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Altstrelitzer Gefängnis

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Datei:Altstrelitzer Gefängnis 2011.JPG
Ehem. Altstrelitzer Gefängnis

Das ehemalige Altstrelitzer Gefängnis liegt am Ortsausgang des Neustrelitzer Stadtteils Strelitz-Alt. 2001 wurde der Gefängniskomplex leergezogen und zwei Gebäude – Hafthaus I mit Anbau – sowie das – Verwaltungsgebäude – unter Denkmalschutz gestellt.<ref name="JVA_1">Harald Lachmann: Finanzstarke Liebhaber von Denkmälern gesucht. In: Nordkurier. Strelitzer Zeitung.</ref><ref name="Denkmalliste">Internet-Redaktion des Landkreises Mecklenburg-Strelitz: Denkmalliste (Stand Juni 1997) In: www.mecklenburg-strelitz.de.</ref>

Geschichte

Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz (1701–1918), Deutsches Kaiserreich (1871–1933) und Weimarer Republik (1918–1933)

Datei:Hafthaus I Altstrelitzer Gefängnis 2011.JPG
Ehem. Hafthaus I
Datei:Verwaltungsgebäude Altstrelitzer Gefängnis 2011.JPG
Ehem. Verwaltungsgebäude

1805 ließ der regierende Herzog Karl II. von Mecklenburg-Strelitz das – Landarbeits- auch Zucht- und Irrenhaus – auf dem Gelände des 1712 abgebrannten ehemaligen Residenzschlosses der mecklenburg-strelitzschen Herzöge errichten. Die psychisch Kranken wurden 1902 in die am Domjüchsee neuerbaute, eigenständige Mecklenburg-Strelitzsche Landesirrenanstalt Domjüch verlegt, während das Gefängnis weiter als Landarbeits- und Landarmenhaus, Zuchthaus und Gefängnis genutzt wurde.<ref name="JVA_2" /> Am 31. Dezember 1902 waren hier 32 Männer und 4 Frauen in Haft.<ref name="JVA_2"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Chronik der JA Neustrelitz (Memento vom 27. Juli 2012 im Internet Archive)</ref><ref name="JVA_1" />

Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945)

Nach dem Zusammenschluss der Länder Mecklenburg–Strelitz und Mecklenburg–Schwerin zum Land Mecklenburg (1934) wurde das Altstrelitzer Gefängnis als Landesanstalt Neustrelitz–Strelitz<ref name="JVA_2" /> bezeichnet. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier Gegner nationalsozialistischer Willkür inhaftiert, misshandelt und auch ermordet.<ref name="JVA_2" />

Während der Novemberpogrome 1938 veranlassten die Nationalsozialisten mit dem Reichsbürgergesetz, dass Juden in Deutschland – „insbesondere wohlhabende“<ref name="Fernschreiben_Hydrich" /> – in Schutzhaft genommen wurden.<ref name="Fernschreiben_Hydrich">Fernschreiben von Reinhard Heydrich zur Reichspogromnacht ("Reichskristallnacht") v. 10. November 1938 In: NS-Archiv, Dokumente zum Nationalsozialismus (19. März 2012)</ref><ref name="Wieking_Verhaftung">Anett Wieking: Fast 30 Strelitzer Juden wurden verhaftet, Vor 60 Jahren wurden etwa 200 Mecklenburger in die Landesanstalt gebracht – in Neustrelitz viele Frauen festgenommen. In: Nordkurier, 1998. Auszug aus einem geheimen Fernschreiben „an alle Stapo-Stellen Und Stapo–Leitstellen“</ref> Abweichend von der Weisung der Berliner Gestapo–Zentrale wurden in Neustrelitz auch Frauen inhaftiert.<ref>Anett Wieking: Fast 30 Strelitzer Juden wurden verhaftet, Vor 60 Jahren wurden etwa 200 Mecklenburger in die Landesanstalt gebracht, in Neustrelitz viele Frauen festgenommen. In: Nordkurier, 1998. unter Bezug auf Unterlagen des <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vereins für Jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern (Memento vom 19. Oktober 2013 im Internet Archive)</ref><ref name="Fernschreiben_Hydrich" /> Nicht nur Neustrelitzer waren betroffen, sondern auch Einwohner der Städte Rostock, Feldberg, Friedland, Woldegk und Neubrandenburg – insgesamt etwa 200 Personen. Bis März 1939 wurden alle wieder entlassen.<ref name="Wieking_Verhaftung" /> Die jüdischen Bürger waren vor der Entlassung „eingehend verwarnt und darüber belehrt worden […], daß sie sich unmittelbar nach ihrem Wohnort zu begeben und daselbst sofort bei der Polizei zu melden hätten. […] Auch ist ihnen vor der Entlassung aufgegeben, daß sie unmittelbar nach der Entlassung ihre Auswanderung zu fördern hätten. Anderenfalls würde ihre Verhaftung abermals erfolgen.“ (Auszug aus einer Mitteilung des Verwaltungsoberinspektors Tamm der Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz vom 23. Dezember 1938).<ref name="Wieking_Verhaftung" />

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgte der Umbau des „großen Hauses“ (Hafthaus I). Das I. Obergeschoss wurde zur Station für „männliche asoziale Lungenkranke“<ref name="JVA_2" /> und das 2. Obergeschoss für den Maßregelvollzug zur Unterbringung von „unzurechnungsfähigen bzw. beschränkt zurechnungsfähigen Rechtsbrechern“<ref name="JVA_2" /> umgebaut. Das gesamte Gebäude wurde als „Abteilung Heil- und Pflegeanstalt“<ref name="JVA_2" /> oder kurz als „Abteilung III“<ref name="JVA_2" /> bezeichnet.<ref name="JVA_2" />

Sowjetische Besatzungszone (1945–1949)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Osten Deutschlands Sowjetische Besatzungszone. Im Mai 1945 übernahm der sowjetische NKWD das Altstrelitzer Gefängnis als – Gefängnis Nr.5 Strelitz – der Abteilung Speziallager. Hier waren Sowjetbürger vor der Repatriierung, Wlassow-Soldaten, SMT-Verurteilte und Internierte in Haft – bis über 1000 Personen darunter Jugendliche und Frauen. Viele starben infolge von Krankheiten bedingt durch mangelnde Hygiene und Prügel. Im Jahre 1946 wurden alle Häftlinge in das Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen und in das Speziallager Nr. 9 Fünfeichen verlegt.<ref name="Kaminski_Erinnern">A. Kaminsky: Orte des Erinnerns. Bonn 2007, S. 259 f.</ref><ref name="Erschießungen">Charlotte Linke: Augenzeugen benennen einen Erschießungsort. In: Nordkurier, Strelitzer Zeitung. 4. April 1996, S. 17.</ref> Das Gefängnis kam am 7. August 1947 wieder in (quasi) deutsche Hände.

Deutsche Demokratische Republik (1949–1990)

Das Gefängnis wurde bis zur Schließung 2001 als Strafvollzugseinrichtung – StVE Neustrelitz – bzw. JustizvollzugsanstaltJVA Neustrelitz – genutzt. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden die Elektrozäune abgebaut und die Wachhunde abgeschafft. Mehrere Ausbruchsversuche waren die Folge. Darüber hinaus kam es auch zu Häftlingsrevolten, die jedoch durch die Häftlinge selbst beigelegt werden konnten.<ref name="Schulz_Monte:Christo">Dieter Schulz: Wie einst beim Grafen von Monte Christo, Am Laken über die Mauer In: Nordkurier</ref>

Bundesrepublik Deutschland (seit 1990)

Im Jahre 1991 konnten bei einem spektakulären Massenausbruch elf Häftlinge fliehen. Nur zwei wurden sofort wieder gefasst. Möglich wurde der Ausbruch durch die ungenügenden Sicherungssysteme. Ein Umbau entsprechend dem in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Standards − wie die Erhöhung der Mauer von vier auf sechs Meter − war noch nicht erfolgt.<ref name="Schulz_Monte:Christo" />

Im Jahre 2001 wurde das Gebäude leergezogen und Hafthaus I mit Anbau sowie das Verwaltungsgebäude unter Denkmalschutz gestellt. Für die Immobilie wird ein Käufer gesucht.<ref name="JVA_1" /><ref name="Denkmalliste" />

Bereits 1999 wurde für die neue Jugendanstalt Neustrelitz an der Wesenberger Chaussee der Grundstein gelegt. Diese nahm am 1. April 2001 ihren Betrieb auf. 297 Haftplätze stehen in dieser modernen JVA für die Unterbringung jugendlicher Straftäter zur Verfügung.<ref name="JVA_2" /><ref name="JVA_1" />

Schicksale bekannter Häftlinge

Datei:BernhardSchwentner.gif
Bernhard Schwentner

Die Schicksale bekannter Häftlinge zeigen wie verschiedene politische Systeme den Gefängniskomplex zur Ausübung staatlicher Macht nutzten.

  • 1926 kam es im Deutschland der Weimarer Republik zu einem Justizskandal. Der polnische Landarbeiter Josef Jakubowski wurde am 15. Februar 1926 auf dem Gefängnishof hingerichtet – ein Justizirrtum.<ref>Geschichten aus der Josef-Jakubowski-Straße. In: Nordkurier. Strelitzer Zeitung,13. Januar 2004, S. 12.</ref><ref>Peter Martell: Der Fall Jakubowski: Das Beil des Henkers traf einen Unschuldigen In: Nordkurier–Geschichte,24. Februar 1996, S. 6.</ref>
  • 1943 wurde hier Gustav Melkert – Arbeiter in einer Munitionsfabrik und Gewerkschaftssekretär im damaligen Landkreis Waren – zu Tode geprügelt.
  • Der Schriftsteller Hans Fallada wurde am 4. September 1944 in den Maßregelvollzug − im 2. Obergeschoss der „Abteilung Heil- und Pflegeanstalt“ (Hafthaus I)<ref name="JVA_2" /> − zur Beobachtung eingewiesen. Er schrieb hier das „Trinkermanuskript“ – eine Reihe von Kurzgeschichten, den später verfilmten Roman Der Trinker und einen Erfahrungsbericht über den NS-Staat. Am 13. Dezember 1944 wurde er wieder entlassen.<ref>Jenny William In: Mehr Leben als eins, Biographie Hans Fallada. Berlin 2011, ISBN 978-3-7466-7089-8, S. 315 ff.</ref><ref name="JVA_2" /><ref name="JVA_1" /><ref>Hans-Fallada-Gesellschaft e. V.: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" /> Hans Fallada – Leben & Werk (Memento vom 23. Juli 2012 im Internet Archive)</ref><ref>Pressemitteilung und Laudatio zur Auszeichnung von Christiane Witzke mit dem Annalise-Wagner-Preis.</ref>
  • 1945 wurde der Greifswalder Bürgermeister Richard Schmidt hier inhaftiert. Er wurde dann ins Speziallager Nr. 9 Fünfeichen gebracht und starb dort 1946.
  • Vom 10. April bis 22. Mai 1974 saß der Autor Jürgen Landt als Jugendlicher in einem sechswöchigen Strafvollzug wegen „Rowdytums“ im Zuchthaus Alt-Strelitz ein. Er verarbeitete seine Erfahrung in dem autobiografischen Roman Der Sonnenküsser.

Literatur

  • Hans Fallada: In meinem fremden Land. Gefängnistagebuch 1944. Hrsg.: Jenny Williams und Sabine Lange. Aufbau Verlag, 1. Auflage (21. April 2009), ISBN 3-351-02800-8, (Rezension).
  • Anne Kaminsky: Orte des Erinnerns. Forschungen zur DDR-Gesellschaft, Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. Reihe: Forschungen zur DDR-Gesellschaft, Links Christoph Verlag 2007, ISBN 3-86153-443-6.
  • Jürgen Landt: Der Sonnenküsser. Roman. Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Band 5. Edition M, Weimar & Rostock 2007, ISBN 978-3-933713-27-8, S. 196–237.
  • Elke Fein u. a.: Von Potsdam nach Workuta. Das NKGB/MGB/KGB-Gefängnis Potsdam-Neuer Garten im Spiegel der Erinnerung deutscher und russischer Häftlinge. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung als Buch: ISBN 3-932502-19-1 oder PDF

Weblinks

Commons: Altstrelitzer Gefängnis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

Koordinaten: 53° 19′ 46,3″ N, 13° 5′ 50,1″ O

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