Antiphon (Sophist)
Antiphon von Athen oder Antiphon der Sophist (Vorlage:GrcS) war ein griechischer antiker Philosoph des 5. Jahrhunderts v. Chr. Er wird zu den Sophisten gezählt. Seine mögliche Identität mit dem Redner, Schriftsteller und Politiker Antiphon von Rhamnus ist in der Forschung nicht vollständig geklärt.
Identität
Forschungsstand
Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. tauchen mehrere Träger des Namens Antiphon in Athen auf. Wer in den erhaltenen antiken Zeugnissen jeweils gemeint ist, ist umstritten. So ist bis heute nicht vollständig geklärt, ob Antiphon der Sophist mit dem Redner, Schriftsteller und Politiker Antiphon von Rhamnus identisch ist. Als Kriterien zu ihrer Unterscheidung wurden die antiken Testimonien (antike Berichte über Leben und Lehre), der Inhalt ihrer Schriften und stilistische Merkmale herangezogen.<ref name="Grundriss69">George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Antiphon aus Athen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 69–80, hier: S. 69.</ref> Heute zeichnet sich, vor allem durch die jüngsten Beiträge Cassins und Gagarins, ein Konsens zu Gunsten der Identität des Sophisten mit dem Redner ab.
Auch die Identifikation Antiphons des Sophisten mit einem gleichnamigen Tragödiendichter,<ref>Erwähnt bei Athenaios, Deipnosophistai 15,673e-673f = Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 87A4.</ref> einem Zeichendeuter<ref>Erwähnt bei Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 2,46 = Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 87A5.</ref> und einem Traumdeuter<ref>Erwähnt in der Suda, Antiphon = Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 87A1.</ref> wurde erwogen, gilt mittlerweile aber als widerlegt. Gegenwärtig verwendet die Forschung den Namen Antiphon der Sophist für den Verfasser der drei Schriften Wahrheit, Über den Gemeinsinn und Politikos.<ref name="Grundriss69" /> Schließlich sind auch Überlegungen eines Antiphon zur Mathematik überliefert.<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker B13.</ref>
Geschichte
Bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. schloss Hermogenes von Tarsos (unter Berufung auf Didymos von Alexandria und andere) aus stilistischen Unterschieden der überlieferten Schriften auf die Existenz von mindestens zwei Trägern desselben Namens.<ref>Hermogenes von Tarsos, De ideis 2,11,7 (399,18 – 400,5 Rabe).</ref> Seine Vorgehensweise wurde von modernen Forschern nachgezeichnet, der auf diese Weise gewonnene Schluss auf verschiedene Verfasser der Schriften allerdings mehrheitlich abgelehnt.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Antiphon aus Athen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 69–80, hier: S. 70.</ref>
Leben
Das älteste Zeugnis stammt von Xenophon,<ref>Xenophon, Memorabilien 1,6 = Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker 87A3.</ref> der von einem Gespräch des Sokrates mit einem Sophisten namens Antiphon berichtet. Auch Aristoteles soll ein solches Gespräch erwähnt haben,<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 2,46 = Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker 87A5.</ref> nennt Antiphon aber nicht einen Sophisten, sondern einen Zeichendeuter. Ob beide identisch sind, ist unklar. Der bei Xenophon dargestellte Sophist Antiphon erscheint als professioneller Lehrer, der Sokrates seine Schüler abwerben will und diesen als politisch inaktiv, unglaubwürdig und ohne finanzielle Mittel und Einkünfte hinstellt.
Werke
Dem Sophisten Antiphon werden drei Schriften zugerechnet:<ref>Der Abschnitt zum Werk folgt George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Antiphon aus Athen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 69–80, hier: S. 72–74.</ref>
- Wahrheit (Alḗtheia). Der Titel der nur bruchstückhaft überlieferten Schrift verweist auf eine gleichnamige Schrift des Protagoras und eleatisches Gedankengut. Antiphons eigener ontologisch-erkenntnistheoretischer Beitrag ist allerdings nur in einem Fragment<ref>Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker 87B1.</ref> erhalten, dessen Text und Sinn trotz zahlreicher Deutungsversuche nicht hergestellt werden konnte. Möglicherweise nimmt er die Unerkennbarkeit eines einheitlichen Seins an, vielleicht aber auch die Unerkennbarkeit einer zugrundeliegenden kleinsten Einheit oder die Unerkennbarkeit eines pluralistisch gefassten Seienden. Über dieses Fragment hinaus sind bei Diels und Kranz 42 weitere abgedruckt, hinzu kommen einige Papyri.<ref>Oxyrhynchus Papyri 1364; 1797 (Autor nicht sicher); 3647.</ref>
- Über den Gemeinsinn (oder Über Eintracht, Perì homonoías). Antiphon behandelt hier<ref>Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker 87B44 bis 87B71.</ref> unter anderem einige nicht-griechische Völker (beispielsweise die libyschen „Schattenfüßler“), Probleme innerhalb der Ehe aus der Sicht des Mannes, die Kürze, Hinfälligkeit und Unwiederholbarkeit des Lebens, richtet sich gegen Geiz, Zaudern und Faulheit und lobt die Überwindung der Versuchung, Schlechtes zu tun, edle Erziehung, Gehorsam, Freundschaft und Altenpflege. Weiters gibt er Beispiele für gesuchte Ausdrücke.
- Politikos (Politikós). Hierbei handelt es sich um eine Staatsrede, von der fast nichts überliefert ist. Die wenigen Fragmente richten sich gegen das Verschleudern von Vermögen und Pflichtvergessenheit infolge von Trunkenheit, ein weiteres Fragment, das auch aus einer anderen Schrift stammen könnte, gegen das Verschleudern von Zeit.
Die Schrift Über Traumdeutung (Perì kríseōs oneírōn)<ref>Erwähnt bei Cicero, De divinatione 1,20; 1,39; 2,70; 2,144f.</ref> stammt wahrscheinlich von einem anderen Antiphon.
Aus den Schriften Wahrheit und Über den Gemeinsinn waren nur kümmerliche Zitate etwa bei Johannes Stobaios überliefert, bis im 20. Jahrhundert im ägyptischen Oxyrhynchos Papyrus-Fragmente mit längeren Abschnitten aus der Wahrheit gefunden wurden.
Ausgaben und Übersetzungen
- Hermann Diels (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker. 5. Auflage. Berlin 1957 (klassische Fragmentsammlung)
- Gerard J. Pendrick (Hrsg.): Antiphon the Sophist: The Fragments. Cambridge University Press, Cambridge 2002 (griechischer Text und englische Übersetzung der Fragmente mit ausführlichem Kommentar)
- Louis Gernet (Hrsg.): Antiphon: Discours suivis des fragments d’Antiphon le Sophiste. Les Belles Lettres, Paris 1954 (Edition mit französischer Übersetzung und Kommentar)
- Thomas Schirren, Thomas Zinsmaier (Hrsg.): Die Sophisten. Ausgewählte Texte. Reclam, Stuttgart 2003, S. 120–215 (Text und Übersetzung der größeren Fragmente)
Literatur
Übersichtsdarstellungen
- George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Antiphon aus Athen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, ISBN 3-7965-1036-1, S. 69–80.
- Michel Narcy: Antiphon d’Athènes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 1, CNRS, Paris 1989, ISBN 2-222-04042-6, S. 225–244.
- Thomas Paulsen: Antiphon der Sophist. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-57673-7, S. 435–436.
Untersuchungen
- Michael Gagarin: Antiphon the Athenian. 2003 (wichtigste Monographie über den 'doppelten' Antiphon)
- Ettore Bignone: Antifonte oratore e Antifonte sofista. 2. Auflage. 1974 (Zusammenfassung der älteren Diskussion)
- Thomas Zinsmaier: Wahrheit, Gerechtigkeit und Rhetorik in den Reden Antiphons. In: Hermes 126, 1998, S. 398–422 (erläutert den geistesgeschichtlichen Zusammenhang der Fragmente)
Weblinks
- {{#if: |{{{author}}}: |John J. O’Connor, Edmund F. Robertson: }}[https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/{{#switch:
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Fußnoten
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