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Friedrichsberger Köpfe

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Elfriede Lohse-Wächtler: Selbstporträt 1929, erste Zeichnung der Serie Friedrichsberger Köpfe

Friedrichsberger Köpfe ist eine Werkserie von sechzig Zeichnungen der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940), die sie 1929 während eines zweimonatigen Aufenthalts aufgrund einer psychischen Erkrankung in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in Hamburg schuf. Die Arbeiten gelten sowohl kunsthistorisch wie biographisch als außergewöhnlich, sie dokumentieren die Mitpatienten, das Anstaltsleben und zudem dein Prozess der eigenen Heilung der Künstlerin. Eine tiefergehende Bedeutung haben die Zeichnungen durch die spätere Ermordung Elfriede Lohse-Wächtlers wie auch vieler Insassinnen von Friedrichsberg durch die Euthanasie genannte T4-Aktion der Nationalsozialisten.

Entstehung

Elfriede Lohse-Wächtler war 1925 mit ihrem Mann, dem Maler und Sänger Kurt Lohse (1892–1958), von Dresden nach Hamburg gezogen. 1926 scheiterte die Beziehung, die Künstlerin lebte in schwierigen finanziellen Verhältnissen, fühlte sich zunehmend persönlich isoliert und in ihrer Arbeit blockiert. Im Winter 1928 / 1929 stellten Freunde exzessive Nervosität und weitere Symptome für eine psychische Erkrankung fest, am 4. Februar 1929 wurde sie in die Krankenanstalt Friedrichsberg eingeliefert. Nach anfänglicher Apathie erholte Lohse-Wächtler sich nach wenigen Tagen und begann mit dem Zeichnen. Diese Aktivitäten wurden in der Krankenakte dokumentiert, so besagt der Eintrag vom 17. Februar 1929: „Pat. setzte sich vor den Spiegel u. malte sich selbst. Zeichnete ihre Mitpat. und Winterlandschaft.“<ref>Krankenakte Elfriede Lohse-Wächtler, Universitätskrankenhaus Eppendorf, Bestand der ausgelagerten Akten Friedrichsberg, Krankenakte Nr. 64741/1929; zitiert nach: Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Hrsg.): "... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins". Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940)., S. 11</ref> Die Zeichnungen Selbstbildnis und Winterlandschaft wurden den Unterlagen beigefügt und sind mit der Auslagerung der Aktenbestände in das Archiv des Universitätskrankenhaus Eppendorf gelangt. Am 30. März 1929 erwirkte Kurt Lohse die Entlassung seiner Frau, eine abschließende Diagnose konnte der behandelnde Arzt nicht erstellen, er vermutete eine Schizophrenie oder Transitorische Psychose. In diesen knapp acht Wochen hat Elfriede Lohse-Wächtler sechzig Zeichnungen geschaffen, die in einer Rezeption der Zeitschrift Der Kreis im Mai 1929 erstmals Friedrichsberger Köpfe genannt wurden.<ref name="anna">Anna Banaschewski: Friedrichsberger Köpfe. Zeichnungen von Elfriede Lohse-Wächtler, in: Der Kreis. Zeitschrift für künstlerische Kultur, 6. Jahrgang, Heft 5, Hamburg Mai 1929; vollständig abgedruckt in:Georg Reinhardt (Hrsg.): Im Malstrom des Lebens versunken ... Elfriede Lohse-Wächtler. 1899–1940. Leben und Werk. Köln 1996, S. 275–277.</ref> Nur wenige Werke der Serie sind erhalten geblieben.

Werkserie

In der nachfolgenden Tabelle sind 17 Abbildungen aufgeführt, von denen zwei Montagen mehrerer Zeichnungen sind, die auf Photographien im Nachlass der Künstlerin erhalten blieben. Insgesamt sind entsprechend 29 Werke nachvollziehbar. 21 dieser Bilder gelten als verschollen, von den übrigen acht befinden sich zwei im Bestand der Hamburger Kunsthalle, zwei im Archiv der Universitätsklinik Eppendorf und vier im Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler.

Abbildung Titel Weiterer Titel, Anmerkungen
Datei:1-selbstbildnis in friedrichsberg.jpg
Selbstbildnis In der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Hamburg, 17. Februar 1929;
Bleistift, 37 × 24,5 cm
heute im Universitätskrankenhaus Eppendorf, Bestand der ausgelagerten Akten Friedrichsberg
Datei:2-winterlandschaftap.jpg
Winterlandschaft Anstaltsgarten mit Hauptgebäude Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Hamburg, 17. Februar 1929;
Bleistift, 21 × 29,6 cm
heute im Universitätskrankenhaus Eppendorf, Bestand der ausgelagerten Akten Friedrichsberg
Datei:3-blick in den anstaltsgartenap.jpg
Blick in den Anstaltsgarten Ausblick aus Haus X der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Hamburg;
Pastell, Maße unbekannt
verschollen
Datei:4-skizzen mit figuren und gebäudeap.jpg
Skizzen mit Figurenstudien und Gebäudeansicht Montage von fünf Zeichenblättern, oben rechts Skizze des Hauptgebäudes der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Hamburg
Bleistift, Maße unbekannt
verschollen
Datei:5-eine patientinap.jpg
Eine Patientin Frau mit Landschaft
Pastellkreiden, 38,5 × 29 cm
Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler
Datei:6-sitzende frauap.jpg
Sitzende Frau im blauen Kittel
Pastellkreiden, Maße unbekannt
verschollen
Datei:7-schmerzhaft ruhendeap.jpg
Schmerzhaft-Ruhende
Pastell, 25 × 24 cm
Hamburger Kunsthalle
Datei:8-alte patientinap.jpg
Eine alte Patientin
Pastellkreiden über Bleistift, 27,2 × 20,4 cm
Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler
Datei:9-eine alteap.jpg
Eine Alte
Bleistift, Maße unbekannt
verschollen
Datei:10-patientinap.jpg
Patientin
Pastell, Maße unbekannt
verschollen
Datei:11-ein fallap.jpg
Ein Fall
Pastell, 27,5 × 17,5 cm
Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler
Datei:12-schlafendeap.jpg
Schlafende
Pastell, 28,5 × 36 cm
Hamburger Kunsthalle
Datei:13-liegender frauenkopfap.jpg
Liegender Frauenkopf „Halluzinatorisch vereint das Pastell Eindrücke von Krankkeit, Psychiatrie, Männern, der Stadt Hamburg.“<ref>Maike Bruhns: Kunst in der Krise, Band 1: Hamburger Kunst im Dritten Reich, S. 290</ref>
Bleistift, Maße unbekannt
verschollen
Datei:14-im bett sitzende krankeap.jpg
Im Bett sitzende Kranke und Schwester im Gespräch
Blei- und Farbstift, 29,6 × 20,8 cm; verso: drei Kopfstudien
Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler
Datei:15-vier weibliche halbporträtsap.jpg
Vier weibliche Halbporträts und gefaltete Hände
Blei- und Farbstift, Maße unbekannt
verschollen
Datei:16-studien weiblicher patientenap.jpg
Studien weiblicher Patienten beim Essen
Bleistift, Maße unbekannt
verschollen
Datei:17-neun skizzenap.jpg
Neun Skizzen mit Patienten auf der Station Montage von neun Zeichenblättern,
Bleistift, Maße unbekannt
verschollen

Ein großer Teil der sechzig Zeichnungen waren Porträts und Dreiviertelansichten von Patientinnen, oftmals in stumpfer Pastellkreide ausgeführt. Während in den ersten Bildern, als Beispiel sei genannt Eine Alte, hektische Striche und Linienknäule die Stimmung nachempfinden, weisen die weiteren mit „Knappheit und skulpturaler Geschlossenheit“ auf eine Beruhigung in der Formensprache hin, so zum Beispiel sehr deutlich in Patientin, in deren formaler Kompaktheit vor allem der starre Blick aus dem Bild heraus den Eindruck beherrscht.<ref>Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Hrsg.): "... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins". Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940)., S. 11 und 13</ref>

Die Darstellungen des Anstaltalltags sind schnelle Bleistiftskizzen „genrehafter Krankenhausimpressionen“ mit konturbetonter Strichlage, sie zeigen sinnierende, in Bewegungslosigkeit erstarrte, aber auch gestikulierende und handelnde Kranke. Im Bild Vier weibliche Halbporträts und gefaltete Hände ist die Verwirrung im Umgang miteinander aufgezeigt, die in den Vordergrund gestellten Hände verstärken diese Wirkung. Im Bett sitzende Kranke und Schwester im Gespräch vermittelt den Eindruck eines freundlichen Umgangs in der Psychiatrie. Weitere Zeichnungen hielten den Blick aus dem Fenster auf andere Gebäude des Anstaltkomplexes fest und thematisieren das Eingesperrtsein.

Rezeption

Datei:18-selbstbildnis mit zigaretteap.jpg
Selbstporträt mit Zigarette, Pastell über Bleistift, 1929, nach dem Aufenthalt in Friedrichsberg entstanden

Nach ihrer Entlassung aus Friedrichsberg hatte Elfriede Lohse-Wächtler eine kurzfristig erfolgreiche Phase. Bereits im Mai und Juni 1929 konnte sie einen Teil der Werkserie im Kunstsalon Maria Kunde in Hamburg-St. Georg ausstellen und erhielt dafür eine positive Resonanz in der Presse. So schrieb der Hamburger Anzeiger: „Elfriede Lohse-Wächtler ragt gegenüber dem heutigen Plätscher-Niveau empor - sie ist entschieden eine Entdeckung.“<ref>Hamburger Anzeiger vom 27. Mai 1929; zitiert nach: Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Hrsg.): "... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins". Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940), S. 16</ref> In der Kulturzeitschrift Der Kreis widmete die Kunsthistorikerin Anna Banaschewski der Künstlerin eine vierseitige Monographie mit den Abbildungen der Pastelle Frau im blauen Kittel und Eine Patientin. Darin beschreibt sie die Friedrichsberger Köpfe als „Aufschrei bedrängter Kreatur“, die thematisch nahe dem Sensationellen liegen. „Aber da sie so hervorragend künstlerisch diszipliniert sind, so durchaus echt und organisch gewachsen, so vollkommen beseelt, wird jeder Einwand dieser Art hinfällig.“<ref name="anna" /> Gegen Ende der Ausstellung erwarb die Hamburger Kunsthalle zwei der Zeichnungen – Schmerzhaft-Ruhende und Schlafende. In den Depots wurden sie 1937 bei den Beschlagnahmungen durch die nationalsozialistische Kunstkommission im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ übersehen, so dass sie im Bestand erhalten blieben.

Elfriede Lohse-Wächtler wurde aufgrund erneuter psychischer Probleme 1932 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf bei Dresden eingewiesen. Bis 1935 zeichnete und malte sie auch hier den Alltag und die Patienten des Krankenhauses. Im Mai 1935 entmündigte man sie, im Dezember 1935 unterzog man sie im Rahmen der nationalsozialistischen Eugenik der Zwangssterilisation. Am 31. Juli 1940 wurde sie in der NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.

Die gut hundert zwischen 1932 und 1935 entstandenen Werke gelangten in den von ihrem Bruder verwalteten Nachlass und wurden 1995 neu entdeckt. Im Jahr 2000 gab die Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft einen Katalog zu beiden Werkgruppen heraus und veröffentlichte damit erstmals viele der Zeichnungen. Die Stiftung nannte die Serien Galerie der Todgeweihten und setzte sie in Bezug zur nationalsozialistischen Euthanasie, da „sie die Scheidelinie zwischen Begleitung, Betreuung und Pflege der Patientinnen und dem [...] Krankenmord unmittelbar bewusst“ machen.<ref>Norbert Haase, Vorwort zur Publikation "... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins". Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940), S. 16</ref>

Literatur

  • Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Hamburg: Dölling und Galitz Verlag 2001. Bd. 1: Hamburger Kunst im Dritten Reich. S. 225 und 291; Bd. 2: Künstlerlexikon. S. 267 ff.
  • Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Hrsg.): „... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins“. Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940). Mit einem Beitrag von Hildegard Reinhardt und einem Vorwort von Norbert Haase. Dresden: Verlag der Kunst 2000, ISBN 90-5705-152-4
  • Georg Reinhardt (Hrsg.): Im Malstrom des Lebens versunken ... Elfriede Lohse-Wächtler. 1899–1940. Leben und Werk. Mit Beiträgen von Georg Reinhardt, Boris Böhm, Hildegard Reinhardt und Maike Bruhns. Köln: Wienand 1996. Monographie, ISBN 3-87909-471-3

Einzelnachweise

<references />