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Argonnensigillata

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Als Argonnensigillata, Argonnenware oder Rädchensigillata bezeichnet man die von der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts bis etwa zum Ende des 5. Jahrhunderts in Werkstätten in den Argonnen produzierte Terra Sigillata. Ihren Exporthöhepunkt erlebte die Argonnensigillata in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Die Argonnensigillata löst die vorher übliche reliefverzierte Modelware ab – die übliche Verzierungstechnik ist nun der sogenannte Rollrädchendekor. Der überwiegende Teil der Terra sigillata ist aber immer noch unverziert.

Die Leitform dieser Zeit ist die Schüssel Chenet 320/Alzey 1, die die Form Drag. 37 verdrängt – unter den mit dem Rollrädchen verzierten Fragmenten macht sie einen Anteil von etwa 95 % aus<ref>Bakker 2002, 110.</ref>.

Topographie

Datei:Blason ville fr Avocourt 55.svg
Das Wappen von Avocourt zeigt zwei Exemplare von Terra sigillata über einem Brunnen.

Die Argonnen sind ein bewaldetes Berggebiet im Nordosten Frankreichs. Sie liegen zwischen den Flüssen Maas (franz. Meuse) und Aisne, nordöstlich von Paris. In der Nähe befinden sich die Städte Reims und Verdun.

In der Antike lagen die Argonnen in der Provinz Gallia Belgica. Sie waren an mehrere große Verkehrswege angeschlossen: über die Nord-Süd-Straße, die die Argonnen durchzieht, u. a. an die Römerstraße von Reims über Verdun nach Metz und die Verbindung von Reims über Chesne, Mouzon, Carignan und Arlon nach Trier<ref>Unverzagt 1919, 4.</ref>. Für Töpfereien bieten die Argonnen ideale Bedingungen. Es gibt ein natürliches Sandsteinvorkommen, das ein feuerfestes Baumaterial für die Brennöfen liefert<ref>Chenet 1941, 4.</ref>. Die ausgedehnten Wälder bieten Brennholz, zudem gibt es viele Quellen. In den Argonnen kommt ein grüner oder grau-bläulicher Ton vor<ref>Chenet 1955, 9.</ref>. Sie liegen nah genug am Absatzgebiet, jedoch weit genug entfernt von der Rheingrenze, die Ende des 3. und Anfang des 4. Jahrhunderts immer wieder von plündernden Germanen heimgesucht wurde. Durch die Nähe zu den Straßen und den Flüssen Aisne und Maas ist der Export auch in entferntere Gebiete möglich<ref>Chenet 1941, 124.</ref>.

Forschungsgeschichte

1919 wurde die rädchenverzierte Argonnensigillata zuerst von Wilhelm Unverzagt<ref>Unverzagt 1919.</ref> zusammenfassend publiziert. Sein Material stammte hauptsächlich aus Zufallsfunden, die während des Ersten Weltkriegs in den Argonnen gemacht wurden. Er konnte jedoch bereits etwa 220 verschiedene Rollstempel differenzieren. 1941 fügte Georges Chenet<ref>Chenet 1941.</ref> dieser Sammlung etwa 130 neu entdeckte Stempel hinzu. Außerdem publizierte er sämtliche bis dahin aus den Argonnen bekannte Gefäßformen – auch die glatte und die übrige, nicht mit dem Rollrädchen verzierte Terra sigillata. Chenet hatte in den Argonnen Prospektionen durchgeführt und dabei einzelne Abfallgruben und Töpferöfen freigelegt. 1968 machte Wolfgang Hübener<ref>Hübener 1968.</ref> den Versuch, die Rollstempeldekore in Gruppen einzuteilen und diese relativ- und absolutchronologisch zu sortieren. Diese Ordnung ist seitdem von Lothar Bakker<ref>Bakker 1981, Bakker 2001, Bakker 2002.</ref> weiter verfeinert worden, jedoch nur in zahlreichen Einzelaufsätzen zu verschiedenen Fundorten (u. a. Echternach, Worms, Domgrabung Köln) publiziert. Ein „Corpus der spätrömischen Argonnensigillata“, in dem alle bekannten Rollstempel mit ihrer möglichen Datierung und die Gefäßformen vorgelegt werden sollen, ist in Vorbereitung<ref>Bearbeitung durch Lothar Bakker (Augsburg), Wim Dijkman (Maastricht) und Paul van Ossel (Paris); angekündigt in: Bakker 2001, 27-28 und Bakker 2002, 109-110.</ref>. Zu beachten ist, dass in den Argonnen bisher nur einzelne Öfen freigelegt wurden – eine großflächige Ausgrabung der Töpfereibetriebe fand nicht statt.

Produktionszeitraum

Die Argonnentöpfereien beginnen ihre Produktion bereits in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts. In der Anfangszeit wird sog. „belgische Ware“ produziert, die z. T. Rollrädchendekor trägt<ref>Unverzagt 1919, 10.</ref>. Ab etwa 125 wird dort Terra sigillata hergestellt, u. a. auch reliefverzierte Gefäße<ref>Fölzer 1913, 40.</ref>. Die Produktion läuft bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts, da der Export ab dem Ende des 2. Jahrhunderts merklich durch die Konkurrenz der Betriebe in Rheinzabern und Trier geschwächt wird<ref>Fölzer 1913, 40.</ref>, die näher am Absatzgebiet liegen. Durch den Verlust des Limesgebietes 260 verlieren die beiden Konkurrenzbetriebe jedoch ihre entscheidenden Exportgebiete und liegen zu nah an der unsicheren Rheingrenze. Ab der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts erleben die günstig gelegenen Argonnentöpfereien daher einen erneuten Aufschwung und übernehmen die vorherrschende Stellung auf dem Markt<ref>Unverzagt 1919, 11.</ref>. An den alten Produktionsstätten werden neue Betriebe errichtet. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Friedenszeit unter Probus (276–282) und die Konsolidierung des Reiches zur Zeit der Tetrarchie Diokletians<ref>Chenet 1941, 153.</ref>. Ihren Export-Höhepunkt erleben die Argonnentöpfereien unter Konstantin und seinen Söhnen in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts.<ref>Chenet 1941, 154.</ref> Während Chenet nicht davon ausgeht, dass die Betriebe die Unruhen 406/7 überstanden haben<ref>Chenet geht davon aus, dass die an späteren Fundplätzen auftauchende Argonnensigillata deutlich früher produziert und nur weitergegeben wurde. Chenet 1941, 155: “Une excellente preuve que des vases décorés à la molette ont circulé encore longtemps après l’époque de leur fabrication et même assez loin du lieu d’origine, c’est la présence de bols de ce genre dans des cimetières francs ou alamans du VIe siècle”.</ref>, vermutet Unverzagt, dass bis etwa zur Mitte des 5. Jh. weiter produziert wurde – danach sei das Terra-sigillata-Geschirr durch die Germanisierung aus der Mode gekommen<ref>Unverzagt 1919, 11.</ref>. Bakker bezeichnet die spätantike Terra sigillata aus den Argonnen als „Leitfossil spätrömischer Fundplätze des 4. bis 6. Jahrhunderts n. Chr.“<ref>Bakker 2002, 109.</ref>, da sie auch an Fundplätzen des 6. Jh., v. a. in Gräbern, noch auftaucht. Hier kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es sich um Altstücke handelt, die deutlich früher produziert, aber von den Besitzern lange Zeit weiter benutzt wurden<ref>Unverzagt 1919, 40.</ref>.

Die Unterschiede zwischen der Produktion des 2. und 3. Jahrhunderts und der des 4. Jahrhunderts sind so bemerkenswert, dass Chenet sie in eine „Première Période“ und eine „Seconde Période“ gliedert<ref>Chenet 1941, 153.</ref>. Seiner Meinung nach hat zwischen beiden Perioden die Produktion eine Weile stillgestanden, wurde jedoch später an den gleichen Orten wieder aufgenommen<ref>Chenet 1941, 6.</ref>. Die Unterschiede bestehen natürlich v. a. in den unterschiedlichen produzierten Gefäßformen, aber auch in Farbe und Glanz der Engobe. War sie zuvor eher korallenrot, wandelt sie sich nun zu einem teilweise blassen Rot-Orange bis Braun<ref>Chenet 1941, 6.</ref>. Auch die Dekoration der Gefäße ändert sich. Im 2. und 3. Jahrhundert war das Relief die vorherrschende Verzierungstechnik. Im 4. Jahrhundert hingegen erinnert man sich der Verzierung der sog. „belgischen Ware“ und dekoriert die Terra sigillata häufig mit dem Rollrädchen<ref>Chenet 1941, 7.</ref>. Techniken wie Barbotine oder Kerbschnitt werden in beiden Perioden genutzt. Gleichzeitig mit der Ablösung der Reliefware verschwinden auch die Töpferstempel von der Terra sigillata. Anscheinend sah man keine Notwendigkeit mehr, den Hersteller zu kennzeichnen<ref>Chenet 1941, 7.</ref>. Warum die Töpfer bzw. die Betriebe ihre Ware nicht mehr kennzeichneten, ist unklar.

Produktionsorte

Die Produktion in den Argonnen verteilte sich auf zahlreiche einzelne Töpfereien, die zueinander einen Abstand von 2 bis 18 km haben<ref>Hübener 1968, 243.</ref>. Die Produktionsstätten können demnach „einerseits durch die relativ große Entfernung als deutlich voneinander getrennt angesehen werden (…), aber andererseits wegen der Zuordnung zu einem einzigen Flußsystem (der Aire und ihrem Nebenfluß, der Buante) durchaus als enger zusammengehörig gedacht werden (…)“<ref>Hübener 1968, 243.</ref>.

Da in den Argonnen noch nicht großflächig ausgegraben wurde, sondern sich die Erkenntnisse bisher auf Zufallsfunde, Prospektionen und kleinere Ausgrabungen einzelner Öfen stützen, kann davon ausgegangen werden, dass noch nicht alle Töpferöfen bekannt sind. Vor allem in den Waldgebieten könnten sich noch Werkstätten auf ehemals gerodeten Flächen befunden haben. Bekannt sind bisher die Produktionsstätten in Lavoye, Aubréville, Avocourt, Pont-des-quatre-enfants, Les Allieux-Vauquois, Vauquois, La Verdunaise und Châtel-Chéhéry.

Das Töpfereigelände in Lavoye erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 35 ha<ref>Chenet 1941, 17.</ref>. Es wurden Töpferöfen aus dem 1. bis 4. Jahrhundert entdeckt<ref>Chenet 1941, 17.</ref>. Aus der Spätantike stammen die beiden Öfen E und Z<ref>Zu den Öfen E und Z vgl. Chenet 1941, 24.</ref>. Ofen E wurde an einer Stelle errichtet, an der auch im 2. und 3. Jh. schon Öfen standen. In der Umgebung fanden sich zahlreiche Scherben aus dem 2. bis 4. Jahrhundert. Von Ofen Z war nur noch die Basis erhalten. In der Nähe entdeckte man Scherben aus dem 4. Jahrhundert. Bemerkenswert ist der Fund der sog. „Sépulture A“, die aufgrund von Münzfunden nach 360 datiert wird<ref>Chenet 1941, 20.</ref>. Im Grab befanden sich zahlreiche Metall- und Glasgegenstände<ref>Chenet 1941, 20.</ref> sowie Argonnensigillata aus dem 4. Jhd.<ref>Chenet 1941, 23.</ref>, jedoch keine menschlichen Knochen<ref>Chenet 1941, 22.</ref>. Chenet deutet die „Sépulture A“ daher als „un lieu à offrandes, peut-être en rapport tout de même avec quelque cérémonie funéraire“<ref>Chenet 1941, 22.</ref>. „Le puits du champ 790“<ref>Zu „Le puits du champ 790“ vgl. Chenet 1941, 25.</ref> enthält Fragmente von Argonnensigillata, aber auch komplette Gefäße, die zu einem großen Teil aus Fehlbränden stammen. Die Verfüllung datiert durch Münzen auf die Zeit nach 375. Auffällig ist, dass in Gefäßform und Dekor kaum Gemeinsamkeiten zu den Funden in „Sépulture A“ bestehen, was bedeutet, dass hier zwei verschiedene Produktionsabschnitte oder Betriebe nachweisbar sind.

In Aubréville fanden sich Brennhilfen und Scherben mit Rädchenverzierung aus dem 4. Jahrhundert (alle von Schüssel Chenet 320), jedoch noch kein Brennofen<ref>Chenet 1941, 29.</ref>.

Avocourt produzierte Keramik vom 1. bis ins 4. Jahrhundert.<ref>Zu Avocourt vgl. Chenet 1941, 31-32.</ref> Entdeckt wurden die Öfen A und B bei Pré des Blanches und der Ofen C in einer Entfernung von etwa 100 m. In der Nähe befanden sich große Mengen an Töpfereiabfall aus dem 4. Jhd. und Scherben vieler Schüsseln des Typs Chenet 320.

Der Töpferei bei Pont-des-quatre-enfants im Bois de Cheppy lässt sich bisher am wenigsten Material eindeutig zuordnen<ref>Hübener 1968, 252.</ref>. Entdeckt wurde ein Ofen und große Mengen an Töpfereiabfall<ref>Chenet 1941, 32.</ref>. Laut Chenet fällt bei dem Geschirr aus Pont-des-quatre-enfants „une sorte de lourdeur impliquant, avec le manque d‘élégance de galbe, une épaisseur inusitée de la paroi“<ref>Chenet 1941, 34.</ref> auf. Chenet schlägt zur Deutung vor, dass das stabilere Geschirr möglicherweise für Militärkantinen bestimmt war, oder dass in dieser Werkstatt vielleicht aus Unvermögen nachlässiger gearbeitet wurde. Der Rollrädchendekor ist trotz der Nachlässigkeit bei den Gefäßformen recht sorgfältig ausgeführt<ref>Chenet 1941, 34.</ref>. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Rollstempel unter den Werkstätten getauscht oder von den Töpferwerkstätten nicht selbst hergestellt, sondern gekauft wurden.

Die Töpfereien in der Gegend von Les Allieux-Vauquois<ref>Zu Les Allieux-Vauquois vgl. Chenet 1941, 35-38.</ref> produzierten schon im 2. und 3. Jahrhundert, aber auch noch im 4. Jahrhundert. Es wird unterschieden zwischen „Les Allieux-Clairière (A)“ und „Les Allieux B (Atelier de la forêt)“. An beiden Produktionsstätten wurden Reste von Brennöfen, Töpfereiabfall, v. a. Fehlbrände, und Brennhilfen entdeckt. Unter den Fragmenten von Terra sigillata waren die Schüsseln 320 (etwa 50 Stück) und 324 am zahlreichsten vertreten.

Bei Vauquois wird aufgrund des Fundes von Scherben aus dem 4. Jahrhundert und Brennhilfen ein weiterer Ofen vermutet, der aber noch nicht entdeckt wurde<ref>Chenet 1941, 38.</ref>. Ebenso steht es um La Verdunaise. Hier gibt es ähnliche Funde, die für eine nahegelegene Töpferei sprechen, die bisher aber nicht lokalisiert werden konnte<ref>Chenet 1941, 38-39.</ref>.

Bei Châtel-Chéhéry<ref>Zu Châtel-Chéhéry vgl. Chenet 1941, 39-41.</ref> wurde ebenfalls spätantike Terra sigillata entdeckt, doch kein Töpferofen. Interessant ist allerdings, dass an dieser Stelle häufig Keramikfragmente gefunden wurden, die mit christlichen Rollrädchen verziert waren. Anscheinend wurden sämtliche (oder zumindest der überwiegende Teil der) Gefäße mit christlichen Motiven in dieser Töpferei hergestellt.

Alle bekannten Töpfereien produzieren in der Spätantike nahezu gleichzeitig – sie nehmen Ende des 3. bzw. Anfang des 4. Jahrhunderts ihren Anfang und stellen die Produktion wahrscheinlich im 5. Jahrhundert wieder ein. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Töpfereien gegenseitig abgelöst hätten<ref>Hübener 1968, 282.</ref>.

Gefäßformen

Der Ton der Terra sigillata aus den Argonnen lässt sich wie folgt beschreiben: „Die sehr feine Magerung enthält teilweise bei Lichteinfall glitzernde Bestandteile (jedoch keine größeren „Glimmer“-Plättchen). Die Farbe des Tons, festgestellt an frischen Brüchen, ist hauptsächlich blassorange, aber auch helle Brauntöne kommen vor.“<ref>Jung 2005, 413-416.</ref> Die Engobe ist meist hellorange bis dunkelbraun<ref>Jung 2005, 416.</ref> – einzelne Gefäße sind auch schwarz engobiert. Auf eine mindere Qualität einiger Stücke weist ihre teilweise fleckige Engobe hin. Auch die Drehrillen sind nicht immer vollständig geglättet<ref>Jung 2005, 416.</ref>. Zur Herstellungstechnik lässt sich sagen, dass im Unterschied zu den Reliefschüsseln des vorherigen Jahrhunderts der Boden nicht nachträglich aufgesetzt, sondern aus der zunächst sehr dicken Gefäßwand herausgedreht wurde. Boden und Wand sind demnach aus einem Stück gearbeitet<ref>Unverzagt 1919, 17.</ref>.

Rollrädchendekor

Die Technik des Rollrädchendekors ist vergleichsweise einfach. Ein scheibenförmiges Rädchen, das auf seinem Rand die Verzierung im Negativ trägt, wird angefeuchtet und an die Wand des lederharten Gefäßes gehalten<ref>Unverzagt 1919, 17.</ref>. Das Gefäß wird solange gedreht, bis es durch den sich abrollenden Stempel mit einer gleichmäßigen Spirale verziert ist. Die Länge der Muster bewegt sich zwischen 5,5 und 11 cm<ref>Unverzagt 1919, 18.</ref>, was etwa sieben bis zehn Musterabschnitten entspricht<ref>Unverzagt 1919, 17.</ref>. Diese Technik war äußerst gut für die Verzierung von Massenware geeignet, da sich auf diese Weise in einer Stunde durchaus 20 bis 30 Gefäße dekorieren ließen<ref>Unverzagt 1919, 17.</ref>.

Rollrädchendekor taucht unter den 55 von Chenet für das 4. Jahrhundert beschriebenen Gefäßtypen nur auf acht auf (Schale 304, Platte 313, Näpfe 314 und 316, Tassen 317 und 319, Schüsseln 320 und 324, Reibschüssel 330)<ref>Chenet 1941, 58-101.</ref>. Unter den mit dem Rollrädchen verzierten Gefäßen ist an allen Fundplätzen die Schüssel Chenet 320/Alzey 1 mit einem Anteil von 95 % am häufigsten vertreten<ref>Bakker 2002, 110.</ref>. Sie löst die im 2. und 3. Jahrhundert so beliebte reliefverzierte Schüssel Drag. 37 ab<ref>Unverzagt 1919, 12.</ref>. Zusammen mit dem Teller Chenet 313/Alzey 12 und der Tasse Chenet 314/Alzey 13 bildet sie laut Unverzagt ein rädchenverziertes Service<ref>Unverzagt 1916, 15.</ref>.

Absatzgebiet

Die Argonnentöpfereien scheinen ihre Ware sehr weit exportiert zu haben – Bruchstücke von Argonnensigillata finden sich im südlichen Britannien, in Frankreich, Holland, Belgien, Luxemburg, der Schweiz, in den römischen Gebieten Deutschlands, in Österreich und Norditalien<ref>Bakker 2001, 27.</ref>. Die Lage der Argonnentöpfereien ist für den Export ideal: Über Straßen können von allen Töpfereien aus Reims, Trier, Straßburg, Mainz, Koblenz, Senon, Bavay und Langres erreicht werden<ref>Chenet 1941, 124.</ref>. Über die großen Wasserstraßen konnte die Ware ebenfalls weit verteilt werden: Über die Marne erreichte man Châlons, die Aisne versorgte Vienne-la-Ville und Voncq, über die Maas belieferte man Verdun und Mouzon, über die Mosel Toul, Metz und Trier und über den Rhein Straßburg, Mainz, Koblenz, Bonn und Köln<ref>Chenet 1941, 124.</ref>. Anscheinend exportierte man auch über den Kanal, denn in Britannien fand sich Argonnensigillata in Colchester, London, York<ref>Chenet 1941, 126.</ref> und an weiteren Orten im südlichen Teil der Insel. Bakker geht davon aus, dass „das gesamte Absatzgebiet der Argonnen-TS noch nicht flächendeckend registriert werden konnte“<ref>Bakker 2002, 117.</ref>. Möglicherweise decken neue Grabungen eine noch weitere Verbreitung auf als bisher angenommen. Fest steht, dass die Argonnen nicht für den regionalen Bedarf produzierten, sondern einen riesigen Absatzmarkt versorgten. Das wirft die Frage auf, ob die vergleichsweise wenigen bisher entdeckten Töpfereien wirklich Ware in so großen Stückzahlen produzieren konnten oder ob nicht davon ausgegangen werden muss, dass eine größere Zahl an Öfen noch unentdeckt geblieben ist.

Literatur

  • Lothar Bakker: Rädchenverzierte Argonnen-Terra sigillata aus Worms und Umgebung. In: Der Wormsgau 20, 2001, S. 27–33.
  • Lothar Bakker: Rädchenverzierte Argonnen-Terra-sigillata. In: Sebastian Ristow (Hrsg.): Die frühen Kirchen unter dem Kölner Dom. Befunde und Funde vom 4. Jahrhundert bis zur Bauzeit des Alten Domes (= Studien zum Kölner Dom. Band 9). Köln 2002, S. 109–123.
  • Lothar Bakker, Wim Dijkman, Paul van Ossel: Die Feinkeramik „Argonnensigillata“. Leitfund spätantiker Siedlungsplätze in den Provinzen Galliens, Germaniens und Rätiens. In: Imperium Romanum. Römer, Christen, Alamannen – Die Spätantike am Oberrhein. Ausstellungskatalog Badisches Landesmuseum Karlsruhe 2005–2006, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2005, S. 171–176.
  • Georges Chenet: Die Erforschung der gallorömischen Töpfereien in den Argonnen seit dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. In: Germania. Band 14, Nummer 3, 1930, S. 64–73 (Digitalisat).
  • Georges Chenet: La céramique gallo-romaine d’Argonne du IVe siècle et la terre sigillée decorée à la molette (= Fouilles et documents d’archéologie antique en France. Band 1). Macon 1941.
  • Georges Chenet, Guy Gaudron: La céramique sigillée d’Argonne des IIe et IIIe siècle (= Gallia préhistoire. Supplément 6). Paris 1955.
  • Elvira Fölzer: Die Bilderschüsseln der ostgallischen Sigillata-Manufakturen (= Römische Keramik in Trier. Band 1). Bonn 1913, S. 37–41.
  • Wolfgang Hübener: Eine Studie zur spätrömischen Rädchensigillata (Argonnensigillata). In: Bonner Jahrbücher. Band 168, 1968, S. 241–298 (doi:10.11588/bjb.1968.1.82712).
  • Patrick Jung: Unverzierte Terra sigillata des 4./5. Jahrhunderts aus der Grabung 2002 im Bereich des Kastells Alzey. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Band 35, 2005, S. 413–420.
  • Jeannot Metzler, Johny Zimmer, Lothar Bakker: Ausgrabungen in Echternach. Luxemburg 1981.
  • Wilhelm Unverzagt: Die Keramik des Kastells Alzei (= Materialien zur römisch-germanischen Keramik. Band 2). Frankfurt a. M. 1916 (Digitalisat).
  • Wilhelm Unverzagt: Terra sigillata mit Rädchenverzierung (= Materialien zur römisch-germanischen Keramik. Band 3). Frankfurt a. M. 1919 (Digitalisat).

Einzelnachweise

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