Flavia Domitilla (Tochter der jüngeren Domitilla)
Flavia Domitilla († Ende 1. / Anfang 2. Jahrhundert auf Pandateria oder auf Pontia) war eine Angehörige aus dem altrömischen Geschlecht der Flavier. Sie wird in der römisch-katholischen und in der griechisch-orthodoxen Kirchen als Märtyrerin und Heilige verehrt.
Die nach ihr benannten Katakomben wurden auf ihrem Grundstück an der Via Ardeatina angelegt. Sie zählen zu den größten in Rom und gehören aufgrund der dort erhaltenen Malereien zu den bedeutendsten.<ref name="tre">Domitilla, Flavia, Istituto della Enciclopedia Italiana fondata da Giovanni Treccani, abgerufen am 23. März 2026. Note: Flavia Domitilla ist der Name von Vespasians Frau, Tochter und Enkelin. Die erste heiratete den späteren Kaiser 36/37 und gebar ihm Titus, Domitian und Domitilla; sie starb vor der Thronbesteigung ihres Mannes. Die letzte, die bekannteste, heiratete Flavius Clemens, mit dem sie der Asebie beschuldigt wurde und nach Ventotene verbannt. Neuere Studien vermuten, basierend auf einer anderen Quelleninterpretation, die Existenz einer vierten Flavia Domitilla, Enkelin des Flavius Clemens, die nach Ponza verbannt wurde.</ref>
Leben
Flavia Domitilla war die Tochter des römischen Feldherrn und Senators Quintus Petellius Cerialis Caesius Rufus und seiner Frau Domitilla der Jüngeren. Damit war sie Enkelin des Kaisers Titus Flavius Vespasian (reg. 69–79) und Nichte der Kaiser Titus (reg. 79–81) und Titus Flavius Domitianus (reg. 81–96). Sie wurde die Frau des Konsuls Titus Flavius Clemens, des Großneffen von Kaiser Vespasian, das Ehepaar hatte mindestens sieben Kinder.<ref>CIL VI, 8942.</ref> Kaiser Domitian bestimmte zwei ihrer Söhne in deren frühester Jugend zur Nachfolge, ließ sie umbenennen<ref>Sueton, Domitian 15,1.</ref> in Vespasianus und Domitianus und gab ihnen den berühmten Rhetor Quintilianus als Lehrer am Kaiserhof.<ref>Quintilian, Ausbildung des Redners 4, Vorrede 2,3.</ref> Titus Flavius Clemens’ Elternhaus beim heutigen Quirinalspalast wurde auf Anordnung Domitians zum Tempel des flavischen Geschlechts umgestaltet.
Ihr Mann wurde auf Betreiben Domitians im Jahre 95 hingerichtet, allerdings wohl nicht, weil er Christ gewesen wäre. Flavia Domitilla wurde verbannt. Möglich ist, dass sie den Kaiser Domitian überlebt hat und daher nach dem Jahre 96 nach Rom zurückkehren konnte. Ihr Grabmal befand sich an der Via Appia.<ref>CIL VI, 10098.</ref> Cassius Dio, der die Ereignisse mit einem Abstand von über 100 Jahren beschreibt, ist der erste, der erklärt, Flavius Clemens und Flavia Domitilla sei der Vorwurf der Gottlosigkeit gemacht worden,<ref>Cassius Dio, Römische Geschichte 67, 14, 1f.</ref> was man aus römischer Sicht häufig den Christen vorwarf (aber auch den Juden). Sueton dagegen, dessen Kaiserbiographien in den 120er Jahren geschrieben wurden, berichtet lediglich, Flavius Clemens sei „wegen eines höchst geringen Verdachtes“ hingerichtet worden, was darauf hindeutet, dass Domitian hier einen Vorwand gewählt hat, um sich eines Thronrivalen zu entledigen. Die Witwe des Konsuls, Flavia Domitilla, sei, so Cassius Dio, auf die Insel Pandateria (das heutige Ventotene) im Tyrrhenischen Meer verbannt worden.
Eusebius von Caesarea berichtet, eine Nichte des Flavius Clemens namens Flavia Domitilla sei wegen ihres Christentums auf die Insel Pontia (heute Ponza) verbannt worden;<ref>Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte 3, 18.</ref> bezüglich der Insel liegt wohl eine Verwechslung mit Pandataria vor – beide Inseln gehören zu den Pontinischen Inseln. Dem Wortlaut der Beschreibung des Eusebius nach wären zwei gleichnamige Verwandte des Konsuls anzunehmen, die beide auf die Pontinischen Inseln verbannt worden wären. Tatsächlich liegt aber wohl ein redaktioneller Fehler des Eusebius vor, sodass es sich in Wahrheit nur um eine Frau handelt, die Ehefrau des Konsuls.
Der im 4. Jahrhundert lebende Hieronymus berichtet, diese Flavia Domitilla (er verzichtet auf jede genaue Verwandtschaftsangabe) habe auf Pandataria ein langes Martyrium durchlitten. Dieser Domitilla werden die Domitilla-Katakomben südlich von Rom zugeordnet.
Die Legende, wonach Flavia Domitilla unter Kaiser Trajan vor den Richter Minutius Rufus bestellt, dann gefoltert und schließlich enthauptet worden sei, ist nicht weiter belegt und späteren Datums.
Flavisches Hypogäum
Das flavische Hypogäum, das aus dem Ende des zweiten Jahrhunderts stammt und den ältesten Kern der Domitilla-Katakomben bildet, besteht aus einer großen Galerie mit vier Nischen, in denen die Sarkophage der wichtigsten Familienmitglieder aufbewahrt werden.<ref>Catacombs of Domitilla, Turismo Roma, abgerufen am 23. März 2026</ref>
Verehrung
Gedenktag der Flavia Domitilla ist der 7. Mai. Die Verehrung als Heilige stützt sich auf die Interpretation, dass der Vorwurf der Asebie, den Domitian gegen sie und ihren Gatten erhob, gleichbedeutend mit der Annahme des christlichen Glaubens gewesen sei.
Wie bei ihrem Mann ist auch bei Flavia Domitilla stark umstritten, ob aus den antiken Quellen schlussgefolgert werden kann, sie wäre Christin gewesen.<ref>Alexander Weiß: Soziale Elite und Christentum. Studien zu ordo-Angehörigen unter den frühen Christen. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2015. ISBN 978-3-11-037380-6, S. 160–166.</ref> Die Wissenschaft steht einer Verfolgung der Christen während der Herrschaft Domitians zunehmend skeptisch gegenüber. Das Hadrianreskript änderte kaum etwas an Trajans Politik gegenüber den Christen. Die Texte liefern keine Belege für ein allgemeines Gesetz gegen Christen, ein solches Gesetz gab es wahrscheinlich bis zur Zeit des Kaisers Decius (reg. 249–251) nicht, aber sie geben einige Hinweise darauf, wie Magistrate Christsein charakterisierten (konstruierten): Für Nero und seine Präfekten waren die Christen Brandstifter, die einen intensiven Hass auf die Menschheit hegten; für Plinius und Trajan waren sie Menschen, die „unsere Götter“ nicht anriefen (Treue zum Gewohnheits- und Sakralrechtswesen im antiken Rom).<ref>John Granger Cook: Roman Attitudes Toward the Christians: From Claudius to Hadrian. Band 261 von Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Verlag Mohr Siebeck, 2011. ISBN 978-3-16150954-4, S. 128–129</ref>
Die Gebeine der Flavia Domitilla will Kardinal Cesare Baronio (1538–1607) aufgefunden haben; ihre Reliquien werden in der Kirche Santi Nereo e Achilleo an der Seite der Reliquien der hll. Nereus und Achilleus aufbewahrt, die Kammer-Eunuchen der Flavia Domitilla gewesen sein sollen.
Auch Limoges und Ellwangen bewahren Reliquien, die Flavia Domitilla zugeschrieben werden.
Peter Paul Rubens malte die hl. Domitilla, oft zusammen mit Gregor dem Großen, der traditionell als Gründer von Santa Maria in Vallicella gilt.
Literatur
- Friedrich Wilhelm Bautz: Domitilla, Flavia. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage. Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1, Sp. 1359–1360.
- Patrick Healy: Flavia Domitilla. In: Catholic Encyclopedia, Band 6, Robert Appleton Company, New York 1909.
- Johann Peter Kirsch: Sts. Nereus and Achilleus, Domitilla and Pancratius. In: Catholic Encyclopedia, Band 10, Robert Appleton Company, New York 1911.
- Prosopographia Imperii Romani (PIR)² F 418.
- Marie-Thérèse Raepsaet-Charlier: Prosopographie des femmes de l’ordre senatorial (Ier–IIe siècles). Peeters, Löwen 1987, S. 322–323 Nr. 369.
- Arthur Stein: Flavius 227. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VI,2, Stuttgart 1909, Sp. 2732–2735.
- Meret Strothmann: Flavia Domitilla 3. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 4, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01474-6, Sp. 542 (Digitalisat).
- Alexander Weiß: Soziale Elite und Christentum. Studien zu ordo-Angehörigen unter den frühen Christen (= Millennium-Studien. Band 52). Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-037380-6, S. 160–166.
- Flavia Domitilla. In: Isidore Singer (Hrsg.): Jewish Encyclopedia. Funk and Wagnalls, New York 1901–1906.
Anmerkungen
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Flavia Domitilla |
| ALTERNATIVNAMEN | Domitilla, Flavia |
| KURZBESCHREIBUNG | Flavierin, Heilige |
| GEBURTSDATUM | 1. Jahrhundert |
| STERBEDATUM | um 100 |
| STERBEORT | Ventotene oder Ponza (Insel) |