Canarie
Vorlage:Hinweisbaustein Die Canarie (auch: Canaris oder Canaries (französisch); Canario (italienisch), Canarios (spanisch), Canary (englisch)) ist ein lebhafter Tanz im Tripeltakt (3/4- bzw. 6/8-Takt), der vom 16. bis 18. Jahrhundert verbreitet war, und gelegentlich auch Eingang in die barocke Suite fand.
Ursprünge
Die Canarie soll ihren Ursprung auf den kanarischen Inseln haben, von wo sie im 16. Jahrhundert durch kanarische Sklaven nach Spanien gelangt, und dort weiterentwickelt worden sei. Von Diego Pisador wird sie 1552 als Tanz zu Totenfeiern erwähnt. Beim kanarischen, bis ins 20. Jahrhundert getanzten Canarios standen sich zwei Tänzerreihen gegenüber, welche sich einander näherten und entfernten und dabei kleine Sprünge machten.<ref>José Carlos Delgado Díaz: Die Folkore-Musik der Kanaren. Publicaciones Turquesa, Santa Cruz de Tenerife 2004, ISBN 84-95412-29-2, S. 19 und 133</ref> Laut Walther (1732) rührt daher der aus lateinisch „Saltatio Canariensis“<ref name="Walther">Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon […]. Wolffgang Deer, Leipzig 1732, S. 132</ref> verkürzte Name.
Frühe Choreographien für den Canario sind in den Büchern der italienischen Tanzmeister Cesare Negri, Fabritio Caroso und Livio Lupi di Caravaggio überliefert. Auch der Franzose Thoinot Arbeau beschreibt diesen Tanz 1589 in seiner Orchésographie, aber die Melodie, die er überliefert, steht im geraden Allabreve-Takt und hat keine Ähnlichkeit mit der späteren barocken Canarie.<ref>Thoinot Arbeau, Orchésographie et Traicté en forme de dialogue,…, Langres: Jehan des Preyz, 1589 / réedition 1596, f. 95v (Beginn d. Beschreibung) und f. 96r (Melodie und Schritte).</ref> Während andere Tänze wie die Galliarde und die Courante in der späten Renaissancezeit durch allgemein übliche Schrittfolgen geprägt waren, durfte beim Canario weitgehend frei improvisiert werden.
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Barock
Die barocke Canarie ist ein fröhlich bewegter, der Gigue ähnlicher Tanz.<ref>Mattheson reiht sie beispielsweise als Unterart der Giguen ein. Johann Mattheson: Der vollkommene Capellmeister, 1739, Faksimile-Nachdruck hrsg. von Margarete Reimann, Bärenreiter, Kassel et al., S. 227–228</ref><ref name=Quantz-271>Die Gique und Canarie… (Kap. XVII, XII, § 58), in: Johann Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen…. J. F. Voss, Berlin, 1752 (Erstausgabe), S. 271</ref> Das vielleicht berühmteste Beispiel für einen italienischen Canario für Chitarrone stammt von Girolamo Kapsberger (Libro IV, 1640) – ein Virtuosenstück über einen nur aus drei Tönen bestehenden immer wiederkehrenden basso ostinato.<ref>In: Girolamo Kapsberger, Libro Quarto d'Intavolatura di Chitarrone, Rom 1640.</ref> Überaus populär ist auch ein Canario bzw. Canarios<ref>Frank Koonce: The Baroque Guitar in Spain and the New World. Mel Bay Publications, Pacific, Mo. 2006, ISBN 978-0-7866-7525-8, S. 29 und 36 f.</ref> für die spanische (Barock-)Gitarre von Gaspar Sanz aus seiner Instrucción de Música sobre la Guitarra Española (Saragossa, 1674).<ref>Instrucción de música sobre la guitarra española y métodos de sus primeros rudimentos hasta tañer con destreza. – „Musikalische Anleitung für die spanische Gitarre und Methoden, von ihren ersten Anfängen bis zum Spiel mit Geschicklichkeit“.</ref> Beide Stücke haben einen fließenden, virtuosen Charakter ähnlich der italienischen Giga.
Ähnliche Stücke für Laute oder Gitarre sind auch in Luz y Norte (1677), dem Tabulaturbuch des Lucas Ruiz de Ribayaz,<ref>Siegfried Behrend (Hrsg.): Altspanische Lautenmusik (= Alte Europäische Lautenmusik für Gitarre. Heft 3). Frei bearbeitet und hrsg. von Siegfried Behrend. Musikverlag Hans Sikorski, Hamburg 1959 (= Edition Sikorski. Nr. 527), S. 6–8, hier: S. 8 (Canarios, nach Vacas und Torneo).</ref> oder als Komposition anonymer Komponisten erhalten.<ref>vgl. etwa Adalbert Quadt (Hrsg.): Gitarrenmusik des 16.–18. Jahrhunderts. 4 Bände. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970–1984, Band 3, S. 36 (Canarie um 1700).</ref>
Eine gewisse internationale Verbreitung fand die Canarie jedoch in ihrer französischen Form als Sondertypus der französischen Gigue im punktierten 3/4- oder 6/4-Takt, und später im 3/8- oder 6/8-Takt, der aus zwei Reprisen besteht.<ref name="Walther" /> Typisch ist ein Auftakt, der aus einer Achtel und einer Viertel besteht (3/4 und 6/4), bzw. aus einer Sechzehntel und einer Achtel (3/8 oder 6/8), es gibt jedoch auch Ausnahmen, z. B. ohne Auftakt.
Über das Tempo der Canarie gibt es in den Quellen divergierende Meinungen. Laut Türk (1789) war es tendenziell noch schneller als das der Gigue.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Affilard gibt ihr Tempo etwa mit Punktierte Viertel = 106 MM an. Laut Johann Joachim Quantz (1752) dagegen haben Gigue und Canarie „eynerlei Tempo“ mit einem Pulsschlag pro Takt, wenn sie im 6/8-Takt stehen.<ref name=Quantz-271 /> Anders als die Gigue bestehe die Canarie immer aus punktierten Noten, und würde auf der Geige mit einem „kurzen und scharfen“ Bogenstrich gespielt (während er der Gigue einen „kurzen und leichten“ Bogenstrich zuordnet).<ref name=Quantz-271 />
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}} Die Canarie blieb jedoch ein eher seltener Tanz, sie war nie wirklich in Mode, vermutlich wegen ihrer großen Ähnlichkeit mit der Gigue „à la française“, und wegen ihres recht eng abgesteckten Stil- und Ausdrucksvermögens.
Vereinzelte Beispiele gibt es in Frankreich von dem Lautenisten Ennemond Gaultier,<ref>Dies ist noch ein eher frühes, sehr kultiviertes Stück ohne Auftakt, und noch nicht im typischen späteren Canariestil. Zu hören z. B. auf der CD: „Vieux“ Gaultier – Pièces de luth, Hopkinson Smith, erschienen bei: astrée, 1987 (CD).</ref> und von den Clavecinisten Chambonnières (1670),<ref>Jacques Champion de Chambonnières, Les Pièces de Clavessin, Vol. I & II, Facsimile of the 1670 Paris Edition, New York: Broude Brothers, 1967, S. 61f.</ref> Louis Couperin,<ref>Manuscrit Bauyn (3 Bde.), …, deuxième partie: Pièces de Clavecin de Louis Couperin,…, Facsimile, prés. par Bertrand Porot, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 2006, (Bd. 2) S. 70.</ref> Nicolas Lebègue (1677),<ref>In der Suite Nr. 1 in d la re sol. Siehe: Nicolas-Antoine Lebègue, Pièces de Clavecin, Premier Livre, 1677, Facsimile, publ. sous la dir. de J. Saint-Arroman, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 1995, S. 15f.</ref> Elisabeth Jacquet de la Guerre (1687),<ref>In den Suiten in d und in F des Premier Livre. Élisabeth Jacquet de la Guerre, Les Pièces de Clavecin – Premier Livre, 1687, Facsimile, …, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 2000, S. 15f (d-moll) und S. 74f (F-Dur).</ref> François Couperin (1713).<ref>Eine 'Canaries' ohne Auftakt und mit Double im Second Ordre in d/D. Siehe: François Couperin, Pièces de Clavecin, Bd. 1, hrsg. von Jos. Gát, Mainz et al.: Schott, 1970, S. 47f.</ref> Beispiele aus der Bühnenmusik gibt es z. B. in André Campras Opéra-ballet L’Europe galante (1697), und in England in Henry Purcells Semi-Operas Dioclesian und The Indian Queen (1695).<ref>Die Canary der Indian Queen gibt es auch in Transkriptionen für Cembalo oder Spinett. Siehe: Henry Purcell, Piano Solo Complete Edition (Urtext), ed. by István Máriássy, Budapest: Könemann (o. J.), S. 28f.</ref> In Deutschland findet man sie ab und zu bei frankophilen Komponisten wie Johann Caspar Ferdinand Fischer (in: Journal du Printemps 1695, und Musicalisches Blumenbüschlein, 1696/98),<ref>In der Orchestersuite Nr. 8 in C des Journal du Printemps (Augsburg, 1695), und in der Cembalosuite Nr. 2 in F des Blumenbüschlein. (Siehe die CD: Johann Caspar Ferdinand Fischer, Le Journal du Printemps, L’Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg, erschienen bei: cpo, 2005).</ref> oder in einigen Ouverturensuiten Georg Philipp Telemanns, der z. B. am Ende seiner Wassermusik Hamburger Ebb und Fluth von 1723 „die lustigen Bootsleute“ eine Canarie tanzen lässt.<ref>„Die lustigen Bootsleute“ ist der Zusatztitel dieser Canarie. Ein weiteres Beispiel ist z. B. auch in der Ouverturensuite TWV 55: d3. Da genau umgekehrt an vorletzter Stelle vor der Gigue.</ref>
Der Tanz selber zeichnet sich wie oben erwähnt durch zahlreiche Sprünge aus und galt laut Curt Sachs als schwierig.<ref>Curt Sachs: Eine Weltgeschichte des Tanzes. Olms, Hildesheim, 3. Auflage 1992 (= Reprint der Ausgabe 1933).</ref> Vom Anfang des 18. Jahrhunderts sind einige Canarie-Choreographien in der Notation von Raoul-Auger Feuillet überliefert.
Folgender Canarie stammt aus einer der Tänze-Sammlungen von John Playford (1623–1686): <score> { \relative f'
\new PianoStaff <<
\new Staff
{ \clef violin \key g \major \time 6/4
<< { \repeat volta 2 { g4. a8 b4 b4. a8 b4 c4. d8 b4 a2 g4 g8 fis g a b4 b8 a b c b4 c8 b c d b4 a2 g4 } \repeat volta 2{ d'2. b4. c8 d4 e d b a2 g4 g' d d b8 a b c d b c d e d c b a2 g4 } }
\\
{ d2 g4 d2 g4 e2 g4 fis2 g4 d2 g4 d2 g4 e2 g4 fis2 g4 d2 g4 d2 g4 e2 g4 fis2 g4 d2 g4 d2 g4 e2 g4 fis2 g4 }
>> }
\new Staff
{ \clef bass \key g \major \time 6/4
<< { g,2. g2. c2. d2. g,2. g2. c2. d2 g,4 g2. g2. c2. d2. g,2. g2. c2. d2 g,4 }
>> }
>> } </score>
Quellen
Literatur
- Thoinot Arbeau, Orchésographie et Traicté en forme de dialogue, par lequel toutes personnes peuvent facilement apprendre & practiquer l'honneste exercice des dances, Langres: Jehan des Preyz, 1589 / réedition 1596, (privilège daté du 22 novembre 1588) / réédition posthume: 1596 = Orchésographie. Reprint der Ausgabe 1588. Olms, Hildesheim 1989, ISBN 3-487-06697-1.
- Johann Mattheson: Der vollkommene Capellmeister, 1739, Faksimile-Nachdruck hrsg. von Margarete Reimann, Bärenreiter, Kassel et al., S. 227–228
- Johann Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen…. Berlin, J. F. Voss 1752 (Erstausgabe), Breslau, 1789 (Dritte Auflage). (Wikisource;{{#if:JohannJoachimQuantzVersuchEinerAnweisungDieFlteTraversiereZu
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- Curt Sachs: Eine Weltgeschichte des Tanzes. Olms, Hildesheim, 3. Auflage 1992 (= Reprint der Ausgabe 1933).
- Volker Saftien: Ars saltandi. Der europäische Gesellschaftstanz im Zeitalter der Renaissance und des Barock. Hildesheim 1994. ISBN 3-487-09876-8, S. 213–217
- {{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}
Noten
- Jacques Champion de Chambonnières, Les Pièces de Clavessin, Vol. I & II, Facsimile of the 1670 Paris Edition, New York: Broude Brothers, 1967.
- François Couperin, Pièces de Clavecin, 4 Bde., hrsg. von Jos. Gát, Mainz et al.: Schott, 1970–1971.
- Manuscrit Bauyn (3 Bde.), …, deuxième partie: Pièces de Clavecin de Louis Couperin,…, Facsimile, prés. par Bertrand Porot, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 2006.
- Johann Caspar Ferdinand Fischer, Sämtliche Werke für Tasteninstrument (darin u. a.: „Blumenbüschlein“ (1698)), hrsg. v. Ernst von Werra, Wiesbaden: Breitkopf & Härtel, (urspr. 1901).
- Élisabeth Jacquet de la Guerre, Pièces de Clavecin qui peuvent se jouer sur le violon, 1707, Facsimile, prés. par Catherine Cessac et J. Saint-Arroman, publ. sous la dir. de J. Saint-Arroman, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 2000.
- Nicolas-Antoine Lebègue, Pièces de Clavecin, Premier Livre, 1677, Facsimile, publ. sous la dir. de J. Saint-Arroman, Courlay: Édition J. M. Fuzeau, 1995.
- Henry Purcell, Piano Solo Complete Edition (Urtext), ed. by István Máriássy, Budapest: Könemann (o. J.).
- Jerry Willard (Hrsg.): The complete works of Gaspar Sanz. 2 Bände (Band 1: The complete musical contents of Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarra Española. […]. Band 2: A selection of over forty-five musical gems from Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarre Española, presented in arrangements for the modern classical guitar.) Amsco Publications, New York 2006 (Übersetzung des Originaltextes ins Englische durch Marko Miletich), ISBN 978-0-8256-1695-2, hier etwa Band 1, S. 61–63 (Canarios [in D]), 128–129 (Canarios [in G]) und 131 (Siguense otro canarios).
Einspielungen
- „Vieux“ Gaultier. Pièces de luth. Hopkinson Smith, erschienen bei: astrée, 1987 (CD).
- Baroque Lute Music Vol. 1: Giovanni Girolamo Kapsberger, mit Paul O’Dette – 10-course lute & chitarrone, erschienen bei: harmonia mundi, 1990 / 2001.
- Johann Caspar Ferdinand Fischer, Le Journal du Printemps, L'Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg, ersch. bei: cpo, 2005 (CD).
- Handel, Telemann – Watermusic, The King's Consort, Robert King, ersch. bei: Hyperion, CDA66967 (rec. 1997) (CD).
Weblinks
Youtube-Filme:
- Canarios von Gaspar Sanz mit Hopkinson Smith (Barockgitarre), (gesehen am 30. Mai 2017)
- Barocktanz 1: Canarios von Gaspar Sanz, (gesehen am 30. Mai 2017)
- Barocktanz 2: Canaries von Lully, nach Chorégraphie von Feuillet (1700), (gesehen am 30. Juli 2017)
Frühe Texte zur Canarie:
- Tanzbeschreibung nach Cesare Negri auf einer privaten Website (engl.)
- Website mit dem französischen Originaltext von Thoinot Arbeau, Orchésographie, 1589: https://graner.net/nicolas/arbeau/orcheso09.html.
- Faksimile von Thoinot Arbeau, Orchésographie, 1589: .
Anmerkungen
<references />