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Anamneseerhebung in der Psychologischen Diagnostik

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Innerhalb der Psychologischen Diagnostik bezieht sich die Anamneseerhebung auf das Erfragen der Kranken- bzw. Vorgeschichte der untersuchten Person.<ref>K. D. Kubinger: Psychologische Diagnostik: Theorie und Praxis psychologischen Diagnostizierens. 2. überarb. und erw. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-2254-8, S. 11.</ref>

Begriffsbestimmung

Etymologie: Griechisch „anamnesis“ = die Erinnerung<ref name="Kubinger 2003_a">K. D. Kubinger: Anamnese. In K. D. Kubinger, R. S. Jäger (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Psychologischen Diagnostik. Beltz, Weinheim 2003, ISBN 3-621-27472-3, S. 13–19.</ref>

Unter Anamnese versteht man die Vorgeschichte eines Tatbestands, insbesondere einer Erkrankung oder einer Störung.<ref name="Häcker&Stapf 2009_a">H. Häcker, K. H. Stapf (Hrsg.): Dorsch Psychologisches Wörterbuch. 15. Auflage. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84684-2.</ref>

Da es innerhalb der Psychologischen Diagnostik nicht nur um den klinischen Bereich geht, wird aus Gründen der Präzision empfohlen, anstatt von „(psychologischer) Anamnese“ besser von der „Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen“ zu sprechen.<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a">K. D. Kubinger, G. Deegener: Psychologische Anamnese bei Kindern und Jugendlichen. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-1278-5.</ref><ref name="Kubinger 2003_a" /><ref name="Kubinger 2009_a">K. D. Kubinger: Psychologische Diagnostik: Theorie und Praxis psychologischen Diagnostizierens. 2. überarb. und erw. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-2254-8.</ref>

Von Interesse sind dabei biologische, psychosoziale und psychische Chancen oder Risiken.<ref name="Kubinger 2009_a" />

Arten der Anamnese

  • somatische Anamnese (schließt die biologische Entwicklung, auch die der Familie, mit ein)
  • biografische Anamnese
  • sozioökonomische Anamnese

Themen

Die Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen kann auf unterschiedlichen theoretischen Ausrichtungen (z. B. Psychotherapieformen) beruhen.<ref name="Kubinger 2003_a" />

Boerner<ref>K. Boerner: Das psychologische Gutachten. Ein praktischer Leitfaden. 7. erw. Auflage. Beltz, Weinheim/Basel 2004, ISBN 3-407-22163-0, S. 19.</ref> führt die folgenden relevanten Bereiche an:

  • Formaler Rahmen der Entwicklung und der Lebensumstände
  • Verhältnis zu Eltern
  • Verhältnis zu Geschwistern
  • Entwicklungsauffälligkeiten und besondere einschneidende Ereignisse
  • Kindergartenzeit
  • Sozialkontakt während der ganzen Entwicklung
  • Schulzeit, Ausbildung und Beruf
  • Interessen, Vorlieben und Hobbys
  • Selbsteinschätzung bezüglich typischer Verhaltensweisen und Einstellungen
  • Zukunftsaussichten und -erwartungen, Selbstkonzept

Techniken

Nach Kubinger<ref name="Kubinger 2003_a" /> unterscheidet sich die Durchführung der Anamneseerhebung nach:

1. dem Grad der Strukturiertheit (Standardisierung):

a. Bei dem vollständig strukturierten Interview sind sowohl der Wortlaut als auch die Reihenfolge der Fragen verbindlich vorgegeben.
b. Das halbstrukturierte Interview wird durch einen Gesprächsleitfaden vorbereitet.
c. Bei dem nichtstandardisierten Interview ist lediglich ein thematischer Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen die Gesprächsführung offen erfolgt.

2. Schriftlicher versus mündlicher Befragung

3. Eigen- oder Fremdanamnese

4. Positionierung innerhalb des diagnostischen Prozesses.

Regeln

  • Schaffung einer Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • Anstreben eines partnerschaftlichen Verhältnisses mit den Klienten<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • Sensibilisierung gegenüber der eigenen Beobachtungsgabe und Beurteilungsweise<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • Forderung nach Selbstkritikfähigkeit, -erfahrung und -infragestellung<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • Beachtung von „Lasterkatalogen“ (Monologisieren, Dogmatisieren, Distanzieren, Involvieren, Bewerten, Etikettieren, Bagatellisieren u. a. m.)<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • kurze und verständliche Erklärungen<ref name="Westhoff&Kluck 1998_a">K. Westhoff, M. L. Kluck: Psychologische Gutachten schreiben und beurteilen. 3. Auflage. Springer, Berlin 1998, ISBN 3-540-64372-9.</ref>
  • einfaches, klares und genaues Deutsch<ref name="Westhoff&Kluck 1998_a" />
  • Vermeidung von Fremdwörtern und Fachausdrücken<ref name="Westhoff&Kluck 1998_a" />
  • Vermeidung von Suggestivfragen<ref name="Westhoff&Kluck 1998_a" />

Sonstiges

Da die Daten, die in der Anamneseerhebung gewonnen werden, Bestandteil des diagnostischen Prozesses sind und wesentlich zur diagnostischen Urteilsfindung beitragen, ist die Anamnese ebenfalls im Hinblick auf die Testgütekriterien zu bewerten.<ref name="Häcker&Stapf 2009_a" />

Häufige Ursachen für Versäumnisse bei der Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen:<ref name="Kubinger 2003_a" />

  • Anstatt von Hypothesenbildung samt systematischer Überprüfung erfolgt der Behandlungszugang aufgrund von Spekulationen
  • Routinebedingte „Betriebsblindheit“
  • Zeitdruck

Diverse publizierte Anamnesefragebogen unterstützen das Abfragen der interessierenden Fakten, z. B.

  • „Anamnestischer Elternfragebogen“ von Deegener<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • Existenzanalytische Exploration von Wurst, Leiss, Polacek, Herle & Tutsch<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />
  • Systemisch Orientiertes Erhebungsinventar von Kubinger<ref name="Kubinger&Deegener 2001_a" />

Siehe auch

Einzelnachweise

<references />