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Die Jahreszeiten (Haydn)

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Datei:Haydn Jahreszeiten large.jpg
Titelblatt der Originalausgabe

Das Musikwerk Die Jahreszeiten ist ein 1801 uraufgeführtes weltliches Oratorium von Joseph Haydn (Hob. XXI:3) nach einem Libretto von Gottfried van Swieten. Es war das letzte seiner vier Oratorien.

Komposition, Uraufführung und Rezeption

Haydn wurde zur Komposition der Jahreszeiten durch den großen Erfolg seines vorhergehenden Oratoriums Die Schöpfung (1798) angeregt, das zu dieser Zeit in ganz Europa aufgeführt wurde. Wie bei jenem Werk wurde das Libretto zu Die Jahreszeiten von Baron Gottfried van Swieten verfasst, einem österreichischen Adligen, der auch einen großen Einfluss auf Mozarts Karriere gehabt hatte. Van Swietens Libretto war dessen eigene deutsche Wiedergabe eines Auszugs aus dem englischen Versepos von James Thomsons The Seasons.

Die Komposition war wegen seiner angegriffenen Gesundheit mühsam für Haydn. Gemäß seinem frühen Biografen Georg August Griesinger soll er sich zudem „oft bitterlich über den unpoetischen Text“ van Swietens beklagt haben.<ref>Georg August Griesinger: Biographische Notizen über Joseph Haydn. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1810, S. 70.</ref> Er brauchte zwei Jahre, um Die Jahreszeiten fertigzustellen.

Die Uraufführung am 24. April 1801 im Stadtpalais Schwarzenberg<ref>Korrespondenz. Wien, den 2ten May 1801. In: Allgemeine musikalische Zeitung, 20. Mai 1801, S. 6 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/aml</ref> in Wien wurde zwar ein Erfolg, der aber nicht mit dem der drei Jahre zuvor ebenfalls hier uraufgeführten Schöpfung vergleichbar war:

„Indeß die gebildete Welt von halb Europa noch nicht satt wird, Hayd'ns Meisterwerk die Schöpfung anzuhören, hatte Wien das Glück, ein zweites ähnliches von diesem großen Meister: die vier Jahrszeiten, bewundern zu können. Sie wurden den 24. April um halb sieben Uhr Abends in dem zur Aufführung großer Musiken vortrefflich geeignetem Saale des Fürsten von Schwarzenberg gegeben […]. Ein solches Meisterstück beurtheilen zu wollen, nachdem man es blos Ein Mal gehört hat, wäre mehr als Kühnheit; daher nur einige allgemeine Bemerkungen. Schon während der Ausarbeitung äußerte Herr Haydn, daß er lieber einen andern Stoff, z. B. das jüngste Gericht u. dgl. zu bearbeiten wünschte, als die vier Jahrszeiten, weil ihm unwillkührlich einige Ideen aus seiner Schöpfung jetzt bei seinem Frühling einfielen; auch merkte man in dem neuen Werke, daß einige Arien und Chöre eine, jedoch nur kleine, Verwandschaft mit einigen aus der Schöpfung hätten. Wer wollte so etwas dem großen Meister zur Last legen?“

Rezension in der Zeitung für die elegante Welt vom 2. Mai 1801, nicht namentlich gezeichnet<ref>Die vier Jahrszeiten von Haydn, in Wien aufgeführt. In: Zeitung für die elegante Welt, 2. Mai 1801, S. 2 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/elw</ref>

Auch in der Folgezeit wurden Die Jahreszeiten deutlich seltener aufgeführt als das frühere Oratorium.

Der Grund für die geringere Beliebtheit wird weniger bei der Musik als beim Libretto gesucht. Oratorien wurden typischerweise zu christlichen Themen geschrieben und bezogen ihre Textgrundlagen häufig aus der Bibel oder Heiligengeschichten. Das Libretto der Jahreszeiten dagegen ist weitgehend deskriptiv auf den Jahres- und Tageskreis bezogen. Lediglich der Finalsatz spricht als wertvoller anerkannte Themen an (die Bedeutung des Lebens, das ewige Leben). Diese Schlusspassagen sind auffallenderweise keine Übersetzungen aus dem Gedicht von Thomson, sondern originale Arbeiten van Swietens.

Die Jahreszeiten entsprechen somit inhaltlich weder einem religiös geprägten Oratorium noch dem Ideal eines Kunstwerks im Geiste der Aufklärung, ihre heiteren wie eindringlichen Naturschilderungen und Verklärungen des Landlebens zeigen vielmehr Einfluss der Philosophie Rousseaus. Die Position Haydns in diesem Spannungsfeld ist nicht letztgültig zu klären. Griesinger berichtet, Haydn habe sich eher distanziert zum Text von So löhnet die Natur den Fleiß geäußert, der eine nüchterne Arbeitsethik verklärt: Er sei zwar sein ganzes Leben lang ein fleißiger Mann gewesen, wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, „den Fleiß in Noten zu setzen“.<ref>Georg August Griesinger: Biographische Notizen über Joseph Haydn. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1810, S. 70.</ref> Albert Christoph Dies, ebenfalls ein früher Biograf Haydns, erzählt andererseits, dass Haydn sich vom Text zu Juhe! Der Wein ist da angeregt fühlte, in der Schlussfuge musikalisch die Trunkenheit darzustellen. Dies gibt einen Ausspruch Haydns so wieder: „Mein Kopf … war so voll von dem tollen Zeuge: es lebe der Wein, es lebe das Faß! daß ich alles darüber und darunter gehen ließ; ich nenne daher die Schlußfuge die besoffene Fuge.“<ref>Albert Christoph Dies: Biographische Nachrichten von Joseph Haydn. Nach mündlichen Erzählungen desselben entworfen und herausgegeben. Camesinaische Buchhandlung, Wien 1810, S. 181f.</ref>

Van Swieten soll Haydn teilweise detaillierte Anweisungen zur Komposition gegeben haben. Bezüglich einer Stelle ist das in einem Brief von Haydn an August Eberhard Müller bezeugt, der für den Musikverlag Breitkopf & Härtel den Klavierauszug der Jahreszeiten anfertigte. Es geht um die Passage „Und aus dem Sumpfe quakt der Frosch“ im Terzett und Chor Die düstren Wolken trennen sich, an der Haydn in der Partitur eine lautmalerische Figur eingesetzt hatte: „[D]iese ganze Stelle als eine Imitazion eines frosches ist nicht aus meiner feder geflossen; es wurde mir aufgedrungen diesen französischen Quark niederzuschreiben; mit dem ganzen Orchester verschwindet dieser elende gedanke gar bald, aber als Clavierauszug kann derselbe nicht bestehen.“<ref>Brief von Haydn an August Eberhard Müller, 11. Dezember 1801. In: Joseph Haydn: Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen, unter Benützung der Quellensammlung von H. C. Robbins Landon herausgegeben und erläutert von Dénes Bartha. Bärenreiter, Kassel u. a. 1965, S. 389.</ref> Die Bezeichnung als „französisch“ bezieht sich gemäß Griesinger auf den Komponisten André-Ernest-Modeste Grétry, von dem die Idee stamme, deren Übernahme van Swieten gewünscht habe.<ref>Georg August Griesinger: Biographische Notizen über Joseph Haydn. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1810, S. 72.</ref> Wohl durch eine Indiskretion Müllers gelangte dieses Briefzitat zu dem Redakteur Karl Spazier, der es im Dezember 1801 in seine Rezension einer Leipziger Aufführung der Jahreszeiten aufnahm; diese wurde in Spaziers Zeitung für die elegante Welt veröffentlicht.<ref>Sr.: Die Jahreszeiten von Haydn, in Leipzig. In: Zeitung für die elegante Welt, Jg. 1, 157. Stück, 31. Dezember 1801, Sp. 1261–1264.</ref> Gottfried Christoph Härtel und Griesinger, der als Mittler zwischen dem Verlag und Haydn tätig war, hofften beide, dass van Swieten diese peinliche öffentliche Referenz nicht zu Gesicht bekommen werde, doch im März 1802 war es so weit. Griesinger schrieb an Härtel, van Swieten habe geschimpft: „Dem Haydn wolle er die Äusserung, dass ihm das Froschgequäk aufgedrungen worden sey, mit Salz und Pfeffer einreiben und es sey eine eclatante Indiscretion, dass Sie Haydnsche Briefe abdruken lassen.“<ref>Brief von Griesinger an Härtel, 20. März 1802. In: Otto Biba (Hrsg.): „Eben komme ich von Haydn …“ Georg August Griesingers Korrespondenz mit Joseph Haydns Verleger Breitkopf & Härtel, 1799–1819. Atlantis, Zürich 1987, S. 151–156, hier: S. 154f.</ref> Dank Griesingers diplomatischem Geschick beruhigte sich van Swieten aber bald wieder: „Der Sturm ist jetzt vorüber.“<ref>Brief von Griesinger an Härtel, 7. April 1802. In: Otto Biba (Hrsg.): „Eben komme ich von Haydn …“ Georg August Griesingers Korrespondenz mit Joseph Haydns Verleger Breitkopf & Härtel, 1799–1819. Atlantis, Zürich 1987, S. 159f.</ref>

Besetzung

Die Jahreszeiten ist für ein großes spätklassisches Orchester geschrieben, zumeist vierstimmigen Chor und drei Vokalsolisten, die archetypisch das Landvolk repräsentieren: Simon (Bass), Lukas (Tenor), und Hanne (Sopran). Die Besetzung der Solostimmen ist somit die gleiche wie in der Schöpfung.

Das Orchester besteht aus zwei Flöten (2. auch Piccolo), zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotten und zusätzlich Kontrafagott, jeweils zwei (im Schlusschor drei) Waldhörnern und Trompeten (Clarini), Kesselpauke, Triangel, Tamburin, zwei Posaunen und Bassposaune sowie dem üblichen Streicherensemble mit erster und zweiter Violine, Viola, Cello, und Kontrabass. Für die Secco-Rezitative: Cembalo oder Hammerklavier (Violoncello und Kontrabass ad libitum).

Inhalt

In vier in sich geschlossenen Kantaten wird der Verlauf der Jahreszeiten aus Sicht des Bauernvolks beschrieben: Der Pächter Simon (Bass), dessen Tochter Hanne (Sopran) und der junge Bauer Lukas (Tenor) treten als Erzählstimmen auf.

Der Frühling ist die Zeit der Saat und der Hoffnung: In der düsteren Einleitung wird das Ende des Winters beschrieben, bevor heitere Gesänge die Freuden des Lenz verkünden. Nachdem der Ackermann, den Haydn die wohlbekannte Melodie aus der Symphonie mit dem Paukenschlag nachpfeifen lässt, die Saat ausgebracht hat, wird um Segen und Regen gebeten. Mit einem fulminanten Freudenlied geht der Frühling zu Ende.

Im zweiten Teil wird ein Tag im Sommer geschildert: Nach der Morgendämmerung weckt der Hahn die Hirten auf, bevor die Sonne „in flammender Majestät“ aufgeht. Der friedlichen, pastoralen Szenerie setzt ein dramatisches Gewitter ein Ende – das sich genauso schnell verzieht, wie es aufgekommen ist: Abendfrieden macht sich breit, als die ersten Sterne aufgehen.

Der Herbst ist in drei Teile gegliedert: Der Landmann freut sich über die reiche Ernte, die sogleich eingeholt wird, und Hanne und Lukas schwören sich ewige Liebe und Treue. Danach geht es vom Feld in den Wald, und Chor und Solostimmen besingen die erfolgreiche Jagd auf einen Hirsch. In der abschließenden Weinlese wird in den Weinbergen übermütig gesungen, getanzt und vor allem getrunken.

Mit dem Winter legt sich dichter Nebel über das Land, und Dunkelheit macht sich breit. Ein verirrter Wanderer findet Schutz in einem belebten Bauernhaus. Dort wird in der warmen Stube gesponnen, geschwätzt und gesungen – Hanne erzählt zur Unterhaltung der anderen eine schelmische Liebesgeschichte. Die anschließende Arie des Simon erweitert die Thematik um eine metaphysisch-religiöse Ebene und stellt den Verlauf der Jahreszeiten dem eines Menschenlebens gegenüber. In einem sich immer weiter steigernden Wechselgesang zwischen Solostimmen und Chor wird die Hoffnung besungen, aus dem ewigen Winter des Todes Erlösung im himmlischen, immerwährenden Frühling zu finden.<ref>Werner Oehlmann, Alexander Wagner: Reclams Chormusik- und Oratorienführer. Reclam, Stuttgart 2004, S. 377–382.</ref>

Musiknummern und Text

Die Jahreszeiten sind in vier Teile aufgeteilt: „Der Frühling“, „Der Sommer“, „Der Herbst“ und „Der Winter“.

Der Frühling

1.    Einleitung und Rezitativ

<poem> Simon Seht, wie der strenge Winter flieht! Zum fernen Pole zieht er hin. Ihm folgt auf seinen Ruf der wilden Stürme brausend Heer mit grässlichem Geheul.

Lukas Seht, wie vom schroffen Fels der Schnee in trüben Strömen sich ergießt!

Hanne Seht, wie vom Süden her, durch laue Winde sanft gelockt, der Frühlingsbote streicht! </poem>

2.    Chor des Landvolks

<poem> Alle Komm, holder Lenz! Des Himmels Gabe, komm! Aus ihrem Todesschlaf erwecke die Natur.

Mädchen und Weiber Er nahet sich, der holde Lenz, schon fühlen wir den linden Hauch, bald lebet alles wieder auf.

Männer Frohlocket ja nicht allzufrüh! Oft schleicht, in Nebel eingehüllt, der Winter wohl zurück und streut auf Blüt’ und Keim sein starres Gift.

Alle Komm, holder Lenz! Des Himmels Gabe, komm! Auf uns’re Fluren senke dich! Komm, holder Lenz, o komm und weile länger nicht! </poem>

3.    Rezitativ

<poem> Simon Vom Widder strahlet jetzt die helle Sonn’ auf uns herab. Nun weichen Frost und Dampf, und schweben laue Dünst’ umher. Der Erde Busen ist gelöst, erheitert ist die Luft. </poem>

4.    Arie

<poem> Simon Schon eilet froh der Ackermann zur Arbeit auf das Feld, in langen Furchen schreitet er dem Pfluge flötend nach. In abgemess’nem Gange dann wirft er den Samen aus; den birgt der Acker treu und reift ihn bald zur gold’nen Frucht. </poem>

5.    Rezitativ

<poem> Lukas Der Landmann hat sein Werk vollbracht und weder Müh’ noch Fleiß gespart. Den Lohn erwartet er aus Händen der Natur und fleht darum den Himmel an. </poem>

6.    Bittgesang

<poem> Terzett und Chor Sei nun gnädig, milder Himmel! Öffne dich und träufe Segen über unser Land herab! Lass deinen Tau die Erde wässern! Lass Regenguss die Furchen tränken! Lass deine Lüfte wehen sanft! Lass deine Sonne scheinen hell! Uns sprießet Überfluss alsdann, und deiner Güte Dank und Ruhm. </poem>

7.    Rezitativ

<poem> Hanne Erhört ist unser Fleh’n, der laue West’ erwärmt und füllt die Luft mit feuchten Dünsten an. Sie häufen sich; nun fallen sie, und gießen in der Erde Schoß den Schmuck und Reichtum der Natur. </poem>

8.    Freudenlied

<poem> Hanne O wie lieblich ist der Anblick der Gefilde jetzt! Kommt, ihr Mädchen, lasst uns wallen auf der bunten Flur!

Lukas O wie lieblich ist der Anblick der Gefilde jetzt! Kommt, ihr Burschen, lasst uns wallen zu dem grünen Hain!

Hanne Seht die Lilie, seht die Rose, seht die Blumen all!

Lukas Seht die Auen, seht die Wiesen, seht die Felder all!

Mädchen und Burschen O wie lieblich ist der Anblick der Gefilde jetzt! Lasst uns wallen auf der bunten Flur! Lasst uns wallen zu dem grünen Hain!

Hanne Seht die Erde, seht die Wasser, seht die helle Luft!

Lukas Alles lebet, alles schwebet, alles reget sich.

Hanne Seht die Lämmer, wie sie springen!

Lukas Seht die Fische, welch Gewimmel!

Hanne Seht die Bienen, wie sie schwärmen!

Lukas Seht die Vögel, welch Geflatter!

Chor Alles lebet, alles schwebet, alles reget sich.

Mädchen Welche Freude, welche Wonne schwellet unser Herz!

Burschen und Mädchen Süße Triebe, sanfte Reize heben uns’re Brust.

Simon Was ihr fühlet, was euch reizet, ist des Schöpfers Hauch.

Mädchen und Burschen Lasst uns ehren, lasst uns loben, lasst uns preisen ihn!

Männer Lasst erschallen, ihm zu danken, eure Stimmen hoch!

Chor Lasst erschallen, ihm zu danken, uns’re Stimmen hoch! Ewiger, mächtiger, gütiger Gott!

Terzett Von deinem Segensmahle hast du gelabet uns.

Männer Mächtiger Gott!

Terzett Vom Strome deiner Freuden hast du getränket uns, gütiger Gott!

Chor Ewiger, mächtiger, gütiger Gott!

Simon Ewiger!

Lukas Mächtiger!

Hanne Gütiger Gott!

Chor Ehre, Lob und Preis sei dir, ewiger, mächtiger, gütiger Gott! </poem>

Der Sommer

9.    Einleitung und Rezitativ

<poem> Lukas In grauem Schleier rückt heran das sanfte Morgenlicht; mit lahmen Schritten weicht vor ihm die träge Nacht zurück. Zu düstern Höhlen flieht der Leichenvögel blinde Schar; ihr dumpfer Klageton beklemmt das bange Herz nicht mehr.

Simon Des Tages Herold meldet sich; mit scharfem Laute rufet er zu neuer Tätigkeit den ausgeruhten Landmann auf. </poem>

10.  Arie und Rezitativ

<poem> Simon Der munt’re Hirt versammelt nun die frohen Herden um sich her; zur fetten Weid’ auf grünen Höh’n treibet er sie langsam fort. Nach Osten blickend steht er dann auf seinem Stabe hingelehnt, zu seh’n den ersten Sonnenstrahl, welchem er entgegenharrt.

Hanne Die Morgenröte bricht hervor, wie Rauch verflieget das leichte Gewölk, der Himmel pranget im hellen Azur, der Berge Gipfel in feurigem Gold. </poem>

11.  Terzett und Chor

<poem> Terzett Sie steigt herauf, die Sonne, sie steigt, sie naht, sie kommt, sie strahlt, sie scheint.

Chor Sie scheint in herrlicher Pracht, in flammender Majestät! Heil, o Sonne, Heil! Des Lichts und Lebens Quelle, Heil! O du, des Weltalls Seel’ und Aug’, der Gottheit schönstes Bild! Dich grüßen dankbar wir!

Terzett Wer spricht sie aus, die Freuden alle, die deine Huld in uns erweckt! Wer zählet sie, die Segen alle, die deine Mild’ auf uns ergießt!

Chor Die Freuden, o, wer spricht sie aus? Die Segen, o, wer zählet sie?

Hanne Dir danken wir, was uns ergötzt.

Lukas Dir danken wir, was uns ergötzt.

Simon Dir danken wir, was uns ergötzt.

Terzett Dem Schöpfer aber danken wir, was deine Kraft vermag.

Chor Heil, o Sonne, Heil! Des Lichts und Lebens Quelle, Heil! Dir jauchzen alle Stimmen, dir jauchzet die Natur!

Terzett und Chor Dir jauchzet die Natur! </poem>

12.  Rezitativ

<poem> Simon Nun regt und bewegt sich alles umher, ein buntes Gewühl bedecket die Flur. Dem braunen Schnitter neiget sich der Saaten wallende Flut, die Sense blitzt, da sinkt das Korn; doch steht es bald und aufgehäuft in festen Garben wieder da.

Lukas Die Mittagssonne brennet jetzt in voller Glut und gießt durch die entwölkte Luft ihr mächtiges Feu’r in Strömen hinab. Ob den gesengten Flächen schwebt im nieder’n Qualm ein blendend’ Meer von Licht und Widerschein. </poem>

13. Cavatine

<poem> Lukas Dem Druck erlieget die Natur. Welke Blumen, dürre Wiesen, trock’ne Quellen: Alles zeigt der Hitze Wut, und kraftlos schmachten Mensch und Tier, am Boden hingestreckt. </poem>

14.  Rezitativ

<poem> Hanne Willkommen jetzt, o dunkler Hain, wo der bejahrten Eiche Dach den kühlen Schirm gewährt, und wo der schlanken Espe Laub mit leisem Gelispel rauscht. Am weichen Moose rieselt da in heller Flut der Bach, und fröhlich summend irrt und wirrt die bunte Sonnenbrut. Der Kräuter reinen Balsamduft verbreitet Zephirs Hauch, und aus dem nahen Busche tönt des jungen Schäfers Rohr. </poem>

15.  Arie

<poem> Hanne Welche Labung für die Sinne! Welch’ Erholung für das Herz! Jeden Aderzweig durchströmet und in jeder Nerve bebt erquickendes Gefühl. Die Seele wachet auf zum reizenden Genuss, und neue Kraft erhebt durch milden Drang die Brust. </poem>

16.  Rezitativ

<poem> Simon O seht! Es steiget in der schwülen Luft am hohen Saume des Gebirgs von Dampf und Dunst ein fahler Nebel auf. Emporgedrängt dehnt er sich aus und hüllet bald den Himmelsraum in schwarzes Dunkel ein.

Lukas Hört, wie vom Tal ein dumpf’ Gebrüll den wilden Sturm verkünd’t! Seht, wie von Unheil schwer die finst’re Wolke langsam zieht und drohend auf die Eb’ne sinkt.

Hanne In banger Ahnung stockt das Leben der Natur. Kein Tier, kein Blatt beweget sich, und Todesstille herrscht umher. </poem>

17.  Chor

<poem> Ach, das Ungewitter naht! Hilf uns, Himmel! O wie der Donner rollt! O wie die Winde toben! Wo flieh’n wir hin! Flammende Blitze durchwühlen die Luft, von zackigen Keilen berstet die Wolke, und Güsse stürzen herab. Wo ist Rettung? Wütend rast der Sturm, der weite Himmel entbrennt. Himmel, hilf uns! Wo ist Rettung? Weh’ uns Armen! Schmetternd krachen Schlag auf Schlag, die schweren Donner fürchterlich. Weh’ uns, weh’ uns! Erschüttert wankt die Erde bis in des Meeres Grund. </poem>

18.  Terzett mit Chor

<poem> Lukas Die düster’n Wolken trennen sich, gestillet ist der Stürme Wut.

Hanne Vor ihrem Untergange blickt noch die Sonn’ empor. Und von dem letzten Strahle glänzt mit Perlenschmuck geziert die Flur.

Simon Zum langgewohnten Stalle kehrt, gesättigt und erfrischt das fette Rind zurück.

Lukas Dem Gatten ruft die Wachtel schon.

Hanne Im Grase zirpt die Grille froh.

Simon Und aus dem Sumpfe quakt der Frosch.

Terzett Die Abendglocke tönt! Von oben winkt der helle Stern, und ladet uns zur sanften Ruh.

Männerchor Mädchen, Bursche, Weiber, kommt! Unser wartet süßer Schlaf, wie reines Herz, gesunder Leib und Tagesarbeit ihn gewährt. Mädchen, Bursche, Weiber, kommt!

Frauenchor Wir geh’n, wir folgen euch.

Chor Die Abendglocke hat getönt; von oben blinkt der helle Stern und ladet uns zur sanften Ruh. </poem>

Der Herbst

19.  Einleitung und Rezitativ

<poem> Hanne Was durch seine Blüte der Lenz zuerst versprach; was durch seine Wärme der Sommer reifen ließ; zeigt der Herbst in Fülle dem frohen Landmann jetzt.

Lukas Den reichen Vorrat fährt er nun auf hochbelad’nen Wagen ein. Kaum fasst der weiten Scheune Raum, was ihm sein Feld hervorgebracht. Sein heit’res Auge blickt umher, es misst den aufgetürmten Segen ab, und Freude strömt in seine Brust. </poem>

20.  Terzett und Chor

<poem> Simon So lohnet die Natur den Fleiß, ihn ruft, ihn lacht sie an, ihn muntert sie durch Hoffnung auf, ihm steht sie willig bei; ihm wirket sie mit voller Kraft.

Hanne und Lukas Von dir, o Fleiß, kommt alles Heil. Die Hütte, die uns schirmt, die Wolle, die uns deckt, die Speise, die uns nährt, ist deine Gab’, ist dein Geschenk. O Fleiß, o edler Fleiß, von dir kommt alles Heil.

Hanne Du flößest Tugend ein, und rohe Sitten milderst du.

Lukas Du wehrest Laster ab und reinigest der Menschen Herz.

Simon Du stärkest Mut und Sinn zum Guten und zu jeder Pflicht

Terzett O Fleiß, von dir kommt alles Heil.

Chor O Fleiß, o edler Fleiß, von dir kommt alles Heil. </poem>

21.  Rezitativ

<poem> Hanne Seht, wie zum Haselbusche dort die rasche Jugend eilt! An jedem Aste schwinget sich der Kleinen lose Schar, Und der bewegten Staud’ entstürzt gleich Hagelschau’r die lock’re Frucht.

Simon Hier klimmt der junge Bau’r den hohen Stamm entlang, die Leiter flink hinauf. Vom Wipfel, der ihn deckt, sieht er sein Liebchen nah’n und ihrem Tritt entgegen fliegt dann im trauten Scherze die runde Nuss herab.

Lukas Im Garten steh’n um jeden Baum die Mädchen, groß und klein, dem Obste, das sie klauben, an frischer Farbe gleich. </poem>

22.  Duett

<poem> Lukas Ihr Schönen aus der Stadt, kommt her! Blickt an die Töchter der Natur, die weder Putz noch Schminke ziert! Da seht mein Hannchen, seht! Ihr blüht Gesundheit auf den Wangen; ihr Auge lacht Zufriedenheit, und aus dem Munde spricht das Herz, wenn sie mir Liebe schwört.

Hanne Ihr Herrchen, süß und fein, bleibt weg! Hier schwinden eure Künste ganz, und glatte Worte wirken nicht; man gibt euch kein Gehör. Nicht Gold, nicht Pracht kann uns verblenden. Ein redlich Herz ist, was uns rührt, und meine Wünsche sind erfüllt, wenn treu mir Lukas ist.

Lukas Blätter fallen ab, Früchte welken hin, Tag’ und Jahr’ vergeh’n, nur meine Liebe nicht.

Hanne Schöner grünt das Blatt, süßer schmeckt die Frucht, heller glänzt der Tag, wenn deine Liebe spricht.

Beide Welch’ ein Glück ist treue Liebe! Uns’re Herzen sind vereinet; trennen kann sie Tod allein.

Lukas Liebstes Hannchen!

Hanne Bester Lukas!

Beide Lieben und geliebet werden ist der Freuden höchster Gipfel, ist des Lebens Wonn’ und Glück. </poem>

23.  Rezitativ

<poem> Simon Nun zeiget das entblößte Feld der ungebet’nen Gäste Zahl, die an den Halmen Nahrung fand und irrend jetzt sie weiter sucht. Des kleines Raubes klaget nicht der Landmann, der ihn kaum bemerkt; dem Übermaße wünscht er doch nicht ausgestellt zu sein. Was ihn dagegen sichern mag, sieht er als Wohltat an, und willig fröhnt er dann zur Jagd, die seinen guten Herrn ergötzt. </poem>

24.  Arie

<poem> Simon Seht auf die breiten Wiesen hin! Seht, wie der Hund im Grase streift! Am Boden suchet er die Spur und geht ihr unablässig nach. Jetzt aber reißt Begierd’ ihn fort; er horcht auf Ruf und Stimme nicht mehr; er eilet zu haschen – da stockt sein Lauf. Und steht er unbewegt wie Stein. Dem nahen Feinde zu entgeh’n, erhebt der scheue Vogel sich, doch rettet ihn nicht schneller Flug. Es blitzt, es knallt, ihn erreichet das Blei und wirft ihn tot aus der Luft herab. </poem>

25.  Rezitativ

<poem> Lukas Hier treibt ein dichter Kreis die Hasen aus dem Lager auf. Von allen Seiten hingedrängt, hilft ihnen keine Flucht. Schon fallen sie und liegen bald in Reihen freudig hingezählt. </poem>

26.  Chor der Landleute und Jäger

<poem> Männerchor Hört das laute Getön’, das dort im Walde klinget!

Frauenchor Welch’ ein lautes Getön durchklingt den ganzen Wald!

Alle Es ist der gellenden Hörner Schall, der gierigen Hunde Gebelle.

Männer Schon flieht der aufgesprengte Hirsch, ihm rennen die Doggen und Reiter nach.

Alle Er flieht, er flieht. O wie er sich streckt! Ihm rennen die Doggen und Reiter nach. O wie er springt! O wie er sich streckt! Da bricht er aus den Gesträuchen hervor, und läuft über Feld in das Dickicht hinein.

Männer Jetzt hat er die Hunde getäuscht; zerstreuet schwärmen sie umher.

Alle Die Hunde sind zerstreut; sie schwärmen hin und her.

Jäger Tajo, tajo, tajo!

Männer Der Jäger Ruf, der Hörner Klang versammelt auf’s Neue sie.

Alle Ho, ho, ho! Tajo! Ho, ho! Mit doppeltem Eifer stürzet nun der Haufe vereint auf die Fährte los.

Jäger Tajo!

Frauen Von seinen Feinden eingeholt, an Mut und Kräften ganz erschöpft, erlieget nun das schnelle Tier.

Männer Sein nahes Ende kündigt an des tönenden Erzes Jubellied, der freudigen Jäger Siegeslaut.

Jäger Halali!

Frauen Den Tod des Hirsches kündigt an des tönenden Erzes Jubellied, der freudigen Jäger Siegeslaut.

Jäger Halali!

Alle Den Tod des Hirsches kündigt an des tönenden Erzes Jubellied, der freudigen Jäger Siegeslaut. Halali! </poem>

27.  Rezitativ

<poem> Hanne Am Rebenstocke blinket jetzt die helle Traub’ in vollem Safte, und ruft dem Winzer freundlich zu, dass er, zu lesen sie, nicht weile.

Simon Schon werden Kuf’ und Fass zum Hügel hingebracht, und aus den Hütten strömet zum frohen Tagewerke das munt’re Volk herbei.

Hanne Seht, wie den Berg hinan von Menschen alles wimmelt! Hört, wie der Freudenton von jeder Seit’ erschallet!

Lukas Die Arbeit fördert lachender Scherz vom Morgen bis zum Abend hin, und dann erhebt der brausende Most die Fröhlichkeit zum Lustgeschrei. </poem>

28.  Chor

<poem> Alle Juhhe! Juhhe! Der Wein ist da, die Tonnen sind gefüllt. Nun lasst uns fröhlich sein, Und juhhe, juhhe, juch! aus vollem Halse schrei’n!

Männer Lasst uns trinken! Trinket, Brüder! Lasst uns fröhlich sein!

Frauen Lasst uns singen! Singet alle! Lasst uns fröhlich sein!

Alle Juhhe, juhhe, juh! Es lebe der Wein!

Männer Es lebe das Land, wo er uns reift! Es lebe das Fass, das ihn verwahrt! Es lebe der Krug, woraus er fließt! Kommt, ihr Brüder! Füllt die Kannen! Leert die Becher! Lasst uns fröhlich sein!

Alle Heida! Lasst uns fröhlich sein! Und juhhe, juhhe, juh! aus vollem Halse schrei’n! Juhhe, juh! Es lebe der Wein!

Frauen Nun tönen die Pfeifen Und wirbelt die Trommel. Hier kreischet die Fiedel, Da schnarret die Leier und dudelt der Bock.

Männer Schon hüpfen die Kleinen und springen die Knaben; dort fliegen die Mädchen im Arme der Bursche den ländlichen Reih’n.

Frauen Heisa, hopsa! Lasst uns hüpfen!

Männer Ihr Brüder, kommt!

Frauen Heisa, hopsa! Lasst uns springen!

Männer Die Kannen füllt!

Frauen Heisa, hopsa! Lasst uns tanzen!

Männer Die Becher leert!

Alle Heida, lasst uns fröhlich sein! Und juhhe, juhhe, juh! aus vollem Halse schrei’n!

Männer Jauchzet, lärmet! Springet, tanzet! Lachet, singet! Nun fassen wir den letzten Krug!

Alle Und singen dann in vollem Chor dem freudenreichen Rebensaft! Heisa, hei, juhhe, juh! Es lebe der Wein, der edle Wein, der Grillen und Harm verscheucht! Sein Lob ertöne laut und hoch in tausendfachem Jubelschall! Heida, lasst uns fröhlich sein! Und juhhe, juhhe, juh! aus vollem Halse schrei’n! </poem>

Der Winter

29.  Einleitung und Rezitativ

<poem> Simon Nun senket sich das blasse Jahr, und fallen Dünste kalt herab. Die Berg’ umhüllt ein grauer Dampf, der endlich auch die Flächen drückt, und am Mittage selbst der Sonne matten Strahl verschlingt.

Hanne Aus Lapplands Höhlen schreitet her der stürmisch düst’re Winter jetzt. Vor seinem Tritt erstarrt in banger Stille die Natur. </poem>

30.  Cavatine

<poem> Hanne Licht und Leben sind geschwächet, Wärm’ und Freude sind verschwunden. Unmutsvollen Tagen folget schwarzer Nächte lange Dauer. </poem>

31.  Rezitativ

<poem> Lukas Gefesselt steht der breite See, gehemmt in seinem Laufe der Strom. Im Sturze vom türmenden Felsen hängt gestockt und stumm der Wasserfall. Im dürren Haine tönt kein Laut; die Felder deckt, die Täler füllt ein’ ungeheu’re Flockenlast. Der Erde Bild ist nun ein Grab, wo Kraft und Reiz erstorben liegt, wo Leichenfarbe traurig herrscht, und wo dem Blicke weit umher nur öde Wüstenei sich zeigt. </poem>

32.  Arie

<poem> Lukas Hier steht der Wand’rer nun, verwirrt und zweifelhaft, wohin den Schritt er lenken soll. Vergebens suchet er den Weg; ihn leitet weder Pfad noch Spur. Vergebens strenget er sich an und watet durch den tiefen Schnee; er find’t sich immer mehr verirrt. Jetzt sinket ihm der Mut, und Angst beklemmt sein Herz, da er den Tag sich neigen sieht, und Müdigkeit und Frost ihm alle Glieder lähmt. Doch plötzlich trifft sein spähend’ Aug’ der Schimmer eines nahen Lichts. Da lebt er wieder auf; vor Freude pocht sein Herz. Er geht, er eilt der Hütte zu, wo starr und matt er Labung hofft. </poem>

33.  Rezitativ

<poem> Lukas Sowie er naht, schallt in sein Ohr, durch heulende Winde nur erst geschreckt, heller Stimmen lauter Klang.

Hanne Die warme Stube zeigt ihm dann des Dörfchens Nachbarschaft, vereint in trautem Kreise, den Abend zu verkürzen mit leichter Arbeit und Gespräch.

Simon Am Ofen schwatzten hier von ihrer Jugendzeit die Väter. Zu Körb’ und Reusen flicht die Weidengert’ und Netze strickt der Söhne munt’rer Haufe dort. Am Rocken spinnen die Mütter, am laufenden Rade die Töchter, und ihren Fleiß belebt ein ungekünstelt frohes Lied. </poem>

34.  Lied mit Chor

<poem> Frauen und Mädchen Knurre, schnurre, knurre! Schnurre, Rädchen, schnurre!

Hanne Drille, Rädchen, lang und fein, drille fein ein Fädelein mir zum Busenschleier! Weber, webe zart und fein, webe fein das Schleierlein mir zur Kirmesfeier! Außen blank und innen rein, muss des Mädchens Busen sein, wohl deckt ihn der Schleier. Außen blank und innen rein, fleißig, fromm und sittsam sein, locket wack’re Freier. </poem>

35.  Rezitativ

<poem> Lukas Abgesponnen ist der Flachs, nun steh’n die Räder still. Da wird der Kreis verengt und von dem Männervolk umringt, zu horchen auf die neue Mär, die Hanne jetzt erzählen wird. </poem>

36.  Lied mit Chor

<poem> Hanne Ein Mädchen, das auf Ehre hielt, liebt einst ein Edelmann, da er schon längst nach ihr gezielt, traf er allein sie an. Er stieg sogleich vom Pferd und sprach: Komm, küsse deinen Herrn! Sie rief vor Angst und Schrecken: Ach! Ach ja, von Herzen gern.

Chor Ei, ei, warum nicht nein?

Hanne Sei ruhig, sprach er, liebes Kind, und schenke mir dein Herz! Denn meine Lieb’ ist treu gesinnt, nicht Leichtsinn oder Scherz. Dich mach ich glücklich: Nimm dies Geld, den Ring, die gold’ne Uhr, und hab’ ich sonst, was die gefällt, o sag’s und ford’re nur!

Chor Ei, ei, das klingt recht fein!

Hanne Nein, sagt sie, das wär’ viel gewagt: Mein Bruder möcht’ es seh’n, und wenn er’s meinem Vater sagt, wie wird mir’s dann ergeh’n! Er ackert uns hier allzunah, sonst könnt’ es wohl gescheh’n. Schaut nur, von jenem Hügel da könnt ihr ihn ackern seh’n.

Chor Ho, ho, was soll das sein?

Hanne Indem der Junker geht und sieht, schwingt sich das lose Kind auf seinen Rappen und entflieht geschwinder als der Wind. Lebt wohl, rief sie, mein gnäd’ger Herr, so räch’ ich meine Schmach. Ganz eingewurzelt stehet er und gafft ihr staunend nach.

Chor Ha, ha, das war recht fein. </poem>

37.  Rezitativ

<poem> Simon Von dürrem Oste dringt ein scharfer Eishauch jetzt hervor. Schneidend fährt er durch die Luft, verzehret jeden Dunst und hascht des Tieres Odem selbst. Des grimmigen Tyranns, des Winters Sieg ist nun vollbracht, und stummer Schrecken drückt den ganzen Umfang der Natur. </poem>

38.  Arie

<poem> Simon Erblicke hier, betörter Mensch, erblicke deines Lebens Bild! Verblühet ist dein kurzer Lenz, erschöpfet deines Sommers Kraft. Schon welkt dein Herbst dem Alter zu, schon naht der bleiche Winter sich und zeiget dir das off’ne Grab. Wo sind sie nun, die hoh’n Entwürfe, die Hoffnungen von Glück, die Sucht nach eitlem Ruhme, der Sorgen schwere Last? Wo sind sie nun, die Wonnetage, verschwelgt in Üppigkeit. Und wo die frohen Nächte, im Taumel durchgewacht! Verschwunden sind sie wie ein Traum, nur Tugend bleibt. Sie bleibt allein, und leitet uns unwandelbar durch Zeit- und Jahreswechsel, durch Jammer oder Freude bis zu dem höchsten Ziele hin. </poem>

39.  Terzett und Chor

<poem> Simon Dann bricht der große Morgen an, der Allmacht zweites Wort erweckt zu neuem Dasein uns, von Pein und Tod auf immer frei.

Lukas und Simon Die Himmelspforten öffnen sich; der heil’ge Berg erscheint. Ihn krönt des Herren Zelt, wo Ruh’ und Friede thront.

Chor Wer darf durch diese Pforten geh’n?

Terzett Der Arges mied und Gutes tat.

Chor Wer darf besteigen diesen Berg?

Terzett Von dessen Lippen Wahrheit floss.

Chor Wer darf in diesem Zelte wohnen?

Terzett Der Armen und Bedrängten half.

Chor Wer wird den Frieden dort genießen?

Terzett Der Schutz und Recht der Unschuld gab.

Chor O seht, der große Morgen naht! O seht, er leuchtet schon! Die Himmelspforten öffnen sich, der heil’ge Berg erscheint! Vorüber sind, verbrauset sind die leidenvollen Tage, des Lebens Winterstürme. Ein ew’ger Frühling herrscht, und grenzenlose Seligkeit wird der Gerechten Lohn.

Terzett Auch uns werd’ einst ein solcher Lohn! Lasst uns wirken, lasst uns streben!

Chor Lasst uns kämpfen, lasst uns harren, zu erringen diesen Preis! Uns leite deine Hand, o Gott! Verleih’ uns Stärk’ und Mut! Dann singen wir, dann geh’n wir ein in deines Reiches Herrlichkeit. Amen.<ref>Joseph Haydn, Gottfried van Swieten: Die Jahreszeiten. Oratorium für Soli, Chor und Orchester. Hob XXI:3. Hrsg.: Eusebius Mandyczewski. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1987.</ref> </poem>

Literatur

  • Ullrich Scheideler: Die Jahreszeiten. Hob. XXI:3. In: Silke Leopold, Ullrich Scheideler (Hrsg.): Oratorienführer. Metzler und Bärenreiter, Stuttgart/Weimar und Kassel 2000, S. 314–317.
  • James Thomson, Wolfgang Schlüter: The Seasons/Die Jahreszeiten. Engeler, Weil am Rhein, Basel 2003, ISBN 3-905591-68-5.
  • Sabine M. Gruber: Mit einem Fuß in der Frühlingswiese. Ein Spaziergang durch Haydns Jahreszeiten mit Sprachbildern von Nikolaus Harnoncourt. Illustriert von Tomek Luczynski. Residenz, Salzburg 2009, ISBN 978-3-7017-1517-6. Neuauflage: Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2025, ISBN 978-3-99126-377-7.
  • Armin Raab: Die Jahreszeiten. In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 353–360.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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