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Andreas Müller (Richter)

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Andreas Müller (* 5. Juli 1961 in Meppen) ist ein ehemaliger deutscher Jugendrichter am Amtsgericht in Bernau bei Berlin.

Leben und Wirken

Müller stammt aus dem Emsland; seine Eltern führten eine Bäckerei in Meppen. Über Bruder und Vater schrieb er: „Der eine kiffte, der andere soff.“<ref>Müller: Schluss mit der Sozialromantik. 2013, S. 15.</ref> Heute lebt er in Glienicke/Nordbahn. Er ist geschieden und hat zwei Töchter.<ref name="morgenpost" />

1981 legte Müller sein Abitur am Gymnasium Marianum in Meppen ab.<ref>Prominenter Jugendrichter Andreas Müller (Abi 81) zu Gast am Marianum. 10. Oktober 2014, abgerufen am 14. Mai 2020.</ref>

Nach dem Jura-Studium und anschließendem Referendariat in Berlin wurde Andreas Müller 1994 Richter im Land Brandenburg, zunächst als abgeordneter Richter aus Münster (Nordrhein-Westfalen) in Frankfurt (Oder) und Strausberg. Von 1997 bis zu seiner Pensionierung 2025 war Müller am Amtsgericht in Bernau bei Berlin als Richter tätig, die meiste Zeit davon ausschließlich als Jugendrichter.<ref name="annewill">Anne Will – Sendung vom 31. Oktober 2012 im Ersten Programm</ref>

Bundesweites Aufsehen erregte er, als im Jahr 2000 bekannt wurde, dass er neben harten Arreststrafen Neo-Nazis als Bewährungsauflage das Tragen von Springerstiefeln, die er als Waffen einstufte, untersagte.<ref name="kontraste">Ein Richter gegen Neonazis: Rechtsradikale unter Kontrolle. In: Kontraste. Abgerufen am 1. November 2012.</ref> Ebenso ließ er eine 15-Jährige, die öffentlich den Hitlergruß zeigte, eine Moschee in Berlin-Kreuzberg besuchen und mit jungen Türken zusammen Döner essen.<ref name="tagesspiegel">Sandra Dassler: Es bringt nichts, Skinheads die Glatze zu streicheln. In: Der Tagesspiegel. 8. November 2010, abgerufen am 1. November 2012.</ref> Seit dieser Zeit ist Müller häufig zu Gast in Fernsehsendungen zum Thema Jugendgewalt, wie Hart aber fair<ref name="haf">Halts Maul, du Opfer – wer stoppt die jungen und gnadenlosen Gewalttäter? Sendung vom 26. Mai 2011. In: Hart aber fair (Link zu Upload auf YouTube). Abgerufen am 1. November 2012.</ref> und Anne Will,<ref name="annewill" /> sowie bei Vortragsveranstaltungen.<ref>Bedrohung gehört zum Job. In: Weser-Kurier, 1. März 2014, S. 2; Interview</ref>

2002 ließ er sich von der PDS als parteiloser Kandidat für ein Direktmandat bei der Bundestagswahl 2002 im Bundestagswahlkreis Märkisch-Oderland – Barnim II<ref name="wahlergebnis">Endergebnis des Bundestagswahlkreises 59 Märkisch-Oderland - Barnim II. 2. Oktober 2002, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 28. September 2013; abgerufen am 8. September 2013.</ref> aufstellen.<ref name="faz">Helmut Uwer: „Roter Richter Gnadenlos“ will Direktmandat holen. Erst Grün, dann rot, jetzt parteilos. Doch für die PDS kämpft Andreas Müller in Brandenburg um ein Direktmandat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12. August 2002, abgerufen am 1. November 2012.</ref> Den Wahlkreis gewann die SPD-Kandidatin Petra Bierwirth.<ref name="wahlergebnis" /> In der taz äußerte er danach allerdings: „Im Übrigen stand ich die letzten 20 Jahre ohnehin den Grünen bzw. den Linken in der SPD näher.“<ref name="taz" />

2004 entstand eine 30-minütige Dokumentation über seine Arbeit für den Fernsehsender Phoenix.<ref name="phoenix">Dominic Egizzi (Drehbuch und Regie): Ein Mann greift durch. Der Jugendrichter von Bernau. Reportage, 30 Min. Phoenix, 10. November 2004, abgerufen am 1. November 2012.</ref>

2010 berichtete die Die Welt, dass in Bernau bei Berlin – früher einer der Neonazi-Hochburgen Brandenburgs – seit Jahren kein Verbrechen mit rechtsextremem Hintergrund mehr verübt worden sei, und brachte diesen Umstand in direkten Zusammenhang mit Müllers Urteilen.<ref name="welt">Freia Peters: Jugendrichter Müller verteidigt Kirsten Heisigs Erbe. Nach dem Vorbild der Berliner Richterin fällt Andreas Müller in Bernau strenge Urteile. Die Kriminalität sinkt deutlich. In: Die Welt. 29. Dezember 2010, abgerufen am 1. November 2012.</ref>

Am 8. September 2013 stellte er in der Ausgabe Tatort U-Bahn – machtlos gegen Jugendgewalt? der Sendung Günther Jauch sein erstes Buch Schluss mit der Sozialromantik vor. Ursprünglich sollte es den Titel Springerstiefel, Cannabis und Depressionen erhalten.<ref>Müller: Schluss mit der Sozialromantik. 2013, S. 12</ref> Es ist stark autobiografisch gehalten; darin erinnert er immer wieder an Kirsten Heisigs Erfolgstitel Das Ende der Geduld.

Müller war ein Freund und Mitstreiter der 2010 verstorbenen Juristin Kirsten Heisig,<ref name="tagesspiegel" /> die ihn in ihrem posthum erschienenen Buch Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter besonders hervorhebt.<ref name="morgenpost">Michael Mielke: Ein Querulant im Namen der Gerechtigkeit. Spaziergang mit Jugendrichter Müller. In: Berliner Morgenpost. 8. Januar 2012, abgerufen am 1. November 2012.</ref>

Müller gilt als „Abschrecker“ und „Querulant im Namen der Gerechtigkeit“.<ref name="morgenpost" /><ref>Heinrich Wefing: Der Abschrecker. Andreas Müller ist Jugendstrafrichter und brennt dafür – bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit. In: Die Zeit. Nr. 42, 2013 (online).</ref>

Cannabis

Im September 2015 veröffentlichte Müller sein zweites Buch, Kiffen und Kriminalität, in dem er sich einem seiner großen Themen, der Legalisierung von Cannabis, widmet.

Im September 2019 setzte Müller zwei Strafverfahren wegen Besitzes von geringen Mengen Cannabis aus. Er erklärte, dass er alle Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes für verfassungswidrig hält, die den unerlaubten Verkehr mit Cannabisprodukten strafbar machen. Am 20. April 2020 verkündete Müller, dass er auf Grundlage dieser Fälle eine 140-seitige Vorlage an das Bundesverfassungsgericht geschickt habe, damit es die Verfassungsmäßigkeit überprüft.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorlage:Webarchiv/Wartung/TodayDer Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. Website des Amtsgerichts Bernau. Abgerufen am 21. April 2020.</ref> Im Oktober 2020 stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) beim Amtsgericht Bernau einen Befangenheitsantrag gegen Müller, weil er sich gegen das Cannabisverbot einsetzt.<ref>LTO: Engagement für Cannabis: StA hält Richter für befangen. Abgerufen am 6. Mai 2021.</ref> Dieser wurde abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft legte sofortige Beschwerde beim zuständigen Landgericht ein.<ref>Staatsanwaltschaft stellt neuen Antrag gegen Bernauer Jugendrichter. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 5. März 2021; abgerufen am 6. Mai 2021.</ref> Auch das Landgericht Frankfurt/Oder entschied, dass Müller nicht befangen sei.<ref>Erneute Schlappe für Staatsanwaltschaft - Amtsrichter offenbar nicht "befangen". rbb24, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 29. Juni 2021; abgerufen am 30. Juni 2021.</ref>

Im April 2022 wirkte Müller auf dem Lied „Entkriminalisierung Sofort“ des Mannheimer Rappers GReeeN mit.<ref>GReeeN & Richter Müller - Entkriminalisierung Sofort (prod.by Hägi). Abgerufen am 23. April 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Position

Andreas Müller fordert von der Justiz die Einführung einer Generalprävention bezogen auf Jugendliche, die zeitnahe Verurteilung und den „Erziehungsrichter“. Er engagiert sich ebenfalls für die Freigabe von Cannabis und wehrt sich gegen die Behauptung, es sei eine Einstiegsdroge.<ref name="faz" /> Dieses Engagement begründet er nicht zuletzt mit der Alkoholsucht seines verstorbenen Vaters und der Heroinabhängigkeit seines vier Jahre älteren Bruders.<ref name="taz">Plutonia Plarre: „Ich stand oft auf der Abschussliste“. In: die tageszeitung. 15. März 2004, abgerufen am 1. November 2012.</ref> In der Gesprächssendung phoenix persönlich korrigierte er den Moderator und sagte nicht die Heroinsucht, sondern die Cannabis-Kriminalisierung sei es gewesen.<ref>Andreas Müller bei phoenix persönlich (Ab Minute 18:32). In: youtube.com. YouTube, 6. September 2019, abgerufen am 4. August 2020.</ref> Weiterhin ist er Vorstandsmitglied beim LEAP (Law Enforcement Against Prohibition) Deutschland e. V., welcher sich für die Legalisierung von Drogen einsetzt.<ref>LEAP (Law Enforcement Against Prohibition) Deutschland e. V.: Vorstand, Mitglieder: Sprecher*innen, Mitglieder: Unterstützer*innen. Law Enforcement Against Prohibition, abgerufen am 4. Dezember 2019.</ref>

Kritik

Kritik an Müllers Positionen erfolgte vor allem aus den Reihen der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ). So bezeichnete Theresia Höynck Müllers Vorschlag eines „Erziehungsrichters“ als „Laiensicht“.<ref>Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ), 4/2013, S. 409–411, hier S. 410.</ref> Der Kriminologe Christian Pfeiffer nannte das Werk „Gruselliteratur“.<ref>Heinrich Wefing: Der Abschrecker. In: Die Zeit Nr. 42/2013 vom 10. Oktober 2013, abgerufen am 14. April 2024.</ref> Der Psychologe Manfred Günther verriss den Titel umfänglich.<ref>Jugendhilfe, Heft 6/2013, S. 470–473.</ref> Der Kriminologe Wolfgang Heinz differenzierte gleichwohl, konfrontierte aber Müllers Thesen mit dem Forschungsstand und fand für die zentralen Behauptungen keine Belege und plädierte deshalb dafür, die Aus- und Fortbildung von Jugendrichtern von einer Soll- (§ 37 JGG) in eine Muss-Vorschrift hochzustufen.<ref>Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ), 4/2013, S. 411–417.</ref>

Schriften

  • (mit Carsten Tergast): Schluss mit der Sozialromantik. Ein Jugendrichter zieht Bilanz. Herder, Freiburg 2013, ISBN 978-3-451-30909-0.
  • (mit Carsten Tergast): Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz. Herder, Freiburg 2015, ISBN 978-3-451-31276-2.

TV-Beitrag

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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