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Börse für landwirtschaftliche Produkte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Productenboerse Wien DSC 0269w.jpg
Wien, Taborstraße 10, Börse für landwirtschaftliche Produkte, 2014

Die Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien, kurz: Produktenbörse, ist eine 1869 gegründete Warenbörse. Gemäß Produktenbörsegesetz 2013 ist sie eine auf Selbstverwaltung beruhende Körperschaft öffentlichen Rechts, der folgende Aufgaben zukommen:

  • Marktbeobachtung, Preisermittlung und -notierung bei landwirtschaftlichen Produkten
  • Abhaltung von Börse-Versammlungen
  • Festlegung von Usancen für den Geschäftsverkehr
  • Erstellung von Gutachten
  • Ausübung der Schiedsgerichtsbarkeit.

Sie hat ihren Sitz in dem 1887–1890 eigens für diesen Zweck errichteten Gebäude in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt (Produktenbörse (Gebäude)). Zur damaligen Zeit war die Börse das Zentrum für den Handel mit agrarischen Rohstoffen im Gesamtgebiet der K.u.K. Monarchie. Auch heute genießt die Produktenbörse in Wien bei den obgenannten Kompetenzen europaweit hohe Anerkennung. Einmal pro Jahr bietet die Börse auch einen Treffpunkt für Marktteilnehmer in Mitteleuropa, die sogenannte „Donaubörse“, traditionell jeden ersten Freitag im September.

Geschichte

Seit 1812 ist der Getreidehandel in Österreich ein freies Geschäft, Getreide also Handelsware. Mit der Entwicklung des Handels entstand 1853 die Wiener Frucht- und Mehlbörse. Diese unterstand vorerst noch dem Wiener Magistrat und wurde erst am 24. Juni 1869 unabhängig. Dies war das Geburtsjahr der Wiener Produktenbörse. Der Handel fand vorerst im Café Produktenbörse in der Wiener Leopoldstadt statt. Mit Anstieg des Handelsumfangs und der Handelsteilnehmer wurde der Bau eines eigenen Börsegebäudes beschlossen. Den Auftrag hierzu erhielt 1887 der Architekt Karl König, der in der Taborstraße unweit des Cafés im Stil der Neorenaissance das Börsengebäude errichtete. Die Fertigstellung und der Handelsbeginn erfolgten am 23. August 1890. In lateinischen Lettern wurde der Leitspruch der Börse in die Fassade gemauert: in usum negotiatorum cuiuscumque nationis ac linguae („den Kaufleuten aller Völker und jeder Sprache gewidmet“).

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Börse der wichtigste Handelsplatz für landwirtschaftliche Produkte in der österreichisch-ungarischen Monarchie, die damals mit rund 676.000 km² das zweitgrößte und mit etwa 52,8 Millionen Menschen das bevölkerungsmäßig drittgrößte Land Europas war. Nach deren Untergang und den Jahren der Inflation erlebte der Börsenhandel einen großen Rückgang, von dem sich die Institution erst Mitte der 20er-Jahre wieder erholte.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Börsegebäude von der Heeresstandortsverwaltung Wien genutzt und kurz vor Kriegsende vermutlich zur Vernichtung von Dokumenten in Brand gesteckt. Der große Börsesaal brannte völlig aus. Archiv und Bibliothek gingen fast völlig verloren. Mit Unterstützung durch die Behörden wurde jedoch rasch mit dem Wiederaufbau begonnen. Am 10. November 1948 erfolgte die Neukonstituierung der Börsekammer und am Mittwoch, dem 29. Juli 1949 wurde die erste Börseversammlung nach Kriegsende im wieder instandgesetzten Börsegebäude in der Taborstraße abgehalten. Die Funktion der Börse bei der Preis-Berichterstattung in der Folge aufgrund des Marktordnungsgesetzes, das die Preisfestsetzung durch die Sozialpartnerschaft bestimmte, eingeschränkt. Ab den 1980er-Jahren wurde der große Börsesaal für Theateraufführungen genutzt.

Mit dem Beitritt Österreichs zur EU 1995 musste das Marktordnungsgesetz aufgehoben werden und die Preisbildung unterlag wieder (weitgehend) dem freien Markt. Die Wiener Börse erlangte danach wieder europaweite Bedeutung durch die Ermittlung von regional gehandelten Preisen.

Die Produktenbörse war maßgeblich an der Ausarbeitung eines einheitlichen italienisch-österreichisch-deutschen Standard-Vertrags für den Getreidehandel beteiligt.

Aufgaben der Börse

Marktbeobachtung, Preisnotierung

Die Preisnotierungen erfolgen auf Grundlage des dafür festgelegten Regulativs durch den zuständigen Ausschuss der Börsekammer. Es werden lediglich Preise für Waren, die im Geschäftsbereich der Produktenbörse umfasst sind, ermittelt. Das sind im Wesentlichen alle in der Region angebauten landwirtschaftlichen Rohstoffe und Halbfertigprodukte, die zur menschlichen und tierischen Ernährung dienen. Nicht erfasst sind forstwirtschaftliche Erzeugnisse, Gewürze, Kräuter sowie zur Herstellung von Geweben und Gespinsten dienende Rohstoffe wie Jute. Ebenfalls ausgeschlossen sind „Kolonialwaren“, wie Zucker, Kaffee, Tee, Schokolade, Kakao und dergleichen.

Notierte Preise basieren auf Vertragsabschlüssen, die eine Mindestmenge übersteigen und in der der Preisermittlung vorangegangenen Woche abgeschlossen wurden. Der Preisermittlungs-Ausschuss tritt wöchentlich am Mittwoch um 14.30 Uhr unter der Aufsicht des Börsenkommissärs oder dessen Stellvertreter (entsandt von den Bundesministerien für Land- und Forstwirtschaft sowie für Wirtschaft) zusammen. Die Preise werden im „Kursblatt“ veröffentlicht.

Zusätzlich stellt die Börse in ihrer Homepage wöchentlich einen Bericht über wesentliche Entwicklungen am globalen und regionalen Markt sowie aktuelle Daten (Ernteschätzungen, Angebots- und Nachfrage-Bilanzen) und Zeitungsberichte zur Verfügung.

Börse-Versammlungen

Die Produktenbörse bietet Raum zum persönlichen Austausch zwischen den Vertretern der Lebens- und Futtermittelkette – jeden Mittwoch nachmittags für alle Börsemitglieder, einmal jährlich mit der Donaubörse für Partner in Mitteleuropa und etwa alle zehn Jahre wird Wien zum Treffpunkt des gesamteuropäischen Agrar-Handels bei der Europäischen Warenbörse. Darüber hinaus sind die Webinare, Seminare und Präsentationen der Produktenbörse zu wichtigen Informationsquellen für alle Marktbeteiligten geworden – und das für Mitglieder kostenfrei.

Handelsusancen

In den Usancen der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien werden Standardbezeichnungen, Fristen, Abwicklungsmodalitäten und andere fachspezifische Handelsgepflogenheiten definiert, die im Geschäftsverkehr häufig vorkommen. Damit soll Missverständnissen und Fehlinterpretationen vorgebeugt und der nationale und internationale Handel erleichtert werden.

In einem eigenen Teil der Usancen werden „Sonderbestimmungen für den Handel mit einzelnen Waren“ festgelegt. Dabei werden die Mindest-Kriterien für verschiedene landwirtschaftliche Produkte bzw. deren Qualitätsklassen beschrieben.

Expertisen / Beweissicherung

Die Börse bietet Vertragspartnern aus Handelsgeschäften über Waren, die zum Börseverkehr zugelassen sind, an, bei Streitfragen über Qualität und Beschaffenheit gelieferter Waren Expertisen oder beweissichernde Befunde zu erstellen. Die Sachverständigen werden dabei aus dem Kreis der Mitglieder der Börsekammer bestimmt.

Organe

Börsekammer

Die Kammer der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien setzt sich aus 30 Börseräten zusammen, die zu einem Drittel vom Landwirtschaftsministerium ernannt werden;. Weitere insgesamt drei Mitglieder ernennen die Landwirtschaftskammern von Wien, Niederösterreich und dem Burgenland. Die restlichen 17 Mitglieder werden aus dem Kreis der Börsemitglieder gewählt, wobei sechs davon aus der Mühlenindustrie oder dem Mühlengewerbe stammen müssen, einer aus der mehlverarbeitenden Industrie oder Gewerbe und sechs aus dem Getreidehandel. Die vier übrigen können anderen am Börsenverkehr teilnehmenden Berufsgruppen angehören. Die Ernennung/Wahl der Börseräte erfolgt jeweils für eine Funktionsperiode von 4 Jahren.

Die Börsekammer ist zuständig für wesentliche Entscheidungen im Verlauf der Börsetätigkeit, wie etwa die Änderung der Geschäftsordnung, die Durchführung von Wahlen und die Genehmigung des Rechnungsabschlusses.

Präsident

Der Präsident leitet die Produktenbörse und vertritt sie nach außen. Er wird im Verhinderungsfall durch einen der drei Vizepräsidenten gemäß ihrer Reihung vertreten.

Bisherige Präsidenten der Börsekammer:

  • 1869–1872: Konstantin Dora
  • 1872–1875: Roman Uhl
  • 1876–1894: Wilhelm Naschauer
  • 1895–1916: Paul Ritter von Schoeller
  • 1917–1925: Fritz Mendl
  • 1926–1928: Hugo Hauser
  • 1929–1931: Hermann Reif
  • 1932–1933: Jakob Handl
  • 1934–1938: Josef Zwetzbacher
  • 1948–1958: Josef Rupp
  • 1959–1963: Alfred Fromm
  • 1963–1976: Leopold Holzschuh
  • 1976–1977: Hermann Grün
  • 1978–1993: Ernst Polsterer
  • 1994–1997: Kurt Engleitner
  • 1998–2009: Rudolf Kunisch
  • 2010–2025: Josef Dietrich
  • seit 2026: Ernst Gauhs

Präsidium

Das Präsidium wird von dem Mitgliedern der Börsekammer gewählt und setzt sich aus dem Präsidenten, drei Vizepräsidenten, sowie dem Kassenverwalter zusammen. Diese Gremium berät den Präsidentenbei seinen Entscheidungen. Der Präsident des Schiedsrichterkollegiums nimmt an den Beratungen mit Sitz und Stimme teil.

Schiedsgericht

Eine wesentliche Einrichtung der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien ist deren Schiedsgericht. Dieses entscheidet – im Falle der Vereinbarung zwischen den Parteien – als staatliches Sondergericht mittels vollstreckbarer Schiedssprüche über Klagen aus Verträgen im Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Produkten.

Das Schiedsgericht der Produktenbörse ist nicht an Verfahrensvorschriften ordentlicher Gerichte gebunden und gegen Urteile des Schiedsgerichts kann auch nicht berufen werden. Die Verfahren sind daher in der Regel wesentlich kürzer als jene vor den ordentlichen Gerichten. Sprüche des Schiedsgerichtes der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien sind im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Börsen unmittelbar vollstreckbare Exekutionstitel.

Literatur

  • Statut der Börse für landwirthschaftliche Producte in Wien. Verlag der Börse für landwirthschaftliche Producte in Wien, Wien 1890, OBV.
  • Viktor Kienboeck: Der Terminhandel in Getreide, insbesondere an der Wiener Börse für landwirthschaftliche Producte. Vorträge und Abhandlungen der Österreichischen Leo-Gesellschaft, Band 8. Mayer, Wien 1897, OBV.
  • Jahresbericht der Börse für Landwirtschaftliche Produkte in Wien über das Jahr … Börse für Landwirtschaftliche Produkte, Wien 1903(1904)–1936(1937), ZDB-ID 1017495-3, OBV.
  • Ingrid Eder: Entwicklung und Bedeutung der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien. Diplomarbeit. Wirtschaftsuniversität Wien, Wien 1984, OBV.
  • Mitglieder-Verzeichnis der Börse für Landwirtschaftliche Produkte in Wien. Stand vom 1. April 1998. Sekretariat der Börse für Landwirtschaftliche Produkte in Wien, Wien 1998, OBV.
  • Dagmar Herzner-Kaiser: Die landwirtschaftliche Produktenbörse zu Wien und der Wiener Börsenbau im 19. Jahrhundert. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 1999, OBV.

Weblinks

Koordinaten: 48° 12′ 50,7″ N, 16° 22′ 48,8″ O

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