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Ernő Grünbaum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Ernő Grünbaum Selfportrait.jpg
Selbstporträt von Ernő Grünbaum gemalt in 1933 oder 1936. Mischtechnik auf Papier. Privatbesitz.

Ernő Grünbaum (geboren am 29. März 1908 in Nagyvárad, Österreich-Ungarn; gestorben entweder gegen Ende des Jahres 1944 oder am 3. April 1945, vermutlich im Konzentrationslager Mauthausen<ref>Die Bestimmung des genauen Todesdatums ist unsicher. In den Publikationen der Kunsthistorikerin Maria Zintz wird sowohl 1944 als auch 1945 genannt. In der <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Online-Version des Totenbuchs Mauthausen (Memento vom 17. Dezember 2013 im Internet Archive)(aufgerufen am 20. April 2011) wird ein Ernö Grünbaum angeführt, der jedoch laut Akte am 8. Mai 1918 geboren wurde. Das AKL gibt ebenfalls als Todesdatum beide Jahre an sowie zusätzlich noch den Sterbeort „Mauthausen (?)“. Im Új magyar művésznévtár (Neues ungarisches Künstlerverzeichnis) wird als Todesjahr 1945 angeführt. Allerdings ist es sicher, dass Ernő Grünbaum als Holocaust-Opfer in einem KZ verstarb.</ref> oder höchstwahrscheinlich um dieselbe Zeit im KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf des KZ Dachau)<ref>Liste der Toten mit unvollständigen Daten der Lager im Mühldorfer Hart entnommen von der Homepage der KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart, die von Für das Erinnern – KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart e. V. erstellt wurde. Grünbaum ist aus Ungarn stammend angegeben, ohne Geburts- und Todesdatum. Seine Häftlingsnummer lautete 83757. online, zuletzt aufgerufen am 24. November 2011.</ref> war ein siebenbürgisch-ungarischer Maler, Zeichner, Grafiker, Lithograf und Exlibris-Künstler der Klassischen Moderne. Seine Miniaturen zeigen Einflüsse des Jugendstils, wohingegen sein weiteres Œuvre dem Expressionismus sowie dem Kubismus zugeschrieben werden kann. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft<ref>Autour de l’art juif: encyclopédie des peintres, photographes et sculpteurs., S. 63</ref> war er Repressionen ausgesetzt, was sich in Teilen seines Schaffens widerspiegelt.

Leben

Datei:Ernő Grünbaum Houses.jpg
Häuser, Aquarell auf Papier, undatiert. Privatbesitz.

Ernő Grünbaum entstammte einer jüdischen Familie, die nach dem Tode des Vaters unter schwierigsten finanziellen Bedingungen lebte.<ref group=1 name=j2diet>S. 251</ref> Aus diesem Grunde konnte Grünbaum trotz seines Talents keine Kunstschule besuchen.<ref group=1 name=j2diet /> Bevor seine künstlerische Laufbahn begann, arbeitete er zunächst in einer Ledergerberei und anschließend als Tischler.<ref group=1 name=j2diet /> Danach folgte eine Ausbildung zum Kupferstecher.<ref group=1 name=j2diet /><ref>Das rumänische Wort Gravor bedeutet Kupferstecher, nicht wie im Deutschen anzunehmen Graveur. Ebenfalls wird im Rumänischen Kupferstich gemeint, wenn von Gravură gesprochen wird.</ref> 1927 wurde er in der damals bedeutenden Großwardeiner Druckerei Sonnenfeld und deren Verlag Sonnenfeld Adolf RT eingestellt, wo man ihn den Beruf des Typographen lehrte.<ref>Desző Feher, Kulturtórténete és öregdiákjainak, Oradea, 1933–37, S. 193</ref> Bei Sonnenfeld freundete er sich mit seinem Kollegen, dem expressionistischen Maler Alex Leon, an.<ref group=1 name=j2diet /> Zwar kam Grünbaum durch ihn zur expressionistischen Kunst und auch die Sujets beider Künstler handelten von Leid sowie menschlicher Sinnsuche, was sich bindend auf die Beziehung beider auswirkte, allerdings ging Grünbaum stilistisch seinen eigenen Weg und wurde nicht, wie fälschlicherweise manchmal behauptet<ref group=2 name=j2diet >S. 364</ref>, von seinem Freund Alex Leon in der Darstellungsweise beeinflusst.<ref group=1 name=j2diet />

Datei:Ernő Grünbaum Jesus in front of a Synagogue.jpg
Jesus vor der Synagoge, Mischtechnik auf Papier, undatiert. Privatbesitz.

Durch Leon und auch über die Typographie erfuhr Grünbaum von weiteren, damals aktuellen avantgardistischen Strömungen der Moderne.<ref group=1 name=j2diet /> Grünbaums Interesse daran war ausschlaggebend für seine weitere künstlerische Laufbahn, denn er fing an sich mit der Avantgarde auseinanderzusetzen.<ref group=1 name=j2diet /> Anfang 1932<ref>Nagyvárad, 9. März 1932, S. 9</ref> stellte Grünbaum zum ersten Mal seine Werke in einer Einzelausstellung aus. Sie fand im Journalistenclub Oradea (rumänisch: Clubul ziariștilor, ungarisch: Újságíró Klub (ÚK)) statt und machte ihn schlagartig dem breiten Kunstpublikum bekannt.<ref group=1 name=j2diet /> Seitdem stellte er dort regelmäßig aus.<ref>Erdélyi Lapok vom 6. Dezember 1932, Jahr I, Nr. 275, S. 4.</ref><ref>Nagyvárad, 15. April 1934, S. 4</ref><ref>Erdélyi Lapok vom 31. März 1934, S. 4</ref> Im Sommer desselben Jahres beteiligte sich Grünbaum an der Gründungsversammlung der Asociația Artelor Frumoase Oradea (deutsch: Vereinigung Schöner Künste).<ref>S-a înfințat Asociația Artelor Frumoase (Die Asociația Artelor Frumoase wurde gegründet) in Nagyvárad vom 26. Juli 1932, S. 2</ref> Im Oktober 1933 nahm er zusammen mit zehn weiteren Künstlern, darunter sein Freund Leon, Imre Földes und Imre Ványai an der Ausstellung Junger Künstler im Weiszlovits-Palast in Oradea teil.<ref>Erdélyi Lapok vom 19. Oktober 1933, Jahr II, Nr. 236, S. 9.</ref><ref>Gazeta de Vest, 5. November 1933, S. 5</ref> Im März 1936 wurden seine Arbeiten erneut in einer Einzelschau gezeigt<ref>Miniaturile lui Grünbaum Ernö in Szabadság vom 9. März 1936, S. 12.</ref> und im Juni des gleichen Jahres im Journalistenclub.<ref>Biro Imre, Expoziţia tinerilor artiști im Nagyváradi Napló vom 15. Juli 1936, S. 6.</ref> Gegen Ende der 1930er sowie Anfang der 1940er Jahre annoncierte er als Zeichner und Lithograf von kleinen Druckarbeiten in Budapest.<ref group=2 name=j2diet /> Grünbaum wurde im Mai 1944 zusammen mit seinem Malerkollegen Jenő Elefánt deportiert.<ref>Namensliste derjeniger Personen aus Oradea, die im Holocaust verstarben Online-Ansicht</ref> In den Kriegswirren verschwanden viele seiner Werke oder wurden zerstört.<ref group=1 name=j2diet /> Genaue Angaben über die Größe und Verlust des Werkes existieren nicht.

Im Januar 1992 organisierte die Kuratorin Maria Zintz eine Gruppenausstellung Großwardeiner jüdischer Künstler unter dem Namen „Lumină și spirit“ im Muzeul Țării Crișurilor mit Móric Barát, Alex Leon, Ernő Tibor und Grünbaum.<ref>Ausstellungskatalog zur Ausstellung Lumină și spirit, 1992, Verlag Muzeul Țării Crișurilor</ref>

Malstil

In Grünbaums Schaffen finden sich zahlreiche Grafiken kleineren Formats, wie Radierungen, Holzschnitte oder Aquarelle und seltener Werke mittlerer Größe. Die Grafiken sind gekennzeichnet durch den Synthetismus und Symbolismus eines Paul Gauguin, der Formensprache des Jugendstils, aber auch Inspirationen vom Fauvismus lassen sich wiederfinden.<ref group=3 name=j2diet>S. 168</ref> Eine weitere Besonderheit der Miniaturen ist die erreichte Flächigkeit des Sujets durch den zarten Kolorit. Hierfür betont er geometrische Formen mit schwarzen Umrandungen, ähnlich dem Cloisonismus einer Gabriele Münter. Dabei entstanden intensive, aneinandergereihte Farbflächen, die mitunter als Metapher der Umwelt diese zu reflektieren versuchen (zum Beispiel rot als Symbol des Lebens oder grün als Zeichen der Natur) (Häuser und Berglandschaft).<ref group=3 name=j2diettt>S. 181</ref>

Grünbaum beließ es nicht nur bei Landschaften, sondern wendete den gleichen Duktus bei gesellschafts- und sozialkritischeren Bildthemen an (Mann mit Schubkarre). Dazu bediente er sich auch expressionistisch-neusachlicher Ausdrucksmittel. In dunklen Farben gehalten (Jesus vor Synagoge), oft Visionen des möglichen Zukunftsverlaufes des Faschismus darstellend, skizzierte er das seinige beziehungsweise das Leben der Armen, Andersdenkenden oder Entrechteten, oft unter Einbezug kubistischer Stilmittel (Selbstportrait). Jedoch versuchte Grünbaum auch den Weg eines Kubismus ohne sozialkritischen Hintergedanken zu begehen. Die entstandenen Arbeiten (Landschaft bei Baia Mare und Selbstportrait), manchmal cézannesker Natur (Früchtestilleben), zeigen seine Vorliebe für die Konstruktion, ohne dass er dabei das Dargestellte zu stilisieren versucht oder in einen Manierismus verfällt.<ref group=3 name=j2diet />

Sein Stil speiste sich aus mehreren Quellen: Es waren sein Talent und seine Freundschaften und Bekanntschaften mit den Journalisten und Dichtern seiner Heimatstadt, die dem europäischen Denken in der Kunst offen gegenüberstanden. Dazu gehörte die mit seinem Freund Alex Leon. Und dazu gehört auch die Tatsache, dass er in der Typografie Sonnenfeld arbeitete und dort die Möglichkeit nutzte, sich über die aktuellen avantgardistischen Tendenzen weiter zu bilden. Alles dies ermöglichte es Grünbaum, seinen eigenen, unverwechselbaren Duktus zu entwickeln, obwohl er keine akademische Ausbildung besaß und aus finanziellen Gründen auch nicht weit reisen konnte, um allein in den Museen studieren zu können.<ref>"Evreii din Oradea (Die Juden aus Großwardein)" von Teréza Mózes, Verlag Hasefer Bukarest, 1997, S. 165 Online-Ansicht bei Google Bücher </ref>

Zeitgenössische Rezeption

Grünbaums Werk wurde durch seine wenigen Schaffensjahre hinweg von der Kunstkritik begeistert angenommen. Schon die erste öffentliche Präsentation seiner Arbeiten kam gut an. So schrieb ein Kunstkritiker im Feuilletonteil der ungarischen Zeitschrift Nagyvárad vom 9. März 1932 (S. 9), dass Grünbaum ein sehr „talentierter Grafiker sei und neben einer fantastischen sowie blühenden Fantasie, auch ein kompositorisches Talent habe, was ihm zu einer neuen Hoffnung in der Kunst werden lasse.“<ref group="1">Rezitiert auf S. 259</ref>

Etwas weniger als ein Jahr darauf, anlässlich von Grünbaums Beteiligung an der Expoziția tinerilor artiști, bezeichnete ihn ein anderer Kunstkritiker in der Nagyváradi Napló vom 24. Oktober 1933 (S. 5) als „Repräsentant einer neuen künstlerischen Richtung“ und charakterisierte die Arbeiten, als „ehrlich bis zur Brutalität“.<ref group=1 name=j2diett>Rezitiert auf S. 260</ref> Ebenfalls in der Nagyváradi Napló verwies der Kritiker Imre Biro aufgrund der eben genannten Ausstellung in der Ausgabe vom 27. Oktober 1933 (S. 13) auf die „Ultramodernität“ der Werke und „Liebe sowie Reife in der Ausführungsweise“.<ref group=1 name=j2diett /> Der kunstkritische Höhepunkt setzte 1936 ein, als die Nagyváradi Napló vom 15. Juli (S. 6) in einem Artikel Grünbaum zum „fähigsten Künstler seiner Generation“ erklärte.<ref group=1 name=j2diett />

Werke in privaten und öffentlichen Sammlungen

Seine Arbeiten befinden sich in verschiedenen Museen Deutschlands, Rumäniens und Ungarns. So besitzt das Ungarische Museum für Kunstgewerbe<ref group=2 name=j2diet /> in Budapest sowie das Mainzer Gutenberg-Museum<ref group=2 name=j2diet /> Arbeiten von Grünbaum. Das Muzeul Țării Crișurilor in Oradea beherbergt ein Konvolut von dreizehn seiner Arbeiten in verschiedenen Techniken, darunter Druckgraphiken, Pastelle und Aquarelle. Die Bibliothek der Universität Debrecen besitzt ein Exlibris aus dem Jahre 1934 von ihm, welches sich ehemals in der Sammlung des Arztes Dr. Kálmán Arady (1893–1964) befand.<ref>Elektronisches Archiv der Universitätsbibliothek Debrecen @1@2Vorlage:Toter Link/ganymedes.lib.unideb.huhttp://ganymedes.lib.unideb.hu:8080/dea/handle/2437/87281 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2023. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot. Zuletzt aufgerufen am 24. November 2011 um ca. 20:30 Uhr.</ref>

Illustrierte Bücher (Auswahl)

Ernő Grünbaum fertigte zahlreiche Lithografien für die Druckerei Sonnenfeld und entwarf die Titelblätter einiger Bücher. Im Jahr 1938 kreierte er das Cover für:

  • Sándor Marót: A világ ablaka. Verlag Sonnenfeld, 166 Seiten<ref group=4 name=j2diet>S. 7</ref>
  • Béla Mezei: Ősök és hősök. Népünk Verlag, 199 S.<ref group=4 name=j2diet />

Literatur

Monografisch

  • Maria Zintz: Artiști plastici la Oradea 1850–1950. S. 251–260 und S. 278–280 und S. 333, Verlag Muzeul Țării Crișurilor, 2009, ISBN 978-973-7621-15-3.
  • Maria Zintz: Artiștii plastici din nordul Transilvaniei victime ale holocaustului. S. 167–188, Verlag Editura Arca, 2007, ISBN 978-973-1881-00-3.

Lexikalisch

  • Grünbaum, Ernő. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 63, Saur, München u. a. 2009, ISBN 978-3-598-23030-1, S. 364 f.
  • Manfred Neureiter: Lexikon der Exlibriskünstler. 3., überarbeitete Ausgabe. Pro Business, Berlin 2013, ISBN 978-3-86386-449-1, S. 167 Online-Ansicht bei Google Bücher.
  • Péter Don, Dániel Lovas, Gábor Pogány: Új magyar művésznévtár (Neues ungarisches Künstlerverzeichnis). DecoArt Verlag, 2006, ISBN 9789638709509 <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Online-Ansicht auf der Seite eines Auktionshauses (Memento vom 19. April 2010 im Internet Archive).
  • Adrian M. Darmon: Autour de l’art juif: encyclopédie des peintres, photographes et sculpteurs. (Rund um die jüdische Kunst: Lexikon der Maler, Fotografen und Bildhauer). Verlag Carnot, 2003, ISBN 2-84855-011-2, S. 63 Online-Ansicht bei Google Bücher.
  • András Ákos Szabó: Magyar festok és grafikusok életrajzi lexikona. („Biografielexikon ungarischer Maler und Grafiker.“) Band 1, S. 396, Szeged, NBA Verlag, 2002.

Sonstiges

  • Dan Călin: Imaginea muncitorului în grafica românească (Die Darstellung des Arbeiters in der rumänischen Grafik). Meridiane Verlag, 1982.

Einzelnachweise

<references />

  • Maria Zintz: Artiști plastici la Oradea 1850–1950, 2009

<references group="1"/>

  • Allgemeines Künstlerlexikon (AKL). Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Band 63, 2009

<references group="2"/>

  • Maria Zintz: Artiștii plastici din nordul Transilvaniei victime ale holocaustului, 2007

<references group="3"/>

  • György Lajos (Redaktion), zusammengestellt von Antal Valentiny: Románia magyar irodálmanak bibliográfiája (Bibliografie rumänischer und ungarischer Literatur), Verlag Minerva Irodalmi és Nyomdai Műintézet, 1938 Online-Ansicht

<references group="4"/>

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