Elisabeth Schüssler Fiorenza
Elisabeth Schüssler Fiorenza (* 17. April 1938 in Cenad, Königreich Rumänien) ist eine deutsch-amerikanische römisch-katholische Theologin. Sie zählt zu den weltweit renommiertesten Vertreterinnen der Feministischen Theologie und lehrte Neues Testament.<ref name='kll'/>
Familie und Ausbildung
Schüssler Fiorenzas deutschstämmige Familie gehörte der Minderheit der Banater Schwaben in Rumänien an.<ref>Elisabeth Schüssler Fiorenza: Grenzen überschreiten: der theoretische Anspruch feministischer Theologie: ausgewählte Aufsätze. LIT Verlag Münster, 2004, ISBN 978-3-8258-7166-6, S. 29 f. (google.de [abgerufen am 6. April 2024]).</ref> Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte Schüssler Fiorenza von Rumänien über Österreich nach Bayern<ref>Feministische Theologin Schüssler Fiorenza wird 80. 17. April 2018, abgerufen am 6. April 2024.</ref> und wuchs im unterfränkischen Weilbach auf.
Sie studierte von 1958 bis 1962 an der Universität Würzburg katholische Theologie. 1970 promovierte sie an der Universität Münster mit einer Arbeit zum Herrschafts- und Priestermotiv in der Johannesapokalypse. Die Arbeit entstand auf Anregung des früheren Würzburger Neutestamentlers Rudolf Schnackenburg. 1967 heiratete sie den US-amerikanischen Theologen Francis P. Fiorenza. 1973 bekam das Paar eine Tochter.<ref name='inter'>Antje Schrupp: Interview mit Elisabeth Schüssler Fiorenza. In: Hessischer Rundfunk. 10. Dezember 2000 (antjeschrupp.de [abgerufen am 8. April 2026] HR2).</ref>
Laufbahn
Seit 1970 war sie Professorin für Neues Testament in den USA. Erste Station war von 1970 bis 1984 die University of Notre Dame. 1971 gründete sie zusammen mit den Theologinnen Sallie McFague, Carol P. Christ, Mary Daly und der feministischen Religionsphilosophin Christine Downing den Women’s Caucus innerhalb der amerikanischen Vereinigung der Bibelwissenschaftler und Bibelwissenschaftlerinnen.<ref>Women’s Caucus: Religious Studies at the American Academy of Religion and Society for Biblical Literature (Hrsg.): About Women’s Caucus. (wixsite.com [abgerufen am 8. April 2026]).</ref> Durch ihr Engagement für den Women’s Caucus wurde sie international bekannt.<ref name='inter'/>
Von 1984 bis 1988 war sie Inhaberin der Talbot-Professur für Neues Testament an der Episcopal Divinity School in Cambridge (Massachusetts). 1984 unterzeichnete sie die Kampagne A Catholic Statement on Pluralism and Abortion. Schüssler Fiorenza ist neben der Religionswissenschaftlerin Judith Plaskow Mitbegründerin und Mitherausgeberin des 1985 gegründeten Journal of Feminist Studies in Religion.<ref>Journal of Feminist Studies in Religion (Hrsg.): About FSR. (fsrinc.org [abgerufen am 8. April 2026]).</ref><ref name='kll'>J. Wehnert: Schüssler Fiorenza, Elisabeth. In: H. L. Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon (KLL). J.B. Metzler, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-476-05728-0, doi:10.1007/978-3-476-05728-0_20222-1 (springer.com [abgerufen am 8. April 2026]).</ref> 1987 und 1988 war sie als erste Frau die Präsidentin der Society of Biblical Literature, der amerikanischen Vereinigung der Bibelwissenschaftler und Bibelwissenschaftlerinnen.<ref>Elisabeth Schüssler Fiorenza: The ethics of biblical interpretation: Decentering biblical scholarship. In: Journal of Biblical Literature. Band 107, Nr. 1, 1988, S. 3–17, doi:10.2307/3267820.</ref><ref>Society of Biblical Literature (Hrsg.): Presidential Addresses of the Society of Biblical Literature. (sbl-site.org [abgerufen am 8. April 2026]).</ref><ref name='lib'>Liberation Theology (Hrsg.): Elisabeth Schüssler Fiorenza. (liberationtheology.org [abgerufen am 8. April 2026]).</ref><ref name='inter'/>
Ab 1988 hatte sie die Krister-Stendahl-Professur an der Harvard University inne. Daneben ist sie Gast- und Stiftungsprofessorin unter anderem in Tübingen, Berlin und Heidelberg.<ref name='har'/> 2005 erschien eine Biografie über sie,<ref>Glen Enander: Elisabeth Schussler Fiorenza. In: Spiritual Leaders and Thinkers Series. Infobase Publishing, 2005, ISBN 978-1-4381-0658-8, S. 113 (google.ch [abgerufen am 8. April 2026] Biografie).</ref> die 2013 neu aufgelegt wurde.<ref>Glen Enander: Elisabeth Schussler Fiorenza. In: Spiritual leaders. Infobase Learning, 2013, ISBN 978-1-4381-4797-0 (google.ch [abgerufen am 8. April 2026] Biografie).</ref>
Elisabeth Schüssler Fiorenza wurde 2022 in Harvard emeritiert und ist seither als Forschungsprofessorin tätig.<ref name='har'></ref>
Theologie, Geschichte und Bibelinterpretation
Elisabeth Schüssler Fiorenza ist eine Pionierin feministischer Bibelhermeneutik, die sie erstmals ausführlich in ihrem Buch In Memory of Her (1983, deutscher Titel: Zu ihrem Gedächtnis… Eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge) formulierte. Das Buch wurde in dreizehn Sprachen übersetzt.<ref name='har'/> Feministische Theologie definiert sie darin als eine „kritische Theologie der Befreiung“.<ref>Elisabeth Schüssler Fiorenza: In Memory of Her. A Feminist Theological Reconstruction of Christian Origins. Crossroad, New York 1983, S. XXII f.</ref> Die feministische Hermeneutik ist eine Erkenntnislehre mit spezifischen Fragestellungen, beispielsweise: Was kann ich aus dem Text über die Meinungen, Handlungen und Positionen der frühen Christinnen erfahren? Welche Fragen habe ich als Frau an diesen Text? Warum ist er mir wichtig? Soche Fragestellungen gelten heute (2010) als wissenschaftlich akzeptiert, damals (1983) galten sie als Beleg für eine angeblich mangelnde Objektivität. Man dachte, »aus Frauensicht« an einen Text heranzugehen, bedeute, die Bibel mit den eigenen Vorurteilen zu verfälschen. Schüssler-Fiorenza machte jedoch deutlich, dass es eine vermeintlich »objektive« Herangehensweise nicht gibt, und dass jede Textauslegung über den eigenen Blickwinkel Rechenschaft ablegen muss. In ihrer Universitätslaufbahn brachte das Buch Schüssler-Fiorenza zusätzliche Anerkennung.<ref name='inter'/>
In der Historischen Jesusforschung plädiert sie dafür, das eigene Forschungsinteresse offenzulegen, statt Wissenschaft unausgesprochen mit positivistischer Rekonstruktion etwa echter Worte und Taten Jesu zu identifizieren. Dabei werde reduktionistisch Jesus von der Jesusbewegung und weiteren emanzipatorischen jüdischen Bewegungen getrennt. Die Männlichkeit Jesu werde als Tatsache objektiviert, die für den Glauben grundlegende Bedeutung habe (in Verbindung mit der Erwartung an die historische Jesusforschung, christliche Identität zu begründen).<ref>Elisabeth Schüssler Fiorenza: Jesus: Miriams Kind. Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie. Chr. Kaiser, Gütersloh 1997, S. 137 f. ISBN 3-579-01838-8.</ref> Ihr eigenes Interesse beschreibt sie beispielsweise:
„Vielmehr muß christlich-feministische Forschung das frühe Christentum und das frühe Judentum in einer Art und Weise konzipieren, daß sie Frauen und marginalisierte Männer als zentrale AgentInnen, die die christlichen und jüdischen Anfänge bestimmt haben, sichtbar machen kann. Dazu ist eine Neubewertung der theologischen Rahmenvorstellungen erforderlich, die christlichen Antijudaismus als linke Hand der Christologie und göttliche Männlichkeit als ihre rechte Hand produziert haben.“<ref>Jesus: Miriams Kind, Sophias Prophet, S. 139.</ref>
So versucht sie, hierarchische, autoritäre und patriarchale Vorstellungen in der Theologie zu überwinden. Patriarchat versteht sie umfassend, „so daß es nicht einfach die Herrschaft von Männern über Frauen meint, sondern eine komplexe soziale Pyramide abgestufter Herrschaft und Unterordnung bezeichnet“. Dafür führte sie den Begriff Kyriarchat ein, der ausdrückt, welche Männer ihre Untergebenen beherrschen – etwa Kaiser, Herr, Meister, Vater, Mann – und welche Frauen Zentrum der Befreiungstheologie sind, nämlich „die auf der untersten Ebene der kyriarchalen Pyramide leben“.<ref>Jesus: Miriams Kind, Sophias Prophet, S. 34 f.</ref>
Ehrungen
Im Jahre 2001 wurde Schüssler Fiorenza in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. In Anerkennung ihrer Arbeit wurde ihr die Ehrendoktorwürde vom St. Joseph's College in Connecticut, der Denison University in Ohio, dem St. Bernard's Institute in Rochester, der Universität Uppsala in Schweden, der Universität Würzburg, der Perkins School of Theology der Southern Methodist University und der Augustana-Hochschule in Bayern verliehen. Zuletzt wurde ihr der Jerome Award der Catholic Library Association verliehen.<ref name='har'/>
Werke
Deutsch
- Der vergessene Partner. Düsseldorf 1964.
- Priester für Gott. Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1969/70.
- Zu ihrem Gedächtnis… Eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge. München-Mainz 1988.
- Brot statt Steine. Die Herausforderung einer feministischen Interpretation der Bibel. Freiburg/Schweiz 1988.
- Frauenkirche – eine Exodusgemeinschaft. Luzern 1990.
- Das Buch der Offenbarung. Stuttgart 1994.
- Jesus – Miriams Kind, Sophias Prophet. Gütersloh 1997.
- Grenzen überschreiten. Der theoretische Anspruch feministischer Theologie. Münster 2004 (bei Google Books).
- Gerecht ist das Wort der Weisheit. Historisch-politische Kontexte feministischer Bibelinterpretation. Luzern 2008.
- WeisheitsWege. Eine Einführung in feministische Bibelinterpretation. Stuttgart 2005.
- Rhetorik und Ethik. Zur Politik der Bibelwissenschaften. Luzern 2013.
Englisch
- Aspects of Religious Propaganda in Judaism and Early Christianity. Notredame, Indianapolis 1976.
- The Apocalypse. Chicago 1976.
- Invitation to the Book of Revelation. Garden City 1981.
- In Memory of Her. A Feminist Theological Reconstruction of Christian Origins. Crossroad, New York 1983, ISBN 0-8245-0667-7.
- Bread Not Stone. Boston 1984.
- Theological Criteria and Historical Reconstruction. Berkeley 1987.
- Revelation. Vision of a Just World. Minneapolis 1991.
- But She Said. Boston 1992.
- Discipleship of Equals. New York 1993.
- Jesus – Miriam's Child. New York 1994.
- Searching the scriptures. New York 1994/95.
- The Power of Naming. Orbis Books, Maryknoll, New York 1996.
- Sharing Her Word. Edinburgh u. a. 1998.
- Rhetoric and Ethic. Minneapolis 1999.
- Jesus and the Politics of Interpretation. New York 2000.
- Wisdom Ways. Introducing Feminist Biblical Interpretation. Orbis Books, Maryknoll, New York 2001.
- The Power of the Word. Scripture and the Rhetoric of Empire, New York 2007.
- Changing Horizons: Explorations in Feminist Interpretation, New York 2013.
Literatur zu Elisabeth Schüssler Fiorenza
- Elisabeth Gössmann, Besprechung von: Elisabeth Schüssler Fiorenza, In Memory of Her. A Feminist Theological Reconstruction of Christian Origins, New York 1983. In: ThRv 80 (1984), Sp. 294–298.
- K. Rödiger: Der Sprung in die Wirklichkeit... Impulse aus dem rhetorischen Ansatz Elisabeth Schüssler Fiorenzas für die Rezeption biblischer Texte in narrativer Sozialethik (Ethik im theologischen Diskurs Bd. 18). Zürich/Münster 2009.
Weblinks
- Literatur von und über Elisabeth Schüssler Fiorenza im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Webseite ( vom 13. August 2011 im Internet Archive) von Elisabeth Schüssler Fiorenza an der Harvard Divinity School
- Antje Schrupp: Die Bibel mit den Augen einer Frau befragen. Ein biografisches Interview mit Elisabeth Schüssler Fiorenza. Abgerufen am 17. Mai 2010.
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schüssler Fiorenza, Elisabeth |
| KURZBESCHREIBUNG | katholische feministische Theologin |
| GEBURTSDATUM | 17. April 1938 |
| GEBURTSORT | Cenad, Königreich Rumänien |
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- Römisch-katholischer Theologe (20. Jahrhundert)
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- Feministische Theologin
- Befreiungstheologe
- Hochschullehrer (Harvard University)
- Neutestamentler
- Person (Landkreis Miltenberg)
- Banater Schwabe (Rumänisches Banat)
- Deutscher
- Geboren 1938
- Frau
- Hochschullehrer (University of Notre Dame)
- Mitglied der American Academy of Arts and Sciences