António Lobo Antunes
António Lobo Antunes (* 1. September 1942 in Benfica; † 5. März 2026<ref>António Lobo Antunes, one of the great authors of Portuguese literature, has died. In: ara.cat. 5. März 2026, abgerufen am 5. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Nobelpreiskandidat António Lobo Antunes ist tot. Sveriges Television, 5. März 2026, abgerufen am 5. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> in Lissabon) war ein portugiesischer Psychiater und Schriftsteller.
Leben
António Lobo Antunes, Spross einer großbürgerlich aristokratischen Dynastie und Sohn von João Alfredo Lobo Antunes, einem portugiesischen Neurologen, wuchs im Lissabonner Stadtteil Benfica auf. Hohe Militärs und ein brasilianischer Kautschukgroßhändler finden sich unter seinen Vorfahren, aber auch eine deutsche Großmutter. Sein Vater war Arzt, und António, ältester von sechs Geschwistern, studierte an der Fakultät für Medizin der Universität Lissabon. Bereits mit 13 Jahren wollte er Schriftsteller werden. Er spezialisierte sich auf Psychiatrie, in der er Ähnlichkeiten mit der Literatur zu finden glaubte. Nach dem Medizinstudium wurde er 1970 zum Militär eingezogen und war von 1971 bis 1973 während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola. Danach arbeitete er bis 1985 als Chefarzt und Psychiater in der Nervenklinik des Hospital Miguel Bombarda in Lissabon. Unter der Salazar-Diktatur wurde Lobo Antunes Mitglied der Kommunistischen Partei und war deswegen auch im Gefängnis. Seit 1985 widmete er sich fast ausschließlich dem Schreiben.
In der Öffentlichkeit trat Lobo Antunes vergleichsweise selten auf und galt als wenig an literarischer Selbstvermarktung interessiert.<ref name="taz-6160313">dpa: Schriftsteller Lobo Antunes gestorben: Revolutionär der portugiesischen Literatur. In: taz.de. 5. März 2026, abgerufen am 5. März 2026.</ref> In seinen letzten Lebensjahren zog er sich vollständig aus dem öffentlichen Leben zurück.<ref name="taz-6160313" /> Eine fortschreitende Demenzerkrankung soll ihn zuletzt am Schreiben und an öffentlichen Auftritten gehindert haben.<ref name="taz-6160313" /> Für den 7. März 2026 ordnete die portugiesische Regierung Staatstrauer an.<ref name="taz-6160313" />
Literarisches Schaffen
Lobo Antunes galt als einer der bedeutendsten portugiesischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Werke beschäftigen sich immer wieder mit der Geschichte Portugals.<ref name="spiegel-41171604">Albert Ostermaier: VON DEN NÄCHTEN DIE HELLEN - KulturSPIEGEL 8/2005. In: Der Spiegel. Nr. 8, 2005 (online).</ref> Er veröffentlichte mehr als drei Dutzend Bücher, überwiegend Romane.<ref name="taz-6160313" /> Seine Werke erschienen in rund 60 Sprachen.<ref name="taz-6160313" /> Er wurde über Jahre hinweg als Anwärter auf den Literaturnobelpreis angesehen.<ref name="taz-6160313" />
Die Themen seiner frühen Werke sind der Kolonialkrieg, Tod, Einsamkeit, Lebens- und Liebesfrust. Seine Sujets waren Portugals Geschichte und Gegenwart, immer verbunden mit Angst, Gewalt, Tod, Krankheit, Trennungen, wobei sein Hauptaugenmerk auf dem Schicksal „normaler“ Menschen und kleiner Randexistenzen lag. Atmosphärisch und psychologisch dicht und sprachlich unkonventionell kritisierte er die moderne Gesellschaft. Literaturkritiker beschrieben seinen Stil als kunstvoll und komplex, geprägt von Perspektiv- und Tempuswechseln und teils nahezu labyrinthisch angelegt.<ref name="taz-6160313" /> Gleichzeitig entwickelte er über Jahrzehnte einen eigenen literarischen Kosmos mit fragmentierten Erzählweisen und vielen Stimmen, welcher die portugiesische Prosa nachhaltig erneuerte.<ref name="expresso-20260305">Mariana Adam: Morreu António Lobo Antunes, um dos maiores escritores da literatura contemporânea. In: Expresso. 5. März 2026, abgerufen am 5. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Als zentralen Motor seines Schreibens hob Lobo Antunes wiederholt die Erinnerung hervor und betonte, dass seine Romane nicht nach festen Plänen entstünden.<ref name="expresso-20260305" /> Seine Manuskripte schrieb er zunächst von Hand in sehr kleiner Schrift und übertrug sie anschließend auf A4-Seiten.<ref name="expresso-20260305" />
Seine Erfahrungen im Kolonialkrieg verarbeitete er im Roman Der Judaskuß (Os Cus de Judas, 1979), mit dem er in Portugal den Durchbruch als Schriftsteller erreichte. Er debütierte 1979 zudem mit dem Roman Memória de Elefante und machte sich damit einen Namen als eigenständiger Vertreter der portugiesischen Literatur.<ref name="expresso-20260305" /> Als letzter Roman auf Portugiesisch gilt O Tamanho do Mundo.<ref name="taz-6160313" /> Der Verlag Dom Quixote kündigte für April 2026 zudem die Veröffentlichung eines bislang unveröffentlichten Gedichtbandes an.<ref name="cnn-20260305">Maria João Caetano: Era um dos grandes. Dos maiores. Despedimo-nos de António Lobo Antunes, ficamos com os seus livros - e era exatamente isso que o faria feliz. In: CNN Portugal. 5. März 2026, abgerufen am 5. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Auszeichnungen
Der portugiesische Schriftstellerverband verlieh Lobo Antunes 1986 seinen Großen Romanpreis für den Roman Reigen der Verdammten. Außerdem erhielt er im Jahr 2000 den Prix Europa Hörspiel und den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2005 den Jerusalempreis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft. 2007 wurde Lobo Antunes mit dem Prémio Camões ausgezeichnet, dem bedeutendsten Literaturpreis in der portugiesischsprachigen Welt.
2000 wurde er von der französischen Regierung zum Ritter und 2008 zum Kommandeur des Ordre des Arts et des Lettres ernannt.<ref>Portugal en français: Antonio Lobo Antunes, Commandeur des Arts et des Lettres. 18. September 2008, abgerufen am 8. November 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Im Jahr 2022 verlieh ihm Präsident Marcelo Rebelo de Sousa das Großkreuz des Ordem de Camões.<ref name="cnn-20260305" />
Die Bibliothèque de la Pléiade kündigte an, Lobo Antunes als zweiten portugiesischen Autor (nach Fernando Pessoa) aufzunehmen.<ref>Paul Ingendaay: Hirtenhund einer Herde von Worten. Der große portugiesische Leistungsschreiber: Zum achtzigsten Geburtstag von António Lobo Antunes. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2022, S. 11.</ref>
Werke
Der Lektor Christoph Buchwald entdeckte António Lobo Antunes für den Carl Hanser Verlag.<ref>Christoph Buchwald (Hrsg.): António Lobo Antunes. „Entschuldigt, daß ich nicht undeutlich bin“. 1. Auflage. Bogen, Nr. 25. Carl Hanser, München 1986, ISBN 978-3-446-16947-0.</ref> Mit Buchwalds Aufstieg als Verleger zum Luchterhand Literaturverlag wechselte auch der Autor. Seither wurden seine Bücher von Maralde Meyer-Minnemann übersetzt und von Ludger Jorißen lektoriert.
- Memória de Elefante, 1979. Deutsch: Elefantengedächtnis, 2004, ISBN 3-630-87177-1
- Os Cus de Judas, 1979. Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin. Wörtlich: Am Arsch der Welt. Deutsch: Der Judaskuß, 1987, ISBN 3-446-13970-2
- A Explicação dos Pássaros, 1981. Deutsch: Die Vögel kommen zurück. Hanser, München 1989, ISBN 3-446-15138-9
- Conhecimento do Inferno, 1981. Deutsch: Einblick in die Hölle, 2003, ISBN 3-630-87143-7
- Fado Alexandrino, 1983. Deutsch: Fado Alexandrino, 2002, ISBN 3-630-87119-4
- Auto dos Danados, 1985. Deutsch: Reigen der Verdammten, 1991, ISBN 3-446-15139-7
- As Naus, 1988. Deutsch: Die Rückkehr der Karavellen, 2000, ISBN 3-630-87079-1
- A Besta do Paraíso, 1989
- Tratado das Paixões da Alma, 1990. Deutsch: Die Leidenschaften der Seele, 1994, ISBN 3-446-17203-3
- A Ordem Natural das Coisas, 1992. Deutsch: Die natürliche Ordnung der Dinge, 1996, ISBN 3-446-18735-9
- A Morte de Carlos Gardel, 1994. Deutsch: Der Tod des Carlos Gardel, 2000, ISBN 3-630-87062-7
- A História do Hidroavião (mit Illustrationen von Vitorino), 1994 [Kinderbuch]
- Manual dos Inquisidores, 1996. Deutsch: Das Handbuch der Inquisitoren, 1997, ISBN 3-630-86967-X
- O Esplendor de Portugal, 1997. Deutsch: Portugals strahlende Größe, 1998, ISBN 3-630-86987-4
- Livro de Crónicas, 1998. Teilausgabe als Sonette an Christus, 1999, ISBN 3-630-87033-3, aber außerhalb des Handels als Weihnachtsgabe für Freunde des Verlags, deutsch: Buch der Chroniken, 2006, ISBN 3-630-62086-8
- Exortação aos Crocodilos, 1999. Deutsch: Anweisungen an die Krokodile, 1999, ISBN 3-630-87035-X
- Não Entres Tão Depressa Nessa Noite Escura, 2000. Deutsch: Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht, 2001, ISBN 3-630-87091-0
- Que farei quando tudo arde?, 2001. Deutsch: Was werd ich tun, wenn alles brennt?, 2003, ISBN 3-630-87146-1
- Segundo Livro de Crónicas, 2002. Deutsch: Zweites Buch der Chroniken. München 2007, ISBN 3-630-62087-6
- Letrinhas das Cantigas, in limitierter Auflage, 2002
- Boa Tarde às Coisas Aqui em Baixo, 2003. Deutsch: Guten Abend ihr Dinge hier unten, 2005, ISBN 3-630-87205-0
- Eu Hei-de Amar Uma Pedra, 2004. Deutsch: Einen Stein werd ich lieben. München 2006, ISBN 3-630-87216-6
- D'este viver aqui neste papel descripto. Cartas da guerra, 2005. Deutsch: Leben, auf Papier beschrieben. Briefe aus dem Krieg. München 2007, ISBN 3-630-87252-2
- Terceiro Livro de Crónicas, 2006. Deutsch: Drittes Buch der Chroniken, 2010, ISBN 978-3-630-62167-8
- Ontem Não Te Vi Em Babilónia, 2006. Deutsch: Gestern in Babylon hab ich dich nicht gesehen. München 2008, ISBN 978-3-630-87217-9
- O Meu Nome é Legião, 2007. Deutsch: Mein Name ist Legion. München 2010, ISBN 978-3-630-87295-7
- O Arquipélago da Insónia, 2008. Deutsch: Der Archipel der Schlaflosigkeit, 2012, ISBN 978-3-630-87346-6
- Que Cavalos São Aqueles Que Fazem Sombra no Mar?, 2009. Deutsch: Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten ins Meer?, 2013, ISBN 978-3-630-87345-9
- Sôbolos Rios Que Vão, 2010. Deutsch: An den Flüssen, die strömen. Luchterhand Literaturverlag, München 2010, ISBN 978-3-630-87374-9
- Quarto Livro de Crónicas, 2011
- Comissão das Lágrimas, 2011
- Não É Meia Noite Quem Quer, 2012. Deutsch: Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben. München 2015, ISBN 978-3-630-87424-1
- Caminho como uma casa em chamas, 2014. Deutsch: Ich gehe wie ein Haus in Flammen. München 2017, ISBN 978-3-630-87502-6
- Da Natureza dos Deuses, 2015. Deutsch: Vom Wesen der Götter. München 2018, ISBN 978-3-630-87571-2
- Para Aquela Que Está Sentada no Escuro à Minha Espera, 2016. Deutsch: Für jene, die im Dunkeln sitzt und auf mich wartet. München 2019, ISBN 978-3-630-87570-5
- Até que as pedras se tornem mais leves que a água, 2017. Deutsch: Bis die Steine leichter sind als Wasser. München 2021, ISBN 978-3-630-87627-6
- A Última Porta Antes da Noite, 2018. Deutsch: Die letzte Tür vor der Nacht. München 2022, ISBN 978-3-630-87628-3
- A Outra Margem do Mar, 2019. Deutsch: Am anderen Ufer des Meeres. München 2024, ISBN 978-3-630-87735-8
- O Tamanho do Mundo, 2022<ref name="taz-6160313" />
- Diccionario da Linguagem das Flores, 2020. Deutsch: Wörterbuch der Sprache der Blumen. München 2026, ISBN 978-3-630-87736-5
Verfilmungen
- 2016: Briefe aus dem Krieg (Cartas da Guerra), Regie: Ivo Ferreira
- 2011: A Morte de Carlos Gardel, Regie: Solveig Nordlund
- 2007: Adeus Até ao Meu Regresso: Soldados do Império (Doku.), Regie: Paulo César Fajardo
1997 drehte die portugiesisch-schwedische Regisseurin Solveig Nordlund einen Dokumentarfilm über António Lobo Antunes, 2010 wurde er von Midas Filmes auch als DVD herausgegeben und ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.<ref>Webseite zur DVD António Lobo Antunes - Escrever, Escrever, Viver bei Midas Filmes, abgerufen am 20. Februar 2023.</ref>
Literatur
- María Luisa Blanco: Gespräche mit António Lobo Antunes. Sammlung Luchterhand, München 2003, ISBN 3-630-62059-0
- Sabine Dultz: Gefangen in der Vergangenheit. in: Münchner Merkur vom 6. März 2026. S. 21
- Friedhelm Rathjen: Durch dick und dünn. Über Marianne Fritz, Gertrude Stein, Arno Schmidt, António Lobo Antunes und andere Autoren von Gewicht. Edition Rejoyce, Scheeßel 2006, ISBN 3-00-018816-9
Weblinks
- Literatur von und über António Lobo Antunes im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Vorlage:IMDb/1
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von António Lobo Antunes bei Perlentaucher
- Biographie auf der Website des Internationalen Literaturfestivals Berlin
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Antunes, António Lobo |
| KURZBESCHREIBUNG | portugiesischer Psychiater und Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 1. September 1942 |
| GEBURTSORT | Benfica |
| STERBEDATUM | 5. März 2026 |
| STERBEORT | Lissabon |
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