Ernst Speer
Ernst Berthold Christian Speer (* 20. Juni 1889 in München; † 28. März 1964 in Lindau (Bodensee)) war ein deutscher Psychiater. Speer ist einer der Begründer der Psychotherapie und war designierter Inhaber des ersten Psychotherapie-Lehrstuhls in Deutschland.<ref name="Geyer" />
Familie
Ernst Speer wurde am 20. Juni 1889 als Sohn von Ernst Albert Speer und Louise Therese Speer, geborene Fischer, geboren. Er hatte zwei ältere Schwestern, Lisl und Martha, und einen jüngeren Bruder, Franz, der im Ersten Weltkrieg fiel. Speers Großvater Berthold Ernst Albert Speer, geboren in Oberschlesien, war mit etwa 25 Jahren als Baumeister und Bauunternehmer nach Dortmund gekommen und besaß dort die Victoria Brauerei AG.<ref name="Steinat" /> Der Architekt und Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer war sein Cousin.<ref name="Steinat" />
Ernst Speer heiratete Clara Helene Stolze, Urenkelin des Christoph von Pfister, letzten Präses der Lindauer Patriziergesellschaft Zum Sünfzen.<ref name="Ewige Quelle" /> Clara Speer-Stolze war Verfasserin eines Buches über die Lindauer Lebensgeschichte ihrer Mutter Anna von Pfister.<ref name="Stolze" /> Sie hatten drei adoptierte Kinder, wovon zwei von Ernst Speer außerehelich gezeugt worden waren und vom Ehepaar nach der Geburt adoptiert wurden.<ref name="Steinat" /> Die Tochter Eva Speer heiratete den I.G.-Farben-Chemiker Alfred Haag.<ref name="Ewige Quelle" />
Leben
Speer besuchte die Volksschule in München-Schwabing, verbrachte vier Jahre an der Lateinschule in Lindau und besuchte das humanistische Maximiliansgymnasium in München. Dort machte Speer 1908 sein Abitur.<ref name="Steinat" /> Er studierte von 1908 bis 1913 Medizin an den Universitäten Würzburg und Freiburg.<ref name="Steinat" /> Seit 1908 gehörte er der Burschenschaft Arminia Würzburg an.<ref>Vorort Cassel der Vereinigung Alter Burschenschafter (Hrsg.): Verzeichnis der Alten Burschenschafter 1925/26, Verlag der Burschenschaftlichen Blätter, Frankfurt am Main 1926, S. 438.</ref> Die Studienzeit wurde vom Dienst an der Waffe unterbrochen, den Speer vom 1. April 1909 bis zum 30. September 1909 als Einjährig-Freiwilliger ableistete.<ref name="Steinat" /> Speer wollte zunächst Chirurg werden. Im Ersten Weltkrieg war er zunächst als Sanitätsoffizier in Frankreich und Polen eingesetzt und wurde mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse ausgezeichnet. Danach wurde er zum Asien-Korps Pascha II versetzt und in der Türkei, im Libanon und in Palästina eingesetzt. Für seinen Einsatz im Asienkorps Pascha II bekam Speer eine türkische Kriegsauszeichnung, den Eisernen Halbmond.<ref name="Steinat" />
Speer begann im Januar 1919 seine Tätigkeit als chirurgischer Privatassistent bei Erich Lexer in Jena. Danach wurde er unter anderem durch Johannes Heinrich Schultz in die Psychotherapie eingeführt.<ref name="Steinat" /> Im Jahr 1921 ließ sich Speer in Lindau nieder, wo er das erste deutsche Sanatorium für Psychotherapie gegründet hatte und seit der Institutsgründung auch leitete.<ref name="Steinat" />
Am 8. Juni 1937 beantragte Speer die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.099.519).<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/42010547</ref><ref name="Geyer" /> Vom Mai 1940 bis Oktober 1940 war Speer Truppenarzt beim Infanterie-Regiment 488 in Lindau. Danach war er bis Kriegsende unabkömmlich gestellt. 1941 fiel Speers Schwager, Hauptmann der Reserve Walter Stolze. Walter Stolze war Geschäftsführer der Lindauer „Bayerischen Hof Stolze-Spaeth K. G.“. Speer half der Familie Stolze, indem er die Geschäftsführung des Bayerischen Hofes während des Krieges übernahm.<ref name="Steinat" /> Im Jahr 1942 habilitierte sich Speer an der Universität Jena<ref name="Steinat" /> und wurde dort Dozent. Hierzu reiste er alle 14 Tage von Lindau an, um sonntäglich von 10 bis 12 Uhr ärztliche Psychotherapie zu lehren.<ref>Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 238.</ref> Kurz vor Kriegsende wurde er designierter Inhaber des ersten Psychotherapie-Lehrstuhls in Deutschland.<ref name="Geyer" />
Im September 1945 wurde Speer, den Berthold Kihn zum außerordentlichen Professor befördern wollte, aufgrund seines aktiven Einsatzes für die Ziele der NSDAP als Hochschullehrer entlassen.<ref name="Geyer" /> 1950 gründete der Betreiber der „Privatklinik Dr. Speer“ (Fachklinik für Psychotherapie in Lindau am Bodensee)<ref>Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 238.</ref> die Lindauer Psychotherapiewochen.<ref name="pm">Philipp Mettauer: „Vergessen und Erinnern“. Die Geschichte der Tagung nach Quellen und Zeitzeugen. München 2010 (PDF; 72,8 kB)</ref> Seit 1953 bis zu seiner Emeritierung lehrte Speer als Honorarprofessor an der Universität Tübingen.<ref name="Steinat" />
Ernst Speer lebte bis zu seinem Tod in Lindau am Bodensee.
Auszeichnungen
- 1959: Großes Bundesverdienstkreuz<ref name="Steinat" />
Schriften
- Die Liebesfähigkeit (Kontaktpsychologie). Lehmann, München 1935; 4. Auflage 1953.
- Vom Wesen der Neurose und von ihren Erscheinungsformen. Thieme, Leipzig 1938; 2. Auflage: Thieme, Stuttgart 1949.
- Die ärztliche Haltung in der Psychotherapie. Eine Einführung in das Studium der Psychotherapie für Medizinstudierende und Ärzte. Thieme, Stuttgart 1948.
- Der Arzt der Persönlichkeit. Grundlagen, Arbeitsweisen, Aufgaben der ärztlichen Psychotherapie. Ein Lehrbuch der ärztlichen Psychotherapie. Gewidmet Berthold Kihn. Thieme, Stuttgart 1949.
- Das Einswerden von Mann und Weib. Ein Buch vom Vermählungserlebnis. Reinhardt, München 1952.
- Das Erlebnis als klinische Aufgabe der ärztlichen Psychotherapie. Lehmann, München 1956.
Literatur
- Clara Speer-Stolze (Hrsg.): Ewige Quelle. Das Lebensbuch der Anna Stolze von Pfister. Salzer, Heilbronn 1937.
- Alfred Otto Stolze: Der Sünfzen zu Lindau. Das Patriziat einer schwäbischen Reichsstadt. Bernhard Zeller, Lindau/Konstanz 1956.
- Jens Alexander Steinat: Ernst Speer (1889–1964). Leben – Werk – Wirkung. 2004 (Dissertation, Universität Tübingen, 2004; online).
- Philipp Mettauer: Vergessen und Erinnern. Die Lindauer Psychotherapiewochen aus historischer Perspektive. Vereinigung für psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung e. V., München 2010; online.
Weblinks
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Einzelnachweise
<references> <ref name="Ewige Quelle">Clara Speer-Stolze (Hrsg.): Ewige Quelle. Das Lebensbuch der Anna Stolze von Pfister. Salzer, Heilbronn 1937.</ref> <ref name="Stolze">Alfred Otto Stolze: Der Sünfzen zu Lindau. Das Patriziat einer schwäbischen Reichsstadt. Bernhard Zeller, Lindau/Konstanz 1956.</ref> <ref name="Steinat">Jens Alexander Steinat: Ernst Speer (1889–1964). Leben – Werk – Wirkung. 2004 (Dissertation, Universität Tübingen, 2004; online).</ref> <ref name="Geyer">Michael Geyer (Hrsg.): Psychotherapie in Ostdeutschland. Geschichte und Geschichten 1945–1995. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-40177-4, S. 30.</ref> </references>
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- Psychiater
- Mediziner (20. Jahrhundert)
- Burschenschafter (20. Jahrhundert)
- Psychotherapeut
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- NSDAP-Mitglied
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- Träger des Eisernen Halbmondes
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