Enver Şimşek
Enver Şimşek (; * 4. Dezember 1961<ref>admin: „Vorurteile beherrschten die Polizei“ – Teil 1 des Plädoyers von Seda Basay | die schneeflocke. Abgerufen am 18. September 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> in Salur Köy im Landkreis Şarkikaraağaç, Provinz Isparta, Türkei; † 11. September 2000 in Nürnberg, Bayern, Deutschland) war das erste Opfer der Mordserie der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Der Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern in Hessen wurde am 9. September 2000 an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg niedergeschossen. Zwei Tage später starb er infolge seiner schweren Verletzungen in einem Krankenhaus.
Leben
Enver Şimşek immigrierte 1985 aus der Türkei nach Deutschland. Er arbeitete zunächst in einer Fabrik, dann als Schleifer bei einem Automobilzulieferer. Nebenher ging er putzen.<ref name=":0">Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen: Begleitband zur Ausstellung. Fünfte, aktualisierte und erweiterte Auflage. Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) e.V, Nürnberg 2021, ISBN 978-3-9822847-0-5.</ref> 1991 machte er sich dann mit einem Blumenhandel selbstständig. Daraus entstand ein Blumengroßhandel mit angeschlossenen Läden und Ständen.<ref name="AustLaabs_Heimatschutz" />
Einige Jahre vor seiner Ermordung wurde er religiöser, nahm mit seiner Frau am Haddsch teil und spendete der lokalen islamischen Gemeinde Geld. Er habe auch über die Eröffnung einer Koranschule in Schlüchtern nachgedacht. Seine Kinder schickte er in ein religiöses Internat.<ref name="AustLaabs_Heimatschutz">Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, München 2014, S. 464.</ref>
Enver Şimşek war verheiratet und Vater zweier Kinder, Semiya und Abdul Kerim.<ref name="ref1">Oliver Bendixen, Matthias Fink: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Auf der Suche nach dem „Dönerkiller“. ( vom 9. April 2015 im Internet Archive) Radiofeature. In: SWR.de, April 2010.</ref> Die Familie lebte zunächst im hessischen Flieden und später in Schlüchtern.<ref name=":0" />
Ermordung
Durch Zufall war Şimşek am Tattag, dem 9. September 2000, am Tatort. Normalerweise lieferte er nur Ware für den Blumenstand aus. An diesem Tag übernahm er jedoch als Urlaubsvertretung auch den Verkauf an einem Standplatz entlang der Liegnitzer Straße zwischen Nürnberg-Langwasser und Altenfurt in der Nähe der Autobahn.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Eröffnung Wanderausstellung “Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen” ( vom 16. September 2016 im Internet Archive) auf Internetsite des Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt, abgerufen am 12. September 2016.</ref><ref name=":0" />
Der Tatort liegt auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, zwischen den ehemaligen Lagern der SS, der SA und des Reichsarbeitsdienstes<ref>Birgit Mair: Interview, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e. V. (PDF) DIMENSIONEN – Der NSU und seine Auswirkungen auf die Migrationsgesellschaft: ein Projekt des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit (IDA) e. V., 3. Februar 2015, abgerufen am 1. Oktober 2017.</ref> und gehört heute zum Stadtteil Langwasser (Lage
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}}).<ref>Hartmut Voigt: NSU: Vor 16 Jahren wurde Enver Simsek erschossen. NN, 9. September 2016, abgerufen am 1. Oktober 2017.</ref>
Zwischen 12:45 und 14:15 Uhr wurden acht Schüsse auf Şimşek abgegeben. Zwei Tage später erlag er im nahegelegenen Nürnberger Klinikum Süd seinen schweren Verletzungen, ohne das Bewusstsein zuvor wiedererlangt zu haben.<ref name=":0" /> Die kriminaltechnische Untersuchung von Projektilen und Geschosshülsen ergab, dass für die Schüsse zwei verschiedene Waffen verwendet worden waren: eine Pistole Kaliber 6,35 mm, der Typ nicht näher identifizierbar,<ref group="Anmerkung" name="Pistole" /> und eine Pistole vom Typ Česká 83, Kaliber 7,65 mm.<ref name="ref1" />
Gedenken
Bei der zentralen Gedenkveranstaltung der Bundesrepublik zu Ehren der NSU-Opfer im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt sprach Semiya Şimşek zusammen mit der Tochter Mehmet Kubaşıks, Gamze, und erklärte dabei, sie habe elf Jahre lang „nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“ dürfen.<ref>Barbara John: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet. Herder, Freiburg im Breisgau 2014, S. 9–27, hier S. 18.</ref> Die Leidensgeschichte ihrer Familie nach dem Tod des Vaters und den Umgang der Ermittler mit den Angehörigen arbeitete sie in dem 2013 erschienenen Buch Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater auf, das Grundlage für den 2016 ausgestrahlten ARD-Fernsehfilm Die Opfer – Vergesst mich nicht wurde.<ref>Antje Hildebrandt: NSU in der ARD: Gänsehaut als Geschichtsunterricht. In: Stuttgarter Zeitung. 30. März 2016, abgerufen am 6. Oktober 2019.</ref> Şimşeks Angehörige wurden im NSU-Prozess von Seda Başay-Yıldız anwaltlich vertreten.<ref name="fr-1640158">Frankfurter Rundschau: Seda Basay-Yildiz: Kampf dem staatlichen Rassismus. Abgerufen am 14. Januar 2019.</ref>
Zum Gedenken an alle NSU-Mordopfer, darunter auch Şimşek, wurde 2013 in Nürnberg eine Stele errichtet (siehe Gedenkorte der NSU-Mordserie). Am Tatort wurde im September 2014 auf Initiative von Anwohnern und in Anwesenheit der Witwe – die erstmals diesen Ort besuchte – eine Informationstafel zu seinem Andenken eingeweiht.<ref>Gedenkstätte für das erste Opfer der NSU-Mordserie. In: Nordbayern.de, 9. September 2014, abgerufen am 6. Oktober 2019.</ref> Nachdem die Tafel von Unbekannten gestohlen worden war, befestigte die Gruppe „Das Schweigen durchbrechen“ dort ein Schild, das ein Bild des Ermordeten zeigt.<ref>NSU: Vor 16 Jahren wurde Enver Simsek erschossen. In: Nordbayern.de, 9. September 2016, abgerufen am 6. Oktober 2019.</ref>
In Zwickau, wo das Kerntrio der NSU zuletzt im Untergrund lebte, pflanzte Oberbürgermeisterin Pia Findeiß am 8. September 2019 zum Gedenken an Enver Şimşek auf der Ziegelwiese im nördlichen Teil des Schwanenteichparks eine Deutsche Eiche. Anfang Oktober 2019 wurde der Baum von Unbekannten abgesägt. Findeiß sprach von einem Zeugnis „von Intoleranz, mangelndem Demokratieverständnis und von Verachtung gegenüber Terroropfern und deren Angehörigen“.<ref>Oberbürgermeisterin ist entsetzt über die Zerstörung des Gedenkbaumes an ein NSU-Opfer. Pressemitteilung der Stadt Zwickau vom 3. Oktober 2019, abgerufen am 6. Oktober 2019.</ref><ref>Gedenkbaum für NSU-Mordopfer in Zwickau abgesägt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 4. Oktober 2019, abgerufen am 6. Oktober 2019.</ref> Eine Woche später wurde auch eine Bank mit einer Inschrift zerstört, die zum Gedenken an Şimşek aufgestellt worden war. Barbara John, die Ombudsfrau der Bundesregierung für NSU-Opfer, betrachtet dies als Indiz für die Existenz von Netzwerken, die die Morde gutheißen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Erneut Gedenkzeichen für NSU-Opfer zerstört. ( vom 6. Oktober 2019 im Internet Archive) In: Deutschlandradio. 6. Oktober 2019, abgerufen am selben Tag.</ref> Daraufhin wurden am gleichen Ort zehn neue Gedenkbäume gepflanzt und Gedenktafeln angebracht. Bei der Einweihung am 3. November 2019 kam es aber wegen fehlerhafter Schreibweise von Şimşeks Name sowie Nicht-Einladung von Überlebenden und Angehörigen zu Kritik.<ref>Zwickau weiht Mahnmal für NSU-Opfer ein. In: Zeit Online. 3. November 2019.</ref>
Im März 2020 beschloss der Kulturausschuss der Stadt Jena nach längerer Diskussion die Benennung eines Platzes in Jena-Winzerla, wo die Täter des NSU aufgewachsen sind, nach Enver Şimşek.<ref>Streit um „Enver-Simsek-Platz“ - Stadtverwaltung Jena lehnt Benennung nach NSU-Opfer ab. Ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 2. April 2019. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref><ref>Amtsblatt der Stadt Jena. Stadt Jena, 12. März 2020, abgerufen am 9. Juni 2020.</ref> Mitte September 2020 wurde der „Enver-Şimşek-Platz“ in Anwesenheit von Familienmitgliedern sowie Ministerpräsident Bodo Ramelow und weiteren Politikern eröffnet.<ref>Platz in Jena nach NSU-Opfer benannt, mdr.de, erschienen und abgerufen am 19. September 2020.</ref><ref>Jena: Einweihung von Enver-Simsek-Platz. 19. September 2020, abgerufen am 8. Januar 2023.</ref> Mit dem Fahrplanwechsel des Jenaer Nahverkehrs am 15. Dezember 2021 wurde die Haltestelle Damaschkeweg ebenfalls in Enver-Şimşek-Platz umbenannt.<ref>Haltestelle Damaschkeweg heißt ab sofort Haltestelle Enver-Şimşek-Platz | Jena Rathaus. Abgerufen am 8. Januar 2023.</ref> Am 13. September 2021, kurz nach dem 21. Jahrestag der Ermordung, wurde in Nürnberg als Erinnerung an Enver Şimşek der Tatort-Parkplatz an der Liegnitzer Straße in Langwasser mit dem Namen Enver-Şimşek-Platz benannt.<ref>Nachrichten aus dem Rathaus: Enver-Şimşek-Platz eingeweiht. Abgerufen am 13. September 2021.</ref>
Literatur
- Semiya Şimşek und Peter Schwarz: Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater. Rowohlt Berlin 2013, ISBN 978-3-87134-480-0.<ref>Armin Lehmann: Opferanwälte: Die NSU-Morde haben RAF-Dimension. In: Tagesspiegel.de, abgerufen am 7. März 2013.</ref>
- Barbara John (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Vera Gaserow und Taha Kahya: Unsere Wunden kann man nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet. Herder, Freiburg, Basel, Wien 2014, ISBN 978-3-451-06727-3, Kapitel „Ohne meine Religion wäre ich in Hass versunken. Abdulkerim Şimşek, Sohn Enver Şimşeks, erzählt“, S. 31–39.
- Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, München 2014, ISBN 978-3-570-55202-5, S. 448–454, 463–466.
Weblinks
- Birgit Wentzien: Die Leiden der Opferfamilien. „Warum?“ In: Tagesschau.de, 23. Februar 2012.
- C. Aykol, W. Schmidt: Opferangehörige über die NSU-Morde. „Es waren eben nur Türken“. In: Die Tageszeitung, 1. November 2012 (Interview mit der Nichte Fadime Şimşek über das Leben nach dem Mord und ihr verlorenes Vertrauen in die Behörden).
- Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek erinnern bei der Gedenkfeier der Bundesrepublik am 23. Februar 2012 an ihre ermordeten Väter, YouTube-Video.
- Julia Jüttner: Gedenkfeier für NSU-Opfer: „Einer muss die Kraft haben“. In: Spiegel Online, 23. Februar 2012.
- Hörspiel von Laila Stieler nach dem Buch: Die schmerzliche Heimat
- Daniela Wakonigg: 09.09.2000 - Enver Şimşek wird niedergeschossen WDR ZeitZeichen (Podcast).
Einzelnachweise
<references />
Anmerkungen
<references group="Anmerkung"> <ref name="Pistole">Bei der Pistole handelte es sich um die später in den Trümmern der Zwickauer Wohnung gefundene Bruni 315 Auto, eine zur scharfen Waffe umgebaute Schreckschusspistole italienischer Herkunft.</ref> </references> Vorlage:Navigationsleiste NSU-Mordopfer Vorlage:Hinweisbaustein
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Şimşek, Enver |
| KURZBESCHREIBUNG | türkischer Blumenhändler, erstes Opfer der Mordserie der rechtsradikalen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) |
| GEBURTSDATUM | 4. Dezember 1961 |
| GEBURTSORT | Salur Köy im Landkreis Şarkikaraağaç |
| STERBEDATUM | 11. September 2000 |
| STERBEORT | Nürnberg |
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