Elsa von Freytag-Loringhoven
Elsa von Freytag-Loringhoven (* 12. Juli 1874 in Swinemünde als Elsa Hildegard Plötz; † 15. Dezember 1927 in Paris) war eine deutsche Künstlerin des Dadaismus.
Leben
Herkunft und Familie
Elsa Hildegard Plötz kam 1874 in der damals zur preußischen Provinz Pommern gehörenden Hafenstadt Swinemünde zur Welt; ihre Familie war wohlhabend. Sie war dreimal verheiratet: in erster Ehe (1901) mit dem Architekten August Endell, in zweiter Ehe (1910) mit dem Übersetzer Felix Paul Greve, in dritter Ehe (1913) mit Leopold Karl Friedrich Freytag Freiherr von Loringhoven (1885–1919)<ref>Genealogisches Handbuch der Baltischen Ritterschaften. Neue Folge Band X, Hamburg 2022. S. 190</ref>.
Werdegang
Ihre künstlerische Laufbahn begann in Berlin. Mit ihrem zweiten Ehemann Frederick Phillip Grove ging sie in die USA, nachdem er seinen Suizid vorgetäuscht hatte.<ref name=":0">Irene Gammel: Baroness Elsa. Gender, Dada, and Everyday Modernity. MIT Press, 2003, ISBN 978-0-262-07231-1.</ref> Sie war Malerin, Bildhauerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Rezitatorin, Muse und Aktmodell. 1913 heiratete sie den zehn Jahre jüngeren Leopold von Freytag-Loringhoven (eigentlich Leopold Freytag Freiherr von Loringhoven) in New York. Im Salon von Walter Conrad Arensberg lernte sie während des Ersten Weltkriegs zahlreiche im Exil lebende europäische Künstler wie Marcel Duchamp oder Jean Crotti kennen, dazu gesellten sich US-amerikanische Künstler wie Man Ray oder Alfred Stieglitz.
Werk
In Kreisen der modernen Künstler wurde Elsa von Freytag-Loringhoven als „Baroness“ (d. i. die Anrede für eine Freiin) bekannt, die zuerst als Künstlermodell, später auch mit eigenen Kunstwerken und Performances in Erscheinung trat.<ref name="feministische Studien">Irene Gammel: Dada-Ikone in New York. Die Performance-Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven. In: Feministische Studien, Vol. 22 (2004), No. 2, S. 248–262.</ref> Als „wandelndes Kunstobjekt“ wurde sie zur Muse der jungen Dada-Bewegung in New York.<ref>Jane Heap: Dada. In: The Little Review, Vol. 8, No. 2, S. 46.</ref> Elsa von Freytag-Loringhoven liebte es, exzentrisch gemusterte Kleidung zu tragen und dekorierte sich mit Alltagsgegenständen. So dienten ihr Teelöffel als Ohrringe oder leere Konservendosen als Büstenhalter. Mit ihrem um 1920 entwickelten Limbswish, einer Art Peitsche gefertigt aus einer Vorhangskordel und einer Metallfeder, erzeugte sie bei ihren Spaziergängen in den Straßen New York pfeifende Geräusche.<ref name="feministische Studien" /> Oft wurde ihre Performance-Kunst von anderen vereinnahmt, so wurden ihr Auftreten von Man Ray und Marcel Duchamps in Fotografien und auf Filmen festgehalten. Von dem gemeinsam realisierten Film Elsa, Baroness von Freytag-Loringhoven, Shaving Her Pubic Hair („Elsa, Baroness von Freytag-Loringhoven, ihr Schamhaar rasierend“) blieben nur ein einzelnes Standbild erhalten.<ref>Elaine YJ Zheng: Elsa von Freytag-Loringhoven. The Dada Baroness Who Shook the Art World. In: Ocula Magazine vom 27. Juli 2022 (aufgerufen am 6. Juli 2024).</ref> Die Baroness verkehrte ebenfalls im literarischen Salon von Margaret Anderson und Jane Heap, den Herausgeberinnen der avantgardistischen Zeitschrift The Little Review. In dieser Zeitschrift veröffentlichte Elsa von Freytag-Loringhoven regelmäßig ihre Dada-Gedichte, 1922 teils zeitgleich mit dem Erscheinen von James Joyce’ Ulysses im selbigen Magazin.<ref name=":0" />
1923, als immer mehr Künstler New York verließen und sich Paris als neues Zentrum der Kunstszene etablierte, kehrte Elsa von Freytag-Loringhoven zunächst nach Berlin zurück und ließ sich 1926 dann ebenfalls in Paris nieder.<ref name="feministische Studien" /> Wie viele andere Frauen in der Kunst konnte sie von ihrer Arbeit nicht auskömmlich existieren. Häufig in bitterer Armut lebend, da ihre Kunst und Person als zu exzentrisch empfunden wurden und die Kunstszene von Männern dominiert war, wurde sie u. a. von der Sammlerin und Mäzenin Peggy Guggenheim gefördert. Sie war Teil der US-amerikanischen Künstlerszene der Pariser Left Bank (Rive Gauche) in den 1920er Jahren, wo sie unter anderen mit Djuna Barnes bekannt war.
Dass sie unter dem Pseudonym „R. Mutt“ das 'einflussreichste Werk der Modernen Kunst'<ref>Louise Jury: 'Fountain' most influential piece of modern art, in: http://www.independent.co.uk/news/uk/this-britain/fountain-most-influential-piece-of-modern-art-6156702.html, 2. Dezember 2004 (abgerufen am 14. September 2015)</ref>, den Fountain geschaffen habe, wird in der Kunstwissenschaft kontrovers diskutiert.<ref>Who actually created Marcel Duchamp's 'Fountain'? 8. September 2015, abgerufen am 4. November 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Debatte um Urheberschaft, auf monopol-magazin.de</ref> Das zum Ready-made deklarierte Urinal wurde allgemein Marcel Duchamp zugeschrieben. Der englische Journalist und Kulturhistoriker John Higgs meinte dazu "Fountain is base, crude, confrontational and funny. Those are not typical aspects of Duchamp's work, but they summarise the Baroness and her art perfectly."(„Fountain“ ist vulgär, primitiv, provokativ und witzig. Das sind keine typischen Merkmale von Duchamps Werk, sie charakterisieren jedoch die Baronin und deren Kunst auf perfekte Weise.)<ref>John Higgs: Who actually created Marcel Duchamp's 'Fountain'? In: The Independent. 8. September 2015, abgerufen am 6. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Auch die Schriftstellerin Siri Hustvedt macht sich für diese These stark.<ref>Siri Hustvedt: A woman in the men's room: when will the art world recognise the real artist behind Duchamp's Fountain? In: The Guardian. 29. März 2019, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref>
Elsa von Freytag-Loringhoven starb 1927 in ihrer Wohnung in Paris im Schlaf an einer Gasvergiftung. Ob es sich hierbei um einen Unfall, einen Mord oder einen Suizid handelte, wurde nie geklärt. Angeblich soll sie einen Seemann beherbergt haben, der das Gasventil in der Wohnung geöffnet hatte. Djuna Barnes bemerkte hierzu: „Sie könnte einfach das tragische Opfer eines zu weit getriebenen grausamen Scherzes gewesen sein.“<ref>Elsa von Freytag-Loringhoven (Biografie). 29. September 2010, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 29. September 2010; abgerufen am 4. November 2022. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref><ref>Welcome to Francis Naumann Fine Art. Abgerufen am 4. November 2022.</ref>
Rezeption
Irene Gammel (* 1959) veröffentlichte 2002 unter dem Titel Baroness Elsa. Gender, Dada, and everyday modernity die erste Biografie Elsa von Freytag-Loringhovens.<ref>Judith Luig: Völlig Dada. In: Die Tageszeitung vom 22. November 2003.</ref><ref>Katharina Rutschky: Unbeeinträchtigt von geistiger Gesundheit. In: Frankfurter Rundschau vom 31. Dezember 2003.</ref> Die Erzählerin in Siri Hustvedts Roman Damals (2019) ist eine große Verehrerin der in dem Roman oft nur Baroness genannten Elsa von Freytag-Loringhoven.<ref>Siri Hustvedt: Damals. Reinbek bei Hamburg 2019, S. 221–223, S. 347, S. 428 und öfter.</ref>
Ausstellungen
- Die Dada-Baroness. Elsa von Freytag-Loringhoven. Ausstellung, konzipiert von Ernest Wichner und Lutz Dittrich, initiiert von Irene Gammel und von Brigitte Ebersbach; Literaturhaus Berlin, 23. März bis 8. Mai 2005; Ein Katalog erschien im Verlag Edition Ebersbach.
Gruppenausstellungen
- 2024: der die DADA. Unordnung der Geschlechter, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen. Kuratiert von Dr. Julia Wallner
- 2010: Wrong; Kunst im Tunnel, Düsseldorf kuratiert von Katharina Fritsch und Gertrud Peters
- 1943: Exhibition by 31 Women, Galerie Art of This Century von Peggy Guggenheim in New York City.<ref>Wendy G.: Have you heard of the 31 Women? travels with my art, 2. April 2024, abgerufen am 18. Februar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Literatur
- Britta Jürgs: Elsa von Freytag-Loringhoven. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Etwas Wasser in der Seife. Portraits dadaistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. Aviva Verlag, Grambin 1999, ISBN 3-932338-06-5, S. 115–126.
- Irene Gammel: Die Dada-Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven. (deutsche Übersetzung von Baroness Elsa. Gender, dada, and everyday modernity. A cultural biography) Edition Ebersbach, Berlin 2003, ISBN 3-934703-57-7.
- Anne Mette: Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven: Her Life, Art and Postion in New York Dada, Grin Verlag, 2009, ISBN 978-3-640-39878-2.
- Ina Boesch: Die DaDa. Wie Frauen Dada prägten. Scheidegger und Spiess, Zürich 2015, ISBN 978-3-85881-453-1.
- Suzanne Zelazo (ed.), Irene Gammel (ed.), Elsa Freytag-Loringhoven: Body Sweats: The Uncensored Writings of Elsa von Freytag-Loringhoven, The MIT Press, 2016, ISBN 978-0-262-52975-4.
Weblinks
- Literatur von und über Elsa von Freytag-Loringhoven im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Biografie Elsa_Freytag-Loringhoven auf www.dieterwunderlich.de
- Lady Dada: Elsa von Freytag-Loringhoven auf holbachinstitut.wordpress.com
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Freytag-Loringhoven, Elsa von |
| ALTERNATIVNAMEN | Plötz, Elsa Hildegard (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Künstlerin des Dadaismus |
| GEBURTSDATUM | 12. Juli 1874 |
| GEBURTSORT | Swinemünde |
| STERBEDATUM | 15. Dezember 1927 |
| STERBEORT | Paris |
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- Autor
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- Modell (Kunst)
- Familienmitglied des Adelsgeschlechts Frydag (Linie Loringhoven)
- Deutscher
- Geboren 1874
- Gestorben 1927
- Frau