Ernst-Deutsch-Theater
Das Ernst-Deutsch-Theater (Eigenschreibweise ohne Bindestriche) in Hamburg ist Deutschlands größtes privates Sprechtheater mit über 200.000 Besuchern pro Spielzeit. Die Hauptbühne am Friedrich-Schütter-Platz an der Mundsburg verfügt über 743 Plätze. Das Theater hat eigene Werkstätten und beschäftigt etwa 120 Mitarbeiter, darunter 30 geringfügig Beschäftigte.<ref>Heike Seiler-Völker: Ernst Deutsch Theater in Corona-Zeiten. In: Rundschau Hohenfelder Bürgerverein von 1883 e. V., Juni/Juli 2020, S. 10. https://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2020/103630/pdf/Rundschau_06_07_2020_Internet.pdf</ref> An drei Spielorten finden pro Saison 400 Vorstellungen statt.
Geschichte
Junges Theater
Es wurde am 13. Oktober 1951 von den Schauspielern Friedrich Schütter und Wolfgang Borchert und einigen Gleichgesinnten gegründet – eine „Protestaktion“ junger engagierter Schauspieler gegen die Spielpläne der kurz nach Kriegsende wieder eröffneten Bühnen. Es ging darum, Nachwuchsschauspielern Chancen in Hamburgs Kulturlandschaft zu bieten und eine Bühne für zeitgenössische Dramatik zu schaffen. Erster Spielort war im British Information Center an den Großen Bleichen in der Hamburger Neustadt.<ref name=":2">Marilen Andrist: wir treten auf! Hrsg.: Ernst Deutsch Theater. Dölling und Galitz, Hamburg 2001, ISBN 3-935549-07-5, S. 144.</ref> Ein Jahr nach der Eröffnung ging es 1952 in die Neue Rabenstraße in Rotherbaum, danach 1956 in Räume an der Marschnerstraße in Barmbek-Süd und schließlich 1964 an den heutigen Standort, in das ehemalige UFA-Palast-Kino an der Mundsburg.<ref name=":0" />
Ernst-Deutsch-Theater
1973 wurde das Theater zu Ehren von Ernst Deutsch umbenannt. Der jüdische Schauspieler musste 1933 aus Deutschland emigrieren. Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten beeinflusste er das deutsche Nachkriegstheater durch seine Persönlichkeit und Schauspielkunst. Mit seiner Darstellung von Lessings Nathan der Weise hat er das Haus an der Mundsburg nachhaltig geprägt.<ref name=":0" /><ref name=":2" />
Friedrich Schütter, der als Intendant in vielen Stücken auch als Schauspieler oder Regisseur in Erscheinung trat, gelang es immer wieder, namhafte Gäste an sein Haus zu holen und zahlreiche weit über Hamburg hinaus beachtete Aufführungen zu realisieren. Zu den bekannten Persönlichkeiten des Theaters gehörte der in Flensburg geborene Schauspieler und Regisseur Hans Timmermann.<ref>Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1253.</ref> Nach Schütters Tod 1995 übernahm Isabella Vértes-Schütter die künstlerische Leitung und hat das Theater modernisiert und geöffnet.
Vértes-Schütters Intendanz wurde von 2004 bis 2006 unterbrochen (Volker Lechtenbrink übernahm die Intendanz), da sie im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf im Kompetenzteam von Thomas Mirow vertreten war. Nach ihrer Rückkehr an das Theater hat Vértes-Schütter die Programmvielfalt kontinuierlich weiterentwickelt. 2008 konnte eine zusätzliche Spielstätte für die Jugendsparte eröffnet werden: die „plattform“-Bühne. Darüber hinaus wurde 2015 das Foyer von Peter Schmidt neu gestaltet.<ref name=":1" /> Zum Intendanzwechsel im Herbst 2025 wurde das Foyer erneut umgebaut und beheimatet nun ein tagsüber geöffnetes Café mit einem offenen Arbeitsbereich.<ref>Über uns - Ernst Deutsch Theater Hamburg. Abgerufen am 25. März 2026.</ref>
Programm, Projekte, Kooperationen
Das Theater will mit seinem Spielplan, der alle Schauspielgenres umfasst, die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Angeboten werden Werke der Klassik und der Moderne, aktuelle Zeitstücke sowie Kinder- und Jugendtheater. Darüber hinaus wird eine große Vielfalt von Veranstaltungen präsentiert, u. a. Poetry Slam, Bundesjugendballett, Bertini-Preis.<ref>Falk Schreiber: Die wollen doch nur spielen … In: Hamburger Abendblatt vom 15. Oktober 2016, S. 22.</ref><ref name=":0">Über Uns. Ernst Deutsch Theater, abgerufen am 18. Juli 2019.</ref><ref>Informationen zum Bertini-Preis</ref> Programmatisch setzt das Theater auf Kultur- und Kunstfreiheit, Programmvielfalt, demokratische Prinzipien und interkulturellen Austausch.<ref name="rundschau_vertes-schuetter_seiten_4-5">Heike Seiler-Völker: Menschen im Stadtteil. Dr. Isabella Vértes-Schütter. In: Rundschau Hohenfelder Bürgerverein von 1883 e. V., Juni/Juli 2020, S. 4–5.</ref>
„plattform“ – Die Jugendsparte
2003 wurde die Jugendsparte „plattform“ gegründet. Sie ist ein Ort der Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen und Kunstschaffenden, zwischen Theater und Jugendkultur. plattform sieht es nicht nur als Aufgabe, Jugendliche mittels Theatervorstellungen an das Medium heranzuführen, sondern möchte sie vor allem in ihrer eigenen Kreativität fördern, zur Eigenbeteiligung anhalten und in einen gesellschaftlich-kulturellen Diskurs einbinden. In verschiedenen Jugendclubs sind Jugendliche ab einem Alter von zwölf Jahren aktiv. Seit 2003 findet jährlich das plattform-Festival statt, bei dem über 250 Jugendliche beteiligt sind.<ref name=":0" /><ref name=":1">Spielzeitheft 2019</ref> 2020 wurde dem Festival der Barbara Kisseler Theaterpreis zuerkannt.<ref>Ernst-Deutsch-Theater erhält Barbara-Kisseler-Theaterpreis. 15. Juni 2020, abgerufen am 27. Dezember 2024.</ref>
Bundesjugendballett
In Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper inszeniert am Theater unter der Intendanz von John Neumeier das Bundesjugendballett.<ref>Profil Bundesjugendballett auf der Website des Bundesjugendballetts, aufgerufen am 18. August 2025</ref> Dessen künstlerischer und pädagogischer Leiter Kevin Haigen nahm im Oktober 2019 den Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares für die Inszenierung Bundesjugendballett trifft Shakespeare entgegen. Die Jury bescheinigte der Inszenierung „eine Sprengung der Vorstellung hehrer Tanzkunst“.<ref>„Kevin Haigen erhält Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares“, Meldung vom 22. Oktober 2019 im Kulturmagazin Das Opernmagazin, aufgerufen am 18. August 2025</ref>
Inszenierungen
- 2021 John’s – BJB – Bach<ref>„Starke Leistungsschau des Bundesjugendballetts“, Artikel vom 16. November 2021 im Hamburger Abendblatt (online), aufgerufen am 18. August 2025</ref>
- 2022 Die Unsichtbaren<ref>„Uraufführung: John Neumeier macht die Unsichtbaren sichtbar“, Artikel vom 17. Juni 2022 auf Die Welt (online), aufgerufen am 18. August 2025</ref>
- 2024 Im Aufschwung XVI<ref>„Bundesjugendballett mit Im Aufschwung XVI im Ernst Deutsch Theater“, Meldung vom 16. Oktober 2024 auf der Website des NDR (www.ndr.de), aufgerufen am 18. August 2024</ref>
- 2025 Shall We Dance?<ref>„Schwermütige Nummernrevue“, Kritik vom 22. Juni 2025 im Kulturportal TanzNetz (tanznetz.de), aufgerufen am 18. August 2025</ref>
Intendanten
- Bis 1995: Friedrich Schütter
- 1995–2004: Isabella Vértes-Schütter<ref name="rundschau_vertes-schuetter_seiten_4-5" />
- 2004–2006: Volker Lechtenbrink
- 2006–2025: Isabella Vértes-Schütter
- seit September 2025: Ayla Yeginer und Daniel Schütter<ref>Peter Helling: Ernst Deutsch Theater: Intendanz-Wechsel mit behutsamen Akzenten. Abgerufen am 25. Oktober 2025.</ref>
Barrierefreiheit
Der Theatersaal verfügt über zwei Rollstuhlplätze. Für Menschen mit und ohne Hörgerät bietet das Theater individuelle Hörunterstützung an. Außerdem verfügt der Theatersaal über eine Streaming-Technologie. Regelmäßig werden Aufführungen und Stückeinführungen mit Gebärdensprachdolmetschern angeboten. Zu ausgewählten Terminen bietet das Theater Vorstellungen mit Audiodeskription an.<ref name=":1" /><ref name=":0" />
Ehrungen
- 2003: Pegasus-Preis
- 2008: Kinder- und Jugendkulturpreis
- 2009: Nationaler Förderpreis „Theater bewegt“
- 2011: Pegasus-Preis
- 2013: Senator-Neumann-Preis
- 2013: Rudolf-Stilcken-Preis (nominiert)
- 2014: Heinz-G. Vogel – Jugendpreis
- 2015: Wegbereiter der Inklusion
- 2006, 2007, 2009–2016, 2018, 2019, 2025: Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares
- 2023: Kampf der Künste-Award
- 2025: Barbara-Kisseler Theaterpreis<ref>Hamburg: Barbara Kisseler Theaterpreis 2025 verliehen, auf nachtkritik.de</ref>
2003 und 2011 erhielt das Theater den Pegasus-Preis, mit dem seit 1999 in jedem Jahr ein Hamburger Privattheater ausgezeichnet wird.<ref name="pfuendner_rundschau_seite_8">Uschi Pfündner: Postkarte vom Friedrich-Schütter-Platz. In: Hohenfelder Bürgerverein von 1883 - Rundschau April 2017, S. 8.</ref>
Umgebung des Theaters
2001 wurde der Vorplatz des Theaters zum Andenken an den Mitbegründer Friedrich-Schütter-Platz benannt. Kennzeichen in der Mitte des Platzes ist die 18 Meter hohe rote Stele. Der Platz wurde vom Designer Peter Schmidt gestaltet und 2009 eingeweiht.<ref name="pfuendner_rundschau_seite_8" />
Literatur
- Henry-E. Simmon: 25 Jahre. Das Junge Theater – Ernst Deutsch Theater Hamburg. 1951–1976. Conrad Kayser, Buch- und Offsetdruck, Hamburg 1977, 156 Seiten
- Marilen Andrist: wir treten auf! – Ernst Deutsch Theater. Dölling und Galitz, 2001, Hamburg.
Weblinks
- Literatur von und über Ernst-Deutsch-Theater im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Website des Theaters
Einzelnachweise
<references/>
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