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Die Fälschung (Roman)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Die Fälschung ist ein Roman von Nicolas Born und erschien kurz vor dem Tod des Schriftstellers im Herbst 1979 im Rowohlt Verlag.

Handlung

Der Roman erzählt die Geschichte des Kriegsreporters Gregor Laschen, der dem Journalisten Kai Hermann nachempfunden ist<ref name="Niefanger"></ref>. Er wird von seiner Hamburger Redaktion in der zweiten Januarhälfte 1976 zusammen mit dem Fotografen Hoffmann nach Beirut geschickt, um über den libanesischen Bürgerkrieg zu berichten, der seit neun Monaten im Gange ist<ref></ref>.

Das Holiday Inn Hotel Beirut, in dem sie untergebracht sind, liegt mitten in der Kampfzone. Die Topographie der Stadt, die Beschießungen und die Zerstörungen werden in einigen Kapiteln detailliert beschrieben. Es gibt keine definierbare Frontlinie. „Laschen staunte oft über diese Grenze, die ihm unverständlich blieb“<ref>Nicolas Born: Die Fälschung. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1984, ISBN 3-499-15291-6, S. 116.</ref>. Laschen sammelt Informationen und führt Interviews, darunter mit dem Milizenführer Tony Frangieh und mit Jassir Arafat. Die Kampfhandlungen erscheinen ihm wie „wichtigtuerisches Kriegsspiel“ der verschiedenen Parteien. Er erlebt eine Kulissenhaftigkeit und gleichzeitige Realität der Panzer und der Kriegsgräuel, von denen er schockiert ist und die sich einer authentischen Beschreibung entziehen. Trotz seiner journalistischen Erfahrungen an den Schauplätzen Prag 1968 und in Chile 1973 scheitert Laschen im Libanon. Die arabische Welt bleibt ihm fremd<ref>„Nie hatte er eine Welt kennengelernt; er besuchte sie nur, haftete jeweils ein paar Tage an ihrer Außenschale, das war alles“, heißt es im Roman auf S. 18.</ref>.

„Auf alles, was (Laschen) im Libanon in kurzer Zeit erfahren muss, reagiert Laschen nicht politisch oder ideologisch, sondern persönlich“, schreibt Marcel Reich-Ranicki in einer frühen Rezension<ref>Marcel Reich-Ranicki, Der Durchbruch um wahren Schmerz, zum Sehen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Oktober 1979, zitiert nach: Malte Renius: „Das Fremde als Spiegel“ - Der Zusammenhang von Fremde und Selbstbezug in Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“. In: renius.de. 2002;.</ref>. Auf der persönlichen Ebene versucht Laschen, in Beirut seinem glücklosen Eheleben zu entfliehen und beginnt eine Affäre mit Ariane, einer Botschaftsmitarbeiterin, bei der er fast mehr Zeit als im Hotel oder mit seinen journalistischen Recherchen verbringt. Laschen stellt sich vor, künftig mit Ariane zusammen zu sein und sich von seiner Familie in Deutschland zu trennen. Das misslingt ebenfalls.

Schließlich kehrt er nach Hause zurück und kündigt bei seiner Redaktion. Der letzte Satz legt nahe, dass er bei seiner Frau bleibt: „Von selbst, ohne es zu bedenken, hatte er sich zu ihr gelegt, die ruhig weiterschlief.“<ref>Nicolas Born, Die Fälschung, S. 317</ref>

Interpretation

Die Fälschung ist ein Roman über die Möglichkeiten des Schreibens und über das Verhältnis der Wirklichkeit zu ihrer Beschreibung<ref name="Niefanger"/>. Das Grundmotiv der „Fälschung“ lässt sich dabei sowohl auf die journalistische Arbeit als auch das Doppelleben Laschens, seiner Frau Grete und Arianes als auch die Konsumgesellschaft<ref>Besonders deutlich in den Eindrücken beim Gang durch Hamburg nach Laschens Rückkehr im Kapitel XXXIV des Romans.</ref> beziehen. Gleichzeitig stellt der Roman die Frage, ob nicht alles Schreiben ein Fälschungsprozess ist.

Stil

Erzählt wird in personaler Erzählweise, so dass die äußeren Wahrnehmungen und zahlreichen Reflexionen Laschens einer permanenten Infragestellung durch den Leser ausgesetzt werden. Trotz aller Gesellschaftskritik lässt sich der Roman mit der oft resignativen Haltung des Hauptprotagonisten und der subjektiven Innerlichkeit der Neuen Subjektivität zuordnen.

Rezeption

Der Roman wurde in über ein Dutzend Sprachen übersetzt. Nicolas Born avancierte mit ihm schlagartig zu einem der bekanntesten Autoren der siebziger Jahre. Neben der pazifistischen Grundaussage nahm man den Roman auch als beißende Kritik an den Medien und ihrer Sensationsgier wahr.

1981 wurde der Roman von Volker Schlöndorff mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla in den Hauptrollen verfilmt (→ Die Fälschung (1981)).

2009 produzierte die Redaktion Hörspiel und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks eine fünfteilige Hörspielfassung. Mit Florian von Manteuffel (Laschen), Juliane Köhler (Greta), Axel Milberg (Hoffmann), Jens Harzer (Rudnik), Christiane Rossbach (Ariane) u. a. Regie: Michael Farin.

Literatur

  • Heinrich Bosse, Ulrich Lampen: Das Hineinspringen in die Totschlägerreihe. Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“. München 1991.
  • Wolfgang Herles: Die (doppelte) Fälschung. Anmerkungen zum Verhältnis zwischen Literatur und Journalismus am Beispiel des Romans von Nicolas Born. In: Erich Huber-Thoma, Ghemela Adler, Fritz Fenzl (Hrsg.): Romantik und Moderne. Neue Beiträge aus Forschung und Lehre. Frankfurt am Main 1986, S. 213–223.
  • Michael Krüger: Krieg im Libanon – deutsche Eiszeit: Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“. In: (ders.): Unter Dichtern. Suhrkamp, 2025.
  • Mats Nilsson: Beobachter oder Beteiligter. Zum moralischen Problem des Journalisten in Nicolas Borns „Die Fälschung“. In: Edgar Platen (Hrsg.): Erinnerte und erfundene Erfahrung. München 2000, S. 76–87.

Einzelnachweise

<references/>

Weblinks

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