Drüsenmagendilatation
Die Drüsenmagendilatation (synonym: Neurogene oder Neuropathische Drüsenmagendilatation, Myogene Ganglioneuritis, Macaw Wasting Disease, (Psittacine) Proventricular Dilatation Disease, PDD) ist eine schwere Viruserkrankung des Nervensystems bei Papageien (Psittaciformes), die typischerweise mit einer starken Erweiterung (Dilatation) des Drüsenmagens und starker Abmagerung einhergeht. Die Erkrankung kommt weltweit verbreitet bei in Menschenhand gehaltenen Papageienvögeln vor und ist nicht heilbar.<ref name=":0"></ref><ref name=":1"></ref>
Ätiologie und Pathogenese
Nachdem die Ursache der PDD für fast 30 Jahre nach ihrer Entdeckung unbekannt geblieben war, konnte inzwischen die Gruppe der Papageien-Bornaviren (parrot bornavirus 1 bis 8, PaBV-1 bis -8) als Auslöser der Krankheit bestätigt werden.<ref name=":0" /><ref name=":1" /><ref>S. M. Hoppes, H. L. Shivaprasad: Update on Avian Bornavirus and Proventricular Dilatation Disease: Diagnostics, Pathology, Prevalence, and Control. In: The veterinary clinics of North America. Exotic animal practice, Mai 2020, Band 23, Nummer 2, S. 337–351; doi:10.1016/j.cvex.2020.01.006, PMID 32327040 (Review).</ref>
Bei vielen Vögeln verläuft die Infektion ohne klinische Symptome. Bei einigen Tieren verursacht der Erreger eine Entzündung und Degeneration der Nerven. Hierbei ist meist zunächst das vegetative Nervensystem des Verdauungsapparats betroffen, welches die Motilität des Magen-Darm-Trakts steuert. Da der Drüsenmagen eine relativ dünne Wand hat, kommt es hier im Regelfall am ehesten zu einer Dilatation. Aber auch andere Anteile wie der Muskelmagen oder der Kropf können betroffen sein. Neben dem Magen-Darm-Trakt treten Entzündungsreaktionen auch in den Nervensystemen anderer Organe sowie im Zentralnervensystem auftreten.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Die Inkubationszeit ist sehr variabel und kann zwischen wenigen Wochen und vermutlich mehreren Jahren schwanken. Ein Teil der infizierten Tiere bleibt trotz lebenslang bestehender Infektion klinisch gesund.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Klinisches Bild
Das klinische Bild ist häufig unspezifisch. Die Tiere magern ab und zeigen eine allgemeine Schwäche, obwohl die Futteraufnahme nicht reduziert, sondern häufig sogar gesteigert ist. Ein Anfangsverdacht sind unverdaute Körner im Kot. Bei Störungen der Kropfentleerung kann Regurgitieren auftreten.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Neben dem klassischen Bild der PDD können auch Verlaufsformen auftreten, die durch zentralnervöse Störungen, wie bspw. Krämpfe und Koordinationsstörungen gekennzeichnet sind. Auch plötzliche Todesfälle ohne vorherige Auffälligkeiten wurden beschrieben.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Diagnose und Differentialdiagnose
Die klinische Diagnose der klassischen Verlaufsform der PDD kann mit einiger Sicherheit am Röntgenbild und nach dem Ausschlussverfahren gestellt werden. Im Röntgenbild stellt sich ein erweiterter, dünnwandiger Drüsenmagen dar. Zur Diagnostik kann der Quotient aus vertikalem Durchmesser des Drüsenmagens in Höhe des letzten Brustwirbels und maximaler Höhe des Brustbeinkamms (Crista sterni) ermittelt werden. Dieser ist bei krankhaft vergrößertem Drüsenmagen größer 0,52.<ref>S.E. Dennison et al.: Radiographic determination of proventricular diameter in psittacine birds. In: J. Am. Vet. Med. Assoc., 2008, 232, S. 709–714.</ref> Bis zur Entdeckung der PaBVs als Krankheitsursache wurde zur Sicherung der Diagnose die Entnahme eines Stücks aus der Wand des Kropfs mit anschließender histopathologischer Untersuchung durchgeführt.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Weder die klassische Verlaufsform der PDD, noch andere Verlaufsformen, wie die zentralnervöse Form, lassen sich lediglich anhand des klinischen Bilds zweifelsfrei von anderen Erkrankungen unterscheiden. Die Diagnostik muss daher immer durch den Nachweis einer PaBV-Infektion abgesichert werden. Beim verendeten Tier gelingt die in der Regel einfach durch den Nachweis des Virus aus verschiedenen Organen, vor allem dem Gehirn, mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) oder Immunhistochemie (IHC). Beim lebenden Tier kann Virus-RNA mittels PCR aus Rachen- und Kloakentupfern nachgewiesen werden. Antikörper gegen PaBVs können im Serum mittels Immunfluoreszenz-Antikörpertest (IFAT) oder ELISA nachgewiesen werden. Allerdings scheiden nicht alle infizierten Tiere jederzeit Virus-RNA aus und auch nicht alle infizierten Tiere bilden messbare Antikörper. Es wird daher empfohlen wenn möglich, beide Untersuchungsmethoden zu kombinieren. Bei der PCR-Diagnostik ist außerdem zu beachten, dass die Krankheit durch mindestens acht verschiedene PaBVs (PaBV-1 bis PaBV-8) verursacht werden kann, die sich genetisch teilweise deutlich voneinander unterscheiden. Die eingesetzten PCRs müssen daher in der Lage sein, alle diese Viren mit ausreichender Sensitivität zu detektieren.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Differentialdiagnostisch müssen bakterielle und mykotische Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts ausgeschlossen werden. Allerdings kann es auch sekundär durch Stase der Nahrung zu einem Auftreten solcher Erkrankungen kommen. Weiterhin müssen parasitäre Erkrankungen, insbesondere der Befall mit Spulwürmern und Bandwürmern, anhand von Kotproben ausgeschlossen werden.
Therapie und Prognose
Eine wirksame Behandlung existiert nicht und die Prognose ist schlecht. Lebensverlängernd kann eine Reduktion der entzündlichen Veränderungen mit Celecoxib oder Meloxicam versucht werden. Auch die Gabe von Vitamin-B-Komplex wird von einigen Autoren empfohlen. Zur Verbesserung der Kropfentleerung und der Vermeidung von Regurgitieren kann 20 Minuten vor der Fütterung Metoclopramid gegeben werden, auf die Magenmotilität hat dies beim Vogel jedoch kaum Einfluss.
Zur Vermeidung einer Einschleppung der Erreger in den Bestand sollten Zukäufe zu Beständen einer Quarantäne unterzogen und auf PaBVs untersucht werden. Aufgrund der oben beschriebenen Problematik der sicheren Diagnostik am lebenden Tier sollte die Untersuchung mehrfach im Abstand mehrerer Wochen wiederholt werden, bevor neue Tiere in den Bestand eingegliedert werden.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Literatur
- M. Pees: Die Neuropathische Drüsenmagendilatation. In: Kleintier konkret, 2005, 8(2), S. 26–30.
- K. Gabrisch, P. Zwart: Krankheiten der Heimtiere. 6. Auflage. Schlütersche, 2005, ISBN 3-89993-010-X.
Einzelnachweise
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