Fettlücke
Der Begriff Fettlücke bezeichnete den Rohstoffmangel des Deutschen Reiches an Fetten und Ölen. Sie zählte neben der „Eiweißlücke“ und der „Faserlücke“ zu den drei großen Erzeugungslücken.<ref>Wilhelm Ziegelmayer: Rohstoff-Fragen der Deutschen Volksernährung. Eine Darstellung der ernährungswirtschaftlichen Aufgaben unserer Zeit, Dresden/Leipzig 1936, S. 19 f.</ref> Besonders der NS-Staat wollte die herrschende Abhängigkeit vom Import technischer Fette und Nahrungsfette beenden (Autarkie), da sich die Unterversorgung mit Futtermitteln auch negativ auf die Tierhaltung auswirkte. Die drei Wege zur Schließung der Lücken waren die Ertragssteigerung, Verbrauchslenkung und mit der Kriegswende 1941/42 chemische Syntheseverfahren.<ref>Reinhold Reith: „Hurra die Butter ist alle!“ – „Fettlücke“ und „Eiweißlücke“ im Dritten Reich, in: Michael Pammer, Herta Neiß, Michael John (Hrsg.): Erfahrung der Moderne. Festschrift für Roman Sandgruber zum 60. Geburtstag, Stuttgart 2007, S. 403–426, hier S. 404.</ref> Konkrete Maßnahmen hierfür waren ab 1935 die Erzeugungsschlacht, ab 1936 der (Zweite) Vierjahresplan, die vor Kriegsausbruch am 27. August 1939 eingeführten Lebensmittelmarken und nicht zuletzt ab 1941 das Unternehmen Barbarossa, der Angriffskrieg auf die Sowjetunion.<ref>Ernst Langthaler: Agrar-Europa unter nationalsozialistischen Vorzeichen (1933–1945), in: Themenportal Europäische Geschichte. 2011 (clio-online.de).</ref> Die Erzeugungsschlacht konnte den Selbstversorgungsgrad an tierischen und pflanzlichen Fetten aber nur geringfügig steigern (etwa zwischen 1933/34 bis 1938/39 von 53 % auf 57 %).<ref>Gustavo Corni, Horst Gies: Brot–Butter–Kanonen: die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Akademie Verlag, Berlin 1997, S. 309–318.</ref>
1933 bis 1939
Während in den ersten Jahren des Dritten Reiches die übrige Lebensmittelversorgung der Bevölkerung weitgehend aus eigener Landwirtschaft gedeckt werden konnte,<ref>Zahlen bei Margarete Muths: Die deutsche Fettlücke und die Möglichkeit ihrer Schließung..., (Diss.) Bottrop 1938, S. 10 f.</ref> waren die Eiweiß- und die Fettversorgung in erheblichem Maße von Importen abhängig: Aus eigener Erzeugung wurde 1936 nur 68,8 % des Pro-Kopf-Fettverbrauchs für die Ernährung erwirtschaftet.<ref>Reinhold Reith: „Hurra, die Butter ist alle!“ – „Fettlücke“ und „Eiweißlücke“ im Dritten Reich, in: Michael Pammer, Herta Neiß, Michael John (Hrsg.): Erfahrung der Moderne. Festschrift für Roman Sandgruber zum 60. Geburtstag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09020-9, S. 412, Tab. 1.</ref> Nach Einschätzung zeitgenössischer Experten gab es 1936 bei der Fettversorgung eine durch Importe zu deckende „Erzeugungslücke“ von 1 Million Tonnen Fett.<ref>Reinhold Reith: „Hurra, die Butter ist alle!“, S. 404.</ref> Für 1937 mussten 90 % des industriellen Fettbedarfs aus Importen gedeckt werden.<ref>Bernd Kaiser: Die Implikationen wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen für die Rohstoffbeschaffung... Diss. Erlangen 2009, S. 75 (PDF; 4,94 MB).</ref> Noch 1939 konnte nur 57 % des Gesamt-Fettbedarfs für Industrie und Ernährung aus eigener Produktion bestritten werden.<ref>Bernd Kaiser: Die Implikationen wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen für die Rohstoffbeschaffung... Diss. Erlangen 2009, S. 99 (PDF; 5,2 MB).</ref>
Eine im April 1933 eingerichtete Reichsstelle für Öle und Fette<ref>VO über die Errichtung einer Reichsstelle für Öle und Fette vom 4. April 1933 (RGBl. I, S. 166) / (ab Januar 1934 umbenannt in „Reichsstelle für Milcherzeugnisse, Öle und Fette“)</ref> bündelte die staatliche Regulierung des Inlandsmarktes durch Festsetzung von Preisen und Preisspannen sowie Kontingentierung von Importen und Produktion. Hinzu kam eine „Verbrauchslenkung“ durch Propaganda und Preisgestaltung: Der Verzehr von Brot, Kartoffeln und Zucker sollte gefördert werden, als Brotaufstrich wurde Marmelade empfohlen und subventioniert,<ref>Reinhold Reith: „Hurra, die Butter ist alle!“, S. 409.</ref> der Eintopfsonntag sollte Fleisch und Fett einsparen.
Die Margarine-Industrie war überwiegend auf Rohstoffimporte angewiesen. Bereits im April 1933 wurde eine „Fettsteuer“ erhoben,<ref>VO über die Erhebung einer Ausgleichsabgabe für Fette vom 13. April 1933 (RGBl. I, S. 206)</ref> durch die sich der Margarinepreis fast verdoppelte. Durch Verordnungen wurde die Produktion auf 60 % gedrosselt,<ref>2. VO über die gewerbsmäßige Herstellung von Erzeugnissen der Margarinefabriken... vom 21. Juni 1933 (RGBl. I, S. 376)</ref> wenig später aber die Herstellung einer preisgünstigen „Haushaltmargarine“ gesichert, die gegen Bezugsschein von Wohlfahrtsempfängern und Arbeitslosen gekauft werden durfte.<ref>3. VO über die gewerbsmäßige Herstellung von Erzeugnissen der Margarinefabriken... vom 23. September 1933 (RGBl. I, S. 662)</ref>
Im November 1934 rief Landwirtschaftsminister Walther Darré zur Erzeugungsschlacht auf. Trotz großer Bemühungen blieb die Wachstumsrate der landwirtschaftlichen Wertschöpfung bis 1939 gering.<ref>Stephanie Degler, Jochen Streb: Die verlorene Erzeugungsschlacht. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2008, Heft 1, S. 177.</ref> Die neue deutsche Walfangflotte konnte den Importbedarf an Fetten nicht decken<ref>Reinhold Reith: „Hurra, die Butter ist alle!“, S. 411.</ref> und kam mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum Erliegen.
Im Rahmen des Vierjahresplanes waren Herbert Backe als Leiter der „Geschäftsgruppe Ernährung“ und Wilhelm Keppler für die „Geschäftsgruppe industrielle Fette“ tätig.<ref>Bernd Kaiser: Die Implikationen wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen für die Rohstoffbeschaffung... Diss. Erlangen 2009, S. 95/96 (PDF; 5,2 MB).</ref> Zur Schließung der „Fettlücke“ sollten die Anbaufläche für Ölpflanzen (Raps, Lein) vergrößert, Milchwirtschaft und Schweinemast gefördert und der Fettverbrauch gesenkt werden. Zudem wurden insbesondere für industrielle Zwecke die Fettrückgewinnung und synthetische Produktion angestrebt. Tatsächlich gelang es trotz zahlreicher Regulierungsmaßnahmen nicht, die Selbstversorgung mit Fett erheblich zu steigern und die „Fettlücke“ zu schließen.<ref>Bernd Kaiser: Die Implikationen wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen für die Rohstoffbeschaffung... Diss. Erlangen 2009, S. 99 (PDF; 5,2 MB).</ref>
Die Buttereinfuhr halbierte sich zwischen 1929 und 1936 von 136.000 auf annähernd 75.000 Tonnen.<ref>Otto Josef Kraus: Theorie der zwischenstaatlichen Wirtschaftsbeziehungen, Duncker & Humblot, Berlin 1956, S. 154.</ref> Das lag wohl an der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgen für das Weltwirtschaftssystem.
Ein Ablieferungszwang für Milch, gekoppelt mit dem Verbot, für den Eigenbedarf zu buttern, konnte die Versorgung nicht sicherstellen. Der „Deutschland-Bericht“ der SoPaDe berichtete 1935, in Berlin stünden lange Warteschlangen vor den Buttergeschäften.<ref>Klaus Behnken (Hrsg.): Deutschland-Berichte der Sopade, Salzhausen 1980, Bd. 2, S. 960.</ref> Joseph Goebbels („Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“) notierte in seinem Tagebuch: {{
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}}<ref>Die Tagebücher von Joseph Goebbels hrsg. von Elke Fröhlich, Teil I 3/1, München 2005, ISBN 3-598-23744-8, S. 323/324 (5. November 1935).</ref> Im November 1935 wurden Kundenlisten eingeführt, um „Hamsterkäufe“ für Butter zu erschweren; zugleich wurden Devisen für Importe freigegeben.
Offensiv plädierte Goebbels Anfang 1936 an den Opfersinn der Bevölkerung, Verzicht zu leisten zugunsten der Aufrüstung: {{
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}}<ref>Rede von Goebbels im Januar 1936 – zitiert nach Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, Wien 2008, ISBN 978-3-205-77713-7, S. 306.</ref> Rudolf Heß benutzte das Schlagwort „Kanonen statt Butter“ in einer Rede am 11. Oktober 1936 und rief dazu auf, Versorgungsengpässe hinzunehmen und sich kriegsmäßig einzuschränken.<ref>abgedruckt in: Wolfgang Michalka: Das Dritte Reich – Dokumente zur Innen- und Außenpolitik, Bd. 1, München 1985, ISBN 3-423-02925-0, S. 191 f / ebenso in: Norbert Frei: Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945, München 2013, ISBN 978-3-406-64449-8, S. 226–230.</ref> Hermann Göring wiederum, dem dieses Motto „Kanonen statt Butter“ fälschlicherweise zugeschrieben wird,<ref>Richard J. Overy: Hermann Göring. Machtgier und Eitelkeit. Wilhelm Heyne: München 1986 (EA London 1984), S. 12. Tatsächlich stammte es vom „Stellvertreter des Führers“ Rudolf Hess, vgl. E. Kordt: Wahn und Wirklichkeit, Stuttgart 1948, S. 44.</ref> hielt eine „freiwillige“ Reduzierung des Fettverbrauchs um 25 Prozent für erforderlich.<ref>Reinhold Reith: „Hurra, die Butter ist alle!“, S. 408.</ref>
1939 bis 1945
Die „Einheitskarte“, die seit dem 27. August 1939 die Nahrungsmittel rationierte, wurde bald ausdifferenziert: Seit Ende 1939 gab es Fettkarten und die Kategorien des Schwer- und Schwerstarbeiters, eine Nacht- und Langarbeiterkarte sowie Lebensmittelkarten für Kinder und Jugendliche. 1940 kam es zu ersten Kürzungen in der Lebensmittelzuteilung.<ref>Michael Wildt: Der Traum vom Sattwerden, Hamburg 1986, ISBN 3-87975-379-2, S. 17.</ref> Bis Ende 1941 konnten jedoch größere Einschränkungen vermieden werden.<ref>Reinhold Reith: „Hurra, die Butter ist alle!“, S. 416.</ref> In einer Aktennotiz vom 2. Mai 1941 heißt es jedoch:
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Für die Fettversorgung der deutschen Zivilbevölkerung war die Requirierung von 400.000 Tonnen Öl und 1 Million Tonnen Ölkuchen geplant.<ref>Richtlinien des „Wirtschaftsstabes Ost“ vom 23. Mai 1941 = Dokument 126-EC in IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher..., ISBN 3-7735-2526-5, Bd. 36, S. 150; Gerhard Ueberschär, Wolfram Wette: Der Deutsche Überfall... S. 325.</ref> In den beiden Wirtschaftsjahren 1941/42 und 1942/43 holten die Besatzer mehr als 632.000 Tonnen Ölsaaten, Streichfette und Speiseöle aus den eroberten Teilen der Sowjetunion nach Deutschland.<ref>Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Frankfurt/M. 2005, ISBN 3-10-000420-5, S. 203.</ref>
Einhergehend mit der militärischen Lage an der Ostfront (Niederlagen vor Moskau und Stalingrad) kam es 1942 zu drastischen Einschnitten in der Lebensmittelversorgung; die knappe Fettration für „Normalverbraucher“ reduzierte sich von 1053 g auf 825 g pro Monat.<ref>Michael Wildt: Der Traum vom Sattwerden, Hamburg 1986, ISBN 3-87975-379-2, S. 17.</ref> Dies führte nach Angaben der Gestapo {{
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Nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Fettlücke selbst war kein dezidiert nationalsozialistisches Problem: Sie wurde bereits während der Hungerkatastrophen im Ersten Weltkrieg sichtbar (Steckrübenwinter) und zog sich bis in die 1950er Jahre hinein. In Westdeutschland wurden 1950 die Lebensmittelkarten abgeschafft, in der DDR erst im Mai 1958. Durch die rigorosen Maßnahmen des NS-Regimes erhielt das Problem aber besondere Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit der Geschichte des Dritten Reiches.
Siehe auch
- Agrarwirtschaft und Agrarpolitik im Deutschen Reich (1933–1945)
- Eiweißlücke unter Sojabohne
- Milcherzeugungsschlacht
- Paraffinoxidation („Butter aus Kohle“)
- Hungerplan zum zitierten Dokument
Literatur
- Ulrich Kluge: Kriegs- und Mangelernährung im Nationalsozialismus, in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 15 (1985), Heft 2, S. 67–73.
- Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Hans-Erich Volkmann, Wolfram Wette: Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges, Frankfurt a. M. 1989, v. a. S. 412–417.
- Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Fischer, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-24437-4.
- Gustavo Corni, Horst Gies: Brot–Butter–Kanonen: die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Akademie Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-05-002933-1.
- Arnulf Huegel: Kriegsernährungswirtschaft Deutschlands während des Ersten und Zweiten Weltkrieges im Vergleich, Konstanz 2003.
- Reinhold Reith: „Hurra die Butter ist alle!“ – „Fettlücke“ und „Eiweißlücke“ im Dritten Reich, in: Michael Pammer, Herta Neiß, Michael John (Hrsg.): Erfahrung der Moderne. Festschrift für Roman Sandgruber zum 60. Geburtstag. Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09020-9, S. 403–426.
- Tim Schanetzky: Kanonen statt Butter – Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich. C.H. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-67515-7.
Weblinks
- Antifaschistisches Bild: „Hurra, die Butter ist alle!“ (19. Dezember 1935) (Artikel über eine Fotomontage von John Heartfield).
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Einzelnachweise
<references />
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:"
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Zitat
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Linktext
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Datum
- Wikipedia:Weblink offline fix-attempted
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link/URL fehlt
- Nationalsozialistische Agrarpolitik
- Wirtschaft (deutsche Nachkriegszeit)
- Rohstoffmarkt
- Ernährungspolitik (Deutschland)
- Essen und Trinken (Nationalsozialismus)