Zum Inhalt springen

Charbrowo

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Vorlage:Infobox Ort in Polen

Charbrowo (Vorlage:DeS Charbrow, seit 29. Dezember 1937 Degendorf;<ref name=territorial >Amtsbezirk Degendorf (Territorial.de) </ref> slowinz. Ꭓãbrɵvɵ<ref>Eintrag im „Slowinzischen Wörterbuch“ von Friedrich Lorentz. Zum System der Slowinzisch-Lautschrift von Lorentz, vgl. „Slowinzische Grammatik“, S. 13–16 (scan 40–43), anschließend die Lautlehre.</ref>) ist ein Dorf in der Gemeinde Wicko bei Lębork in der polnischen Woiwodschaft Pommern.

Geographische Lage

Das Kirchdorf liegt in Hinterpommern, etwa acht Kilometer südöstlich von Łeba und 18 Kilometer nordnordwestlich von Lębork.

Nachbardörfer sind Krakulice (Karlshof) im Nordwesten, Wrzeście (Freist) im Osten und das etwa zwei Kilometer entfernte Wicko (Vietzig) im Süden.

Geschichte

Datei:Charbrowo43.JPG
Ehemaliges Gutshaus der Familie Somnitz
Datei:Charbrowo42.JPG
Gutshaus, Eingangsfassade

In alten Urkunden, so auch noch zur Zeit des Olivaer Friedens 1660, als Lorenz Christoph von Somnitz hier Erbherr war, wurde die Ortschaft Gerberow genannt. Das spätere Charbrow war ein altes Kirchdorf mit einem Vorwerk, das früher ein Adelssitz war.

Im Jahr 1286 schenkte Herzog Mestwin II. von Pommerellen Charbrow dem Kujavischen Domkapitel<ref>August Karl Holsche: Geographie und Statistik von West-, Süd- und Neu-Ostpreußen. Nebst einer kurzen Beschreibung der Geschichte des Königreichs Polen bis zu dessen Zerteilung. 2. Band, Berlin 1804, S. 249.</ref> in Leslau.<ref>Johann Jakob Sell: Geschichte des Herzogtums Pommern von den ältesten Zeiten bis zum Tode des letzten Herzogs, oder bis zum Westfälischen Frieden. 1. Teil, Berlin 1819, S. 349-350, Fußnote b).</ref> Im Jahr 1564 kaufte der Lauenburger Landeshauptmann Ernst von Weiher, der ältere Bruder des Camminer Bischofs Martin von Weiher, die Dörfer Charbrow, Labenz und Ossecken, die zuvor zum Kloster Zuckau gehört hatten, von dem Leslauer Bischof Jakub Uchański für 12.000 Taler.<ref>Reinhold Cramer: Geschichte der Lande Lauenburg und Bütow. Teil I, Königsberg 1858, S. 183.</ref> Im 17. Jahrhundert fiel Charbrow an die Familie Krockow.<ref>Czesław Biernat (Hrsg.): Staatsarchiv Danzig: Wegweiser durch die Bestände bis zum Jahr 1945. Oldenbourg, München 2000, S. 515.</ref> Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Landgut von der Adelsfamilie von Somnitz aufgekauft, die es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Frühjahr 1945 verwaltete. Um 1780 gab es in Charbrow:<ref>Ludwig Wilhelm Brüggemann (Hrsg.): Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königlich-Preußischen Herzogtums Vor- und Hinterpommern: II. Teil, 2. Band, Stettin 1784, S. 1066-1067, Nr. 12.</ref> ein Vorwerk mit einem repräsentativen Herrschaftshaus, das Schloss Charbrow, eine Wassermühle, eine Kirche mit einem Prediger und einem Küster, elf Bauern, fünf Halbbauern, fünf Kossäten, einen Gasthof, eine Schmiede und insgesamt 43 Feuerstellen (Haushalte). Die Dorfbewohner betrieben neben Landwirtschaft auch Fischerei auf dem Lebasee und in drei Teichen. Zweimal jährlich wurde in dem Dorf ein Markt abgehalten. In den Jahrhunderten vor der Bodenreform in Hinterpommern Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich das Dorf im Besitz der Familie Somnitz befunden.

Am 1. April 1927 hatte das Gut Chabrow eine Flächengröße von 2450 Hektar, und am 16. Juni 1925 hatte der Gutsbezirk 477 Einwohner.<ref name="Albrecht" >Kurt Albrecht: Die preußischen Gutsbezirke, in: Zeitschrift des Preussischen Statistischen Landesamts, 67. Jahrgang, Berlin 1927, S. 344–477, insbesondere S. 398 (Google Books).</ref> Am 30. September 1928 wurde der Gutsbezirk Charbrow in die Landgemeinde Charbrow eingegliedert.<ref name=territorial />

Anfang der 1930er Jahre hatte die Landgemeinde Charbrow eine Flächengröße von 30,5 km². Innerhalb der Gemeindegrenzen standen insgesamt 68 bewohnte Wohnhäuser an sechs verschiedenen Wohnstätten:<ref name=stuebs /> Vorlage:Mehrspaltige Liste Um 1935 gab es in Charbrow unter anderem einen Gasthof, einen Gemischtwarenladen, eine Bäckerei, eine Gärtnerei, eine Tischlerei und eine Ziegelei.<ref>Klockhausʼ Kaufmännisches Handels- und Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1 A, Berlin 1935, S. 1002 (Google Books).</ref>

Charbrow wurde am 29. Dezember 1937 in Degendorf umbenannt.<ref name=territorial />

Bis 1945 bildete Degendorf eine Landgemeinde im Landkreis Lauenburg in Pommern im Regierungsbezirk Köslin der preußischen Provinz Pommern des Deutschen Reichs. Degendorf war Amtssitz des Amtsbezirks Degendorf.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs besetzte im Frühjahr 1945 die Rote Armee die Region. Bald darauf wurde Hinterpommern zusammen mit Westpreußen und der südlichen Hälfte Ostpreußens von der Sowjetunion der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überlassen. In Degendorf trafen danach polnische Zivilisten ein, von denen die einheimischen Dorfbewohner aus ihren Häusern und Gehöften gedrängt wurden. Degendorf wurde in Charbrowo umbenannt. Bis etwa 1947 wurden die deutschen Dorfbewohner von der polnischen Administration aus Degendorf vertrieben.

Demographie

Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohner Anmerkungen
1818 270 davon 264 Einwohner im Kirchdorf und sechs auf der Ziegelei<ref name="AAMB3" >Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des Preussischen Staats. Band 1: A–F, Karl August Kümmel, Halle 1821, S. 223, Ziffern 53 und 54.</ref>
1867 645 am 3. Dezember, davon 194 im Dorf und 451 im Gutsbezirk<ref name="SB">Königl. Preußisches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Pommern und ihre Bevölkerung. Berlin 1874, S. 164-165, Ziffer 10, und S. 168-169, Ziffer 84</ref>
1871 676 am 1. Dezember, davon 241 im Dorf (240 Evangelische, ein Katholik) und 435 im Gutsbezirk (sämtlich Evangelische)<ref name="SB" />
1910 715 am 1. Dezember, davon 186 Einwohner im Dorf und 529 im Gutsbezirk<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>
1925 661 darunter 653 Evangelische und acht Katholiken<ref name=stuebs >Vorlage:Webarchiv (Gunthard Stübs und Pommersche Forschungsgemeinschaft, 2011)

</ref>

1933 612 <ref name="MR" />
1939 584 <ref name="MR" >Vorlage:Verwaltungsgeschichte.de</ref>
Anzahl Einwohner nach dem Zweiten Weltkrieg
Jahr 2008 2011
Einwohner 560 ca. 750
Datei:Charbrowo19.JPG
Dorfkirche

Kirche

Dorfkirche

Datei:Charbrowo12.JPG
Dorfkirche, Rückansicht
Datei:Charbrowo25-1.JPG
Innenraum der Dorfkirche

Die von Lorenz Christoph von Somnitz (1612–1678) gestiftete Dorfkirche stand seit Mitte des 18. Jahrhunderts unter dem Patronat der Familie von Somnitz-Charbrow. Wie ebenfalls in Osseken und einigen anderen Orten des kaschubischen Winkels, wurde in der Dorfkirche noch im 19. Jahrhundert außer auf Deutsch auch auf Kaschubisch gepredigt.<ref>Georg von Viebahn (Hrsg.): Statistiken des zollvereinten und nördlichen Deutschlands. II. Teil: Bevölkerung, Bergbau, Bodenkultur. Berlin 1862, S. 78 (Google Books).</ref>

Bis dahin evangelisch wurde die Kirche 1945 von der polnischen Administration der Römisch-katholischen Kirche in Polen übergeben und katholisch geweiht.

Kirchspiel bis 1945

Das evangelische Kirchspiel war in Degendorf. Seit der Reformation hatten bis zum Jahr 1671 lutherische Pfarrer die Kirchengemeinde betreut. Anschließend waren in der Gemeinde bis 1736 evangelisch-reformierte Geistliche tätig gewesen, danach bis 1945 wieder lutherische. Der Bestand an Kirchenbüchern reichte bis 1673 zurück.<ref>Martin Wehrmann: Die Kirchenbücher in Pommern, in: Baltische Studien, Band 42, Stettin 1892, S. 201–280, insbesondere S. 223 (Google Books).</ref>

Pfarrer bis 1945
  • Paul Caßius (* 5. Oktober 1667, † 25. Januar 1727), war von Juli 1690 bis Mitte Oktober 1701 Pfarrer in Charbrow.<ref>Johann Christoph Strodtmann und Ferdinand Stosch (Hrsg.): Das neue gelehrte Europa. 17. Teil, Wolfenbüttel 1763, S. 919–920.</ref>
  • Johann Behnke (* 1739), war um 1780 Pfarrer in Charbrow.<ref>Georg Christoph Hamberger und Johann Georg Meusel (Hrsg.): Das gelehrte Teutschland. Lexikon der jetzt lebenden Teutschen. Band 1, Lemgo 1796, S. 215.</ref>
  • August Bechthold, war um 1870 Pfarrer in Charbrow<ref>August Bechthold: Chronik der Kirche zu Charbrow, Kreis Lauenburg in Pommern. 1869.</ref>
  • Kurt Trowitzsch, letzter deutscher Pfarrer vor 1945<ref>Kurt Trowitzsch: Chronik der Kirchengemeinde Charbrow. 1951.</ref>

Polnisches Kirchspiel seit 1945

Die seit 1945 und Vertreibung der einheimischen Dorfbewohner anwesende polnische Einwohnerschaft ist größtenteils katholisch.

Die evangelischen Einwohner sind dem Pfarramt in Stolp in der Diözese Pommern-Großpolen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen zugeordnet, das eine Kapelle in Lauenburg i. Pom. unterhält.

Verkehr

An das Straßennetz ist das Dorf über die Woiwodschaftsstraße 214 angeschlossen, die ehemalige Poststraße zwischen Lauenburg und Leba.

Persönlichkeiten

Trivia

In älterer Zeit sollen ein an der weiß getünchten Schloss-Außenwand sichtbar gewesener dunkler Flecken und ein in eine Eiche neben der Kirchenpforte eingewachsener eiserner Haken Gegenstände lokaler Erzählungen gewesen sein.<ref>O. Knoop: Allerhand Scherz, Neckereien, Reime und Erzählungen über pommersche Orte und ihre Bewohner. In: Baltische Studien, Jg. 41, Léon Saunier, Stettin 1891, S. 99–203, insbesondere S. 113, Ziffer 29 (Digitalisat).</ref>

Literatur

  • Charbrow, Rittergut, Kreis Lauenburg Pomm., Provinz Pommern. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Charbrow (meyersgaz.org)
  • Pommersches Güter-Adressbuch, Friedrich Nagel (Paul Niekammer), Stettin 1892, S. 116–117 (Google Books).
  • P. Ellerholz: Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reiche, Band 2: Provinz Pommern, 2. Auflage, Nicolai (Stricker), Berlin 1884, S. 42–43 (Google Books).
  • Ludwig Wilhelm Brüggemann: Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogthums Vor- und Hinter-Pommern. Teil II, 2. Band, Stettin 1784, S. 1066–1067, Ziffer (12) (Google Books).
  • O. Knoop: Die Abnahme der kassubischen Bevölkerung im Kirchspiel Charbrow. In: Baltische Studien, Hrsg. Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Alterthumskunde, Jg. 33, Hercke & Lebeling, Stettin 1883, S. 368–370. (Digitalisat).
  • Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser 1901. Der in Deutschland eingeborene Adel (Uradel), Jg. 2, Justus Perthes, Gotha 1900. Digitalisat
  • Franz Schultz: Geschichte des Kreises Lauenburg in Pommern. H. Badengoths Buchdruckerei, Lauenburg 1912, S. 339–343. (ub.uni-greifswald.de).

Weblinks

Vorlage:Commonscat

Einzelnachweise

<references/>