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Digital Humanities

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(Weitergeleitet von Digitale Geisteswissenschaften)

Die Digital Humanities (kurz DH; auch Digitale Geisteswissenschaften) sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld an der Schnittstelle zwischen der Informatik und den klassischen Geistes- und Kulturwissenschaften. Das Feld bündelt und erweitert dabei methodische Ansätze aus etablierten Schnittstellendisziplinen wie der Computerphilologie, der Historischen Fachinformatik, der Informationswissenschaft und der Computerlinguistik.

Typische Anwendungsbereiche reichen von der maschinenlesbaren Aufbereitung historischer Quellen (digitale Edition) über die statistische Analyse großer Textkorpora (Text Mining) bis hin zur Netzwerkanalyse und Informationsvisualisierung komplexer Forschungsdaten. Darüber hinaus widmet sich die Disziplin der kritischen Reflexion darüber, wie digitale Technologien die akademische Wissensproduktion und den Umgang mit dem kulturellen Erbe verändern.

Begriff

„Digital Humanities“ und „e-Humanities“ sind Begriffe jüngerer Prägung, die beide heute gebräuchlicher sind als die etwas älteren Begriffe „Computing in the Humanities“ und „Humanities Computing“.<ref>Siehe zu dieser Unterscheidung u. a. David M. Berry: „The Computational Turn: Thinking About the Digital Humanities“, in: Culture Machine 12, 2011, 2-4. URL: [culturemachine.net/wp-content/uploads/2019/01/10-Computational-Turn-440-893-1-PB.pdf] oder Patrik Svensson: Humanities Computing as Digital Humanities, in: DHQ 3.3, 2009.</ref> E-Humanities ist dabei analog zu e-Science gebildet und steht für „enhanced“ oder auch „enabled“ Humanities. Unklar bleibt bisher, ob es sich bei Digital Humanities um ein Fach, eine Methode oder eine bestimmte Denkweise handelt,<ref>Swantje Dogunke: Glossar: Digital Humanities. In: blog.klassik-stiftung.de. 17. Juni 2015, abgerufen am 13. April 2019.</ref> wenn oft allein die Verwendung von Computern bei der Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen schon dazu führt, diese den Digital Humanities zuzuordnen.

Die erste internationale Fachtagung zum Thema „Literatur und Datenverarbeitung“<ref>Literatur und Datenverarbeitung. Ein Tagungsbericht, hrsg. von Helmut Schanze. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1972, ISBN 3-484-10153-9.</ref> fand in Deutschland bereits im Juni 1970 an der RWTH Aachen statt. Rund 100 Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure und Geisteswissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen aus sechs Ländern kamen zusammen, um die Relevanz der modernen elektronischen Daten- und Informationsverarbeitung für die Geisteswissenschaften (Humanities) zu diskutieren, die sich in ihren traditionellen Erkenntnisinteressen, Forschungsgegenständen und Methoden zunehmend durch den Einsatz von Computern provoziert und in Frage gestellt sahen.<ref>Computer und Literatur. Eine Sendung des WDR 3 am 19. Juli 1970 von Burghard Rieger zur Tagung „Literatur und Datenverarbeitung“ vom 15. bis 17. Juli 1970 an der RWTH Aachen</ref> An der Eberhard Karls Universität Tübingen fanden ab November 1973 regelmäßig Kolloquien zur Anwendung der EDV in den Geisteswissenschaften statt.<ref>Vor 40 Jahren: erstes von 90 Tübinger „digital humanities“-Kolloquien. In: dig-hum.de. 21. November 2013, abgerufen am 19. Mai 2019.</ref>

Wissenschaftsorganisation

Die US-amerikanische Fachorganisation The Association for Computers in the Humanities (ACH), die European Association for Digital Humanities (EADH) (bis 2011 Association for Literary and Linguistic Computing (ALLC)) und die kanadische Society for Digital Humanities / Société pour l’étude des médias interactifs (SDH-SEMI) sind in der Dachorganisation The Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) zusammengefasst. 2013 gründete sich der Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) als assoziierter Regionalverband der EADH.

Mitglied einer dieser Organisationen wird man durch das Abonnement der Zeitschrift Literary and Linguistic Computing, die somit die wichtigste Fachzeitschrift in diesem Feld darstellt. Die ADHO organisiert einmal im Jahr die Konferenz Digital Humanities, die abwechselnd in den USA bzw. Kanada stattfindet oder in Europa. Außerdem vergibt die ADHO alle drei Jahre den Busa-Preis für besondere Verdienste in den Digital Humanities.

Seit 1986 gibt es die Fachzeitschrift Literary and Linguistic Computing, weitere Zeitschriften sind über die Jahre hinzugekommen. Seit 1999 gibt es das deutschsprachige Forum Computerphilologie. Weitere einschlägige Fachzeitschriften sind im Abschnitt Literatur angeführt.

CenterNet ist ein internationaler Zusammenschluss von rund 100 Digital Humanities Centers aus 19 Ländern. Die Organisation steht im Dienst der Digital Humanities und benachbarter Fachrichtungen.<ref>About. In: CenterNet. Abgerufen am 26. Juli 2012.</ref><ref></ref>

Studiengang

Der interdisziplinär ausgerichtete Studiengang Digital Humanities umfasst die systematische Nutzung computergestützter Verfahren und digitaler Ressourcen in den Geistes- und Kulturwissenschaften sowie die Reflexion über deren Anwendung.

Für einen Bachelor of Science (mit 180 ECTS) im Bereich Digital Humanities belegen Absolventen Seminare aus dem Wahlbereichsangebot der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie aus dem Wahlpflichtbereich Informatik und werden mit den Arbeitsweisen und Methoden beider Bereiche vertraut gemacht.<ref>Bachelor of Science Digital Humanities B. Sc. Universität Leipzig, abgerufen am 18. September 2025.</ref>

Anschließend besteht die Möglichkeit, einen Masterstudiengang zu belegen, wobei hier unterschiedliche Profile zur Auswahl stehen; der Studiengang wird entweder ganz oder teilweise auf Englisch angeboten. In Deutschland wird Digital Humanities in der Regel ohne Zulassungsbeschränkung angeboten (Stand 2025).<ref>Digital Humanities (M.A.) Universität Göttingen, abgerufen am 18. September 2025.</ref>

Kritik

In den herkömmlichen Geisteswissenschaften galten die Digital Humanities bisweilen als „wunderlich“.<ref>Patricia Cohen: Digital Keys for Unlocking the Humanities’ Riches. In: nytimes.com. 16. November 2010, abgerufen am 19. Dezember 2017 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Der Literaturtheoretiker Stanley Fish behauptet zudem, dass sie traditionelle Werte der Geisteswissenschaften untergrüben.<ref>Stanley Fish: The Digital Humanities and the Transcending of Mortality. In: nytimes.com. 9. Januar 2012, abgerufen am 14. Januar 2018 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Den Digital Humanities fehle überdies die theoretische Reflexion und sie neigen angeblich zur unkritischen Affirmation technologischer, gegenstandsferner Konzepte.<ref>Thomas Thiel: Digital Humanities – Eine empirische Wende für die Geisteswissenschaften? In: faz.net. 24. Juli 2012, abgerufen am 11. Mai 2021.</ref> Gleichzeitig liefern erste DH-Analysen im Bereich kultursoziologischer Diachronie zum Teil verblüffende Resultate, die sowohl einige herrschende Meinungen klar bestätigen, als auch andere deutlich in Frage stellen, wie etwa die These von der zunehmenden Ökonomisierung moderner Gesellschaften.<ref></ref>

Themen

Zentrale Themen des geisteswissenschaftlichen Computereinsatzes sind:

Wissenschaftliche Projekte

Deutsche Projekte

Österreichische Projekte

Schweizer Projekte

Französische Projekte

Europäische Projekte

US-amerikanische Projekte

Literatur

Einführende Literatur

  • Christine Antenhofer, Christoph Kühberger, Arno Strohmeyer (Hrsg.): Digital Humanities in den Geschichtswissenschaften. utb/Böhlau, Wien 2023, ISBN 978-3-8252-6116-0.
  • Florian Arnold, Johannes C. Bernhardt, Daniel Martin Feige und Christian Schröter: Digitalität von A bis Z (= Edition Medienwissenschaft. Band 104). transcript, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8376-6765-3.
  • Fotis Jannidis, Hubertus Kohle, Malte Rehbein (Hrsg.): Digital Humanities. Eine Einführung. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02622-4.
  • Susanne Kurz: Digital Humanities. Grundlagen und Technologien für die Praxis. 2. Auflage. Springer Vieweg, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11212-7.
  • Susan Schreibman, Ray Siemens, John Unsworth (Hrsg.): A New Companion to Digital Humanities. John Unsworth, Chichester 2016 (zuerst 2004)
  • Dave M. Berry: The Computational Turn: Thinking About the Digital Humanities. In: Culture Machine, Vol 12 (2011), [culturemachine.net/wp-content/uploads/2019/01/10-Computational-Turn-440-893-1-PB.pdf online].
  • Manfred Thaller: Controversies around the Digital Humanities. In: Historical Social Research. Band 37, Nr. 3, 2012, S. 7–229 (gesis.org).

Einführungen in Einzelfragen der Digital Humanities

  • Andreas Aschenbrenner, Tobias Blanke, Stuart Dunn, Martina Kerzel, Andrea Rapp, Andrea Zielinski: Von e-Science zu e-Humanities – Digital vernetzte Wissenschaft als neuer Arbeits- und Kreativbereich für Kunst und Kultur. In: Bibliothek. Forschung und Praxis. Band 31, Nr. 1, 2007, S. 11–21, doi:10.1515/BFUP.2007.11.
  • Bartosz Bogacz, Hubert Mara: Digital Assyriology — Advances in Visual Cuneiform Analysis. In: Journal on Computing and Cultural Heritage. Band 15, Nr. 2. Association for Computing Machinery (ACM), 2022, S. 1–22, doi:10.1145/3491239.
  • Christoph Classen, Susanne Kinnebrock, Maria Löblich: Towards Web History: Sources, Methods, and Challenges in the Digital Age. In: Historical Social Research. Band 37, Nr. 4, 2012, S. 97–188 (web.archive.org).
  • Oliver Grau: Museum and Archive on the Move: Changing cultural Institutions in the digital Era, Munich: de Gruyter 2017.
  • Oliver Grau: The Complex and Multifarious Expression of Digital Art & Its Impact on Archives and Humanities. In: A Companion to Digital Art. Edited by Christiane Paul. Wiley-Blackwell, New York 2016, S. 23–45.
  • Peter Haber: Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter. München 2011.
  • Judith I. Haug (Hrsg.): Musikwissenschaft im Digitalen Zeitalter. Symposium der Virtuellen Fachbibliothek Musikwissenschaft, Göttingen 2012. München, Münster und Berlin: Virtuelle Fachbibliothek Musikwissenschaft 2013.
  • Adelheid Heftberger: Kollision der Kader. Dziga Vertovs Filme, die Visualisierung ihrer Strukturen und die Digital Humanities. München: edition text + kritik 2016.
  • Anna Maria Komprecht, Daniel Röwenstrunk: Projektmanagement in digitalen Forschungsprojekten. In: „Ei, dem alten Herrn zoll’ ich Achtung gern“. München, Allitera Verlag, 2016, S. 509–522, ISBN 978-3-86906-842-8, doi:10.25366/2018.33.
  • Sybille Krämer: Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanities. Suhrkamp, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-30055-8 (150 S.).
  • Heike Neuroth, Andreas Aschenbrenner, Felix Lohmeier: e-Humanities – eine virtuelle Forschungsumgebung für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 3 (2007), S. 272–279.
  • Heike Neuroth, Fotis Jannidis, Andrea Rapp, Felix Lohmeier: Virtuelle Forschungsumgebungen für e-Humanities. Maßnahmen zur optimalen Unterstützung von Forschungsprozessen in den Geisteswissenschaften. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 2/2009.
  • Torsten Schrade: Epigraphik im digitalen Umfeld. In: Skriptum 1 (2011), Nr. 1. urn:nbn:de:0289-2011051816.
  • Torsten Schrade: Vom Inschriftenband zum Datenobjekt. Die Entwicklung des epigraphischen Fachportals „Deutsche Inschriften Online.“. In: Inschriften als Zeugnisse kulturellen Gedächtnisses – 40 Jahre Deutsche Inschriften in Göttingen. Beiträge zum Jubiläumskolloquium vom 22. Oktober 2010 in Göttingen, herausgegeben von Nikolaus Henkel. Reichert Verlag, Wiesbaden 2012, S. 59–72.
  • Eva-Maria Seng, Reinhard Keil, Gudrun Oevel (Hrsg.): Studiolo. Kooperative Forschungsumgebungen in den eHumanities (= Reflexe der immateriellen und materiellen Kultur. Band 1). de Gruyter, Berlin 2018, ISBN 978-3-11-036464-4.

Fachzeitschriften (chronologisch)

Weblinks

Commons: Digital Humanities – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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