Die Grablegung Christi (Caravaggio)
| Grablegung Christi (Michelangelo Merisi da Caravaggio) |
| Grablegung Christi |
|---|
| Michelangelo Merisi da Caravaggio, 1602–1604 |
| Öl auf Leinwand |
| 300 × 203 cm |
| Vatikanische Pinakothek, Rom |
Die Grablegung Christi von Michelangelo Merisi da Caravaggio ist ein zwischen Anfang 1602 und Ende 1604 entstandenes Gemälde. Es gilt als eines der Hauptwerke Caravaggios und zählt zu den wichtigsten Werken der Barockkunst.
Beschreibung
Caravaggio stellt in der „Grablegung Christi“ weder die Kreuzabnahme noch die eigentliche Grablegung dar, sondern den Augenblick, in dem der leblose Leib Christi auf den Stein der Ölung gelegt wird, das heißt auf die Grabplatte, die später das Grab verschießen soll.<ref name=":0">Caravaggio, Kreuzabnahme. In: museivaticani.va. Abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Er kombiniert dabei die eigentliche Grablegung durch Nikodemus und Johannes (Matthäus 25, 57-60) mit einer Beweinung durch die drei dahinter gestaffelt aufgereihten Marien.<ref name=":2" /><ref name=":3">Norbert Schnabel: Dies ist mein Leib – Caravaggios „Grablegung Christi“. In: Stendhal-Syndrom. 21. Juni 2021, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Die etwas unbeholfene wirkenden, schlicht gekleideten Männer sind ebenso wie die Frauen nicht als Heilige dargestellt, sondern als gewöhnliche Menschen aus dem Volk.<ref name=":2" />
Die sechs Figuren des Gemäldes sind eng aneinander gedrängt angeordnet und agieren auf der über Eck gestellten Grabplatte, die rechts und links auf Steinquadern aufliegt.<ref name=":3" /> Den rechten Hintergrund dominiert Maria Kleophae, die, als wolle sie Gott anrufen, verzweifelt und in allerhöchster dramatischer Anspannung ihre Arme gen Himmel streckt.<ref name=":0" /><ref name=":2">Alexandra Tuschka: Caravaggio - Grablegung Christi. In: the-artinspector.de. 31. Juli 2020, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Links neben ihr steht mit geneigtem Haupt Maria Magdalena, die mit einem (Taschen)Tuch ihre Tränen abwischt.<ref name=":3" /> Die Muttergottes, Maria, ist in einem blauen Nonnengewand als alternde Frau dargestellt. Sie breitet segnend und schützend die Arme aus.<ref name=":2" /><ref name=":3" /> Im Vordergrund hält der gebeugte Nikodemus, von Johannes (links im Hintergrund) unterstützt, den Leichnam Christi, dessen Leib die gesamte Bildbreite einnimmt. Christus ist nur mit einem weißen Leichentuch bekleidet, das um die Lenden verknotet ist. Seine Gesichtszüge wirken entspannt, doch wird durch die grünliche Gesichtsfarbe unmissverständlich eine Leichnam dargestellt. Die rechte Hand Christi hängt nicht nur schlaff herunter, vielmehr zeigen seine Finger die Segensgeste und berühren dabei die Grabplatte.<ref name=":3" /><ref name=":2" /> Nikodemus' Blick fordert den Betrachter auf, an ihrem Schmerz teilzuhaben.<ref name=":4">Caravaggios Grablegung. In: Radio Vatikan - Kunst. Abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Um die schwere Last des leblosen Körpers zu tragen, umfasst er mit beiden Armen die Knie Christi und hält dabei mit seiner rechten Hand das Handgelenk der linken. Der linke Ellbogen drängt weit nach vorne, so dass er wie die schräggestellte Grabplatte den Bildraum zu durchstoßen scheint.<ref name=":3" /> Die Hand von Johannes, der Christus unter die Arme greift, berührt dessen Seitenwunde.<ref name=":2" /> Insbesondere die Gesichter von Mutter Maria und Johannes zeigen tiefen menschlichen Schmerz und die Verzweiflung über den Verlust.<ref name=":1">Caravaggio Die Grablegung Christi verständlich erklärt. In: mein-lernen.at. 8. Oktober 2024, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>
Das Bildmotiv der Grablegung Christi gehört zur Gattung der Andachtsbilder. Es zeigt die Figuren überlebensgroß und entfaltet dadurch eine monumentale Wirkung.
Ausführung
Mit Hilfe starker Hell-Dunkel-Kontraste (Chiaroscuro) gelingt es Caravaggio die Figuren plastisch herauszuarbeiten, was die emotionale Dramatik der dargestellten Szene verstärkt. Deren Glaubwürdigkeit und Intensität wird durch die anatomisch präzise und realistische Darstellung der Figuren weiter vertieft (Realismus). Die Komposition des Bildes ist komplex. Zum einen bilden die weiß hervortretenden Kleidungsteile der Frauenfiguren zusammen mit dem weißen Leichentuch Christi eine Diagonale die von der linken unteren Ecke des Gemäldes zur rechten oberen Ecke verläuft.<ref name=":2" /><ref name=":1" /> Zum anderen geht die geometrische Struktur des Gemäldes von einem Punkt an Nikodemus’ linker Ferse aus. „Kraftlinien“ laufen wie Radspeichen von diesem Punkt aus und ordnen die Komposition in mehrere „Diagonale“, welche dem Bild Kraft verleihen und gleichzeitig für Ordnung und Harmonie sorgen.<ref></ref>
Symbolik
Links unter der Grabplatte wächst eine zu den Aronstabgewächsen zählende Pflanze, eine Spathiphyllum. Sie galt den Kirchenvätern als Auferstehungssymbol.<ref name=":3" />
Der hängende rechte Arm Christi ist ein Element, das in Reliefs der römisch-griechischen Antike in Darstellungen gefallener Helden anzutreffen ist. Hierzu könnte ein römisches Sarkophag-Relief wie das der „Heimtragung Meleagers“ als Vorlage gedient haben.<ref name=":3" />
In der Römischen Pietà von Michelangelo stützt Maria mit dem rechten Arm den Oberkörper Christi und berührt dabei mit den Fingerspitzen fast dessen Seitenwunde. Von dieser Darstellung angeregt berühren bei Caravaggio Zeige- und Mittelfinger des Johannes die Wunde. Dies wird als Hinweis auf den ungläubigen Thomas und die Auferstehung Christi gewertet.<ref name=":3" />
Es ist möglich, dass Caravaggio dem Nikodemus die Gesichtszüge Michelangelos gegeben hat.<ref name=":3" /> Maria Magdalena und Maria Kleophas tragen wahrscheinlich die Gesichtszüge von Fillide Melandroni, Kurtisane und Caravaggios Lieblingsmodell in jener Zeit.<ref></ref>
Historischer Hintergrund und Provenienz
Caravaggio fertigte das Gemälde im Auftrag von Girolamo Vittrice an. Es war als Altarbild (Retabel) für die Familienkapelle der Vittrices vorgesehen. Diese befindet sich in der in Rom stehenden Oratorianerkirche Santa Maria in Vallicella, die auch Chiesa Nuova genannt wird. Nach dem Italienfeldzug Napoleon Bonapartes wurde das Werk 1797 gemäß des Vertrags von Tolentino nach Paris gebracht. Seit der Rückgabe 1817 hängt es in der Vatikanischen Pinakothek.<ref name=":0" /> In der Kirche Santa Maria in Vallicella hängt heute eine Kopie der Werks,<ref name=":4" /> die der Maler Michele Koek anfertigte.
Rezeption
Mit der realistischen Darstellung des Leichnams und der Trauernden setzte das Gemälde neue Maßstäbe in der religiösen Malerei und beeinflusste zahlreiche Künstler der Barockzeit und auch danach.<ref name=":1" /> So wurde das Bild bereits drei Jahre nach Caravaggios Tod von Peter Paul Rubens als Vorlage für seine „Grablegung“ genutzt. Rubens hielt sich einige Jahre zuvor in Rom auf und hatte dort das Gemälde studiert. Er verkleinerte die Szenerie und vermied die dramatische Darstellung der Maria Kleophae. Vielmehr verwandelte er deren heftige Geste in stille Trauer.<ref name=":3" /><ref></ref> Darüber hinaus fügte er am rechten Bildrand in düsterer Farbe die Figur des Josef von Arimathäa hinzu.<ref name=":3" />
Der Maler Guy François orientierte sich bei seiner „Grablegung“ eng am Original von Caravaggio. Bei ihm ist Maria Kleophae mit ausgestreckten Armen dargestellt.
Auch der niederländische Maler Dirck van Baburen hat sich von der Caravaggio inspirieren lassen. In seiner Fassung der „Grablegung“ von 1617/18 rückt das Geschehen noch näher an den Betrachter heran. Die Grabplatte wurde zum Sarkophag und Johannes hält Jesus unter den Achseln damit dieser nicht nach vorne fällt. Nikodemus hält auch hier die Beine Christi, doch ist die Last weniger schwer.<ref name=":3" />
Auch das 1793 von Jacques-Louis David geschaffene Gemälde Der Tod des Marat wird mit Caravaggios Darstellung des Leichnams Christi in Zusammenhang gebracht<ref name=":3" /> (siehe auch hier).
- Auswahl von Gemälden, die von Caravaggios Grablegung beeinflusst sind
-
Grablegung von Peter Paul Rubens (1612–1617)
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Grablegung von Guy François, undatiert
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Grablegung von Dirck van Baburen (1617–1624)
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Der Tod des Marat von Jacques-Louis David (1793)
Literatur
- Patrick de Rynck: How to Read a Painting. Decoding, Understanding and Enjoying the Old Masters. Thames & Hudson, London 2005, ISBN 0-500-51200-0.
Einzelnachweise
<references />