die zuletzt fünf Sportclubs die Meisterschaft gegenüber den BSGen dominierten.
Während die Fußballclubs besser als die Betriebssportgemeinschaften gestellt waren, blieb der Fußball gegenüber medaillenträchtigeren Sportarten trotz seiner Beliebtheit im Fußball immer Stiefkind in der DDR-Sportförderung. „Die Bündelung der Kräfte wirkte sich aus – auch wenn der DDR-Fußball von der eigenen Sportführung über vier Jahrzehnte limitiert und gegängelt wurde.“<ref name="kicker"/>
Im Zuge der Wende erlangten die Fußballclubs 1990 den Status eingetragener Vereine. Fünf von ihnen – Union, Erfurt, Jena, Magdeburg und Rostock – wurden nach der Wende nicht umbenannt. Die anderen fünf Fußballclubs gaben sich neue Namen. Der HFC strich die Bezeichnung „Chemie“, der BFC Dynamo wurde zum FC Berlin und Vorwärts Frankfurt hieß ab 1991 zunächst FC Victoria 91 Frankfurt (Oder) und ab 1992 Frankfurter FC Viktoria 91. Im Fall des FCK wurde die neue Namensgebung nicht zuletzt wegen der Rückbenennung der Stadt Karl-Marx-Stadt in Chemnitz notwendig, weshalb sich der Verein dann Chemnitzer FC nannte. Der 1. FC Lok Leipzig ging 1991 im Gesamtverein VfB Leipzig auf. Später nahm der FC Berlin wieder seinen früheren Namen BFC Dynamo an; gleiches gilt für die zwischenzeitlich in 1. FC Dynamo Dresden umbenannte SG Dynamo Dresden. Seit 2003 gibt es durch Neugründung auch wieder einen 1. FC Lokomotive Leipzig. Sieben der elf ehemaligen Fußballleistungszentren – Union, Dresden, Jena, Leipzig, Magdeburg, Rostock und BFC – führen zudem noch beziehungsweise wieder ihre Vereinslogos aus der DDR-Zeit.
Liste der DDR-Fußballclubs
Legende:
- Logo: Zeigt das Logo des Fußballclubs.
- Name: Nennt den Namen des Fußballclubs.
- Gründungstag: Nennt den Gründungstag des Fußballclubs.
- Logo des Sportclubs: Zeigt das Logo des Sportclubs, aus dessen Fußballsektion sich der Fußballclub bildete.
- Sportclub: Nennt den Namen des Sportclubs, aus dessen Fußballsektion sich der Fußballclub bildete.
- Heutiges Vereinslogo: Zeigt das aktuelle Logo des Nachfolgevereins des Fußballclubs.
- Heutiger Name: Nennt den aktuellen Namen des Nachfolgevereins des Fußballclubs.
Literatur
- Frank Willmann (Hrsg.): Fußball-Land DDR. Anstoß, Abpfiff, Aus. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-359-01496-0.
- Michael Horn, Gottfried Weise: Das große Lexikon des DDR-Fußballs. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2004, ISBN 3-89602-536-8, Seite 118.
- Hanns Leske: Enzyklopädie des DDR-Fußballs. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2007, ISBN 978-3-89533-556-3.
- Michael Kummer: Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR. Ein Vergleich ihrer Bedingungen. Potsdam 2010 (Potsdam, Universität, Dissertation, 2011), (PDF; (4,88 MB)).
Einzelnachweise & Fußnoten
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