Fritz Lau (Schriftsteller)
Fritz Lau (* 10. August 1872 in Möltenort bei Kiel; † 5. Juli 1966 in Glückstadt) war ein niederdeutscher Schriftsteller. Er veröffentlichte Gedichte, Erzählungen, Romane und volkstümliche Bühnenstücke überwiegend in plattdeutscher Sprache. Sein Werk war im frühen 20. Jahrhundert vor allem in Schleswig-Holstein regional verbreitet. Aufgrund seiner institutionellen Einbindung in nationalsozialistische Kulturorganisationen wird seine literarische Rolle seit einigen Jahren kritisch diskutiert.
Leben
Fritz Lau wurde 1872 in Möltenort bei Kiel geboren. Sein Vater war Schiffer, seine Mutter eine gute Geschichtenerzählerin. Die Familie war mit Klaus Groth bekannt.<ref>Fritz Lau: Bi uns to Huus. In: Norddeutsche Rundschau vom 12. August 1972; auch in: De besten Geschichten von Fritz Lau. 31 Geschichten aus 11 Bänden seines gesammelten Werkes ausgesucht und herausgegeben von Erich Könnecke. Hamburg: Glogau und Verlag der fehrs-Gilde, 1981.</ref> Nach einer Ausbildung trat er mit 17 Jahren in den Postdienst ein und war mehrere Jahre zunächst als Gehilfe, später als Beamter in verschiedenen deutschen Ortschaften tätig. Im Jahr 1898 ließ er sich in Glückstadt an der Unterelbe nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte. Neben seiner beruflichen Tätigkeit begann er früh mit literarischem Schreiben und veröffentlichte ab der Jahrhundertwende regelmäßig in Zeitungen, Zeitschriften und auch einige Bücher.
Im Jahr 1923 trat Lau in den Ruhestand – mit 51 Jahren früh im Vergleich zu den üblichen Pensionierungsaltersstufen jener Zeit. Einigen Quellen zufolge traf er diese Entscheidung bewusst, um sich fortan ausschließlich der Literatur widmen zu können. Doch fällt seine Pensionierung zeitlich mit einer tiefen politischen Umbruchphase in Deutschland zusammen, sodass sein Wechsel in die freie Schriftstellerei unmittelbar mit der Umstrukturierung der Reichspost und dem dortigen Personalabbau einherging.<ref>Christian Boldt; Reimer Möller: Forschungsbericht zu Fritz Lau, Glückstadt 2025</ref> Nach seiner Pensionierung widmete sich Lau verstärkt und mit gutem Erfolg dem Schreiben. In den folgenden Jahren veröffentlichte er eine große Zahl an Gedichten, Erzählungen, Schwänken und Romanen – überwiegend in plattdeutscher Sprache. Er hatte öffentliche Auftritte als Rezitator und Erzähler im norddeutschen Raum, auch Sendungen im Rundfunk, Beiträge in Tageblättern und verschiedenen Zeitungen.
Politisch stand er in dieser Zeit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe. Die DNVP war in der Weimarer Republik eine nationalkonservative, republikfeindliche Partei, die monarchistische, völkisch-nationale und autoritäre Positionen vertrat und die parlamentarische Demokratie grundsätzlich ablehnte. In den frühen 1930er Jahren unterstützte sie maßgeblich die Machtübertragung an Adolf Hitler und kooperierte zeitweise politisch mit der NSDAP. Ab Juli 1933 engagierte Lau sich als Förderndes Mitglied der SS. Dies bedeutete in der Regel keine aktive Dienstzugehörigkeit, sondern eine formale Zugehörigkeit verbunden mit finanziellen Beiträgen und politischer Loyalitätsbekundung gegenüber der Schutzstaffel als zentralem Machtinstrument des NS-Regimes.
Am 1. Februar 1934 stellte Fritz Lau ein Aufnahmegesuch beim Reichsverband Deutscher Schriftsteller, der als Fachverband der Reichskulturkammer organisiert war. Diese war ab 1933 das zentrale Instrument der nationalsozialistischen Kulturpolitik zur politischen Kontrolle und Gleichschaltung von Künstlerinnen und Künstlern. Eine Mitgliedschaft war faktisch Voraussetzung, um weiterhin offiziell publizieren und beruflich als Schriftsteller tätig sein zu dürfen. Die Aufnahme von Fritz Lau erfolgte nach umfangreichen Selbstauskünften und der politischen wie rassenideologischen Überprüfung. Zudem war Fritz Lau Mitglied im Kampfbund für deutsche Kultur, einer von Alfred Rosenberg gegründeten Organisation, die der ideologischen Kontrolle und Gleichschaltung des Kulturbetriebs diente.<ref>Christian Boldt; Reimer Möller: Forschungsbericht zu Fritz Lau, Glückstadt 2025</ref> Zum 1. Mai 1937 – unmittelbar nach Aufhebung der seit 1933 bestehenden Aufnahmesperre – trat Lau in die NSDAP ein.
Ebenfalls 1937 wurde Lau in den Eutiner Dichterkreis aufgenommen, eine 1936 gegründete Autorengruppe, die sich programmatisch der nationalsozialistischen Kulturpolitik verpflichtet hatte. In diesem Kreis schlossen sich zahlreiche Schriftsteller der Region zusammen.<ref>Lawrence D. Stokes: 17. Fritz Lau (1872–1966). In: Der Eutiner Dichterkreis und die NS-Kulturpolitik. 2004, S. 357</ref> Neben diesen institutionellen Verbindungen mit dem NS-Regime trat Lau bereits vor dem Zweiten Weltkrieg wiederholt öffentlich auf, und seine Publikationen dienten der Vermittlung einer „heimatlich“ gefärbten, ideologisch konformen Literatur im Sinne des NS-Staates. In den Kriegsjahren wirkte er vielfach für NS-Organisationen als Erzähler und Rezitator, engagierte sich für Unterhaltungsabende und Weltanschauliche Feierstunden für die sogenannte Durchhaltepropaganda und verfasste Texte, die das Leitmotiv des Durchhaltens in Krieg und Krisenzeiten aufgriffen.
Nach dem Krieg war Fritz Lau als Pensionär von der Pflicht eines Entnazifizierungsverfahren ausgenommen. Eine rückblickende selbstkritische Reflexion ist nicht bekannt. Er blieb weiterhin literarisch aktiv, wenn auch weniger produktiv als in den 1920er und frühen 1930er Jahren. Plattdeutsche Texte und kleinere Veröffentlichungen erschienen noch in regionalen Zeitschriften oder Anthologien. Auch in der regionalen Literaturszene war er präsent, etwa durch Vorträge oder kleinere Lesungen.
Am 16. Mai 1955 verlieh die Stadt Glückstadt Fritz Lau die Ehrenbürgerwürde. 1962 erschien sein Spätwerks: Wat löppt de Tiet. Utsöcht Vertellen, ein Sammelband ausgewählter Erzählungen aus seiner langen schriftstellerischen Tätigkeit. Fritz Lau starb am 5. Juli 1966 in Glückstadt im Alter von fast 94 Jahren.
Seit einigen Jahren wird regional verstärkt über den Umgang mit Fritz Laus öffentlicher Würdigung diskutiert. Auslöser waren Forschungen zur Einbindung Laus in nationalsozialistische Kulturstrukturen sowie eine breitere gesellschaftliche Debatte über Erinnerungskultur.
Auszeichnungen und Ehrungen
- 1955 Ehrenbürger von Glückstadt
- In Glückstadt ist der „Fritz-Lau-Platz“ nach ihm benannt.
- In Uetersen ist ein „Fritz-Lau-Weg“; in Kiel (1966), Büdelsdorf, Heikendorf, Marne und Schenefeld eine „Fritz-Lau-Straße“ nach ihm benannt.
Werke
Fritz Lau schrieb überwiegend in niederdeutscher Sprache. In seinen Texten schilderte er Alltagsszenen, Landschaften und soziale Milieus Norddeutschlands. Zu seinen frühen Veröffentlichungen zählen Katenlüd (1909), Ebb un Flot (1911) und Brandung (1913), mit denen er regionale Bekanntheit erlangte. Bereits während des Ersten Weltkriegs finden sich in Laus Werk patriotische und nationalistische Motive. Das 1915 erschienene Buch Helden to Hus wird in der Forschung als Beispiel zeittypischer Kriegs- und Durchhalteliteratur eingeordnet, die Kaiserverehrung, nationale Überhöhung und Feindbilder transportiert. In der Zeit des Nationalsozialismus setzte sich diese politische Ausrichtung fort. Das plattdeutsche Gedicht Twee Wörter, veröffentlicht am 30./31. Januar 1943 in der Kieler Zeitung im Rahmen der Sammelveröffentlichung Ruf der Dichter in die Zeit, thematisiert in stark vereinfachender und pathetischer Form Nation und Führerfigur. In der Forschung gilt der Text als Beispiel für ideologisch konforme Literatur des NS-Kulturbetriebs.<ref>Lawrence D. Stokes: 17. Fritz Lau (1872–1966). In: Der Eutiner Dichterkreis und die NS-Kulturpolitik. 2004, S. 360</ref>
- Johann un Trina up Reisen. Schwank in 1 Aufzug. H. Lühr & Dircks, Garding [1910].
- Brandung. Geschichten von de Waterkant. H. Lühr & Dircks, Garding 1913. Inhaltsverzeichnis
- Sein Wunsch. In: Die Heimat. Dezember 1914. 24. Jg. Nr. 12. Hamburg 1914, S. 313. Digitalisat DFG viewer
- Ost un West. H. Lühr & Dircks, Garding 1915.
- Helden to Hus. M. Glogau, Hamburg 1915. Inhaltsverzeichnis
- Sinen ersten Breef. In: Die Heimat. August 1915 25. Jg. Nr. 8, Hamburg 1915. Digitalisat DFG viewer
- Fief Jahr Tuchthus. In: Hauskalender für den Kreis Plön 1915. Kaven, Plön 1915. Digitalisat DFG viewer
- In Luv un Lee. M. Glogau, Hamburg 1916. Inhaltsverzeichnis
- Sünn achter de Wolken. H. Lühr & Dircks, Garding 1918.
- Elsbe. Ein Stück Minschenleben. M. Glogau, Hamburg 1918. Inhaltsverzeichnis
- De Notflagg. In: Sonderabdruck aus der Wochenschrift Zeitspiegel, hrsg. von Johannes John, Flensburg. Nr. 15, vom 22. November 1919. Digitalisat
- Katenlüd. H. Lühr & Dircks, Garding 1920. (M. Glogau, Hamburg 1921)Inhaltsverzeichnis
- Kopp hoch. M. Glogau, Hamburg 1921. Inhaltsverzeichnis
- Drees Dreesen, Een Stück Minschenleben. M. Glogau, Hamburg 1924.
- So is dat Leben! M. Glogau, Hamburg 1926.
- Ünner 'n Tüffel. En vergnögt Spillwark in cen' Törn. . Lühr & Dircks, Garding [1926].
- Ebb un Flot. Glück un Not. M. Glogau, Hamburg 1926. Inhaltsverzeichnis
- Kinneland. Plattdeutsche Erzählungen. Belz, Langensalza 1927.
- Lach mit! M. Glogau, Hamburg 1929.
- Wat mi so öwer'n Weg löp. M. Glogau, Hamburg 1932.
- Von em un ehr! M. Glogau, Hamburg 1932.
- Jungs un Deerns von de Waterkant. Kurze Geschichten. Otto Meißner, Hamburg 1933.
- Wie möt dor henlank. M. Glogau, Hamburg 1934.
- Wat mi so öwer'n Weg löp. M. Glogau, Hamburg 1949.
- Wat löppt de Tiet. Utsöcht Vertellen. Zum 90. Geburtstag von Fritz Lau. Fehrs-Gilde, Hamburg-Wellingsbüttel 1962.
- De besten Geschichten von Fritz Lau. 31 Geschichten aus 11 Bänden seines gesamten Werkes ausgesucht u. hrsg. von Erich Könnecke. Glogau, Hamburg 1981.
Literatur
- Lau, Fritz. In: Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Band 4. 6. Aufl. Leipzig, 1913, S. 195. (Digitalisat DTA).
- Heinrich Karstens: Fritz Lau. (To sin 50. Geburtsdag.). In: Die Heimat. Bd. 32 (1922), Nr. 8, August 1922, S. 141–144 (Digitalisat).
- Geerd Spanker: Vom niederdeutschen Ernst und niederdeutscher Freude. (Zum 70. Geburtstag von Fritz Lau.). In: Die Heimat. 52.1942. Heft 3, Juli – September 1942.
- Lotte Foerste: Fritz Lau. In: Plattdeutsche Erzähler des 19. Jahrhunderts. Wachholtz, Neumünster 1977, S. 221–225.
- Kai Dohnke: Bibliographie Fritz Lau. In: Steinburger Jahrbuch, Jg. 28 (1984), S. 148–159
- Magdalene Iwersen: Fritz Lau – Postbeamter und Heimatdichter. In: Post- und Fernmeldegeschichte zwischen Nord- und Ostsee. Heft 1. Kiel 1987, S. 177–189.
- Susanne Fischer: Fritz Lau: Literarische Produktion und Selbstdeutung. In: Quickborn, 77. Jg. (1987) Nr. 3, S. 183–194.
- Lawrence D. Stokes: 17. Fritz Lau (1872 - 1966). In: Der Eutiner Dichterkreis und die NS-Kulturpolitik. 2004, S. 357–360
- Stefanie Janssen: Auf den Spuren von Fritz Lau. Ed. Seestern, Mönkeberg 2006.
- Fritz Lau – Heimweh na Möltenort. In: Kieler Nachrichten vom 3. Januar 2012
- Lau, Fritz. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Band 7. 2010, S. 254. Digitalisat
Weblinks
- Literatur von und über Fritz Lau im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Christian Boldt; Reimer Möller: Forschungsbericht zu Fritz Lau, Glückstadt 2025. Sitzung der Stadtvertretung am 16. Oktober 2025, Anlage zu Drucksache 2025/100, Stadt Glückstadt 2025, abgerufen am 5. Februar 2026.
- Das Arbeitszimmer des Glückstädter Heimatdichters Fritz Lau
- Fritz Lau in: Die Plattdeutsche Bibliographie und Biographie
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lau, Fritz |
| KURZBESCHREIBUNG | niederdeutscher Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 10. August 1872 |
| GEBURTSORT | Möltenort bei Kiel |
| STERBEDATUM | 5. Juli 1966 |
| STERBEORT | Glückstadt |