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Banū n-Nadīr

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Datei:Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir.jpg
Mohammed unterwirft die Banu Nadir. Aus dem Dschami' at-tawarich, 14. Jhd.

Die Banū n-Nadīr (arabisch بنو النضير, DMG {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) waren neben den Banū Qainuqāʿ und den Banū Quraiza einer der drei wichtigsten jüdischen Stämme von Yathrib, dem vorislamischen Medina. Sie sind vor allem durch ihren Konflikt mit Mohammed bekannt, der sie nach einem vermuteten Mordversuch an ihm aus Yathrib vertrieb. Das Gebiet der Banū n-Nadīr in Yathrib gilt als das erste Gebiet, das Mohammed eroberte.<ref>Al-Balādhurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. 1866. S. 17. – Deutsche Übers. S. 15.</ref> Auf die Unterwerfung und Vertreibung der Banū n-Nadīr bezieht sich nach allgemeiner Ansicht die im Koran zu findende Sure 59, die deswegen auch Nadīr-Sure genannt wird.<ref>Vgl. Theodor Nöldeke: Geschichte des Qorāns. Erster Teil: Über den Ursprung des Qorāns. Leipzig, 1909. S. 206 sowie dortige Quellenangaben.</ref>

Herkunft der Banū n-Nadīr

Die Banu Nadir – wie auch die Banu Quraiza – waren der islamischen Historiographie zufolge ein priesterlicher Stamm und werden von islamischen Quellen als Kohanim bezeichnet.<ref>Moshe Gil: Jews in Islamic Countries in the Middle Ages. Brill, 2004. S. 7</ref> Außerdem waren sie als Banū Hārūn (Söhne des Aaron) bekannt.<ref>Norman A. Stillman: The Jews of Arab Lands. A History and Source Book. Jewish Publication Society of America, 1979. S. 9</ref> Man ist sich in der gegenwärtigen Forschung nicht darüber einig, ob sie nach der Niederlage gegen Rom im Jüdischen Krieg 70 n. Chr. nach Yathrib zogen oder arabische Proselyten waren.<ref>Francis E. Peters: Muhammad and the Origins of Islam. SUNY Press, 1994. S. 192</ref>

Wie die anderen Juden Yathribs trugen sie arabische Namen, zugleich war ihre Wirtschaft durch Ackerbau, Geldverleih, Waffenhandel und die Produktion von Juwelen charakterisiert.<ref name="EI-Nadir">The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 7, S. 852 (Naḍīr, Banu'l-).</ref> Sie hatten ihre eigene Sprache mit einer dazugehörigen Schrift.<ref>Francis E. Peters: Muhammad and the Origins of Islam. SUNY Press, 1994, S. 193.</ref>

Politische Situation vor und bei der Ankunft Mohammeds

Es wird überliefert, dass die Banu Nadir – in Zeiten persischer Herrschaft über bestimmte Gebiete des Hedschas – in Medina Steuereintreiber für den iranischen Schah gewesen waren.<ref>Francis E. Peters: Mecca: A Literary History of the Muslim Holy Land. Princeton University Press, 1994. S. 62</ref>

In vorislamischer Zeit waren die Banu Nadir Bundesgenossen der Banu Aus und hatten sie in deren damaligen Auseinandersetzungen mit den Chasradsch unterstützt;<ref>Michael Lecker: Muslims, Jews and Pagans. Studies on Early Islamic Medina. Brill, 1995. S. 26</ref> des Weiteren sind sie bei der Ankunft Mohammeds 622 in Yathrib<ref>Siehe Artikel Hidschra</ref> – zusammen mit den Aus – der sogenannten Gemeindeordnung von Medina<ref>Siehe dazu W. Montgomery Watt: Islamic Political Thought. Edinburgh University Press, 1980. S. 4–6</ref> beigetreten, in der die künftigen Beziehungen der Stämme Yathribs zueinander geregelt wurden.<ref name="EI-Nadir" /> In der Form der Gemeindeordnung, wie sie in der von Ibn Hischām edierten Prophetenbiographie Ibn Ishaqs vorzufinden ist, werden die Nadir, ebenso wie die Quraiza und Qainuqa, nicht erwähnt.<ref>Vergleiche Ibn Ishaq: Das Leben des Propheten. Aus dem Arabischen von Gernot Rotter. Kandern, 2004. S. 111–114</ref> Die Gemeindeordnung bezieht sich – so Watt – zweifellos auf eine nach der Exekution der Quraiza entstandene Version; die drei jüdischen Stämme wurden wahrscheinlich in einer früheren Version erwähnt.<ref>The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 5, S. 436 (Kurayẓa, Banū)</ref>

Vertreibung

Im August 625 machte Mohammed sich mit einigen seiner Gefährten zum Gebiet der Banu Nadir auf, um mit ihnen über die Begleichung einer Blutschuld zu verhandeln.<ref>Siehe W. Montgomery Watt: Muhammad. Prophet and Statesman. Oxford University Press, 1961. S. 146 f.</ref> Während der Verhandlungen sollen die Banu Nadir sich dazu entschlossen haben, Mohammed zu töten. Der arabische Historiker Ibn Ishāq beschreibt in seiner grundlegenden Prophetenbiographie die Szenerie folgendermaßen:

„Sodann begab sich der Prophet zu dem jüdischen Stamm der Banu Nadir. Er wollte sie bitten, ihm bei der Bezahlung der Blutschuld für jene beiden Männer zu helfen, die Amr ibn Umayya zuvor umgebracht hatte. Andererseits waren die beiden Stämme Nadir und Amir Bundesgenossen. Als der Prophet nun mit seiner Bitte zu den Banu Nadir kam, erklärten sie sich bereit, ihm zu helfen. Dann zogen sie sich zur Beratung zurück und sprachen zueinander: 'In eine so günstige Lage bekommen wir diesen Mann nie wieder' der Prophet saß nämlich neben der Wand eines ihrer Häuser -; 'wer steigt also auf das Haus, wirft einen Stein auf ihn und befreit uns so von ihm?'

Einer von ihnen, Amr ibn Djihash, erklärte sich dazu bereit und stieg auf das Haus, um einen Stein auf den Propheten zu schleudern. Dieser saß dort mit einigen seiner Gefährten, (...) als ihn eine Botschaft vom Himmel erreichte, in der ihm das Vorhaben jener Leute geoffenbart wurde. Er machte sich deshalb sogleich auf den Rückweg nach Medina, ohne aber seinen Gefährten etwas davon gesagt zu haben.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Ibn Ishaq: Das Leben des Propheten. Aus dem Arabischen von Gernot Rotter. Kandern, 2004. S. 160

Mohammed wurde sich während der Verhandlungen der feindseligen Haltung der Nadir ihm gegenüber bewusst und verdächtigte sie des Mordversuchs an ihm, weshalb er sich dazu entschloss, sie zu vertreiben.<ref name="EI-Nadir" /> Bei seiner Ankunft in Medina befahl er ihnen über einen seiner Anhänger, Muhammad ibn Maslama<ref>Für eine Biographie Muhammad ibn Maslamas siehe Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Muhammad ibn Maslamah.] usc.edu, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 10. Juni 2011 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>, die Stadt innerhalb von zehn Tagen zu verlassen und dabei all ihre beweglichen Güter mitzunehmen; des Weiteren erlaubte er ihnen, einmal im Jahr zurückzukehren, um die Ernte ihrer Palmenhaine einzubringen.<ref name="EI-Nadir" />

Die Banu Nadir willigten zunächst ein, beschlossen aber anschließend unter ihrem Stammesoberhaupt Huyayy ibn Achtab, in ihren Festungen bei Medina Widerstand zu leisten. Nach einer etwa zwei Wochen andauernden Belagerung, als die Anhänger Mohammeds begannen, ihre Palmenhaine zu zerstören – ein in der späteren islamischen Jurisprudenz kontrovers diskutierter Präzedenzfall<ref>Siehe Marco Schöller: "Die Palmen (līna) der Banū n-Nadīr und die Interpretation von Koran 59:5. Eine Untersuchung zur Bedeutung des koranischen Wortlauts in den ersten Jahrhunderten islamischer Gelehrsamkeit." In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG). 146 (1996), 317–380</ref> – ergaben sich die Banu Nadir. Daraufhin befahl ihnen Mohammed, die Stadt zu verlassen und nur mitzunehmen, was sie auf 600 Kamelen transportieren konnten. Einige Familien zogen nach Syrien, andere ließen sich bei ihren Glaubensgeschwistern in Chaibar nieder.

Im Kontext der Vertreibung des Stammes fand auch das Attentat auf Kaʿb ibn al-Aschraf statt. Während der sechstägigen Belagerung der Banu Nadir soll das islamische Weinverbot offenbart worden sein.<ref>Theodor Nöldeke: Geschichte des Qorans. Leipzig, 1938. S. 199</ref> Zwei Männer der Nadir nahmen den Islam an und wurden dadurch verschont.

Die Grabenschlacht und der Zug nach Chaibar

Die in Chaibar, einer etwa 150 Kilometer nördlich von Medina gelegenen Oase<ref>Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Beck, 2004. S. 19</ref> ansässigen Anhänger der Banu Nadir haben mit der Absicht, das vor ihrer Vertreibung von ihnen bewohnte Gebiet Medinas zurückzuerobern<ref name="Watt166">W. Montgomery Watt: Muhammad. Prophet and Statesman. Oxford University Press, 1962. S. 166</ref> die Quraisch bei der Planung eines Angriffs auf Medina, der sogenannten Grabenschlacht, und der Bildung eines entsprechenden Stammeszusammenschlusses energisch unterstützt<ref name="Watt166" /> und waren Teil des dadurch entstandenen Bundes,<ref>Fred McGraw Donner: Muhammad's Political Consolidation in Arabia up to the Conquest of Mecca. In: The Muslim World 69 (1979). S. 233</ref> das sich aus den Mekkanern, gewissen anderen Stämmen und abessinischen Söldnern<ref>Irving M. Zeitlin: The Historical Muhammad. Polity Press, 2007. S. 12</ref> zusammensetzte.

Die entscheidende Rolle der Nadir bei den Vorbereitungen für die Grabenschlacht und ihre Durchführung sowie der Umstand, dass sie auch in den folgenden Monaten zusammen mit anderen jüdischen Stämmen Chaibars versuchten, weiterhin arabische Stämme gegen Mohammed und seine Anhänger aufzuwiegeln, waren die primären militärischen Gründe für den Angriff auf die Oase 628.<ref>W. Montgomery Watt: Muhammad at Medina. Oxford University Press, 1962. S. 217 f. sowie derselbe: Muhammad. Prophet and Statesman. Oxford University Press, 1961. S. 189; Siehe auch: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 4, S. 1137 (Khaybar)</ref> Neben diesen Gründen spielte auch die Tatsache, dass Mohammed durch die Eroberung dieser Oase und den entsprechenden Beuteertrag sich der Enttäuschung seiner Anhänger über den Vertrag von Hudaibiyya<ref>Der Vertrag sah entgegen der ursprünglichen Absicht Mohammeds, die Umra, die kleine Wallfahrt nach Mekka 628 zu vollziehen, vor, dass die Muslime im darauf folgenden Jahr die Wallfahrt vollziehen und die Quraisch dafür die Stadt für drei Tage räumen würden. Mohammed stimmte dem Vertrag zum Erstaunen seiner Anhänger zu. Dies war die erste diplomatische Annäherung der beiden Parteien, durch den die Mekkaner Mohammed zwar nicht als Propheten, allerdings als Verhandlungspartner anerkannten.</ref> entgegenstellen konnte, eine Rolle bei der Entscheidung des Propheten, Chaibar anzugreifen.<ref>Norman A. Stillman: The Jews of Arab Lands. A History and Source Book. The Jewish Publication Society of America, 1979. S. 18; Siehe auch: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 4, S. 1137 (Khaybar)</ref>

Nach etwa sechs Wochen des Kampfes wurde Chaibar erobert und unter die Kontrolle des islamischen Gemeinwesens gebracht. Die dort verbliebenen Anhänger der Banu Nadir durften im Gegensatz zu den anderen dortigen Stämmen nicht mehr in der Oase verbleiben, sondern mussten – gemäß dem Vertrag, den sie mit Mohammed nach der Eroberung der Oase geschlossen hatten – Chaibar verlassen und ihren Besitz den Muslimen überlassen. Sie gingen nach Adhri'at, eine Stadt mit zu dieser Zeit bedeutender jüdischer Gemeinde.<ref>The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 1, S. 194 (Aḏriʿāt)</ref>

Literatur

Belege

<references />