De drei Vügelkens
De drei Vügelkens (Die drei Vögelchen) ist ein Märchen (ATU 707). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 96 (KHM 96) auf Plattdeutsch. Zudem ist es auch in Österreich<ref name="Vernaleken">Theodor Vernaleken: Der klingende Baum. sagen.at, abgerufen am 15. Oktober 2024.</ref> sowie im dänischen<ref name="AkaDän">Bengt Holbek (Hrsg.): Dänische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1990, S. 120–133, 275; Übersetzung von Gisela Perlet.</ref>, rätoromanischen<ref name="MdWSchweiz">Robert Wildhaber, Leza Uffer (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Schweizer Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1971, 177–179, 275.</ref>, französischen<ref name="LeyenZaunert">Ernst Tegethoff: Der Vogel, der alles sagt. In: Französische Volksmärchen. Band 2: Aus neueren Sammlungen. Eugen Diederichs, Jena 1923, Nr. 21, S. 90–95; Vorlage:Zeno.org</ref><ref name="MdWFra">Ré Soupault (Hrsg. und Übertr.): Die Märchen der Weltliteratur – Französische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1963, S. 132–138, 323.</ref>, baskischen<ref name="MdWBask">Felix Karlinger, Erentrudis Laserer (Übers. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Baskische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1980, S. 14–19, 268.</ref>, spanischen<ref name="MdWMalle">Felix Karlinger, Ulrike Ehrgott (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Mallorca. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1968, S. 132–154, 300.</ref>, italienischen<ref name="MdWItal">Walter Keller, Lisa Rüdiger (Hrsg. und Übertr.): Die Märchen der Weltliteratur – Italienische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1959, S. 138–153, 381.</ref><ref name="Heyse">Paul Heyse: Die drei Schwestern. In: Italienische Volksmärchen, Lehmann, München 1914, S. 24–35; Vorlage:Zeno.org.</ref>, slowakischen<ref name="MdWSlow">Viera Gašparíková (Samm. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Slowakische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, München 2000, S. 139–153, 287–288; übersetzt von Wilfried Fiedler.</ref>, ungarischen<ref name="CorvinaUng">Gyula Ortutay (Hrsg.): Ungarische Volksmärchen. Corvina Kiadó, Ungarn 1980, S. 106–129, 530.</ref><ref name="RónaSklarek">Elisabet Róna-Sklarek: Fee Ilona und der goldhaarige Jüngling. In: Ungarische Volksmärchen. Dieterich, Leipzig 1909, S. 65–82; Vorlage:Zeno.org.</ref> und bulgarischen<ref name="MdWBul">Kyrill Haralampieff (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Bulgarische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1971, S. 150–159, 288; aus dem Bulgarischen übersetzt von Kyrill Haralampieff und Johanna Wolf.</ref><ref name="InselBul">Elena Ognjanowa (Hrsg.): Märchen aus Bulgarien, Insel-Verlag, Leipzig 1987, S. 277–288, 500.</ref> Sprachraum bekannt.
Inhalt
Drei Kuhhirtinnen am Köterberg, Schwestern, sehen den König mit zwei Ministern zur Jagd reiten und wollen unbedingt nur sie heiraten. Der König hört das und erfüllt ihren Wunsch, denn sie sind sehr hübsch. Er freit die älteste und schönste Schwester. Sie bekommen einen Sohn mit einem roten Stern, noch einen Sohn und eine Tochter. Doch leider ist der König jeweils grade verreist. Die Schwestern aber bekommen keine Kinder und werfen die Kinder in die Weser, wobei jeweils ein singender Vogel auffliegt. Dem König sagen sie, die Königin hätte junge Hunde und eine Katze geboren. Nach der dritten vermeintlichen Tiergeburt ist die Geduld des Königs am Ende: Er lässt seine Frau ins Gefängnis werfen.
Ein Fischer rettet die Kinder jeweils aus dem Fluss und da er und seine Frau kinderlos sind, nehmen sie sie auf. Die Kinder wachsen zusammen heran. Als der Älteste eines Tages von anderen Kindern von seinem Schicksal erfährt, geht er seinen leiblichen Vater suchen. Er begegnet einer alten Fischerin, die ihn über ein großes Wasser trägt. Nachdem er ein Jahr lang nicht zurückkehrt, folgt ihm der zweite Sohn. Auch ihn trägt die Fischerin über das Wasser. Nachdem auch er nicht zurückkehrt, möchte die Tochter ihre beiden Brüder suchen. Die Fischerin trägt auch sie hinüber. Da die Tochter freundlich zu der Fischerin ist, zeigt diese ihr den Weg. Noch dazu erhält sie von ihr eine Rute und den Rat, an einem großen schwarzen Hund schweigend, ohne zu lachen oder ihn anzusehen, vorüberzugehen. Weiterhin soll sie an der Schwelle eines Schlosses die Rute fallen lassen und geradewegs hindurchgehen. Dort wächst ein Baum aus einem alten Brunnen heraus. In seinen Zweigen hängt ein Vogel in einem Käfig. Diesen sowie ein Glas Wasser soll sie mitnehmen, denselben Weg wieder zurückgehen, die Rute wieder aufnehmen und auf dem Rückweg den Hund ins Gesicht schlagen. Auf dem Rückweg findet sie ihre Brüder, die erfolglos die halbe Welt durchsucht haben. Sie befolgt den Rat der Fischerin und schlägt mit der mitgenommenen Rute den Hund, der sich in einen schönen Prinz verwandelt. Er geht mit ihnen bis zum Wasser. Die Fischerin freut sich, dass alle wieder da sind, und trägt sie wieder hinüber. Danach verlässt sie den Fluss, denn sie ist nun auch erlöst. Bei ihrem Pflegevater, dem Fischer, angekommen, freuen sich alle über ihr Wiedersehen. Der Vogel im Käfig wird an die Wand gehängt.
Zufällig gehen der König und der zweite Sohn gleichzeitig auf die Jagd. Der König herrscht den Sohn an, wer ihm das Jagen erlaubt hätte und lässt sich von ihm zu dessen Pflegevater führen. Dieser erzählt dem König die ganze Geschichte. Das Vögelchen beginnt ein Lied zu singen, in welchem es die Missetat der Königsschwestern enthüllt. Daraufhin begeben sich alle zum Königsschloss, wo der König seine mittlerweile kranke und ausgezehrte Frau wieder frei lässt. Ihre Tochter heilt sie mit dem Wasser und heiratet den Prinzen. Die bösen Schwestern werden verbrannt.
Herkunft
Das Märchen steht in den Kinder- und Hausmärchen ab dem zweiten Teil der 1. Auflage 1815 (da Nr. 10) an Stelle 96 (es existiert auch eine Handschrift von Grimm und eine von Ludowine von Haxthausen). Grimms Anmerkung beschreibt den Köterberg, um den sechs Dörfer liegen, woher das Märchen stammt (laut einem Brief Wilhelm Grimms fragten sie einen Schäfer). Das „Helo! Helo!“ der Schwestern ist dort übliche Verständigung unter Hirten. Sie vergleichen Märchen bei Wolf, Meier, Pröhle und vor allem Die Geschichte der zwei neidischen Schwestern aus 1001 Nacht (Nacht 756) und Ancilotto Re di Prouino bei Straparola (4,3). Letzteres ähnelt auch la Belle-Etoile bei Aulnoy und ungarisch bei Gaal Nr. 16. Sie betonen die Unabhängigkeit der deutschen Überlieferung, die bald mehr mit der arabischen, bald mit der italienischen übereinstimmt. Der Vogel und die Lilie sind der unsterbliche Geist, vgl. KHM 9, 47, zum Wasser des Lebens vgl. KHM 97. Vgl. später in Bechsteins Deutsches Märchenbuch Nr. 65 Die Knaben mit den goldnen Sternlein.
Der Satz des Königs „Was Gott tut, das ist wohlgetan“, der in die Druckfassung eingefügt wurde, spielt laut Hans-Jörg Uther auf das so lautende Kirchenlied von Samuel Rodigast an.<ref>Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 219–221.</ref>
Im 19. Jahrhundert mündlich überlieferte Texte mit einem heilenden Vogel gehen wohl meist auf eine Fassung Christoph Wilhelm Günthers von 1787 zurück.<ref>Willem de Blécourt: Vogel, Pferd und Königstochter. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 14, De Gruyter, Berlin / Boston 2014, ISBN 978-3-11-040244-5, S. 284.</ref>
Grimms Hinweis auf Wolf bezieht sich wohl auf Die drei Königskinder. Theodor Vernaleken veröffentlichte in seinem Werk Kinder- und Hausmärchen in den Alpenländern (Wien 1863) eine ähnliche Version mit zwei Brüdern, die den Titel Der klingende Baum erhielt.<ref name="Vernaleken" />
Nichtdeutsche Versionen
Eine dänische Version von Evald Tang Kristensen, die im Deutschen den Titel Der sprechende Vogel erhielt, wurde 1902 von ebenjenen nach der Erzählerin Ane Marie Nielsen in Egsgård Mark, Ringive (Ostjütland) aufgezeichnet.<ref name="AkaDän" /> Dieser ähnlich ist eine baskische Version aus Wentworth Websters Basque legends (London 1879), die von Catherine Elizondo erzählt wurde und ins Deutsche als Der singende Baum, der Vogel, der die Wahrheit sagt, und das Wasser, das jung macht übersetzt wurde.<ref name="MdWBask" /> Ernst Tegethoffs Übersetzung einer französischen Version von L. Morin bekam im Deutschen den Titel Der Vogel, der alles sagt.<ref name="LeyenZaunert" /><ref>Anmerkungen. In: Französische Volksmärchen. Band 2: Aus neueren Sammlungen. Eugen Diederichs, Jena 1923, S. 322–345; Vorlage:Zeno.org</ref> Eine weitere französische Variante aus Emmanuel Cosquins Contes populaires de Lorraine wurde im Deutschen mit Der Vogel der Wahrheit betitelt.<ref name="MdWFra" /> Italienische Versionen erschienen in Giovanni Francesco Straparolas Tredeci piacevoli notti (dt. Titel: Das tanzende Wasser, der singende Apfel und der leuchtend-grüne Vogel),<ref name="MdWItal" /> Vittorio Imbrianis La novellaja fiorentina (1877, dt. Titel: Das sprechende Vöglein;<ref>Rudolf Schenda (Übers. und Erl.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus der Toskana. Eugen Diederichs Verlag, München 1996, S. 65–79, 325–326.</ref> Italo Calvino überarbeitete diese Version, dt. Titel: Vogel Leuchtendgrün<ref>Italo Calvino: Italienische Märchen. Manesse-Verlag, Zürich 1975, S. 241–257; aus dem Italienischen übersetzt von Lisa Rüdiger.</ref>) und Paul Heyses Italienische Volksmärchen (München 1914, dt. Titel: Die drei Schwestern).<ref name="Heyse" /> Eine Version aus Mallorca, die aus dem Werk Aplech de Rondayes Mallorquines d’En Jordi des Recó von Antoni Maria Alcover stammt und von Eulària Garrovera aus Manacor erzählt wurde, trägt im Deutschen den Titel Das Vöglein mit den sieben Zungen.<ref name="MdWMalle" />
Frank Wollmans slowakische Version wurde 1942 in Haniska, Prešov von J. Baja nach dem Erzähler Ondrej Pavlík aufgezeichnet. Im Deutschen erhielt sie den Titel Das sprechende Vöglein, der singende Baum und das goldgelbe Wasser.<ref name="MdWSlow" /> Eine bulgarische Version von Knižici bekam im Deutschen die Titel Die drei Schwestern<ref name="MdWBul" /> und Drei Schwestern (Solun 1889).<ref name="InselBul" /> Dieser ähnlich ist eine weitere bulgarische Version, die im Deutschen den Titel Die Söhne mit den goldenen Haaren trägt.<ref name="InselBul" /> Ungarische Versionen finden sich in Gyula Ortutays Mihály Fedies erzählt (Budapest 1940, dt. Titel: Die beiden goldhaarigen Geschwister)<ref name="CorvinaUng" /> und in Elisabet Róna-Sklareks Ungarische Volksmärchen (Leipzig 1909, dt. Titel: Fee Ilona und der goldhaarige Jüngling), wobei in diesen der sprechende Vogel nicht vorkommt und in letzterer die Fee Ilona dem König die Wahrheit verkündet.<ref name="RónaSklarek" />
Eine kurze rätoromanische Variante, die im Deutschen den Titel Der Vogel, der die Wahrheit sagt bekam, wurde in Camplium bei Trun erzählt und entstammt der Sammlung von Caspar Decurtins. Die erste deutschsprachige Fassung dazu veröffentlichte D. Jecklins 1874 in seinem Werk Volksthümliches aus Graubünden, in dem das Märchen den Titel Vom Vöglein, das die Wahrheit erzählt trägt. Der rätoromanische Urtext des Märchens erschien erstmals 1877 als Igl utschi, che gi la verdat in Romanische Studien von Ed. Boehmer. Der gleiche Text ist auch in der Rätoromanischen Chrestomathie (1901, Nr. 13) zu finden.<ref name="MdWSchweiz" />
Siehe auch
- Die symbolische Bedeutung der Zahl Drei in den Märchen.
Literatur
- Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung, Wirkung, Interpretation. De Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 219–221.
Varianten
- Theodor Vernaleken: Kinder- und Hausmärchen in den Alpenländern. Wien 1863.<ref name="Vernaleken" /><ref>Theodor Vernaleken: Der klingende Baum. In: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3. Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 149–153; Vorlage:Zeno.org.</ref>
- Elisabet Róna-Sklarek: Ungarische Volksmärchen. Dieterich, Leipzig 1909, S. 65–82.<ref name="RónaSklarek" />
- Paul Heyse, Italienische Volksmärchen. Lehmann, München 1914, S. 24–35.<ref name="Heyse" />
- Ernst Tegethoff (Übers.): Französische Volksmärchen. Band 2: Aus neueren Sammlungen. Eugen Diederichs-Verlag, Jena 1923, S. 90–95, 330.<ref name="LeyenZaunert" />
- Walter Keller, Lisa Rüdiger (Hrsg. und Übertr.): Die Märchen der Weltliteratur – Italienische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1959, S. 138–153, 381.
- Ré Soupault (Hrsg. und Übertr.): Die Märchen der Weltliteratur – Französische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1963, S. 132–138, 323.
- Felix Karlinger, Ulrike Ehrgott (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Mallorca. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1968, S. 132–154, 300.
- Robert Wildhaber, Leza Uffer (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Schweizer Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1971, S. 177–179, 275.
- Kyrill Haralampieff (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Bulgarische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1971, S. 150–159, 288; aus dem Bulgarischen übersetzt von Kyrill Haralampieff und Johanna Wolf.
- Felix Karlinger, Erentrudis Laserer (Übers. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Baskische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1980, S. 14–19, 268.
- Gyula Ortutay (Hrsg.): Ungarische Volksmärchen. Corvina Kiadó, Ungarn 1980, S. 106–129, 530; aus dem Ungarischen übersetzt von Mirza Schüching und Géza Engl.
- Elena Ognjanowa (Hrsg.): Märchen aus Bulgarien, Insel-Verlag, Leipzig 1987, S. 277–288, 500.
- Bengt Holbek (Hrsg.): Dänische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1990, S. 120–133, 275; Übersetzung von Gisela Perlet.
- Rudolf Schenda (Übers. und Erl.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus der Toskana. Eugen Diederichs Verlag, München 1996, S. 65–79, 325–326.
- Viera Gašparíková (Samm. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Slowakische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, München 2000, S. 139–153, 287–288; übersetzt von Wilfried Fiedler.
Weblinks
- Die drei Vögelchen auf hochdeutsch. Märchenlexikon.de
- Der Vogel der Wahrheit AaTh 707. Märchenlexikon.de
- De drei Vügelkens. Märchenatlas.de
Einzelnachweise
<references />