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Duhem-Quine-These

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Die Duhem-Quine-These (auch Quine-Duhem-These, Holismus-These) behauptet die Unterbestimmtheit einer Theorie durch Beobachtungsdaten. Demnach besteht, positiv formuliert, eine Theorie aus vielen miteinander verknüpften Aussagen, die zusammen ein möglichst kohärentes Ganzes bilden. Nur größere Theoriestücke werden letztlich mit der Erfahrung konfrontiert. Negativ formuliert, besitzt kein theoretischer Einzelsatz eine definitive Menge an Folgesätzen mit beobachtbaren empirischen Inhalten, die in Isolation bestätigt oder widerlegt werden könnten.<ref>Claus Ortner, Willard Van Orman Quine. S. 524 in: J. Nida-Rümelin, E. Özmen, Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. (Kröner) Stuttgart 2007.</ref>

Die These wurde erstmals von Pierre Duhem in seinem wissenschaftstheoretischen Hauptwerk La théorie physique, son objet, sa structure von 1906 formuliert. Sie beinhaltet zugleich eine Wissenschaftsauffassung und war für die ‹überlieferte Sichtweise› auf wissenschaftliche Theorien im 20. Jahrhundert, wie sie sich vor allem innerhalb des logischen Empirismus entwickelte und von ihren Vertretern formuliert wurde, «besonders einflussreich».<ref>Helmut Pulte, Wissenschaft, Abschnitt III (Ausbildung moderner Wissenschaftsbegriffe im 19. und 20. Jh.), Nr. 4 (Vermittelnde Positionen einschließlich Konventionalismus) in Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. (Schwabe) Basel 2004. S. 934–5 (digital: S. 51.286–7).</ref><ref>Siehe auch Frederic Suppe (1977), hier in der Literatur, S. 50, der hierin auch den Begriff des »Received Views« in der Wissenschaftsphilosophie geprägt hat.</ref>

Die sprachphilosophische oder erkenntnistheoretische Verallgemeinerung der These geht auf Willard V. O. Quine Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Sie beinhaltet zugleich eine radikale Kritik am logisch-empiristischen Theorienverständnis und ging ebenso wirkmächtig in die Analytische Philosophie ein.<ref>Helmut Pulte, Wissenschaft, Abschnitt III (Ausbildung moderner Wissenschaftsbegriffe im 19. und 20. Jh.), Nr. 4 (Vermittelnde Positionen einschließlich Konventionalismus) in Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. (Schwabe) Basel 2004. S. 934–5 (digital: S. 51.286–7).</ref><ref>Siehe F. Suppe (1977), hier in der Literatur: S. 66–72 (B. Observational-Theoretical Distinction).</ref><ref>Claus Ortner, Willard Van Orman Quine. S. 526 f. in: J. Nida-Rümelin, E. Özmen, Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. (Kröner) Stuttgart 2007.</ref> In seinem wegbereitenden Aufsatz Zwei Dogmen des Empirismus (Two Dogmas of Empiricism) von 1951 bringt Quine die These auf folgenden kurzen Slogan: «Die gesamte Wissenschaft, ob nun mathematisch verstanden, natur- oder geisteswissenschaftlich, ist [...] durch die Erfahrung unterbestimmt».<ref>Seite 42 in Quine (1951), hier in der Literatur. “Total science, mathematical and natural and human, is ... underdetermined by experience”.</ref>

Duhems wissenschaftstheoretische Fassung

Entsprechend dieser These kann einerseits eine wissenschaftliche Theorie nicht durch einzelne, isolierte Beobachtungen, Experimente und Hypothesen verifiziert oder falsifiziert werden. Andererseits verändert jede Bedeutungsgebung für einzelne Termini einer wissenschaftlichen Theorie oder einer Sprache zugleich den semantischen Gehalt der gesamten Sprache bzw. Theorie. Das ist die holistische Variante in Duhems Theorienauffassung.<ref>Siehe K. Stanford (2023), hier unter Weblinks: §1 (A first look: Duhem, Quine, and the Problems of Underdetermination).</ref>

Datei:Pierre Duhem um 1900.jpg
Pierre Duhem um 1900

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}} Andererseits bedeutet das Erklären durch eine physikalischen Theorie, als ein gesamtes System verstanden, dass jede Art von Letztbegründung oder Allgemeingültigkeit durch selbiges System eine unerreichbare Illusion bleibt. Je nach empirischer Datenlage, je nach Hintergrundannahmen und je nach vorwissenschaftlichen<ref>Duhem meint nach positivistischer Lesart vor allem metaphysische Annahmen, die (nach seiner Auffassung) allen physikalischen Grundbegriffen anhaften. Vgl. etwa Duhem (1998), hier in der Literatur, S. 16.</ref> Hypothesen können unterschiedliche Erklärungsmomente für dasselbe Phänomen auftreten:

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Die Duhem-Quine-These ergibt sich hierbei aus den naturphilosophischen Studien Pierre Duhems, der sie anhand mehrerer physikalischer Theorien aus der Mechanik, Elektrodynamik und Astrophysik formulierte und illustrierte.<ref>Die These ist in aller Ausführlichkeit zu finden in Kapitel 8 (Das physikalische Experiment) und 10 (Die physikalische Theorie und das Experiment) seines philosophischen Hauptwerks Duhem (1906), hier angegeben unter Literatur.</ref> (Sie ist gewissermaßen ein Postulat seines Werks.) Duhem verdeutlicht die These über eine Formulierung, welche die (logisch) unzerlegbare Verbindung zwischen experimentellen Anordnungen und ihren gesetzesartigen Abstraktionen definiert:

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}} Eines der vielen Beispiele Duhems, in dem er auf Poincarés konventionalistisches Theorienverständnis<ref>Das Beispiel wird von Poincaré analysiert in dessen Schrift Sur la valeur objective des théories physiques, in: Revue de Métaphysique et de Morale, No. 10, 1902.</ref> zurückgreift, fragt nach der empirischen Bedeutung der Aussage:

»Es fließt in diesem Draht ein Strom von so und so viel Ampère.«<ref>Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur, §2 (S. 192–200).</ref>

Die Bedeutung dieser (scheinbar) singulären Aussage umfasst eine «Unzahl möglicher Tatsachen und [...] Beziehungen zwischen verschiedenen experimentellen Gesetzen». Für den Zusammenhang zwischen der Wirkung des elektrischen Stroms durch den Draht und der mechanischen Auslenkung des Zeigers am Galvanometer muss die magnetische Wirkung auf den Zeiger angenommen werden, was wiederum Teil einer allgemeinen elektromagnetischen Theorie ist. Das „konkrete“ Messergebnis von einem Ampere wird zu einem «abstrakten und symbolischen Urteil» <math>I = 1\,A</math>. Sein Verständnis enthält eine Gesamtheit an miteinander verbundenen, zuvor interpretierten Beziehungen. (Dazu gehört etwa auch, dass ein Metalldraht unter bestimmten Umständen Elektrizität transportieren kann.) Sie sind Teil einer im Experiment ‹entstehenden Sprache›, die wiederum selbst die «Ausbildung einer physikalischen Theorie voraussetzt».<ref>Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur, S. 192 und 198. Im französischen Text Duhem (1906), S. 245, lautet der ganze Satz: «Le rôle du savant ne s'est donc pas borné à créer un langage clair et concis pour exprimer les faits concrets; ou plutôt, la création de ce langage supposait la création de la théorie physique.»</ref>

Wissenschaftliche Theorie und deren sprachliche Artikulation sind demnach semantisch so vielseitig miteinander verwoben, dass jede Zerlegung (»Analyse«) oder Isolierung einzelner Aussagen der experimentellen Sprache die Bedeutung der Gesamtterminologie ändert. Das ist ein Ausdruck der Duhem-Quine-These:

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}} Duhem wollte mit seiner Schrift der zum Ende des 19. Jahrhunderts eintretenden Überbetonung von abstrakten Formalisierungen, Reduktionen auf symbolische Strukturen in der theoretischen Physik entgegentreten. Er reiht sich damit ein in eine Vielzahl an phänomenalistischen und positivistischen Wissenschaftlern und Denkern, die ein Mathematisierungsprogramm für umfassende Gebiete der exakten Naturwissenschaften kritisch beurteilen.<ref>Wie etwa damals auch Hermann von Helmholtz, Ernst Mach, Henri Poincaré, Edmund Husserl und Ernst Cassirer, um nur einige zu nennen. Man vergleiche mit Suppe (1977), hier in der Literatur, S. 7–10. Ebd. S. 50 wird verdeutlicht, dass Duhem selbst zur Rekonstruktion physikalischer Theorien, wie sie dem Programm des noch kommenden Logischen Empirismus eigentümlich ist, und der im Fokus der Quineschen Variante der These steht, durchaus beigetragen hat: Seine Darstellung entspricht der ‹überlieferten Sichtweise› (von Suppe ''Received View'' genannt).</ref><ref>Siehe v. a. auch R. Ariew (2014), hier unter Weblinks: (2.1 Against ‹Newtonian Method›: The Duhem Thesis)</ref>

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Quines erkenntnistheoretische Fassung

Ferner verallgemeinerte Willard Van Orman Quine in seinem Aufsatz Two Dogmas of Empiricism (1951) die Auffassung linguistisch zu der These<ref> Streng genommen ist die Duhem-Quine-These- eine philosophische Hypothese über die Einkehr ‹außerlinguistischer Entitäten› in den Erkenntnisprozess, wie Quine selbst in Two Dogmas (1951, S. 38 f.) erläutert.</ref> für sämtliche Erkenntnisprozesse, die über Normal- bzw. Umgangssprachen erworben werden.<ref>Siehe Quine (1951), hier in der Literatur angegeben. In der Anmerkung auf Seite 41 der zweiten Fassung in From a Logical Point of View (1960), siehe hier in der Literatur), bezieht sich Quine auch auf die erste Darlegung der These in Duhem (1906).</ref><ref>Siehe K. Stanford (2023), hier unter Weblinks: §1 (A first look: Duhem, Quine, and the Problems of Underdetermination).</ref><ref>Vgl. auch Philip Kitcher, Philosophy of Science, Abschnitt Discovery, Justification, and Falsification. Webartikel in Encyclopædia Britannica, abgerufen am 11. Januar 2026.</ref> Dort behauptet er,

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Datei:Willard Van Orman Quine 1935.jpg
Willard Van Orman Quine 1935

Und in einer anderen Formulierung heißt es:

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Entsprechend seiner holistischen These über den Erkenntnisprozess versuchte Quine später in seinem Hauptwert Word and Object von 1960 die Gesamtheit der Erfahrung naturalistisch zu begreifen. Die Duhem-Quine-These bildet hierin die Grundhaltung, von der aus seine sprachanalytische Untersuchung ansetzt:

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Quine verfasste Two Dogmas mit dem Vorhaben, die streng disjunktive Unterscheidung zwischen Beobachtungstermini und theoretischen Termini in jeder wissenschaftlichen Sprache, wie sie im Logischen Empirismus in der Variante Rudolf Carnaps vorausgesetzt wurde, argumentativ zu widerlegen. Seine Widerlegung geht dabei über den wissenschaftsphilosophischen Kontext Duhems noch hinaus. Quine stellt die klassisch gewordene Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen, die dazu dient, die Herkunft der Termini erkenntnistheoretisch zu charakterisieren, insgesamt in Frage.<ref>Siehe F. Suppe (1977), hier in der Literatur. Darin die Introduction, Ch. IV: Criticism of the Received View, S. 70 f.</ref><ref>J. van Benthem, Logic in Philosophy, in D. Jaquette (Hrsg.), Philosophy of Logic. In der Reihe Handbook in Philosophy of Science. North Holland 2007: S. 69.</ref>

In der ursprünglichen Version Carnaps wird die Wissenschaftssprache nach formalisierten Standards simuliert und beinhaltet sogenannte Reduktionssätze (engl. reduction sentences), die eine Disjunktion in zwei Mengen, den theoretischen und den observablen Termen, logisch erzwingen.<ref> Siehe F. Suppe (1977), hier in der Literatur: S. 21.</ref><ref>In dieser formalsprachlichen Gestalt hat Carnaps logisches Projekt seine Gültigkeit in der so genannten Craig-Interpolation. William Craig hat in seinem Logikartikel On Axiomatizability of a System (1953), worin er sein Theorem formuliert, eine entsprechende Notiz (Anm. 9) dazu eingebracht. Siehe auch Suppe (1977), hier in der Literatur, Seite 32, Anm. 62.</ref><ref>Die Reduktionsthese ist ausführlicher Gegenstand in R. Carnap, Testability and Meaning. In: Philosophy of Science, Vol. 3, No. 4, 419–471 (1936).</ref> Quines Illustration seiner These in Two Dogmas belegt hingegen, dass diese logische Reduktion, auch bei partiellen Interpretationen der theoretischen Termini auf Umgangssprachen und realistische Theorien, eine Illusion bleiben würde und nicht umfassend gelingen könne.

Quine greift auf mehrere typische Beispiele aus der sprachanalytischen Tradition zurück. Eines davon<ref>Siehe Quine (1951), hier in der Literatur, S. 21.</ref> betrachtet die terminologische Gleichheit in der Aussage

»9 ist die Zahl der Planeten«.

Der Term “9” tritt hierbei in einer anderen Bedeutung (engl. meaning) auf als der Term „Zahl der Planeten“, denn in dem einen Fall kann die Zahl “9” zwar durch ihr jeweiliges Vorkommen im mathematischen – oder besser linguistischen – Gebrauch definiert werden. Dahinter verbirgt die Vorstellung, dass eine mathematische Gleichung wie etwa <math>9=7+1</math> nach Lesart des logischen Empirismus einen analytisch erfassten Bedeutungsinhalt hat: Wir können ohne empirische Prüfung sicher beurteilen, dass die Gleichung falsch ist.<ref>Siehe Hylton, Kemp (2023), hier unter Weblinks, §3: The Analytic-Synthetic Distinction and the Argument Against Logical Empiricism.</ref> Zudem lässt sich eine wahre Aussage wie <math>9=7+2</math> über die Menge der zulässigen Objekte, die diese Gleichung erfüllen, logisch ableiten.<ref>In der Sprachphilosophie und Logik spricht man auch von der Extension der Gleichungsaussage, so dass diese gültig ist. Siehe auch Quine (1951), hier in der Literatur, S. 21 f.</ref> Anders ist es hingegen bei der obigen Aussage, die «außer-linguistisches» (engl. extra-linguistic) Wissen von Tatsachenbeständen voraussetzt: Es sind astronomische Kenntnisse oder der Glaube an die Rechtmäßigkeit enzyklopädischer Einträge nötig, um die Bedeutung der Aussage und ihre Gültigkeit einzusehen. Es handelt sich um eine synthetische Aussage, die Zahl “9” hat in diesem Vorkommen eine nichtlogische Bedeutung.

In Two Dogmas will Quine nun zeigen, dass jede bisherige logische Kennzeichnung in zwei voneinander getrennte Bereiche, bestehend aus analytischen Aussageinhalten einerseits und synthetischen andererseits, dem im logischen Empirismus gesetzten Anspruch an Klarheit und Strenge nicht gerecht wird.<ref>Seine Beweisstrategie ist der Nachweis, dass sämtliche definitorische Kriterien, um Termini als ‹synonym› in einer formalen Sprache L auszuzeichnen, nicht hinreichend sind. Siehe hierzu auch F. Suppe (1977), hier in der Literatur, S. 70 f. (IV: Criticism of the Received View).</ref> So tritt die Duhem-Quine-These zugleich als ein holistisches Postulat auf, die Grenzen der semantischen Analyse durch eine logische Wissenschaftssprache (nach Carnaps Verständnis) aufzeigt.<ref>Siehe Hylton, Kemp (2023), hier unter Weblinks, 3.2: Quine's Alternative.</ref><ref>Dieses Bekenntnis zu einer übergeordneten und allgemeinen Wissenschaftslogik findet sich in aller Ausführlichkeit in R. Carnap, Logische Syntax der Sprache. (Springer) Wien, New York 1934. (Darin insbes. Kap. V.: Philosophie und Syntax, B: Wissenschaftslogik und Syntax, S. 243–260).</ref>

Logische Rekonstruktion der These

Heute findet man die Duhem-Quine-These auch in folgender rekonstruierten Problemstellung wieder:<ref>So entnommen (und dort auch das »Duhem-Quine-Problem« genannt) S. 229 in Allan Franklin, The Role of Experiments in the Natural Sciences: Examples From Physics and Biology. In T. Kuypers (2007), hier in der Literatur. Die Duhem-Quine-These wird hierbei angeführt, um methodische Kriterien ausfindig zu machen, unter denen Experimentierungen als abgeschlossen gelten und vom theoretischen Instrumenten konzeptuell getrennt werden können. Eine aktuelle Frage ist etwa, inwiefern die elektrodynamische Realisierung der Versuchsanordnungen von der theoretischen Beschreibung der Quantenmechanik getrennt werden könne (Siehe dazu ebd., S. 225–228).</ref> Angenommen, aus einer Hypothese <math>H</math> folgt ein experimentelles (beobachtbares) Ergebnis <math>E</math>; dann würde aus logischer Betrachtung immer der Modus tollens gelten. Der Schluss vom nicht-beobachteten Ereignis <math>\neg E</math> würde dann eindeutig die Ablehnung von <math>H</math> bezeichnen, also <math>\neg H</math>. Als Schlussform betrachtet:

<math>\qquad\frac{H \rightarrow E \, ,~ \neg E}{\neg H}</math>

Die Duhem-Quine-These stellt hingegen die isolierte Behandlung der Hypothese <math>H</math> in Frage. Vielmehr kommen neben ihr noch weitere Hintergrundannahmen <math>A_1, A_2, \ldots</math> vor. Der falsifizierende Schluss ist deshalb immer ein anderer:

<math>\qquad\frac{ ( H \, \wedge\, A_1 \, \wedge\, A_2 \, \wedge \ldots ) \rightarrow E\, ,~ \neg E}{\neg H \, \vee\, \neg A_1 \, \vee\, \neg A_2\, \vee \ldots}</math>

Das heißt, aus logischer Erwägung kann nur gefolgert werden, dass die Hypothese falsch ist oder eine oder mehrere der Hintergrundannahmen.<ref>Duhem (1998), S. 245, hier in der Literatur, sagt das so: „Das Experiment lehrt uns bloß, dass unter allen Lehrsätzen, die dazu gedient haben, die Erscheinung vorauszusagen ..., mindestens einer ein Irrtum ist. Aber wo dieser Irrtum liegt, sagt es uns nicht“.</ref> In letzter Konsequenz, so Quine, könne jede einzelne Aussage aus <math>\{ A_1, A_2, \ldots \} \cup H</math> beibehalten werden.<ref> A. Franklin, The Role of Experiments in the Natural Sciences: Examples From Physics and Biology. In T. Kuypers (2007), hier in der Literatur: S. 229. Siehe auch Quine (1975), hier in der Literatur, S. 314: „Jede der [wissenschaftlichen] Aussagen kann eingehalten werden in Anbetracht von widrigen Beobachtungen, indem andere der Aussagen revidiert werden“.</ref>

Folgerungen und weitere Bedeutungen

Allein Duhems wissenschaftstheoretische Untersuchungen bieten mehrere markante Gegenpositionen zu historisch geläufigen Auffassungen über Naturwissenschaft.<ref>Siehe v. a. R. Ariew (2014), hier unter Weblinks.</ref> Sie stellen Folgerungen oder weitere Bedeutungen der Duhem-Quine-These dar und sind teilweise auch das Ergebnis umfänglicher Fallstudien Duhems gewesen. Und Quines erkenntnistheoretische Fassung seiner These beinhaltet unmittelbare Folgerungen für das Verständnis von Philosophie selbst. Größtenteils sind diese Folgerungen auch in Quines eigenem Werk wiederzufinden. Einige dieser Punkte werden hier unvermittelt und mit gewissen Überschneidungen wiedergegeben.

Illusion eines endgültigen Experiments

Anders als Francis Bacon in seinem Novum Organum (1620) erklärte, könne es (nach Duhem) für Gesamtbereiche der exakten Naturwissenschaften kein Experimentum crucis geben, das allein über die Gültigkeit einer wissenschaftlichen Hypothese entscheidet. Stattdessen werde durch ‹experimentelle Prüfungen› immer eine ganze Gruppe von Hypothesen und Erscheinungen wie auch über ihre formalen Darstellungen beleuchtet. Niemals könne es gelingen, auf rein logischem Wege Widersprüche zu entlarven, Annahmen ad absurdum zu führen.<ref>Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur, S. 243–250 (§3: Das experimentum crucis ist in der Physik unmöglich).</ref> Das hieße, streng genommen, die empirische Wissenschaft insgesamt zu verlassen, was nicht angehen könne:

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Kritik am Induktivismus

Die (auch heute noch) geläufige Vorstellung, die Keplerschen Gesetze der Himmelsmechanik wurden von Isaac Newton zu dessen Gravitationsgesetz in einem induktiven Sinne verallgemeinert, sei (nach Duhem) eine Fehlvorstellung über die Verbindung zwischen empirischen Daten und deren Abstraktion zu einer physikalischen Theorie über Kraftwirkungen zwischen trägen Massen. Hintergründige nicht-mathematische (oder „materielle“) Hypothesen liegen vielmehr dem Schlussverfahren der Theorie zugrunde, die in Newtons Abstraktion nicht ausgesprochen und noch zu rekonstruieren sind.<ref>Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur: S. 254–258. Die Kritik richtet sich damit auch gegen ‹Newtons Methode›.</ref> Die »Theoriebeladenheit« sämtlicher Beobachtungsaussagen erzwingt die Aufgabe eines »naiven Induktivismus«,<ref>So die rekonstruierten Formulierungen in A. F. Chalmers, Wege der Wissenschaft. Zweite deutsche Auflage, übersetzt und herausgegeben von N. Bergemann. (Springer) Berlin, Heidelberg, New York 1989: S. 39 (Der Induktivismus: nicht endgültig widerlegt).</ref> demgemäß die Berechtigung der abstrakten physikalischen Begriffe wie Kraft und Masse der klassischen Mechanik aus den, die einzelnen Körper bestimmenden, beobachtbaren Eigenschaften durch bloße Verallgemeinerung gewonnen werden können.

Duhems historische Untersuchung zu Newtons allgemeines Beweisverfahren des Gravitationsgesetz wurde in dieser Hinsicht zu den ersten Fallbeispielen zugunsten einer nicht-induktivistischen Methodologie gezählt, die dessen empirisch-induktives Sinnkriterium, das Wissenschaftsgeschichte machte,<ref>In dem Sinne, dass Newtons Gravitationsgesetz heute zu den charakteristischsten und bewährtesten, zu den allgemeinsten Naturgesetzen überhaupt zählt. Siehe etwa Andreas Hüttemann, Naturgesetze, S. 138 in: A. Bartels, M. Stöckler (Hrsg.), Wissenschaftstheorie. (mentis) Paderborn 2007.</ref> in Frage stellte und sich nicht, „wie die meisten Historiker in Newtonverehrung erging“.<ref>Wortlaut aus Imre Lakatos, Die Geschichte der Wissenschaften und ihre rationalen Rekonstruktionen. In: W. Diederich (Hrsg.), Theorien der Wissenschaftsgeschichte. (Suhrkamp) Frankfurt am Main 1974: Seite 64, Anm. 18.</ref>

Antirealistisches Verständnis von Naturgesetzen

Unstimmigkeiten in den theoretischen Annahmen können (nach Duhem) niemals durch logische Analyse nachgewiesen und bereinigt werden. Vielmehr entscheiden Konventionen des wissenschaftlichen Gemeinsinns über die Wahl der zugrunde gelegten Hypothesen einer Wissenschaft.<ref>Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur: Seite 290: (Kap. 10, §10: Der gesunde Menschenverstand hat zu beurteilen, welche Hypothesen aufgegeben werden müssen).</ref> Das ist eine unmittelbar Folge aus der theoretischen oder kontrastiven<ref>So genannt in Kyle Stanford (2023), hier unter Weblinks: Kap. 3.</ref> Unterbestimmtheit der Duhem-Quine-These. Wie die Gesamtheit der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Tradition den Bau der theoretischen Einzelwissenschaften mitbestimmt, so kann demzufolge niemals die Existenz alternativer Gesamtwissenschaften ausgeschlossen werden. Diese Auffassung wird auch als Argument gegen den wissenschaftlichen Realismus herangezogen, demzufolge Naturbeobachtungen die als gültig anerkannten Theorien zugleich auch bewahrheiten.<ref>Siehe dazu Andreas Bartels, Wissenschaftlicher Realismus: S. 208 f. in A. Bartels, M. Stöckler (Hrsg.), Wissenschaftstheorie. (mentis) Paderborn 2007.</ref>

Imre Lakatos hat im Rahmen seiner Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme Duhems komventionalistisches Kriterium der »Commonsense«-Entscheidungen als wirkungslos („zahnlos“) zurückgewiesen, dem öffentlichen Gemeinsinn „harte Poppersche Elemente der“ Falsifikation entgegengesetzt.<ref>Siehe zu diesen Wortlauten und der Kritik insbesondere S. 71 u. 80 Anm. 57 aus I. Lakatos, Die Geschichte der Wissenschaften und ihre rationalen Rekonstruktionen. In: W. Diederich (Hrsg.), Theorien der Wissenschaftsgeschichte. (Suhrkamp) Frankfurt am Main 1974. Erstveröffentlichung 1974 (Vieweg, Braunschweig) als Teil von Lakatos, Musgrave Kritik und Erkenntnisfortschritt, übersetzt von P. Feyerabend.</ref>

Quines Physikalismus

Auch nach Quine sind es die Elemente der naturwissenschaftlichen Theorien, die unsere Wahrnehmung begleiten und die nach normativen Gütekriterien (das sind etwa Klarheit, Einfachheit, Schönheit oder Nützlichkeit der Hypothesen) zu beurteilen sind. Quine ist in dieser Hinsicht ein Physikalist zu nennen: Die Realität der physischen Objekte bleibt von den Ergebnissen der akzeptierten physikalischen Theorien und der Naturwissenschaft als Ganzes abhängig. Die folgenden drei Wortlaute verdeutlichen Quines Physikalismus hinter der Duhem-Quine-These:

{{#ifeq: {{{vor}}}@@-@@{{{nach}}} | -@@-@@- | {{#if:trim|Unser Reden über äußere Dinge, ja unsere Konzeption der Dinge ist nichts weiter als ein Begriffsapparat, der uns hilft, die Aktiviertung unserer Sinnesrezeptoren unter Berücksichtigung früherer Aktivierungen unsererer Sinnesrezeptoren vorherzusehen und im Griff zu halten. Diese Aktivierung ist erstlich und letztlich alles, wonach wir gehen können.}} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | {{#ifeq: de | de | „{{#if:trim|Unser Reden über äußere Dinge, ja unsere Konzeption der Dinge ist nichts weiter als ein Begriffsapparat, der uns hilft, die Aktiviertung unserer Sinnesrezeptoren unter Berücksichtigung früherer Aktivierungen unsererer Sinnesrezeptoren vorherzusehen und im Griff zu halten. Diese Aktivierung ist erstlich und letztlich alles, wonach wir gehen können.}}“ | {{#invoke:Text|quoteUnquoted| Unser Reden über äußere Dinge, ja unsere Konzeption der Dinge ist nichts weiter als ein Begriffsapparat, der uns hilft, die Aktiviertung unserer Sinnesrezeptoren unter Berücksichtigung früherer Aktivierungen unsererer Sinnesrezeptoren vorherzusehen und im Griff zu halten. Diese Aktivierung ist erstlich und letztlich alles, wonach wir gehen können. | {{{lang}}} }} }} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|-}} | - | | {{{vor}}} }}{{#if:trim|Unser Reden über äußere Dinge, ja unsere Konzeption der Dinge ist nichts weiter als ein Begriffsapparat, der uns hilft, die Aktiviertung unserer Sinnesrezeptoren unter Berücksichtigung früherer Aktivierungen unsererer Sinnesrezeptoren vorherzusehen und im Griff zu halten. Diese Aktivierung ist erstlich und letztlich alles, wonach wir gehen können.}}{{ #ifeq: {{#if:|{{{nach}}}|-}} | - | | {{{nach}}} }} }} }}{{ #if: W. V. O. QuineThings and Their Place in Theories<ref>Kap. 1 (Dinge und ihr theoretischer Ort) in Quine (1991), hier unter Literatur: S. 1.</ref> || }}

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}} Selbst die gewöhnlichen Begriffe über »Erfahrung« und des »Wissens« unterliegen so den methodologischen Standards an Klarheit, Beweis- und Erklärungsanzeichen, die von den Wissenschaften selbst gesetzt werden. Dennoch bleibt es eine offene und kritische Frage, ob und in welchem Sinne Quine – neben dem stark instrumentellen Unterton seiner Wissenschaftsauffassung – auch eine realistische Erkenntnistheorie vertreten hat.<ref>Siehe zu diesen Punkten insbes. Kap. 2 (Naturalized Epistemology) und 5. (Physicalism, Instrumentalism and Realism), in R. Sinclair, Quine: Philosophy of Science, in der Version vom 1. Januar 2026, hier unter Weblinks.</ref>

Ökonomieprinzip

Anlehnend an Ernst Mach und anderen positivistisch orientierten Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts positionierten auch Duhem und Quine sich auf Seiten der Instrumentalisten, die der Auffassung sind, dass eine Theorienwahl nach ökonomischen Kriterien stattfindet.<ref>Den Aspekt findet der Denkökonomie findet man insbesondere in Abschnitt Kap. 4 Abschn. 4 (Die Ökonomie in den Wissenschaften) in E. Mach, Die Mechanik in ihrer Entwickelung, historisch-kritisch dargestellt. Zweite Auflage. Brockhaus, Leipzig 1889: ab S. 452. Online verfügbar: archive.org</ref> Eine gute Theorie kennzeichnet die möglichst umfassende Ordnung der Phänomene.<ref>Siehe dazu Lothar Schäfer, S. XIX der Einleitung zu Duhem (1998), hier in der Literatur.</ref> Sie allein qualifiziere sich zu dem, was Duhem die natürliche Klassifikation bezeichnet: die nach Leichtigkeit und Brauchbarkeit gruppierten Gesetze lassen dann die „verborgene Wirklichkeit erahnen“.<ref>Siehe Seite 29 und 35 in Duhem (1998), hier in der Literatur. Nach Duhems Verständnis sind begrifflich klassifizierende Theorien gegenüber erklärenden Theorien, zwischen denen er eine strenge Trennlinie setzt, vorzuziehen, da sie, eher als erklärende Modelle, die „historische Kontinuität“ der physikalischen Begriffe bewahren können und metaphysische Konzeptionen aussparen. (Siehe dazu R. Ariew (2014), hier unter Weblinks, 2.2 Against Cartesian Method: Metaphysics and Models)</ref>

Für Quine ist die Einfachheit der Hypothesen, entweder in ihrer Anzahl oder ihrem Gehalt, oder im Minimum der vorkommenden Grundbegriffe, ein dementsprechendes Auswahlkriterium:

{{#ifeq: {{{vor}}}@@-@@{{{nach}}} | -@@-@@- | {{#if:trim|[E]infachere Hypothesen haben eine höhere Chance zur Bestätigung. Und hier gibt es Wunschdenken. Hier gibt es Voreingenommenheit in der Wahrnehmung, bei der die Datenlage zu einfachen Mustern hingeführt wird. Es gibt Voreingenommenheit bei experimentellen Begriffsmerkmalen, wodurch die einfachere von zwei Hypothesen manchmal zum Nachweis zugelassen wird, während man die Alternative als unzugänglich zurücklässt.}} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | {{#ifeq: de | de | „{{#if:trim|[E]infachere Hypothesen haben eine höhere Chance zur Bestätigung. Und hier gibt es Wunschdenken. Hier gibt es Voreingenommenheit in der Wahrnehmung, bei der die Datenlage zu einfachen Mustern hingeführt wird. Es gibt Voreingenommenheit bei experimentellen Begriffsmerkmalen, wodurch die einfachere von zwei Hypothesen manchmal zum Nachweis zugelassen wird, während man die Alternative als unzugänglich zurücklässt.}}“ | {{#invoke:Text|quoteUnquoted| [E]infachere Hypothesen haben eine höhere Chance zur Bestätigung. Und hier gibt es Wunschdenken. Hier gibt es Voreingenommenheit in der Wahrnehmung, bei der die Datenlage zu einfachen Mustern hingeführt wird. Es gibt Voreingenommenheit bei experimentellen Begriffsmerkmalen, wodurch die einfachere von zwei Hypothesen manchmal zum Nachweis zugelassen wird, während man die Alternative als unzugänglich zurücklässt. | {{{lang}}} }} }} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|-}} | - | | {{{vor}}} }}{{#if:trim|[E]infachere Hypothesen haben eine höhere Chance zur Bestätigung. Und hier gibt es Wunschdenken. Hier gibt es Voreingenommenheit in der Wahrnehmung, bei der die Datenlage zu einfachen Mustern hingeführt wird. Es gibt Voreingenommenheit bei experimentellen Begriffsmerkmalen, wodurch die einfachere von zwei Hypothesen manchmal zum Nachweis zugelassen wird, während man die Alternative als unzugänglich zurücklässt.}}{{ #ifeq: {{#if:|{{{nach}}}|-}} | - | | {{{nach}}} }} }} }}{{ #if: W. V. O. QuineOn Simple Theories of a Complex World<ref>Seite 106 in Synthese, Bd. 15 (1), 1963: S. 103–106. “[T]he simpler hypothesis stands the better chance of confirmation. There is wishful thinking. There is a perceptual bias that slants the data in favor of simple patterns. There is a bias in the experimental criteria of concepts, whereby the simpler of two hypotheses is sometimes opened to confirmation while its alternative is left inaccessible”</ref> || }}

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Kuhn-Unterbestimmtheit

Alternative Theoriestrukturen, die untereinander inkonsistent sind, können dieselbe Menge an empirischen Folgerungen hervorrufen. Das ist eine Fassung der Duhem-Quine-These.<ref>So die Formulierung von Seite 313 in Quine (1975), hier in der Literatur. Dort auf Seite 314 unterscheidet Quine diese engere Fassung, die sich auf beobachtbare Folgerungen bezieht, von einem wissenschaftsumgreifenden “Holism”, der Duhem-Quine These im weiteren Sinne: „Die Holismusthese verleiht der Unterbestimmtheitsthese erst ihre Glaubwürdigkeit”.</ref> Die Beurteilung zur Leistungsfähigkeit alternativer Hypothesen und Theorien bleibt von außerwissenschaftlichen Kriterien abhängig, die nicht mehr durch wissenschaftlichen Konsens, durch einheitliche oder kohärente Begründung möglich erscheint. Thomas S. Kuhn hat im Rahmen seines Werks Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (engl. Original 1962) den Fall des Krisenzustandes, in dem sich die Physik durch die Entdeckung der Quantenmechanik befand, historisch aufzeigen können. Hier trat nach Kuhn derartige bewertende Unsicherheit tatsächlich auf. Dieser „Spielraum der Beurteilung“, wenn Grundsätze von Theorien, die eine wissenschaftliche Gesamtstruktur bilden, unterschiedlich bewertet werden, wird deshalb gelegentlich auch Kuhn-Unterbestimmtheit bezeichnet.<ref>Siehe etwa Martin Carrier, Wege der Wissenschaftsphilosophie im 20. Jahrhundert. S 33, Kap. I in A. Bartels, M. Stöckler (Hrsg.), Wissenschaftstheorie. (mentis) Paderborn 2007</ref> In diesen Szenario könne man sich allein auf die „Wirkung gemeinsamer Werte“ berufen:

{{#ifeq: {{{vor}}}@@-@@{{{nach}}} | -@@-@@- | {{#if:trim|Werte können in einem größeren Ausmaß als andere Bestandteile des disziplinären Systems von Wissenschaftlern geteilt werden, die sich jedoch in deren Anwendung unterscheiden. Urteile über Genauigkeit sind von einem Zeitpunkt zum anderen und von einem Gruppenmitglied zum anderen einigermaßen, wenngleich nicht völlig unveränderlich. Aber Urteile über Einfachheit, Verträglichkeit, Plausibilität usw. variieren oft stark zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. ... Die eine Theorie kann genauer, aber weniger widerspruchsfrei oder plausibel als eine andere sein.}} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | {{#ifeq: de | de | „{{#if:trim|Werte können in einem größeren Ausmaß als andere Bestandteile des disziplinären Systems von Wissenschaftlern geteilt werden, die sich jedoch in deren Anwendung unterscheiden. Urteile über Genauigkeit sind von einem Zeitpunkt zum anderen und von einem Gruppenmitglied zum anderen einigermaßen, wenngleich nicht völlig unveränderlich. Aber Urteile über Einfachheit, Verträglichkeit, Plausibilität usw. variieren oft stark zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. ... Die eine Theorie kann genauer, aber weniger widerspruchsfrei oder plausibel als eine andere sein.}}“ | {{#invoke:Text|quoteUnquoted| Werte können in einem größeren Ausmaß als andere Bestandteile des disziplinären Systems von Wissenschaftlern geteilt werden, die sich jedoch in deren Anwendung unterscheiden. Urteile über Genauigkeit sind von einem Zeitpunkt zum anderen und von einem Gruppenmitglied zum anderen einigermaßen, wenngleich nicht völlig unveränderlich. Aber Urteile über Einfachheit, Verträglichkeit, Plausibilität usw. variieren oft stark zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. ... Die eine Theorie kann genauer, aber weniger widerspruchsfrei oder plausibel als eine andere sein. | {{{lang}}} }} }} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|-}} | - | | {{{vor}}} }}{{#if:trim|Werte können in einem größeren Ausmaß als andere Bestandteile des disziplinären Systems von Wissenschaftlern geteilt werden, die sich jedoch in deren Anwendung unterscheiden. Urteile über Genauigkeit sind von einem Zeitpunkt zum anderen und von einem Gruppenmitglied zum anderen einigermaßen, wenngleich nicht völlig unveränderlich. Aber Urteile über Einfachheit, Verträglichkeit, Plausibilität usw. variieren oft stark zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. ... Die eine Theorie kann genauer, aber weniger widerspruchsfrei oder plausibel als eine andere sein.}}{{ #ifeq: {{#if:|{{{nach}}}|-}} | - | | {{{nach}}} }} }} }}{{ #if: T. KuhnDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen<ref>Aus dem Postskriptum, S. 197, der zweiten revidierten Auflage von 1969, übersetzt von H. Vetter. (Suhrkamp) Frankfurt am Main 1992: S. 1.</ref> || }}

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Wissenschaft als kulturelles Unternehmen und zweite Natur

Philosophie stellt keine von den Wissenschaften unabhängige Untersuchung dar. Kein Wissen und keine Methode lässt sich auszeichnen, durch welche sich Philosophieren von der geistigen Tätigkeit eines Wissenschaftlers unterscheiden würde. Diese erkenntnistheoretische Folgerung hat vor allem Quine gezogen. An anderer Stelle zählt er sie vielmehr zu seiner naturalistischen Grundannahme:

{{#ifeq: {{{vor}}}@@-@@{{{nach}}} | -@@-@@- | {{#if:trim|[D]er Naturalismus, [an den ich glaube, ist] die Erkenntnis, daß die Realität im Rahmen der Wissenschaft selbst identifiziert und beschrieben werden muß, nicht in einer vorgängigen Philosophie.}} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | {{#ifeq: de | de | „{{#if:trim|[D]er Naturalismus, [an den ich glaube, ist] die Erkenntnis, daß die Realität im Rahmen der Wissenschaft selbst identifiziert und beschrieben werden muß, nicht in einer vorgängigen Philosophie.}}“ | {{#invoke:Text|quoteUnquoted| [D]er Naturalismus, [an den ich glaube, ist] die Erkenntnis, daß die Realität im Rahmen der Wissenschaft selbst identifiziert und beschrieben werden muß, nicht in einer vorgängigen Philosophie. | {{{lang}}} }} }} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|-}} | - | | {{{vor}}} }}{{#if:trim|[D]er Naturalismus, [an den ich glaube, ist] die Erkenntnis, daß die Realität im Rahmen der Wissenschaft selbst identifiziert und beschrieben werden muß, nicht in einer vorgängigen Philosophie.}}{{ #ifeq: {{#if:|{{{nach}}}|-}} | - | | {{{nach}}} }} }} }}{{ #if: W. V. O. QuineTheorien und Dinge || <ref>Quine (1991), hier in der Literatur: S. 35.</ref> }}

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}} Letztlich sind sämtliche wissenschaftlichen Objekte, der Physik wie auch der Mathematik oder Philosophie, kulturelle Setzungen oder Voraussetzungen (engl. cultural posits). Der Unterschied zwischen einem „Elektron“ und den „Göttern von Homer“ ist letztlich kein „seinsmäßiger“, ontologischer, sondern lediglich einer des erkenntnistheoretischen Grades.<ref>Siehe den Wortlaut Seite 41 in Quine (1951), hier in der Literatur (IV. Empiricism Without the Dogmas).</ref> Ontologische Fragen, Entscheidungen darüber, was existiert, können, zumindest für Quine, der hierin der logisch-empiristischen Entwicklung nach Carnap folgt,<ref>Hans-Johann Glock, Quine and Davidson on Language, Thougt and Reality. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2003: S. 63 f. (Kap. 2 Ontology).</ref> allein innerhalb eines gesetzten theoretischen Rahmens des Diskurses, dem Linguistic Framework, eindeutig beantwortet werden. Externe Fragen bezüglich des Rahmens (im Sinne Carnaps)<ref>Siehe dazu etwa Rudolf Carnap, Empiricism, Semantics and Ontology. In Revue Internationale de Philosophie, 4 (1950): p. 20–40 Darin insbes. Abschnitt 2 (Linguistic Frameworks). Online verfügbar: ditext.com </ref> bleiben unentscheidbar.<ref>Diese sprachanalytische Tendenz, über Bestehendes bloß „graduell“, je nach Erkenntnisstand und bezogen auf den jeweils gewählten sprachlichen Rahmen, entscheiden zu können, wird bereits in L. Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (1922) deutlich, wenn er dort (6.371 f.) auf die Objekte der Physik zu sprechen kommt: «Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien. So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbarem stehen, wie die Älteren bei Gott und dem Schicksal. Und sie haben ja beide Recht, und Unrecht. Die Alten sind allerdings insofern klarer, als sie einen klaren Abschluss anerkennen, während es bei dem neuen System scheinen soll, als sei alles erklärt.»</ref>

In diesem Sinne aber verfolgt Quine konsequent eine naturalistische Erkenntnislehre, dass allein die Methoden und Techniken der empirischen Wissenschaften den Zugang zur Welt und Natur eröffnen.<ref>Zu beachten ist allerdings, dass Quine einen so breiten Begriff von Naturwissenschaft meint, das sie einerseits auch Psychologie, Wirtschaftslehre oder Soziologie mitbestimmt, andererseits wissenschaftliches Wissen vom Alltagswissen kaum zu unterscheiden ist. Siehe dazu P. Hylton, G. Kemp (2023) 2. Quine's Naturalism and its Implication, siehe unter Weblinks.</ref><ref>R. Sinclair, Quine's Philosophy of Science, siehe hier und Weblinks, weist darauf hin, dass die ontologischen, „wirklichen“ Voraussetzungen auch nach Quine von durch allgemeinen (erkenntnistheoretischen) „Kategorien“ abhängig sind.</ref> Selbst das logische Bivalenzprinzip sei nicht frei von Einschränkungen, die aus empirischer Datenlage entspringen.<ref>Siehe Quine (1951), hier in der Literatur, S. 40; und Quine (1980), hier in der Literatur: S. 276 f.</ref> So werden sämtliche Elemente der Wissenschaften zu einer kulturellen Unternehmung, die, haben sie einmal einen Rang einer selbstverständlichen Wirklichkeit erreicht, zu einer zweiten Natur (engl. second nature) geworden sind:

{{#ifeq: {{{vor}}}@@-@@{{{nach}}} | -@@-@@- | {{#if:trim|Die Theorie als ganze – in diesem Fall ein Kapitel aus der Chemie plus relevante Zusätze aus der Logik und anderen Gebieten – ist ein Gewebe aus Sätzen, die durch den Mechanismus der Konditionierung vielfältig miteinander und mit nichtverbalen Reizen verknüpft worden sind. Eine Theorie kann – wie z. B. ein Kapitel über Chemie – auf Absicht beruhen; sie kann aber auch – wie die aus unvordenklichen Zeiten stammende Lehre von den gewöhnlichen bleibenden physikalischen Gegenständen mittlerer Größe – zweite Natur geworden sein.}} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | {{#ifeq: de | de | „{{#if:trim|Die Theorie als ganze – in diesem Fall ein Kapitel aus der Chemie plus relevante Zusätze aus der Logik und anderen Gebieten – ist ein Gewebe aus Sätzen, die durch den Mechanismus der Konditionierung vielfältig miteinander und mit nichtverbalen Reizen verknüpft worden sind. Eine Theorie kann – wie z. B. ein Kapitel über Chemie – auf Absicht beruhen; sie kann aber auch – wie die aus unvordenklichen Zeiten stammende Lehre von den gewöhnlichen bleibenden physikalischen Gegenständen mittlerer Größe – zweite Natur geworden sein.}}“ | {{#invoke:Text|quoteUnquoted| Die Theorie als ganze – in diesem Fall ein Kapitel aus der Chemie plus relevante Zusätze aus der Logik und anderen Gebieten – ist ein Gewebe aus Sätzen, die durch den Mechanismus der Konditionierung vielfältig miteinander und mit nichtverbalen Reizen verknüpft worden sind. Eine Theorie kann – wie z. B. ein Kapitel über Chemie – auf Absicht beruhen; sie kann aber auch – wie die aus unvordenklichen Zeiten stammende Lehre von den gewöhnlichen bleibenden physikalischen Gegenständen mittlerer Größe – zweite Natur geworden sein. | {{{lang}}} }} }} | {{#ifeq: {{#if:|{{{vor}}}|-}} | - | | {{{vor}}} }}{{#if:trim|Die Theorie als ganze – in diesem Fall ein Kapitel aus der Chemie plus relevante Zusätze aus der Logik und anderen Gebieten – ist ein Gewebe aus Sätzen, die durch den Mechanismus der Konditionierung vielfältig miteinander und mit nichtverbalen Reizen verknüpft worden sind. Eine Theorie kann – wie z. B. ein Kapitel über Chemie – auf Absicht beruhen; sie kann aber auch – wie die aus unvordenklichen Zeiten stammende Lehre von den gewöhnlichen bleibenden physikalischen Gegenständen mittlerer Größe – zweite Natur geworden sein.}}{{ #ifeq: {{#if:|{{{nach}}}|-}} | - | | {{{nach}}} }} }} }}{{ #if: W. V. O. QuineWort und Gegenstand<ref>§ 3 (Ein Satz belebt den anderen), S. 34, in Quine (1980), hier in der Literatur.</ref> || }}

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Literatur

  • Pierre Duhem, Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. Hrsg. v. Lothar Schäfer, mit einer Einleitung versehen (Duhems Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaftstheorie). Nach der Übersetzung von F. Adler aus dem Jahr 1908. Meiner, Hamburg 1998, ISBN 978-3-7873-1457-7
    • Französische Originalschrift: P. Duhem, La théorie physique, son objet, sa structure. (Chevalier, Revière) Paris 1906. Online verfügbar: archive.org. Digitale Textform: ABU: Bibliothèque Universelle.
    • Deutsche Erstübersetzung von Friedrich Adler, mit einem Vorwort von Ernst Mach. (A. Barth) Leipzig 1908. Online verfügbar: archive.org.
  • Theo A. F. Kuipers (Hrsg.), General Philosophy of Science. In der Reihe Handbook of Philosophy of Science. In: Science Direct, North-Holland 2007.
  • W. V. O. Quine, Two Dogmas of Empiricism. In: Philosophical Review. Vol. 60, No. 1 (1951): 20–43. Online verfügbar: ditext.com.
    • Mit leichten Überarbeitungen, weiteren Anmerkungen versehen, neu herausgegeben in W. V. O. Quine: From a Logical Point of View. Second Edition. (Harper) New York, Hagerstown, San Francisco 1960, Seiten 20 – 46. Online: archive.org.
  • W. V. O. Quine, Wort und Gegenstand. Deutsche Übersetzung von Joachim Schulte des englischen Originals Word and Object (1960). Reclam, Stuttgart 1980.
    • Englisches Original: Word and Object. MIT Press, Cambridge (Massachusetts) 1960. Online verfügbar (Free Access): archive.org
  • W. V. O. Quine, On Empirically Equivalent Systems of the World. In: Erkenntnis, Bd. 9 (1975), S. 313–328.
  • W. V. O. Quine, Theorien und Dinge. Übersetzung von Joachim Schulte (englisches Original Theories and Things, 1981). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991
  • Frederick Suppe, The Structure of Scientific Theories. Second Edition. Univ. Illinois Press. Urbana, Chicago, London 1977.

Weblinks

Videos

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Einzelnachweise

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