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Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:The Tree of Yggdrasil.jpg
Die vier Hirsche in den Blättern Yggdrasils. Illustration von W. G. Collingwood, 1908.

Dain, Dwalin (auch Dvalin oder Dvalar), Duneyr und Durathror sind vier Hirsche in der nordischen Mythologie, die zu den Tieren am Weltenbaum Yggdrasil gehören.

Quellen

Die Hirsche werden in der Lieder-Edda im Lied Grímnismál beschrieben.

„Hirtir ero oc fiórir, þeirs af hæfingar á
gaghálsir gnaga:
Dáinn oc Dvalinn,
Duneyrr oc Duraþrór. [...]
Ascr Yggdrasils drýgir erfiði,
meira, enn menn viti;
hiortr bítr ofan, enn á hliðo fúnar,
scerðir Níðhǫggr neðan.<ref>Lieder-Edda: Grímnismál, Strophe 32, 35. Textausgabe nach Titus Projekt, URL: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/anord/edda/edda.htm, aufgerufen am 9. April 2013</ref>“

„Vier Hirsche sind's auch, die mit gebogenen Hälsen
an den Trieben [Yggdrasils] nagen:
Dainn und Dwalinn,
Duneyrr und Durathror. [...]
Die Esche Yggdrasil erduldet Mühsal,
mehr als man weiß;
der Hirsch weidet oben, und an der Seite fault es,
Nidhögg beschädigt unten.<ref name="Krause">Übersetzung und Zitation nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15-050047-7</ref>“

Grímnismál, Strophe 32, 35 (Übersetzung nach Arnulf Krause)

In der Prosa-Edda wiederholt Snorri Sturluson in der Gylfaginning die Beschreibung der Strophe 33 des Lieds Grímnismál und zitiert im Anschluss daran Strophe 35. Die zurückgebogenen Hälse bleiben unerwähnt, die Triebspitzen, die die Hirsche essen, sind bei ihm Blätter bzw. Nadeln, je nachdem wie man altnordisch barr übersetzt, das beides heißen kann.

„[...] en fjórir hirtir renna í limum asksins ok bíta barr. Þeir heita svá: Dáinn, Dvalinn, Duneyrr, Duraþrór.“

„Vier Hirsche dringen ins Geäst [Yggdrasils] und beißen die Blätter ab. Sie heißen Dainn, Dwalinn, Duneyrr und Durathror.<ref>Übersetzung und Zitation nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15-000782-2</ref>“

Snorri Sturluson, Prosa-Edda: Gylfaginning, Kapitel 16 (Übersetzung von Arnulf Krause)

An anderer Stelle der Prosa-Edda, in der Skáldskaparmál, führt Snorri die vier Namen als Hirschnamen auf.

In den Þulur werden drei dieser Namen auch als Hirschnamen genannt; der Hirsch Dwalin aber fehlt, dafür findet sich der ähnliche Name Dvalar.<ref>Þulur III 34 − Hjartar heiti = Snorri Sturluson: Prosa-Edda: Nafnaþulur Sækonungar, 96 − Hjörtr. Die Hirschnamen lauten in dieser Reihenfolge: Hjörtr, dyraþrór, hliðr, eikþyrnir, duneyrr, dáinn, dvalarr, mótroðnir.</ref>

Forschung

Die Vorstellung vom Hirsch am Weltenbaum könnte wie der Weltenbaum selbst bereits auf indogermanische Zeit zurückgehen.<ref>Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte, Band 2: Religion der Nordgermanen. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin – Leipzig 1937, § 328</ref> Hirsche am Weltenbaum gibt es auch in iranischen Darstellungen, z. B. auf der Goldkrone von Novocherkassk, bei der ein Baum von zwei Hirschen umrahmt wird.<ref>Abbildung bei Michael Rostovtzeff: Iranians and Greeks in south Russia. 1922, Tafel 26, S. 137, online</ref>

Nach anderer Ansicht sind die Hirsche am Weltenbaum kein indogermanisches Erbe, sondern gehen auf den Einfluss einer vorderasiatischen Hochkultur zurück, die - unmittelbar oder mittelbar - über das Christentum die nordische Mythologie beeinflusste. Insbesondere im Christentum ist die Darstellung vierer Hirsche an den vier Paradiesflüssen ein häufiges Motiv.<ref>Wilhelm Heizmann: Hirsch – Mythologisches. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde – Bd. 14. 2. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin – New York 1999, ISBN 978-3-11-016423-7, S. 604.</ref>

Das Lied Grímnismál nennt zwar in Strophe 33 vier Hirschnamen, hingegen weidet laut Strophe 35 nur ein Hirsch oben an der Esche Yggdrasil. Da beim Baum Lärad, den man für eine Variante des nordischen Weltenbaums hält, ebenso nur ein Hirsch (namens Eikthyrnir) genannt wird, wird deswegen vertreten, dass zum nordischen Weltenbaum ursprünglich auch nur ein Hirsch gehörte. Das Viererkonzept würde somit der Vervielfachung des Drachen Nidhöggr entsprechen, der unterhalb von Yggdrasil mit einer Reihe anderer Schlangen haust. Deswegen soll das Namenskonzept der vier Hirsche aus späterer, also mittelalterlicher Zeit, stammen.<ref>Henry Adams Bellows: The Poetic Edda: The Mythological Poems. Courier Dover Publications, 2004, ISBN 0-486-43710-8, S. 97 f., Anmerkung 33, 35</ref>

Dvalar aus den Thulur dürfte wahrscheinlich mit Dwalin identisch sein.<ref name="SIM82">Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 82.</ref> Es wird auch vertreten, dass Dvalar der ursprünglichere Hirschname sei, da es noch einen Zwerg in der nordischen Mythologie namens Dwalin gibt.<ref>John Lindow: Handbook of Norse Mythology. 2001, S. 99</ref> Jedoch gibt es neben Dwalin auch noch den Zwerg Dain.<ref>Lieder-Edda: Völuspá, Strophe 11 – Snorri Sturluson: Prosa-Edda: Gylfaginning, Kapitel 14</ref> Ob ein Zusammenhang zwischen den Hirschen und den beiden Zwergen gleichen Namens besteht, ist nicht überliefert. Es gibt die Vorstellung, dass Zwerge ein Hirschgewand nutzen können, um sich bei Tag vor den Sonnenstrahlen zu schützen, die sie ansonsten in Stein verwandeln würden.<ref name="Gundarsson">Kveldulf Gundarsson: Teutonic Religion – Folk Beliefs & Practices of the Northern Tradition. Llewellyn Publications Inc., 1993. Electronic Edition 2002, S. 9</ref>

Etymologie

  • Dwalin, altnordisch Dvalinn, könnte auf altnordisch dvala „verzögern“<ref name="Köbler" /><ref name="deVries-dvala">Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Worterbuch. 2. Auflage. Brill Archive, Stichwort: dvala</ref> zurückgehen. Eine Deutung lautet demnach „der Langsame, der Schlafende“.<ref name="SIM82" /><ref>John Lindow: Handbook of Norse Mythology. 2001, S. 98, der als Bedeutung delayed „verzögert“ angibt.</ref>
  • Dvalar, altnordisch Dvalarr, stammt vermutlich ebenso wie Dwalin von altnordisch dvala ab,<ref name="deVries-dvala" /> so dass beide Namen wohl dasselbe bedeuten.
  • Duneyr, altnordisch Duneyrr, ist nur schwer deutbar. Eine Deutung lautet „Feuergänger“,<ref name="Köbler" /> eine andere „Dunkelohr“<ref>John Lindow: Handbook of Norse Mythology. 2001, S. 98: "The name appears to mean ‚dark-ear‘."</ref>, eine weitere „der, mit den braunen oder daunigen Ohren“.<ref>Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Worterbuch. 2. Auflage. Brill Archive, Stichwort: Duneyrr – Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 81.</ref>
  • Die Bedeutung des Namens Durathror, altnordisch Duraþrór, ist dunkel.<ref>Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Worterbuch. 2. Auflage. Brill Archive, Stichwort: Duraþrór – John Lindow: Handbook of Norse Mythology. 2001, S. 98</ref> Das Wort setzt sich vielleicht zusammen aus altnordisch dura „schlummern“, durr „Schlummer“ oder dur „Stille“ und altnordisch þrórZwerg, Eber, Schwert“ beziehungsweise „Gedeihlicher“ (siehe Beiname Odins).<ref name="Köbler" /> Alle Kombinationen sind denkbar. Vorgeschlagen wird zum Beispiel „Schlummer-Eber“.<ref name="SIM82" />

Deutung

Deutungen der Hirsche stellen ihre Vierzahl in den Vordergrund. Demnach könnten sie für die vier Hauptwinde stehen<ref>Friedrich David Gräter: Nordische Blumen. Gräffische Buchhandlung, 1789, S. 49 Online</ref> oder als Zwerge in Hirschgestalt Repräsentanten der vier Himmelsrichtungen sein.<ref name="Gundarsson" /> Genauso gut könnten sie auch für die vier Jahreszeiten stehen und das sich immer wieder erneuernde Leben versinnbildlichen.

Das Abfressen der Blätter des Weltenbaums wird auch gedeutet als:<ref>Hansferdinand Döbler: Die Germanen. Gondrom Verlag, Bindlach 1992 (nach der Ausgabe C. Bertelsmann Verlag, München 1975), ISBN 978-3-8112-0935-0, S. 140 (Stichwort: Hirsche)</ref>

Literatur

  • John Lindow: Handbook of Norse Mythology. ABC-CLIO Ltd, St. Barbara (USA, Kalifornien) 2001, ISBN 978-1-57607-217-2.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X.

Einzelnachweise

<references />