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Franz Joseph von Bülow

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Franz Joseph von Bülow

Franz Vollrath Carl Wilhelm Joseph von Bülow (* 11. September 1861 in Frankfurt am Main; † 18. Oktober 1915 in Dresden) war ein deutscher Autor, Oberleutnant, Kolonialbeamter und homosexueller Aktivist.

Leben

Sein Vater war der mecklenburgisch-schwerinische Kammerherr und Gesandte beim Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt am Main Bernhard Friedrich Ferdinand Carl von Bülow; seine Mutter Paula, geborene von Linden. Seine Schulzeit verbrachte Bülow an den Gymnasien in Schwerin und Waren. Danach absolvierte er die Kadettenanstalten Plön und Groß Lichterfelde. Zwischen 1880 und 1888 reiste er mehrmals nach Italien, wo seine Mutter zu der Zeit lebte.<ref name=":0">Raimund Wolfert: Bülow, Franz Joseph von. In: Frankfurter Personenlexikon. 23. Januar 2021, abgerufen am 5. Juni 2024.</ref>

Bis 1890 war Bülow bis zum Oberleutnant aufgestiegen. Im selben Jahr verließ er das Militär. 1891 ging er in das deutsche Kolonialgebiet Deutsch-Südwestafrika und arbeitete dort in der Kolonialverwaltung. Für einige Zeit war er Stationschef in Swakopmund. Im Jahr 1893 wurde er bei der Schutztruppe eingestellt, kam jedoch bei Kampfhandlungen gegen Hendrik Witbooi nicht zum Einsatz. Bülow reiste durch die deutsche Kolonie und kaufte ethnographische Gegenstände, die er dem Stuttgarter Museum für Länder- und Völkerkunde stiftete. Durch eine Schussverletzung bei einem Jagdunfall erblindete Bülow 1893 und kehrte deshalb nach Deutschland zurück.<ref name=":0" /><ref>Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon. Band 1. Quelle & Meyer, Leipzig 1920, S. 253.</ref><ref>Franz Josef von Bülow: Deutsch-Südwestafrika. Drei Jahre im Lande Hendrik Witboois. 1. Auflage. Mittler, Berlin 1896, S. 282–292 (uni-frankfurt.de).</ref><ref>Die Verstärkung der südwestafrikanischen Schutztruppe. In: Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amts (Hrsg.): Deutsches Kolonialblatt. Nr. 7. Mittler, Berlin 1. April 1893, S. 179 (google.de).</ref>

In den folgenden Jahren schrieb er mehrere Bücher über seine Eindrücke in Deutsch-Südwestafrika, über Cecil Rhodes Politik sowie den Aufstand der Herero und Nama. Davon ist sein Erstlingswerk Drei Jahre im Lande Hendrik Witboois, Schilderungen von Land und Leuten aus dem Jahr 1896 das bekannteste. Eine zweite Auflage des Buches wurde bereits 1897 gedruckt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er auch für den Berliner Ableger der britischen South West Africa Company.<ref name=":0" />

Bülow gehörte 1897 gemeinsam mit Magnus Hirschfeld, Eduard Oberg und Max Spohr zu den Mitgründern des Wissenschaftlich-humanitären Komitees in Berlin. Bülow unterstützte Hirschfelds Bemühungen zur Legalisierung homosexueller Handlungen. Am 16. April 1898 heiratete er die Gutsherrin Constanze Amalie Wilhelmine Auguste von Goldacker (Haus Mahlsdorf), gesch. Gräfin von Beust (* 30. Januar 1847; † 5. August 1904 in Berlin). Die Ehe blieb kinderlos und wurde bereits am 26. Mai 1899 wieder geschieden.<ref name=":0" />

Um 1900 zog Bülow nach Venedig, da dort Homosexualität im Unterschied zum Deutschen Reich legal war. Er wohnte im Palazzo Tiepolo bei San Polo am Canal Grande. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges verließ Bülow Venedig und kehrte nach Deutschland zurück, wo er am 18. Oktober 1915 im Alter von 54 Jahren an einer Krankheit in Dresden verstarb.<ref name=":0" />

Rezeption

Der Soziologe George Steinmetz beschreibt Bülows ethnographischen Schriften über Südwestafrika als genozidal. Er zählt seine Bücher gemeinsam mit den Schriften von Kurd Schwabe zu den wichtigsten zeitgenössischen Zeugnissen der Beziehungen zwischen der deutschen Kolonialmacht und den Herero in den 1890er Jahren.<ref name=":1">George Steinmetz: The devil's handwriting: precoloniality and the German colonial state in Qingdao, Samoa, and Southwest Africa (= Chicago studies in practices of meaning). University of Chicago Press, Chicago 2007, ISBN 978-0-226-77241-7, S. 155.</ref> Historiker ziehen von Bülows detailgetreuen Erzählungen über das brutale Vorgehen der Schutztruppe in Südwestafrika als Quellen für die Vorgeschichte zum Völkermord an den Herero und Nama heran.<ref>Adam A. Blackler: From Boondoggle to Settlement Colony: Hendrik Witbooi and the Evolution of Germany's Imperial Project in Southwest Africa, 1884–1894. In: Central European History. Band 50, Nr. 4, Dezember 2017, ISSN 0008-9389, S. 449–470, doi:10.1017/S0008938917000887 (cambridge.org [abgerufen am 5. Juni 2024]).</ref><ref name=":1" />

Werke (Auswahl)

  • Drei Jahre im Lande Hendrik Witboois, Schilderungen von Land und Leuten. Berlin, Mittler 1896.
  • Im Felde gegen die Hereros. Erlebnisse eines Mitkämpfers. Bremen, v. Halem 1905.

Weblinks

Literatur

  • Werner Tabel: Erlebnisschilderungen von Soldaten und Siedlern aus der Kolonial- und Mandatszeit Südwestafrikas. In: Afrikanischer Heimatkalender 1976. S. 85–120.
  • Bernd-Ulrich Hergemöller: Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Hamburg, MännerschwarmSkript Verlag, 1998. S. 161–162.
  • Jens Kruse: Reiseberichte aus den deutschen Kolonien: Das Bild vom „Eingeborenen“ in Reiseberichten der deutschen Kolonialzeit 1884–1918. GRIN-Verlag, 2007. ISBN 978-3-638-70704-6.

Einzelnachweise

<references /> Vorlage:Hinweisbaustein