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André Campra

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Datei:André Campra.jpg
André Campra

André Campra (getauft am 4. Dezember 1660 in Aix-en-Provence; † 29. Juni 1744 in Versailles) war ein französischer Komponist.

Leben

Die frühen Jahre

Campras Vater stammte aus der Gemeinde Graglia in der Provinz Biella nördlich von Turin, war Chirurg und spielte Geige in einer Schar Dorfmusikanten aus Aix, zu der auch Andrés Taufpate gehörte. Campras Mutter, Louise Fabry, kam aus dem Bürgertum und brachte Grundbesitz mit in die Ehe, darunter ein Morgen Wein. Vom achten Lebensjahr an genoss Campra seine erste musikalische Ausbildung als Chorknabe der Kathedrale Saint-Sauveur in Aix-en-Provence und gelangte in den Kreis von Kindern, die eine besondere Förderung erfuhren. 1672 legte Kardinal Jérôme Grimaldi ihm die Pflicht zur Tonsur auf, einhergehend mit einer weiteren Unterstützung seines musikalischen Werdegangs trotz einsetzenden Stimmbruchs.<ref name="barthelemy_1995_s20">Barthélemy 1995: S. 20.</ref> Schon im Alter von 17 Jahren komponierte er seine ersten Motetten. Zuträglich war Campra die ausgezeichnete Unterweisung durch Guillaume Poitevin, doch zeigte sich auch früh der italienische Einfluss seiner Herkunft, profitierend von der für solche Gegebenheiten offenen Stimmung Südfrankreichs.<ref name="barthelemy_1995_s20" />

Campras Ausbildung war umfassend: Kirchenlatein, Grammatik, Geisteswissenschaften sowie Theorie und Praxis der Musik.<ref name="barthelemy_1995_s20" /> Im Mai 1678 ging sein Chorknaben-Dasein über in das eines clerc (Gehilfe) im kirchlichen Dienst.<ref name="barthelemy_1995_s20" /> Hierzu musste er kein Gelübde ablegen, war kein Priester, profitierte aber von kirchlichen Wohltaten, wenngleich um den Preis, sich an die kirchlichen Lebensregeln halten zu müssen.<ref name="barthelemy_1995_s26">Barthélemy 1995: S. 26.</ref> 1681 erhielt er vom Domkapitel einen Verweis, weil er an Theateraufführungen teilgenommen hatte. In der Folgezeit hielt er seine Begeisterung für Schauspiel und weltliche Musik im Zaum und konnte damit das Wohlwollen seiner Vorgesetzten so zurückgewinnen, dass sie ihm im Mai 1681 eine unter dem Titel „Saint-Esprit“ gestiftete Kaplanspfründe zukommen ließen. Indes hatte Campra andere Pläne und bat für den folgenden August um Urlaub für eine Reise nach Arles.<ref>Barthélemy 1995: S. 23.</ref>

Er trat in Arles sogleich die Stelle des maître de musique an der Kathedrale Saint-Trophime an, deren Kantorei weniger Glanz und Ruhm vorwies als jene in Aix, doch gab es ein kleines Orchester und er wurde dessen Chef. Kurze zwei Jahre hielt es ihn hier, immerhin länger als die bekanntesten Musikgrößen des Ortes, Annibal Gantez und Nicolas Saboly. Zwar wurde Campra gut bezahlt, doch fehlten die Mittel für eine seinem Ehrgeiz entsprechende Ausübung der Pflichten. Mitten in diese Zeit fiel ein Ausflug in die weltliche Musik, als er 1682 bei den Veranstaltungen anlässlich der Geburt des Herzogs von Burgund, eines Enkels von Louis XIV., mit Einverständnis des Kapitels eine Symphonie dirigierte. Nicht bekannt ist, ob er das vorgetragene Stück selbst komponiert hatte.<ref>Barthélemy 1995: S. 24.</ref>

1683 zog es ihn nach Toulouse, wo er die Singschule der Kathedrale Saint-Étienne leitete; diese Position hatte er elf Jahre inne. Die musikalischen Mittel waren recht bescheiden, zur instrumentalen Unterstützung der Sänger standen ihm lediglich Serpents und eine Bassgambe zur Verfügung, Campra gelang es, noch zwei Violinstimmen hinzuzufügen. 1685 wurde er bei einer Versammlung der Stände des Languedocs in Montpellier als maître de musique empfangen. Im Jahr darauf erhielt er eine Rüge, weil er den Kinderchor außerhalb der Kirche hatte singen lassen und es störte eine gewisse Unordnung, die Campra in der Kantorei verursachte.<ref name="barthelemy_1995_s25">Barthélemy 1995: S. 25.</ref> Für Unordnung im eigenen Leben sorgte 1690 die Beziehung zu einer jungen Toulouserin, verführt soll er sie haben.<ref name="barthelemy_1995_s25" /> Unklar ist, ob er durch Eintritt in die französische Marine sich etwa entstandenen Verpflichtungen entziehen wollte, jedenfalls war nun der als leicht reizbar und brutal bekannte Rekruteur Fähnrich zur See Chevalier de Juliard auf dem Plan und forderte, Campra solle zwei Chorknaben für den Eintritt in die Marine bestimmen.<ref name="barthelemy_1995_s26" /> Er verweigerte dies, was gegenüber einem Offizier der Königlichen Marine keine Kleinigkeit war.<ref name="barthelemy_1995_s26" /> Campras direkter Vorgesetzter, der Erzbischof Colbert de Villacerf musste für ihn in diese Sache tätig werden, und sogar Lamoignon de Bâville, Verwalter des Languedoc, war zu bemühen. Die recht beachtliche Affäre ließ Campras Ansehen nicht wachsen.<ref name="barthelemy_1995_s26" /> 1691 verlangte das Domkapitel, dass er seine Werke dem Kapitel vor jeder Aufführung vorlegen musste. Das ehrbare Vorbringen, sich weiterbilden zu wollen, um der Gesellschaft besser dienen zu können, verhalf ihm im Frühjahr 1694 zu einem Urlaub in Paris, doch blieb er dort.<ref>Barthélemy 1995: S. 27.</ref>

Etablierung in Paris

Campra wurde im Juni 1694 durch die Hilfe des Abtes von Saint-Sever, M. de La Grange-Trianon, ohne Wettbewerb Leiter der Singschule an Notre Dame de Paris, was auch sein Talent offenbart, mächtige Beschützer zu gewinnen und zu bewahren.<ref>Barthélemy 1995: S. 39.</ref> Leiter jener Kantorei zu sein, war das höchste Amt, das man in Frankreich in der Kirchenmusik erreichen konnte, und in dieser Position eine hervorragende Leistung zu zeigen, musste ihm am Herzen liegen.<ref>Barthélemy 1995: S. 56.</ref> Was ihm bald zu Berühmtheit verhalf, waren keine außergewöhnlich großen Werke, sondern seine 37 Motetten,<ref>Barthélemy 1995: S. 60.</ref> die ein breites Publikum fanden und in drei Bänden 1695, 1700 und 1703 gedruckt wurden.<ref name="bart_62">Barthélemy 1995: S. 62.</ref> Die seiner provenzalischen Heimat zu verdankende, schlichte, gutmütige Herzlichkeit des Jugendwerks war allmählich einem italienischen Stil gewichen,<ref>Barthélemy 1995: S. 32.</ref> der nicht zuletzt daher rührte, dass in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts der italienische Einfluss bei den Motetten besonders groß war.<ref name="bart_62" /> So befand er sich mittendrin in der „stilistischen Auseinandersetzung“<ref name="bouissou_56">Bouissou 2000: Sp. 56.</ref> zwischen der feinfühligen französischen und der lebhaften italienischen Musik, doch gelang ihm offenbar die „Stilsynthese“.<ref>Clostermann 1995: S. 17.</ref> Le Cerf de La Viéville, profiliertester Fürsprecher des französischen Stils, bemängelte zwar Kleinigkeiten, wähnte Campra aber dennoch an der Spitze der zeitgenössischen Komponisten.<ref>Barthélemy 1995: S. 76.</ref> Besonders angetan hatte es ihm In te Domine, wozu er meinte, es sei „die beste von allen Motetten, die ich kenne und die von einer herrlichen und wahren Güte ist, oder habe ich mich getäuscht, ausdrucksvoll, einfach, angenehm, von einem frommen und anmutigen Gesang“.<ref>Barthélemy 1995: S. 65.</ref>

Anscheinend war auch das Domkapitel zufrieden mit Campras Arbeit,<ref name="bart_40">Barthélemy 1995: S. 40.</ref> wenngleich sich die von ihm angestoßenen Neuerungen, wie die Verwendung von Violinen, mit der sehr traditionalistischen Einstellung der Domherren rieben.<ref name="briquet_1005">Briquet 1956: Sp. 1005.</ref> Campra zog seinen Nutzen aus der Vorurteilslosigkeit des neuen Erzbischofs Louis-Antoine de Noailles,<ref name="bart_40" /> unter dem ihm eine Pfründe gewährt wurde.<ref name="briquet_1005" /> Jener machte ihn zum Kanoniker von St-Jean-le-Rond<ref name="bouissou_55">Bouissou 2000: Sp. 55.</ref> und schlug ihm vor, des Einkommens wegen Subdiakon zu werden.<ref name="bart_40" />

Datei:Ryttarporträtt på Madame La Duchesse de la Ferte, 1670-tal - Skoklosters slott - 100376.tif
Für Marie-Elisabeth-Gabrielle-Angélique de La Mothe-Houdancourt, duchesse de La Ferté (1654–1726, Reiterporträt von Joseph Parrocel aus den 1670ern) schrieb Campra 1698 auf ein Libretto von Antoine Danchet das Divertissement Vénus, feste galante.<ref>Vernet 2012: S. 100.</ref> Die Venus blieb in des Komponisten Opern eine bevorzugte Figur.<ref name="barthelemy_1995_s297">Barthélemy 1995: S. 297.</ref>

Derweil suchte Campra den Kontakt zur Pariser Gesellschaft, freundete sich an mit dem Instrumentenmacher Jean-Baptiste Chéron und dessen Frau Anne Felière und wurde Taufpate von deren Sohn André Chéron.<ref name="bart_40" /> Das Divertissement hatte sich – in verschiedenen Formen – als ein neues musikalisches Genre durchgesetzt,<ref>Barthélemy 1995: S. 77–78.</ref> das von Mäzenen und Künstlern in ein mondänes Milieu gepflanzt wurde, das ohne die höfische Etikette auskam, das liebenswerter war und freier und das der Libertinage Raum gab.<ref>Barthélemy 1995: S. 51 und 78.</ref> Hier gab es Arbeit für Campra, den „Libertin und Diener Gottes“,<ref>Cessac 2012: S. 8.</ref> Versailles brauchte ihn nicht zu kümmern, zumal das Desinteresse auf Gegenseitigkeit beruhte: Ludwig XIV. hielt nichts von ihm, was möglicherweise daran lag, dass – so Dom Caffiaux – Michel-Richard Delalande am Hof immer gegen Campra war.<ref>Barthélemy 1995: S. 45.</ref> Trotzdem erwuchs aus diesem Milieu, das aus Sicht des Königshofs nicht das ehrbarste war, in dem sich aber mitunter echter ältester Adel fand,<ref>Barthélemy 1995: S. 50.</ref> der Kontakt, der Campra später nach Versailles brachte: Er traf Philippe II. d’Orléans, der sein mächtigster und dauerhaftester Beschützer wurde.

Zeit der Rivalität mit den Protegés des Philippe II. von Orléans

1697 bestellte der Herzog von Sully bei Campra ein kleines Divertissement, das dem Herzog von Chartres gewidmet wurde. Jener hatte also einen Grund, sich für Campra zu interessieren, zumal l’Europe galante seinen Geschmack treffen durfte – er war Schüler Marc-Antoine Charpentiers, der wie kein anderer Komponist dieser Epoche für Italianismen stand.<ref>Barthélemy 1995: S. 75.</ref> Woher sich einerseits die Annahme anbietet, Campra sei 1698 an dessen Stelle als maître de musique bei Orléans getreten, um gegen 1700 wiederum von Charles-Hubert Gervais (1671–1744) ersetzt zu werden.<ref>Barthélemy 1995: S. 49.</ref> Andererseits sind zeitgenössische Dokumente selten, die direkte Kontakte belegen.<ref name="fader_40">Fader 2012: S. 40.</ref> Wo Lully das Rampenlicht gesucht hatte, pflegte Campra die Anonymität. Einen Hinweis auf die Nähe zwischen ihm und Philippe gibt aber die Widmung der Oper Camille von 1717,<ref>Fader 2012: S. 25.</ref> in der auch all die Wissenschaften genannt wurden, für die der Regent sich besonders interessierte: Physik, Mathematik, Malerei und Musik. In diesen Disziplinen nutzte das Mäzenat des Herzogs einigen Protegés, im Fall der Musik Gervais, Nicolas Bernier (1664–1734), Jean-Baptiste Morin (1677–1745) und – zunächst – Jean-Baptiste Rousseau (1671–1741). Bei ihm gab es Spannungen mit Campras Librettisten de La Motte und Campra wollte kein Gedicht von Rousseau vertonen, der daraufhin beide in seinen Epigrammen schmähte, was mit seiner Verbannung endete.<ref>Fader 2012: S. 26.</ref>

Zwar wurde in dieser Zeit für das organisierte Aufeinandertreffen von Musikern französischen und italienischen Stils durchaus das Wort combat (Kampf) benutzt, doch zielte eine von Philippe bewusst geförderte Rivalität ab auf Experimentiergeist, Erkenntnisfähigkeit und Entwicklung von Techniken, ein Prozess, in dem sich Campra in den zehn Jahren nach l’Europe galante wiederfand und der sich tatsächlich auf den französischen Musikstil auswirkte.<ref name="fader_40" /> Neue Techniken in Kontrapunkt und Harmonik befördern sollte wohl ein zwischen Stuck, Morin und Pietro Antonio Fiocco (1654–1714) angestoßener Wettbewerb um die Vertonung von Rousseaus Gedicht Philomèle als französische Kantate.<ref>Fader 2012: S. 33.</ref> Die Arbeiten von Morin und Fiocco sahen die erste und zweite Strophe als air da capo, Fiocco mit Neapolitanischem Sextakkord, Morin in gleichnamiger Moll-Tonart. Stuck erkannte, dass der Sinn des Gedichts einem da capo entgegenstand, benutzte aber auch die sixte napolitaine und außerdem Rhythmen der sicilienne.<ref>Fader 2012: S. 34.</ref> Als Letzter lieferte Campra, wie er es im Avertissement ausdrückte, weil „die Kantaten in Mode gekommen sind“, nicht ohne einen Seitenhieb auf „diejenigen von uns Franzosen“, die über die Italinismen die „Schönheit“ der französischen Musik vergaßen. Das von Pierre-Charles Roy<ref>Naudeix 2012: S. 210.</ref> der Mythologie entnommene Gedicht Arion enthielt als Kantate dann ein Les flots sentent la puissance de ses sons harmonieux genanntes Air für Solostimme mit obligater Traversflöte und Basso continuo. Es gab einen Dreiertakt, punktierte Rhythmen, überbundene Noten und es sah ganz nach französischer Passacaille aus. Der Schuss italienischer Harmonik kam durch die Art, wie das obligate Instrument sich mit der gesungenen Linie rieb.<ref>Fader 2012: S. 38.</ref> Gab es bei Morin und Fiocco eine Begleitung mit Terzen und Sexten, setzte Campra unorthodoxe Dissonanzen und zog mit einer Demonstration seiner Virtuosität an den Rivalen vorbei.<ref>Fader 2012: S. 39.</ref> Eine Vergütung gab es für Campra und Stuck 1718: Wohl auf Fürsprache Philippes gewährte Ludwig XV. beiden eine jährlich Pension von 500 Livres.<ref name="bouissou_55" />

Meistgespielt am Jesuiten-Kolleg Louis-le-Grand

Die entstandenen nützlichen Beziehungen pflegte Campra, darunter speziell jene zu den Jesuiten des Collège Louis-le-Grand. Eine von 1698 bis 1737 währende Zusammenarbeit gab ihm einen gewissen Halt,<ref>Cessac 2012: S. 7.</ref> wobei nicht eindeutig zu sagen ist, ob es sich um eine feste Anstellung mit Verantwortung für das gesamte musikalische Geschehen des Hauses handelte oder um regelmäßig erteilte Aufträge.<ref name="demeilliez_64">Demeilliez 2012: S. 64.</ref> Eine fünfzehn Jahre währende Lücke ergab sich von 1704 an,<ref>Barthélemy 1995: S. 44.</ref> bei der zumindest die Zeit von September 1714 bis November 1715 erklärbar ist: Campra war Direktor der Oper in Marseille.<ref name="demeilliez_64" /> Die Verbindung zu den Jesuiten mag bereits in Campras provenzalischer Zeit entstanden sein,<ref name="demeilliez_63">Demeilliez 2012: S. 63.</ref> in Paris wurde er für sie interessant, als sich 1699 Probleme durch Henry Desmarests Flucht ins Exil ergaben. Zwar war Campra nicht der einzige vom Collège in Anspruch genommene Komponist – mindestens 14 weitere gab es da –,<ref name="demeilliez_64" /> doch war er auf dessen Bühne im 18. Jahrhundert der meistgespielte.<ref name="demeilliez_62">Demeilliez 2012: S. 62.</ref> In Europa war das Collège mit seiner Kirche St. Louis eine der angesehensten Lehranstalten. Gelegentlich gab es dort musikalische Ehrungen von Mitgliedern der königlichen Familie, an denen Campra teilnahm, mit dem Effekt, seine Musik einflussreichen Personen zu Gehör bringen und auf wachsende Unterstützung und Protektion hoffen zu können.<ref name="demeilliez_63" /> Was gespielt wurde, ist dokumentiert durch erhalten gebliebene Programme und Berichte des Mercure, selbst führten die Patres nicht Buch über ihre Veranstaltungen, ihr Archiv wurde größtenteils zerstört. Auch werden Notenblätter nur selten gefunden, was wahrscheinlich daran liegt, dass das Haus die Gestaltung von Musik- und Ballettveranstaltungen fast ausschließlich extern vergab.<ref>Demeilliez 2012: S. 66.</ref> 1721 sah der Mercure de France Campra von der Funktion her als maître de musique am Jesuiten-Kolleg.<ref name="bouissou_56" />

Lichtblick für ein Opernhaus mit langer Krise

Glückliche Zeit zwischen zwei Kriegen

Zur Zeit von Campras Ankunft in Paris war Jean-Nicolas de Francine (1662–1735) Direktor der Opernakademie. Lullys Witwe Madeleine Lambert hatte ihrem 25 Jahre alten, offenbar ohne musikalische Ausbildung aufgewachsenen Schwiegersohn die Leitung 1687 überlassen, doch tat jener sich schwer, beim Personal die Disziplin aufrechtzuerhalten, ließ selbst Disziplin in der Finanzverwaltung fehlen und den auf die Bühne gebrachten Opern mangelte es unter ihm an Qualität.<ref>de La Gorce 1992: S. 99.</ref> Lully legte seinerzeit noch Wert darauf, dass ein Meer in seinen Opern sich wirklich bewegte. 1694 musste das Publikum große, grob mit blauer Farbe beschmierte Bretter hinnehmen – und es murrte.<ref>de La Gorce 1992: S. 97.</ref> 1697 endete der Pfälzische Erbfolgekrieg und das Jahr begann bei Francine mit wenig erfolgreichen Tragödien von Gervais und Desmarest, doch brachte am 24. Oktober Campras L’Europe galante eine Wende und mit Issé von André Cardinal Destouches gab es ein Stück, das auch am Königshof reüssierte.<ref name="delagorce_101">de La Gorce 1992: S. 101.</ref> Destouches, ein Schüler Campras, steuerte zu dessen Ballett-Oper, die zu einem Wendepunkt im französischen Musik-Geschehen wurde, drei Airs bei und musste sich dennoch düpiert fühlen: Das von seinem Vetter und Librettisten Antoine Houdar de La Motte ursprünglich ihm zugedachte Libretto konnte Campra ihm gewieft abluchsen. Da mag man sich später nicht mehr unvoreingenommen begegnet sein, jedenfalls kam es trotz des Erfolgs von L’Europe galante nie mehr zu einem gemeinsamen Projekt. La Motte bediente Destouches und Campra fand in Antoine Danchet seinen meist angefragten Librettisten – neben dem Kontakt zu seinem Bruder Joseph (1662–1744) und zu den Jesuiten der dritte konstante Faktor in André Campras Leben.<ref>Burgess 2012: S. 279.</ref> In dieser Zeit ließ er Joseph seine weltlichen Werke unterzeichnen, um seine Stelle an Notre Dame nicht zu verlieren, doch war die wahre Urheberschaft der Werke ein offenes Geheimnis.<ref>Barthélemy 1995: S. 41.</ref>

Destouches blieb fortan fast so produktiv wie Campra und arbeitete mit daran, dass das erste Drittel des 18. Jahrhunderts an der Pariser Oper die „Zeit des Balletts“ wurde.<ref>Legrand 2012: S. 308.</ref> Campra drückte diesem Trend seinen ganz persönlichen Stempel auf, beispielsweise durch die Einführung unbekannter italienischer Tänze, wie der Forlane.<ref>Legrand 2012: S. 297.</ref> Dabei war sein Italianisieren – so weit man weiß, war Campra nie in Italien –<ref>Fajon 1984: S. 175.</ref> nicht wie jenes zu Zeiten von Charpentier, der harmonische Komplexität von jenseits der Alpen übernahm, sondern ein Beimischen italienisch melodischer Spritzigkeit zu seinen Kompositionen,<ref>Legrand 2012: S. 307.</ref> auch zu seinen nicht-tragischen Opern.<ref name="burgess_277">Burgess 2012: S. 277.</ref> Nach seinem 1697er-Erfolg mit L’Europe galante war Campra emsig im Opernbetrieb, lieferte für die acht kommenden Spielzeiten je eine Oper ab und 1704 deren sogar zwei.

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Nicht nur Symbol eines Sich-Luft-Machens im Karneval: Die Republik Venedig stand bei Vielen für eine Regierungsform näher am Menschen<ref name="burgess_277" /> (Gemälde Fêtes vénitiennes von Antoine Watteau).

1699 entstand, was sich fügt, wenn zu einem Campra ein gleichermaßen aufgeweckter Textdichter Jean-François Regnard findet: Das Ballett Carnaval de Venise, mit eingebauter italienischer Mini-Oper Orfeo nell’inferni,<ref name="briquet_1005" /> üppiges Schauspiel, das trotz dünner Handlung den Dauphin, Sohn Ludwigs XIV., in seinen Bann schlug.<ref>Barthélemy 1995: S. 96 f.</ref> Nicht so das gewöhnliche Publikum, das mit einer unüblichen Bilderwelt nichts anfangen konnte<ref>Fajon 1984: S. 23.</ref> und bei diesem Stück Campra den wohl ungerechtfertigtsten Misserfolg bescherte.<ref>Fajon 1984: S. 388.</ref> Campra bat im Oktober 1700 um die Entlassung aus dem für ihn lukrativen Dienst der Kirche.<ref name="bouissou_55" /> Die Trennung hatte sich über ein paar Monate hin vollzogen und erfolgte freundschaftlich.<ref>Barthélemy 1995: S. 42.</ref> Auch blieb Campra bis zu seinem Lebensende dem römisch-katholischen Glauben treu.

Den Ausstieg aus dem Kirchendienst vollzogen – sein zurückgelassener Dienstherr, Erzbischof Noailles, forderte die Schließung der Oper –<ref name="delagorce_101" /> musste Campra, wollte er an der Académie royale de musique etwas sein, sich auch in der Tragédie lyrique beweisen. Zu einem Text von Danchet komponierte er die Oper Hésione, die am 21. Dezember 1700 auf die Bühne kam – ein Triumph.<ref>Barthélemy 1995: S. 104.</ref> Zwar noch ein Neuling im Librettisten-Geschäft, fiel gegenüber dem etablierten La Motte Danchets überlegene, harmonisch elegante Versifikation auf.<ref>Fajon 1984: S. 134.</ref> Nichtsdestotrotz blieb den Kritikern, wie bei ähnlichen Stücken, ein Abgleiten der Tragédie lyrique in ein umfangreiches Ballett nicht verborgen.<ref>Fajon 1984: S. 141.</ref> Tatsächlich brachte Campra mit einem nicht erwartbaren Gespür für Tänze jene vermehrt dort, wo Destouches auf gesungene Airs und Chöre setzte.<ref>Fajon 1984: S. 142.</ref> Letzterer war stärker bei Rezitativen, die Campra gern umging, indem er sein melodisches Können in Airs oder Duos steckte.<ref>Fajon 1984: S. 148.</ref> Die kommenden fünf Jahre füllte Campra die Plakate der Académie fast exklusiv, zunächst wieder 1701 mit dem vom Publikum weniger gut angenommenen Ballett Aréthuse ou la Vengeance de l’Amour.<ref>Barthélemy 1995: S. 113 f.</ref> Musikalisch durchaus interessant, hatte das Stück mit Prolog und drei Entrées eher etwas von einer Pastorale, leider von Danchet mit keiner ergreifenden Handlung ausgestattet.<ref>Fajon 1984: S. 148.</ref>

1701 war der Friede bereits zu Ende, aber trotz des Spanischen Erbfolgekriegs lief eine Welle prunkvoller Neuschöpfungen hinein bis ins Jahr 1702.<ref>Fajon 1984: S. 131.</ref> In diesem Jahr kamen die Wiederaufnahmen von Lullys Phaëton und Acis et Galatée gut an, was Campra und Danchet dazu inspirierte, die Ballett-Oper Les Fragmens de Monsieur Lully als Pasticcio aus beliebten Lully-Stücken zu schaffen – mit einem beachtlichen Erfolg, und das inmitten jener drei Jahre, die für die erbarmungslosesten Kritiken der Rezensenten standen.<ref>Barthélemy 1995: S. 104.</ref> Wollte das Publikum 15 Jahre nach Lullys Tod eine Erneuerung erleben und trotzdem alle Anforderungen aus der von ihm begründeten Tradition gewahrt wissen, so gelang Campra und Danchet 1702 mit Tancrède der Spagat.<ref>Fajon 1984: S. 150.</ref> Von den Zeitgenossen angesehen als „eine der schönsten von jenen, die seit Lully gegeben wurden“,<ref>Barthélemy 1995: S. 132.</ref> zeigte diese Oper den Komponisten auf der Höhe seines Könnens.

„Âge d’or“ (goldene Zeit) ist ein Ausdruck, der sich mitunter für diese kurze Periode findet,<ref>Fajon 1984: S. 177.</ref> doch tatsächlich konnte Operndirektor Francine im Abrechnungsjahr Sommer 1702 bis in den folgenden nur an drei Monaten Gewinn verbuchen.<ref>de La Gorce 1992: S. 117.</ref> Les Fragmens de Monsieur Lully gefiel zwar dem Publikum, lieferte aber keinen nachhaltig finanziellen Beitrag. Auch wenn später berühmt und mehrfach wieder aufgenommen, kam die Tragédie lyrique Tancréde in diese Spielzeit noch nicht gut an. So verschlechterte sich weiter die Situation des Opernhauses, Francine kam nicht umhin, sich bei dem Choreographen Louis Pécour Geld zu leihen<ref>de La Gorce 1992: S. 115 f.</ref> und wurde zunehmend zum Gespött der Öffentlichkeit.

Brüche

Galt bei Lully noch ein unumstößlicher Vorrang der Vokal-Linie und hatten die Instrumentalisten die Singstimme streng im Kontrapunkt zu begleiten, verfuhr Campra bei seinen beiden Erfolgstragödien ebenso nach diesem Grundsatz, löste er sich davon aber 1703 willentlich bei seiner Ballett-Oper Les Muses genauso sehr, wie er die bei den Tragédies en musique vermiedene Stilsynthese hier wagte.<ref>Fajon 1984: S. 172.</ref> Gegenüber dem edlen Genre der Tragédie en musique sah man im Ballett ein untergeordnetes, das Campra jetzt zu seinem Versuchsfeld machte.<ref>Fajon 1984: S. 175.</ref> Generell beobachtete man seit 1700 gegenüber der Vokalmusik eine ansteigende Welle der Instrumentalkompositionen, die mit einer bei der Académie royale de musique gar nicht gut ankommenden Hochnäsigkeit behaftet war.<ref>Barthélemy 1995: S. 313.</ref> Les Muses bot einige Neuerungen, der Stellenwert dieses Balletts erschloss sich dem Publikum allerdings noch nicht.

Mit Les Muses einher ging ein Aus der Zusammenarbeit Campras mit dem Verleger Christophe Ballard, der seit Hésione Campras Werke verkaufte. Das Geschäftsmodell bestand darin, die Partituren gut eine Woche vor der Premiere anzubieten. Der Komponist aber änderte bis zur Aufführung und machte die Drucke so zum Altpapier. Der Verleger brachte Campra vor Gericht,<ref>Barthélemy 1995: S. 53 f.</ref> behielt in der Sache Recht und mied Campra bis 1708.

1704 starb der Librettist Joseph-François Duché de Vancy,<ref>Fajon 1984: S. 112.</ref> Verfasser des unfertigen Textes zu Desmarests ebenso unfertiger Oper Iphigénie en Tauride. Als Campra und Danchet noch den letzten Schliff an Les Muses tätigten, traten Freunde des Exilierten an sie heran, mit der Bitte, Iphigénie zu vollenden.<ref>Barthélemy 1995: S. 136.</ref> Es gelang, und am 6. Mai 1704 aufgeführt, erlebte die Oper einen – so Parfaict – mittelmäßigen Erfolg, um allerdings von Wiederaufnahme zu Wiederaufnahme besser zu gefallen.<ref>Fajon 1984: S. 107.</ref> Ein wahrer Freundschaftsdienst, resultiert Desmarests bleibende Bekanntheit doch überwiegend aus diesem Stück.<ref>Fajon 1984: S. 409.</ref> Iphigénie wurde rasch durch Lullys Acis et Galatée ersetzt,<ref name="burgess_269">Burgess 2012: S. 269.</ref> und im Sommer kam Francine nicht umhin, Ludwig XIV. darüber zu informieren, seine Gläubiger nicht länger bezahlen zu können.<ref>de La Gorce 1992: S. 125.</ref> Der König nahm ihm daraufhin das Opernprivileg und reichte es weiter an Pierre Guyenet (~1667–1712).

Die erste, unter seiner Verantwortung gezeigte Oper war Télémaque ou les Fragments des modernes.<ref name="burgess_269" /> Jene bestand fast komplett aus bereits vorhandener Musik und hatte es doppelt in sich: Der Untertitel knüpfte an die Querelle des Anciens et des Modernes an<ref>Burgess 2012: S. 265.</ref> und politische Auswirkungen<ref name="burgess_274">Burgess 2012: S. 274.</ref> konnte der von Danchet herangezogene Roman Die Abenteuer des Telemach mit sich bringen, der nicht die einzige „frondeuse“ Äußerung seines Verfassers François Fénelon war,<ref>Burgess 2012: S. 273.</ref> aber die den König veranlasste, dem Petit Dauphin den Kontakt zu Fénelon zu verbieten. Campra hatte die ausgesuchten Stücke gekonnt arrangiert, doch hielt sich die Oper nur knapp drei Monate. Jedenfalls ließen der Dauphin und seine Entourage sie sich nicht entgehen.<ref name="burgess_274" />

Offenbar war Guyenet doch so Zufrieden mit dem Ergebnis, dass es am 18. Dezember 1704 zu einem Vertrag mit dem Komponisten kam.<ref>de La Gorce 1992: S. 128.</ref> Campra war seit einiger Zeit Orchesterchef an der Oper und verdiente im Jahr 2400 Livres. Der neue Vertrag sicherte ihm eine jährliche Pension von 1200 Livres. 100 Livres sollte es für die ersten 15 Aufführungen jeder neuen Oper geben, ab der 25sten nur noch 25 Livres. Diese Regelung blieb modellhaft für der Oper zukünftige Zusammenarbeit mit Autoren. Campra sollte pro Jahr ein einaktiges Divertissement abliefern, was nicht geschah. Auch behagte ihm nicht der Gedanke, restlos alles an der Oper dirigieren zu müssen – man änderte den Vertrag. Dies führte zu finanziellen Einbußen und Campra wirkte auf eine erneute Vertragsänderung hin. Schließlich trennte sich Guyenet von ihm und wählte Marin Marais für den Posten.<ref>de La Gorce 1992: S. 129.</ref> Typisch Campra: war ein Ziel erreicht, verflüchtigten sich bald das Interesse und der Fleiß zur regelmäßigen Ausübung einer Funktion.<ref>Barthélemy 1995: S. 145.</ref> Ende 1705 stand er ohne ein regelmäßiges Einkommen da, Beginn einer längeren Krise. Seine Arbeiten für die Oper kamen jetzt in unregelmäßigen Abständen.

Die Pariser Oper im kalten Wind der Jahre 1705 bis 1709

Am 15. Januar 1705 gab es die Tragédie en musique Alcine mit einigen Neuerungen, die dem Publikum nicht so recht auffielen.<ref>Barthélemy 1995: S. 195.</ref> Danchets Libretto, orientiert an Ariosts Orlando furioso, fehlte es an Handlung – ein furchtbarer Misserfolg.<ref name="burgess_269" /> Ebenfalls wenig Begeisterung rief die Wiederaufnahme von L’Europe galante in 1706 hervor.<ref>de La Gorce 1992: S. 131.</ref> Von zehn Opern, die von Anfang 1705 bis Anfang 1710 zur Aufführung kamen, fand nur Marais’ Alcyone Applaus, desgleichen Philomèle von Louis de La Coste.<ref>Fajon 1984: S. 178.</ref> Mit diesem Stück begann Pierre-Charles Roys Karriere als Librettist. Hatten die lyrischen Tragödien im Lauf der Jahre einen Einschlag in Richtung „galant“ erhalten, – das Publikum zog diesen Typ auch weiterhin vor –<ref>Fajon 1984: S. 230.</ref> lenkte Roy sie in Richtung „dramatisch“, womit sich die Ereignisse dieser Epoche auch auf der Bühne niederschlugen.<ref>Fajon 1984: S. 194.</ref> Man wolle im Theater nur während einiger Akte weinen, meinte Paulmy d’Argenson, und hinausgehen, zufrieden mit dem Glück der interessanten Personen<ref>Barthélemy 1995: S. 233.</ref> – diesen Gefallen tat Roy dem Publikum eher nicht. Nach dem Misserfolg von Alcine wagte Campra einen Versuch mit ihm und Hippodamie war sogar eine Liebesgeschichte mit gutem Ende,<ref name="fajon_197">Fajon 1984: S. 197.</ref> entnommen Charidemos oder Über die Schönheit von Lukian von Samosata.<ref>Barthélemy 1995: S. 197.</ref> Es ist musikalisch ein Meisterwerk mit einer nicht dagewesenen Leichtigkeit und Eleganz bei den Chören und üppigen Verzierungen.<ref>Fajon 1984: S. 200.</ref> Viele Tänze kommen vor und eine sehr schöne Chaconne am Schluss – nur passt dies nicht zu Roys neuer „dramatischen“ Richtung. „Oh langweilige Tragödie…“, hieß es in einer Strophe auf diesen am 6. März 1708 aufgeführten Misserfolg.<ref name="delagorce_143">de La Gorce 1992: S. 143.</ref> Die Zeit der Rittergeschichten neigte sich ihrem Ende zu.<ref name="fajon_197" /> Dass Campra dem Stück einen starken Einschlag des in Italien gängigen Stils verpasst hatte, rechtfertigte bald darauf Batistin Stuck im Prolog seiner Oper Méléagre – beide noch eben bei Philipp II. von Orléans in Sachen Stilsynthese zugange.<ref>Fajon 1984: S. 209.</ref>

Nach der ausgebliebenen Anerkennung wandte Campra sich wieder Danchet zu, der von Roy gelernt zu haben schien.<ref>Fajon 1984: S. 218.</ref> Zunächst galt es aber, das finsterste Jahr der Académie royale de musique zu überstehen. In der eigentlich einträglichsten Zeit wurden wegen der extremen Kälte im Januar 1709 alle Pariser Theater geschlossen<ref name="delagorce_143" /> und der „grand hiver“ brachte im folgenden Jahr ähnliche Kälte.<ref>Barthélemy 1995: S. 204.</ref> Die Hungersnot in Frankreich 1709 sorgte dafür, dass auch die Wiederaufnahmen vom Liebesentzug des Publikums betroffen waren.<ref>Fajon 1984: S. 130.</ref>

Aus dem Rahmen fallender Ausbruch von Ausgelassenheit

Der Spanische Erbfolgekrieg würde noch bis 1714 dauern, aber am 17. Juni 1710 lieferten Campra und Danchet, was den Menschen einen Moment lang beim Vergessen half: die Ballett-Oper Les fêtes vénitiennes. Nach den Reinfällen mit Alcine und Hippodamie stellten sie alles auf Anfang und setzten fort, was mit L’Europe galante und Les Muses sich entwickelt hatte.<ref>Fajon 1984: S. 244.</ref> Mit seinen aneinandergereihten Einaktern und dem gerade beliebten Thema Venedig bot das Stück einen Ersatz für die vom König ausgewiesenen italienischen Komödianten.<ref>de La Gorce 1992: S. 147.</ref> Eine Neuerung bestand darin, dass die Ballette in die Handlung eingebaute Bestandteile der Oper waren,<ref>Grund 2016: S. 131.</ref> und dass die Musik Antonio Vivaldis Campra vertraut war, offenbart ein Blick in die Partitur.<ref>Barthélemy 1995: S. 204.</ref>

Datei:Antoine Watteau - Einschiffung nach Kythera, 1720.jpg
Auf dem Weg ins erhoffte Glück: Antoine Watteau schuf das zum „Meeresfest“ passende Gemälde der Einschiffung nach Kythera sieben Jahre nach Campras Fêtes vénitiennes.<ref name="barthelemy_211">Barthélemy 1995: S. 211.</ref>

Inhaltlich ist die Figur der „Folie“ bedeutsam, drückt sie doch das Verlangen nach Befreiung aus. Es war damals nicht ohne Risiko, durch die Blume das Frankreich Ludwigs XIV. als einen Ort zum Weglaufen zu präsentieren, so wie Menschen in Entrée „Meeresfest“ sich nach Cythère einschiffen, die Freiheit vor Augen.<ref>Barthélemy 1995: S. 210 f.</ref> Bis in den November kam man auf 66 Vorstellungen.<ref>Barthélemy 1995: S. 201.</ref> Da es auch zu Beginn des Jahres 1711 Vorstellungen gab, erscheinen deren insgesamt 80 als realistisch.<ref>Fajon 1984: S. 247.</ref> Auf eine ähnlich hohe Zahl kam zwei Jahre später Jean-Joseph Mouret mit Les Festes de Thalie, doch erst nach über 30 Jahren konnte Jean-Philippe Rameau mit dem Ballett Les Fêtes d'Hébé sie einholen.<ref>Fajon 1984: S. 215.</ref> Für Operndirektor Guyenet mochte der Erfolg der Fêtes vénitiennes einen Hoffnungsschimmer bringen, doch 1711 – Campra präsentierte am 3. Dezember die Nouveaux Fragments –<ref name="barthelemy_211" /> und zu Beginn von 1712 mied das Publikum einige kostspielige Produktionen und Pierre de Villiers schoss mit seinem Epitre sur l’opera et sur les autres spectacles Giftpfeile gegen die Oper.<ref>de La Gorce 1992: S. 147 f.</ref> Im April 1711 war mit dem Grand Dauphin ein langjähriger Freund der Oper verstorben, im Februar 1712 starb dessen Sohn, der Petit Dauphin – jeweils mit angeordneter Staatstrauer und Schließung der Oper. Guyenet war ruiniert<ref>de La Gorce 1992: S. 150.</ref> und nahm sich das Leben.<ref name="fajon_231">Fajon 1984: S. 231.</ref> Die Tragédie lyrique Idoménée von Campra und Danchet fiel mit ihrer Premiere am 12. Januar 1712 in diese Zeit,<ref>Barthélemy 1995: S. 212.</ref> kam in der Publikumsgunst aber vergleichsweise gut davon. In dem Stück fanden sich zehn Chöre, die Campra in die Handlung einbaute – Bruch mit den Gepflogenheiten Lullys.<ref>Barthélemy 1995: S. 214.</ref>

Im August 1712 wurde erneut Francine für die „régie“ der Oper ausgewählt, die vorläufige Verwaltung, zusammen mit Destouches, für den der König fünf Monate später den Posten des Inspecteur Général de l’Opéra schuf.<ref name="fajon_231" /> Nach dem französischen Sieg in der Schlacht bei Denain ging es wieder aufwärts mit dem Land<ref>Fajon 1984: S. 132.</ref> und Campra präsentierte im September 1712 ein Ballett nach althergebrachtem Muster mit einer durchgängigen Handlung in drei Entrées: Les Amours de Mars et de Vénus.<ref>Fajon 1984: S. 248.</ref> Danchets unmoralisch sittenloses Libretto feierte den Ehebruch und nach 14 Vorstellungen kam das befohlene Aus. Nicht dass die Obrigkeit den moralischen Zeigefinger gehoben hätte – es gehörte sich einfach nicht, derlei auf einer Bühne mit dem Wort „royal“ im Namen zu zeigen. Und die Mythologie, Gegenstand der edlen Tragödien, sollte von Spaßmacherei getrennt bleiben.<ref>Barthélemy 1995: S. 220 f.</ref> In seinem üblichen Wechsel brachte Campra wieder eine Tragödie. Doch seine am 28. November 1713 gezeigte Oper Télèphe war ein Misserfolg. Das Publikum weigerte sich, so die Brüder Parfaict, diesem Stück einen Applaus zu geben.<ref name="delagorce_176">de La Gorce 1992: S. 176.</ref> Danchets Libretto war zu lang und voller Situationen, die man bereits kannte und bei denen sich erahnen ließ, wie es ausgeht.<ref name="barthelemy_223">Barthélemy 1995: S. 223.</ref> Gleichzeitig hatte Destouches Erfolg mit seiner Tragédie en musique Callirhoé (Libretto von Roy) und kam insgesamt in diesen Tagen beim Publikum besser an.<ref name="delagorce_176" />

La jouissance de l’Opéra de Marseille

Die Inhaber von Lullys Opernprivileg boten Campra im August 1714 die „jouissance“ (Nutznießung) der Oper in Marseille an,<ref name="barthelemy_147">Barthélemy 1995: S. 147 f.</ref> oder anders gesagt: er wurde deren Direktor.<ref>Fajon 1984: S. 288.</ref> Willkommen war er dort nicht. Ein widerspenstiger Mitarbeiter namens Pierre Auba tat alles, um ihn schnellstmöglich wieder loszuwerden.<ref name="barthelemy_147" /> Campra schrieb dennoch das Divertissement Enée et Didon, sein letztes Werk zu Lebzeiten des Sonnenkönigs.<ref name="barthelemy_223" /> Mitte November 1715 nahm er erneut Abschied vom Mittelmeer. Regiert wurde Frankreich nun von einem ehemaligen Schüler des Komponisten.

Stetiger Bedeutungsgewinn beim Pariser Opernhaus

Zu Ludwigs letzten Eingriffen bei der Opernakademie hatte 1714 eine neue Betriebsordnung gehört, in der endlich der Unterschied zwischen einem batteur de mesure (Orchesterchef) und einem maître de musique (Kapellmeister) vorkam. An drei Tagen in der Woche hatte der Kapellmeister in der Frühe mit den Darstellerinnen ihre Rollen einzuüben und allen Proben und Aufführungen mit der Partitur in der Hand in den Kulissen beizuwohnen, um die Auftritte des Sangespersonals zu steuern. 1718 wurde Campra Kapellmeister an der Académie royale de musique und verband sich fortan zunehmend mit den Geschicken des Hauses.<ref>Barthélemy 1995: S. 152.</ref> Im Vorjahr hatte er mit Danchet Camille, reine des Volsques auf die Bühne gebracht, eine Tragédie en musique, in die offenbar gründliche Arbeit geflossen war.<ref name="barthelemy_224_229">Barthélemy 1995: S. 224–229.</ref> Danchet ließ alle Ungeheuer, Stürme und Götterschläge weg und setzte dafür auf eine Heldin, die mit Erfolg eine politische Aufgabe angeht.<ref name="barthelemy_224_229" /> Für das Stück selbst stellte sich mit 15 Aufführungen der Erfolg nur halb ein. Campra hatte aus Idoménée gut angekommene Abschnitte herausgepickt, die hier aber nicht gut zusammengingen. Obendrein verlief sich der Text in verschiedene Richtungen, was einer Einheit verlangenden Tragédie en musique schadet.<ref>Fajon 1984: S. 292.</ref> Jedenfalls galt Campra hernach als „gelehrter“ Musiker.<ref name="barthelemy_224_229" />

Da Danchet ohnehin auf Distanz zum Theater ging, suchte Campra sich für seine Ballett-Oper Les Ages mit Louis Fuzelier einen anderen, altbekannten Librettisten.<ref name="barthelemy_224_229" /> Dieses Loblied auf die Jugend kam am 9. Oktober 1718 zur Erstaufführung, in Campras Paradedisziplin und mit einem Librettisten, der sich anschickte, berühmt zu werden – der Erfolg blieb nicht aus. Bei den Handlungsorten setzte man auf eine dem Bürgertum vertraute Wirklichkeit, ein Volksfest am Ufer der Seine, ein Ort auf dem Lande, der Hamburger Hafen und die Opernbühne.<ref>Fajon 1984: S. 347.</ref> Damit zog Campra einen Schlussstrich unter seine Produktion von Opern, zumindest bis zu seinem einmaligen Rückfall von 1735.

Nach Campra und Destouches wurde es unter Komponisten unüblich, den Großteil der Schaffenskraft der Oper zugutekommen zu lassen.<ref>Fajon 1984: S. 276.</ref> Die auf den Sonnenkönig folgende Régence brachte keinen Aufschwung im Opernbetrieb – tatsächlich fielen relativ mehr Stücke durch.<ref>Fajon 1984: S. 271.</ref> Auch Direktor Francine hatte zu kämpfen: Pierre-Charles Roy schmähte ihn in einer seiner Satiren (und musste dafür ins Gefängnis). Schließlich bat man Francine, aus Altersgründen zurückzutreten, und Destouches wurde 1728 Direktor der Oper.<ref>Fajon 1984: S. 323.</ref> 1729 schaute König Ludwig XV. unangemeldet bei einer Wiederaufnahme von Tancrède rein<ref name="barthelemy_265">Barthélemy 1995: S. 265.</ref> und im selben Jahr brachte im Schloss Marly-le-Roi erstmals eine Sängerin der Musique du Roi ein Air von Campra. Königin Maria Leszczyńska fand Freude daran und in den nächsten Monaten kamen die vier ersten weltlichen Bühnenwerke – es blieb bei diesen – in Auszügen bei Hofe zunehmend zur Aufführung.<ref name="barthelemy_265" /> Noch 1729 machte der König Campra zum Ritter des Lazarus-Ordens.

Am Opernhaus gab es im Juni 1730 die nächste einschneidende Änderung: Viktor Amadeus I. von Savoyen-Carignan erhielt das Opernprivileg, Destouches machte den Fehler, dessen Pläne zu kritisieren und wurde kurzerhand entlassen. Neuer Inspecteur de l’Opéra wurde am 1. März 1732 André Campra, Erster Direktor Maximilien Claude Gruer.<ref>Barthélemy 1995: S. 248 f.</ref> Arbeitsinhalt von Campras neuem Dienst war die Auswahl der zur Aufführung kommenden Werke. Er hatte dabei eine glückliche Hand und es waren darunter Erfolgsstücke wie Jephté von Michel Pignolet de Montéclair, Hippolyte et Aricie und Dardanus von Rameau sowie Scanderberg von François Francœur und François Rebel. Bei den untergeordneten Genres bekam auch ein Joseph Bodin de Boismortier seine Chance.<ref>Barthélemy 1995: S. 254.</ref>

Datei:Sandro Botticelli - Il Giudizio di Paride.jpg
Das oft gemalte Urteil des Paris (hier von Sandro Botticelli) taugt zur Illustration von Campras Rolle bei der „Orgie“.<ref name="barthelemy_297">Barthélemy 1995: S. 297.</ref>

Die „Orgie“ von 1731

70 Jahre war Campra alt, als es im Juni 1731 zu einem Abendessen bei Gruer im Magazin der Oper kam. Man trank Wein, auch die anwesende Sängerin Marie Pélissier, die Tänzerin Marie Camargo und die Komponistin Mademoiselle Duval. Die Damen begannen zu singen und tanzen, bald baten sie um frische Hemden. Es gab in Gruers Dienstwohnung nur Herrenhemden, so zogen sie diese über, Unterkleidung kam zum Vorschein und fand das Interesse der Männer. Es entspann sich eine Art Schönheitswettbewerb mit Campra als Juror. Von nichts hätte irgendwer Notiz genommen, ohne die wegen der Sommerhitze geöffneten Fenster und ohne die Lautstärke – die Nachbarn riefen die Polizei. So schlug die Sache Wellen, kursierte in Publikationen und wurde als Produktion Le Magasin de l’Opéra von der Opéra-Comique gezeigt.<ref>Barthélemy 1995: S. 253.</ref> Die feindseligen Varianten machten Campra zu einem Schuft und „alten Einwohner Sodoms“, was ihn als homosexuell präsentierte, eine Orientierung, die damals noch ein Ende auf dem Scheiterhaufen herbeiführen konnte. Bei aller Hochachtung vor dem Musik-Genie dürfte er kaum zu den ehrbaren Leuten gezählt worden sein.<ref name="barthelemy_297" />

Misserfolg der letzten Oper

In den 1720ern hörte Campra sich regelmäßig die Konzerte der Mélophilètes an und machte wohl dabei seinen Frieden mit der Musik Lullys.<ref>Barthélemy 1995: S. 255.</ref> Überraschenderweise brachte er am 24. Februar 1735 zusammen mit Danchet wieder eine Oper ans Pariser Haus, mit einem Prolog, der eine Hommage an Lully und Philippe Quinault war.<ref name="bartelemy_275">Barthélemy 1995: S. 275.</ref> Sie positionierten sich damit im Lager der „Lullisten“, denen die „Ramisten“ gegenüber standen. Rameau hatte 1733 mit Hippolyte et Aricie die musikalische Welt in Aufwallung gebracht, plötzlich war ein neuer Musikgeschmack da.<ref>Pintiaux 2012: S. 215</ref> Campra konnte mit seiner Musik in einem Divertissement am Ende des zweiten Aktes Rameau nochmal zeigen, wie es geht. Aber gerade die vielen Divertissements begruben unter sich die Handlung seiner Tragédie en musique Achille et Déidamie.<ref name="bartelemy_275" /> Die Tragédie en musique bekam in den frühen 1730ern nochmal Aufwind, doch hängten Montéclair, Royer, Francœur und Rebel nicht einfach symphonische „Nummern“<ref>Pintiaux 2012: S. 225</ref> aneinander und hüteten sich davor, Ruhm und Liebe miteinander ringen zu lassen, verbrauchte Handlung, die sich mit Achille als Titelheld bereits ankündigt.<ref>Pintiaux 2012: S. 218</ref> Komponist und Texter schienen die Tragödie, die bis zum fünften Akt eher wie eine Pastorale daherkam, nach eingeübtem Schema aufgebaut zu haben,<ref>Pintiaux 2012: S. 221</ref> vieles war vorhersehbar. Bei den letzten, der insgesamt nur acht Aufführungen musste Déidamie sich zwar nicht mehr erstechen, zu retten war diese Oper aber auch so nicht.

Rameau traf im August 1735 mit Les Indes galantes wieder den neuen Musikgeschmack und Campra wurde 1739 als Inspecteur général de l’Académie Royale de Musique von Francœur und Rebel abgelöst. Nicht mehr realisiert wurde seine im August 1740 angekündigte Oper Les Noces de Vénus.<ref>Barthélemy 1995: S. 278.</ref>

Datei:L'Isle-Adam, château.jpg
Contis Familiensitz bei L’Isle-Adam: Das Schloss auf einem Gemälde Michel Barthélemy Olliviers nach 1766.

Anstellung bei allerhöchstem Adel

Von 1722 an war Andreé Campra mit Sicherheit für zwei Jahre Leiter der Hofmusik von Louis Armand II. de Bourbon, prince de Conti, einem Prinz von Geblüt. Vielleicht tat er den Dienst auch bis zu dessen Tod im Jahr 1727.<ref name="sadler_377">Sadler 2012: S. 377.</ref> Wie der Kontakt zustande kam, durch Vermittlung seitens des Regenten oder durch die Jesuiten, ist nicht überliefert. Conti wird einerseits als geisteskrank und gewalttätig beschrieben,<ref>Barthélemy 1995: S. 154.</ref> andererseits war er ein großer Musik-Liebhaber<ref>Vernet 2010: S. 151.</ref> – nicht ungewöhnlich bei den Fürsten des Zweigs der Bourbon-Conti. Diese standen zwar von Herkunft dem Thron sehr nahe, doch ohne reelle Aussicht, diesen jemals besteigen zu können. Die einzige, sie betreffende Anforderung war, nicht unangenehm aufzufallen. Der Verdruss hierüber fand ein Ventil in gelegentlicher Demonstration musikalischer Unabhängigkeit vom König.<ref>Vernet 2012: S. 97.</ref> Seine Ausfälligkeiten machten Conti zu einem Kandidaten für einen Lettre de cachet und er tat gut daran, viel Zeit auf seinem Familiensitz bei L’Isle-Adam zu verbringen. Für eine Veranstaltung dort schrieb Campra das Divertissement La Feste de L’Isle-Adam (1722), dessen Noten verloren gingen. Aus einem erhaltenen Livret lassen sich Rückschlüsse auf des Prinzen respektable Hofmusik ziehen. Umgekehrt passt die Art des Ensembles zu Stücken aus Campras drittem Kantatenbuch (1728), was die Vermutung nahelegt, diese seien zuerst bei Conti erklungen.<ref name="sadler_377" />

Sous-maître an der Chapelle Royale in Versailles

Anfang April 1723 tat Campra erstmals Dienst als sous-maître de la Musique de la Chapelle.<ref>Maral 2010: S. 158.</ref> Das Wort „Chapelle“ steht einerseits für den beim Schloss Versailles 1710 fertiggestellten Sakralbau der Chapelle royale, andererseits war es allgemein Sammelbegriff für geistliche Hoffunktionen<ref>Horowski 2012: S. 159.</ref> und speziell bei Campra war es die Umschreibung des entsprechenden Musikbetriebs. Den leitete als oberster Hofgeistlicher der grand aumônier (Großalmosenier von Frankreich), zu dessen Amt auch jene Kleriker gehörten, die als Chapelle-Oratoire bei den alltäglichen Messen dienten.<ref name="benoit_182">Benoit 1971: S. 182.</ref> Bei den grandes messes an den hohen Feiertagen kam acht- bis neunmal im Jahr die Chapelle-Musique zum Einsatz, für die ein hoher kirchlicher Würdenträger, der „maître“, die Verantwortung trug. In Campras Tagen waren dies aufeinander folgend Charles-Louis-Auguste Le Tonnelier de Breteuil und Louis-Guy de Guérapin de Vauréal (beide Bischof in Rennes). Der maître brauchte kein Wissen in Musik, musste aber präsidieren können, Streitigkeiten schlichten und gegebenenfalls ein Machtwort sprechen.<ref name="benoit_182" /> Ihm unterstanden vier sous-maître, wörtlich „Unter“-Meister, wobei sie faktisch die echten „Maître de la Musique de la Chapelle“ waren.<ref name="benoit_183">Benoit 1971: S. 183.</ref> Sie mussten dirigieren, die zur Aufführung kommenden Motetten auswählen, an Prozessionen teilnehmen und sich um die Musik-Pagen kümmern. Zu dieser Charge kam die des Komponisten hinzu.<ref name="benoit_184">Benoit 1971: S. 184.</ref> Die Chargen der vier sous-maîtres verteilten sich auf die vier Quartale.

Datei:Vue du chevet de la chapelle royale de Versailles.jpg
Campras letzter Wirkungsort war die Schlosskapelle von Versailles

Michel-Richard Delalande war es von 1683 an gelungen, alle an sich zu bringen. Dass er nun deren drei abgab, war wohl dem Drängen des Regenten geschuldet. Campra bekam und behielt das April-Quartal, ansonsten profitierten Gervais und Bernier. Beide reichten nicht an Campras künstlerisches Können heran, doch neben Delalande, der Gefühlsinhalt so gut mit Klängen verbinden konnte, wäre ein Abfallen möglich gewesen, hätte er es nicht verstanden, einen größeren Fächer an Gefühlen in eine leidenschaftlichere und wärmere Musik zu packen. Trotz typisch Versailler Einschränkungen behielten seine Motetten den ganz persönlichen Einschlag und können neben der Werken von Zeitgenossen wie Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel bestehen.<ref>Barthélemy 1995: S. 303 f.</ref> Wenngleich der Regent die hohen Kosten für die Chapelle-Musique drastisch senken wollte, fand Campra sie doch in einem Zustand, der bei ausländischen Besuchern nur Bewunderung hervorrief.<ref name="benoit_193">Benoit 1971: S. 193.</ref> Der Sonnenkönig hatte für diesen Ort die besten Chorsänger Europas engagiert und Campra lief bei ihrer Verwendung gerade in dem Versailler grand motet zu neuer Hochform auf.<ref>Barthélemy 1995: S. 285 f.</ref> Aber die Arbeit war für einen Mann über sechzig sehr schwer, es galt ständig, Zweifel an der eigenen Autorität nicht aufkommen zu lassen.<ref>Barthélemy 1995: S. 246.</ref> Stand ein Auftritt zusammen mit der Musique de la Chambre du roi an, hieß es, sich gegenüber Repertoirewünschen seitens François Collin de Blamont durchzusetzen.<ref>Maral 2010: S. 164.</ref>

1732 berichtete Jean-Jacques Rousseau in einem Brief von Campras schlechtem Gesundheitszustand,<ref>Barthélemy 1995: S. 245.</ref> eine nicht näher bekannte Krankheit plagte ihn bis zu seinem Tod. Als er nicht mehr konnte, wurde für ihn im Frühjahr 1740 Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville als survivancier (Amtsanwärter) bestimmt.<ref name="maral_165">Maral 2010: S. 165.</ref> Ging eine Charge nicht an einen selbst ausgewählten Nachfolger, konnte eine survivance als „feindliche Übernahme“<ref>Horowski 2012: S. 146.</ref> gesehen werden, andererseits war ein freundschaftlicher Umgang nicht ausgeschlossen.<ref>Barthélemy 1995: S. 248.</ref> Den Schlusspunkt hinter Campras Karriere setzte 1741 die „affaire des pages“: Campra konnte wohl aus Gesundheitsgründen die der einträglichen Charge innewohnende Leistung nicht mehr erbringen und wollte die Pagen unter die Obhut seines okzitanischen Landsmanns Esprit Antoine Blanchard stellen. Der Kardinal de Fleury gab allerdings Henry Madin den Vorzug.<ref>Maral 2010: S. 163.</ref>

Die späten Jahre

Mit Ausnahme der Oper Achille et Déidamie (1735) und zweier vom Prinzen de Conti bestellter Gelegenheitswerke (La Fête de l’Isle-Adam, 1722) zur Hochzeit des Herzogs von Chartres (Le Lis et la Rose, 1724) komponierte er nur noch Kirchenmusik, darunter etwa 30 Motetten, ein Requiem, zahlreiche Psalmen und für die Aufführung am Collège Louis-Le-Grand bestimmte Kantaten. Seltsam mutet die 1742 von ihm vollzogenen Übergabe seines Amtes an den haute contre Nicolas Le Prince an, und der Verkauf der Rechte an seinen Motetten an diesen für 1000 Livres.<ref name="maral_165" /> Diesen Freund, ordinaire de la musique du roi, setzte er außerdem als Testamentsvollstrecker ein und vermachte ihm hierfür ein von André Bouys angefertigtes Porträt, das später verloren ging. Es hatten Campra 17 Jahre lang ein Diener und eine Köchin zur Seite gestanden, aber arm wie er nun war, konnte er ihnen nur wenig hinterlassen, als er Ende Juni 1744 drei Monate nach seinem Bruder Joseph starb.<ref>Barthélemy 1995: S. 268.</ref> Mondonville übernahm die Charge des ebenfalls verstorbenen Gervais. Campras Charge blieb frei, die übrigen sous-maîtres arbeiteten ersatzweise vier Monate im Jahr. Nachdem auch Madin verstorben war, bekam Le Prince 1748 das Oktoberquartal.<ref name="maral_165" />

Campras Bedeutung

Bis 1720 hatte er rund fünfzehn opéras-ballets und tragédies lyriques komponiert, von denen einige mehrfach zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurden. Zeitlich ist Campra zwischen Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau einzuordnen. Während die meisten Komponisten unmittelbar nach der Französischen Revolution vollständig in Vergessenheit gerieten, wurden die Werke von Campra, Lully und Rameau gelegentlich aufgeführt. Campra zählt zu den bedeutenden französischen Komponisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Er etablierte das damals neuartige musikalische Genre Opéra-Ballet, behielt mit üppigen Inszenierungen und mannigfaltigen Bühnenbildern das bei, was das Publikum seit Lully liebgewonnen hatte und sicherte das Ansehen der französischen Oper.<ref name="briquet_1005" /> Seine Musik ist gekennzeichnet von einer gewissen franco-italienischen Leichtigkeit und Schlichtheit, die das weltliche genauso wie das kirchliche Schaffen durchzieht.

Werke (Auswahl)

Geistliche Werke

  • Trois livres de cantates, 1708, 1714 et 1728
  • Nisi Dominus, 1722
  • Messe de morts (Requiem), nach 1723
  • Motets pour la Chapelle Royale, 1723–1741

Bühnenwerke

  • L’Europe galante, opéra-ballet, 1697
  • Le carnaval de Venise, opéra-ballet, 1699
  • Hésione, tragédie lyrique, 1700
  • Aréthuse, 1701
  • Tancrède, tragédie lyrique, 1702
  • Les muses, 1703
  • Iphigènie en Tauride, 1704
  • Télémaque, 1704 (Pasticcio)
  • Alcine, 1705
  • Hippodamie, 1708
  • Les fêtes vénitiennes, 1710
  • Idoménée, tragédie lyrique, 1712
  • Télèphe, 1713
  • Énée et Didon, 1714
  • Camille, reine des Volsques, 1717
  • Les âges, 1718
  • Les sauvages, 1729
  • Achille et Déidamie, 1735

Literatur

  • Maurice Barthélemy: André Campra. Sa vie et son Oeuvre. Picard, Paris 1957.
  • Maurice Barthélemy: André Campra. 1660–1744. Étude biographique et musicologique. Actes Sud, Arles 1995, ISBN 2-7427-0002-1.
  • Marcelle Benoit: Versailles et les Musiciens du Roi 1661–1733. Étude Institutionnelle et Sociale. (La vie musicale en France sous les rois Bourbons – 19), Éditions A. et J. Picard, Paris 1971.
  • Sylvie Bouissou: Campra, André. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 4 (Camarella – Couture). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2000, ISBN 3-7618-1114-4, Sp. 54–66 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich)
  • M. Briquet: CAMPRA (André). In: M. Prevost und Roman D’Amat (Hrsg.): Dictionnaire de Biographie Française. Tome Septième, Librairie Letouzey et Ané, Paris 1956, Sp. 1004–1005.
  • Geoffrey Burgess: Campra et le goût de son temps, ou comment (r)écrire une tragédie en musique en 1704. In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 265–280.
  • Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). D’Aix à Versailles, de l’Église à l’Opéra, Éditions Mardaga, Wavre 2012, ISBN 978-2-8047-0104-8.
  • Annemarie Clostermann: Frieden für das galante Europa. Eine Einladung zur Begegnung mit André Campra. In: Concerto. Das Magazin für Alte Musik, Heft Nr. 108, November 1995, S. 15–21.
  • Marie Demeilliez: Campra maître de musique au collège Louis-le-Grand de la Compagnie de Jésus. In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 61–75.
  • Jean Duron (Hrsg.): Regards sur la musique. André Campra (1660–1744). Un musicien provençal à Paris, Éditions Mardaga, Wavre 2010, ISBN 978-2-8047-0061-4.
  • Don Fader: Campra et le régent: querelles, rivalités et avancées de l’harmonie française. In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 25–40.
  • Robert Fajon: L’Opéra à Paris du Roi Soleil à Louis le Bien-Aimé, Editions Slatkine, Genf und Paris 1984, ISBN 2-05-100538-9.
  • Jérôme de La Gorce: L'Opéra à Paris au temps de Louis XIV. Histoire d'un théâtre, Editions Desjonquères, Paris 1992, ISBN 2-904227-66-0.
  • Vera Grund: Campra, André. In : Annette Hartmann und Monika Woitas (Hrsg.): Das Große Tanzlexikon, Laaber-Verlag, Laaber 2016, S. 130–131.
  • Leonhard Horowski: Die Belagerung des Thrones. Machtstrukturen und Karrieremechanismen am Hof von Frankreich 1661–1789. (= Beihefte der Francia. 74). Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7995-7465-5.
  • Raphaëlle Legrand: L’âge du ballet : cartographie des divertissements et écriture de la danse dans les opéras d’André Campra. In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 297–308.
  • Alexandre Maral: La Chapelle royale de Versailles à l’époque de Campra. In: Jean Duron (Hrsg.): Regards sur la musique. André Campra (1660–1744). Wavre 2010, S. 157–165.
  • Laura Naudeix: Lyrisme et langage dramatique chez André Campra. In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 203–214.
  • Benjamin Pintiaux: Achille & Déidamie (1735) : Campra «Dans l’âge où l’on radote»? In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 215–226.
  • Graham Sadler: Identifier les cantates «orchestrales» d’André Campra: L’implication des interprètes et des éditeurs In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 371–389.
  • Thomas Vernet: André Campra, musicien des princes – 1697–1725. In: Jean Duron (Hrsg.): Regards sur la musique. André Campra (1660–1744). Wavre 2010, S. 133–155.
  • Thomas Vernet: «J’ai vû dans ce séjour briller une mortelle», Vénus feste galante, un portrait de Marie-Anne de Conti par Campra et Danchet. In: Catherine Cessac (Hrsg.): Itinéraires d’André Campra (1660–1744). Wavre 2012, S. 97–108.

Weblinks

Einzelnachweise

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