Tobsucht
Tobsucht (älter auch „Taubsucht“; von toben ‚rasen, von Sinnen sein‘, bei Luther ‚grimmig, zornig sein‘; von germanisch *dub ‚geistig verwirrt, betäubt sein‘, verwandt mit „taub“ und „dumm“<ref>Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 799–780 (toben).</ref>), früher auch „Hirnwut“ (zu „Wut“) genannt, ehemals auch Delirium furibundum, Delirium furiosum und Furor maniacus,<ref></ref> ist ein veralteter medizinischer Begriff für eine psychische Störung, meist im Sinne einer Manie, die durch hochgradige Erregung und deren nachfolgende, oft aggressiv gefärbte Entladung gekennzeichnet ist. Ein tobsüchtiger Mensch wurde früher auch als „hirnwütig“ bezeichnet. Im Mittelalter stand die tobesuht<ref>Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 400 (toben ‚Tollwut haben‘; tobesuht ‚Tobsucht, Tollwut‘; tobesühtic ‚tollwütig‘).</ref> auch für Tollwut.
Tobsuchtsanfall, bei „hysterischer“ Struktur früher auch als Delirium hystericum bezeichnet, ist ein ebenso veralteter medizinischer Begriff für eine Phase extrem gesteigerter motorischer Unruhe. Verwendung findet er in der Alltagssprache noch im Sinne einer plötzlichen Entladung einer besonders starken Erregung mit Tendenz zur Sachbeschädigung, häufig auch auf das Verhalten (Wutausbruch) von Kindern bezogen.<ref>Wutanfälle bei Kindern – Wie Eltern gelassen bleiben. In: adhs-hyperaktivitaet.de. 1. Juni 2003, abgerufen am 29. August 2019.</ref><ref>5 Tipps wenn dein Kind einen Tobsuchtsanfall hat. In: netpapa.de. 2019, abgerufen am 29. August 2019.</ref>
Definitionen
Nach Karl Jaspers (1883–1969) unterscheidet die Sprache von alters her die bloßen Gemütskrankheiten von der eigentlichen Verrücktheit als uneinfühlbarer und unverständlicher Verhaltensweise. Für diese unverständlichen seelischen Äußerungen trafen Bezeichnungen wie u. a. sinnloses Toben neben Verwirrtheit und nicht einfühlbarer Affekt zu. Sie wurden im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Begriff der Geisteskrankheit zusammengefasst.<ref name="APP">Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage, Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8, (a) zu Stichwort Geistes- und Gemütskrankheit: 4. Teil: Die Auffassung der Gesamtheit des Seelenlebens; § 2 Die Grundunterscheidungen im Gesamtbereich des Seelenlebens, II. Wesensunterschiede d) Gemütskrankheiten und Geisteskrankheiten (natürliches und schizophrenes Seelenleben). Seite 483 f.; (b) zu Stichwort Katatonie: Seite 505.</ref><ref name="LDG">Oswald Bumke: Lehrbuch der Geisteskrankheiten. 6. Auflage, Verlag J. F. Bergmann, München 1944; zur Begriffs- und Forschungsgeschichte der Geisteskrankheit: S. 1–4.</ref> In der älteren Psychiatrie wurde die Bezeichnung für eine Krankheitseinheit mit stärkster Erregung (Raptus) verwendet.<ref>Walter Marle: Grundbegriffe der klinischen Medizin. Eine Einführung und zugleich synthetische Terminologie. 2. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin 1932, Seite 338.</ref> Bisweilen wurde sie als Synonym für Manie, manchmal als Bezeichnung für die Erregung bei Hysterie verwendet. Heute ist die bereits oben genannte umgangssprachliche Bedeutung erhalten.<ref>Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1984; Lexikon-Stichwort Tobsucht, Seite 565.</ref> Stärkste sinnlose Erregung, die wie bereits oben gesagt früher als Tobsucht bezeichnet wurde, ist auch als Symptom der Katatonie bekannt.<ref name="APP" /> Tobsucht wird gleichfalls als mit Bewusstseinstrübung verbundener höchstgradiger Bewegungsdrang und Trieb zu gewalttätigen Handlungen definiert, der bei Mania gravis – auch synonym für diese – u. a. bei Psychosen auftritt.<ref>Herbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie. Ableitung und Erklärung der gebräuchlichsten Fachausdrücke aller Zweige der Medizin und ihrer Hilfswissenschaften. Urban & Schwarzenberg, Berlin 1939.</ref> Auch der Definition von Pschyrembel (1964) liegt diese Bedeutung zugrunde.<ref>Organische Krankheiten. In: Willibald Pschyrembel: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Walter de Gruyter & Co., Berlin 1964, S. 880.</ref>
Siehe auch
Literatur
- Uwe Henrik Peters (Hrsg.): Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, medizinische Psychologie. 6. Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, München 2007, ISBN 978-3-437-15061-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).
Einzelnachweise
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