Alfred de Quervain (Theologe)
Alfred de Quervain (* 28. September 1896 in La Neuveville; † 30. Oktober 1968 in Bern) war ein Schweizer Theologe reformierter Konfession.
Leben
Alfred de Quervain wurde als Ältester von fünf Geschwistern in eine Pfarrersfamilie geboren; sein Grossvater und sein Vater waren Pfarrer.<ref name="Werner Göllner 109">Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968). In: Wolfgang Lienemann, Frank Mathwig (Hg.): Schweizer Ethiker im 20. Jahrhundert. Der Beitrag theologischer Denker. Theologischer Verlag Zürich (TVZ), Zürich 2005, S. 105–131, hier S. 109.</ref> Bis zum Alter von 12 Jahren wuchs er am Bielersee auf; dann zog seine Familie nach Trubschachen im Emmental.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 108.</ref> Die Maturitätsprüfung legte er am Freien Gymnasium Bern ab.
Studium, Sozialarbeit und Pfarrdienst
Der Familientradition folgend, studierte Quervain Theologie und Philosophie in Bern, Basel, Marburg und an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Prägende Lehrer waren Paul Natorp, Bernhard Duhm und Paul Wernle.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 109 und 110.</ref> In dieser Zeit standen ihm Leonhard Ragaz und Hermann Kutter nahe, die beiden Schweizer Vorkämpfer des Religiösen Sozialismus.<ref name="Werner Göllner 109" />
Quervain entschloss sich, nach dem Theologischen Examen nicht sogleich in den Pfarrdienst zu treten. Stattdessen schloss er sich der Sozialen Arbeitsgemeinschaft in Berlin an und leistete Sozialarbeit in den Arbeiter- und Elendsvierteln im Osten Berlins.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 110.</ref> Seine erste Pfarrstelle (von 1923 bis 1926) trat er in Frankfurt am Main an, in der ältesten Hugenottengemeinde Deutschlands. Anschliessend war er Pfarrer der reformierten Gemeinden in Stuttgart (von 1926 bis 1928) und in seiner Heimatstadt La Neuveville (von 1928 bis 1931).<ref name="Werner Göllner 111">Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 111.</ref> Nebenher setzte er seine theologischen Studien fort und schrieb Bücher. Im Wintersemester 1928/1929 wurde er mit einer an der Universität Wien vorgelegten Dissertation über «Gesetz und Freiheit» promoviert; 1930 habilitierte er sich in Basel mit einer Arbeit über Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie.<ref name="Werner Göllner 111" /> Für ihn wichtige Gesprächs- und Korrespondenzpartner waren Carl Schmitt und Gustav Radbruch.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 112.</ref>
Pfarrer in Elberfeld und Dozent an der Kirchlichen Hochschule Elberfeld
Im Herbst 1931 bestellte die Niederländisch-reformierte Gemeinde in Elberfeld Alfred de Quervain zu ihrem Pastor.<ref name="Werner Göllner">Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 117.</ref> Sie war 1847 entstanden, als sich reformierte Gemeindeglieder den Unionsbestrebungen Friedrich Wilhelms III. widersetzten und eine eigene Gemeinde gründeten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}{{#ifeq: 0 | 0
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}} (dort wird irrtümlich Friedrich Wilhelms II. genannt).</ref> Auch 84 Jahre nach ihrer Gründung war die Gemeinde noch von Hermann Friedrich Kohlbrügge, ihrem ersten Pastor, geprägt und vom Geist der Jülich-Bergische Kirchenordnung von 1671, die synodal-presbyteral verfasste, nicht dem Staat unterworfene Gemeinden schuf.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 118 und 119.</ref> Karl Barth wohnte während der Barmer Bekenntnissynode bei der Familie Quervain.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 119.</ref> Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger hielt Quervain an der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche in Elberfeld seit deren Gründung im Wintersemester 1935/1936 Vorlesungen und Seminare.<ref name="Werner Göllner" /> Als Pfarrer und als theologischer Lehrer in Elberfeld «in Predigten, Vorlesungen, Schriften und Gutachten … meine deutschen Mitchristen zum Widerstand gegen den totalen Staat und seinen Angriff auf den Nächsten aufgerufen zu haben», erschien ihm rückblickend als der wichtigste Dienst seiner Lebens.<ref>Zitiert nach Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), Zitat S. 105.</ref>
Rückkehr in die Schweiz, Professor an der Universität Bern
Ende 1938 kehrte Quervain in sein Heimatland zurück und wurde Pfarrer in Laufen.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 126.</ref> 1944 wurde er als ausserordentlicher Professor für Ethik an die Universität Bern berufen, ab 1948 lehrte er dort als ordentlicher Professor Ethik, Praktische Exegese und französisch-reformierte Theologie.<ref>Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968), hier S. 127.</ref>
Sein Hauptwerk war die Ethik. 1942 erschien der erste Band mit dem bezeichnenden Titel Heiligung, 1945 zur politischen Ethik der zweite Band Kirche, Volk, Staat. 1953 folgte Ehe und Haus, 1956 Ruhe und Arbeit, Eigentum und Lohn. Im letzten Band zeigt sich seine Ethik stellenweise als durch eine eher konservative, gelegentlich kulturpessimistische Haltung beeinflusst.<ref>Martin Honecker: Art. Arbeit. Teil VII: 18.–20. Jahrhundert. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 3, S. 639–659, hier S. 652.</ref>
Schriften
- Der Glaubenskampf der Hugenotten, 1924
- Calvin. Sein Lehren und Kämpfen, 1926
- Die theologischen Voraussetzungen der Politik, 1931
- Das Gesetz des Staates, 1932
- Vom christlichen Leben. Eine Auslegung von Römer 12 und 13, 1934
- Die Freiheit der Kirche und ihr Dienst an Volk und Staat., 1934 (online)
- Vom rechten Verständnis der christlichen Freiheit und von der Bewährung dieser Freiheit im bürgerlichen Leben, 1935
- Volk und Obrigkeit, eine Gabe Gottes, 1937
- Christi Reich und die irdischen Reiche, 1939
- Die Heiligung. Ethik I, 1942, ²1946
- Kirche, Volk, Staat. Ethik II/1, 1945
- Humanismus und Evangelische Theologie, 1947
- Ehe und Haus. Ethik II/2, 1953
- Ruhe und Arbeit, Lohn und Eigentum. Ethik II/3, 1956
- Das Judentum in der Lehre und Verkündigung der Kirche heute (= Theologische Existenz heute, NF; Bd. 130). Chr. Kaiser Verlag, München 1966
Literatur
- Josep Castanyé: Die politische Theologie Alfred de Quervains. P. Lang, Bern 1981. (Basler und Berner Studien zur historischen und systematischen Theologie; 41).
- Werner Göllner: Die politische Existenz der Gemeinde. Eine theologische Ethik des Politischen am Beispiel Alfred de Quervains. Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-32552-5. (Beiträge zur theologischen Urteilsbildung; 5). (Diss. Erlangen, Nürnberg, 1993).
- Werner Göllner: Alfred de Quervain (1896–1968). In: Wolfgang Lienemann, Frank Mathwig (Hg.): Schweizer Ethiker im 20. Jahrhundert. Der Beitrag theologischer Denker. Theologischer Verlag Zürich (TVZ), Zürich 2005, ISBN 3-290-17370-4, S. 105–131.
- Marco Hofheinz: Kampfbegriff Schöpfungsordnung. Die Kontroverse zwischen Otto Piper und Alfred de Quervain am Ende der Weimarer Republik. In: Marco Hofheinz / Hendrik Niether (Hrsg.): Glaubenskämpfe zwischen den Zeiten, theologische, politische und ideengeschichtliche Konzepte in der Weimarer Republik. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2022 (Weimarer Schriften zur Republik; 22), ISBN 978-3-515-13374-6, S. 197–222.
- {{#ifeq: Hermann Kocher|Redaktion||Hermann Kocher: }}{{#if:Alfred de Quervain|Vorlage:Str replace|Alfred de Quervain (Theologe)}}. In: Historisches Lexikon der Schweiz{{#if: |. {{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}|}}}}{{#if: |, abgerufen am {{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}|}}}}.{{#invoke:TemplatePar|valid|1|N>0
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- Hartmut Ludwig; Eberhard Röhm: Evangelisch getauft – als «Juden» verfolgt. Calwer Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7668-4299-2, S. 280–281.
- Hans Scholl: Alfred de Quervain – ein reformierter Ethiker im Kirchenkampf. In: Reformierte Kirchenzeitung, Jg. 129 (1988), S. 79–83 und 112–116.
- Herwart Vorländer: Kirchenkampf in Elberfeld 1933–1945. Ein kritischer Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1968, passim, bes. S. 54ff.
- {{#if: Klaus Wegenast|Klaus Wegenast: }}Alfred de Quervain (Theologe). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL){{#if:7|. Band 7, Bautz, {{#switch:7
|1=Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage. Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1 |2=Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8 |3=Herzberg 1992, ISBN 3-88309-035-2 |4=Herzberg 1992, ISBN 3-88309-038-7 |5=Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3 |6=Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1 |7=Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4 |8=Herzberg 1994, ISBN 3-88309-053-0 |9=Herzberg 1995, ISBN 3-88309-058-1 |10=Herzberg 1995, ISBN 3-88309-062-X |11=Herzberg 1996, ISBN 3-88309-064-6 |12=Herzberg 1997, ISBN 3-88309-068-9 |13=Herzberg 1998, ISBN 3-88309-072-7 |14=Herzberg 1998, ISBN 3-88309-073-5 |15=Herzberg 1999, ISBN 3-88309-077-8 |16=Herzberg 1999, ISBN 3-88309-079-4 |17=Herzberg 2000, ISBN 3-88309-080-8 |18=Herzberg 2001, ISBN 3-88309-086-7 |19=Nordhausen 2001, ISBN 3-88309-089-1 |20=Nordhausen 2002, ISBN 3-88309-091-3 |21=Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-110-3 |22=Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-133-2 |23=Nordhausen 2004, ISBN 3-88309-155-3 |24=Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-247-9 |25=Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-332-7 |26=Nordhausen 2006, ISBN 3-88309-354-8 |27=Nordhausen 2007, ISBN 978-3-88309-393-2 |28=Nordhausen 2007, ISBN 978-3-88309-413-7 |29=Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-452-6 |30=Nordhausen 2009, ISBN 978-3-88309-478-6 |31=Nordhausen 2010, ISBN 978-3-88309-544-8 |32=Nordhausen 2011, ISBN 978-3-88309-615-5 |33=Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-690-2 |34=Nordhausen 2013, ISBN 978-3-88309-766-4 |35=Nordhausen 2014, ISBN 978-3-88309-882-1 |36=Nordhausen 2015, ISBN 978-3-88309-920-0 |37=Nordhausen 2016, ISBN 978-3-95948-142-7 |38=Nordhausen 2017, ISBN 978-3-95948-259-2 |39=Nordhausen 2018, ISBN 978-3-95948-350-6 |40=Nordhausen 2019, ISBN 978-3-95948-426-8 |41=Nordhausen 2020, ISBN 978-3-95948-474-9 |42=Nordhausen 2021, ISBN 978-3-95948-505-0 |43=Nordhausen 2021, ISBN 978-3-95948-536-4 |44=Nordhausen 2022, ISBN 978-3-95948-556-2 |45=Nordhausen 2023, ISBN 978-3-95948-584-5 |46=Nordhausen 2023, ISBN 978-3-95948-590-6 |47=Nordhausen 2024, ISBN 978-3-689-11006-2 |48=Nordhausen 2025, ISBN 978-3-689-11017-8 }}{{#if:|, Sp. }}{{#if:1100-1102|, Sp. {{#iferror:{{#expr:1100-1102}}|1100-1102|{{#expr:1*1100-1102*0}}–{{#expr:-(0*1100-1102*1)}}}}}}}}{{#if:|}}{{#if:https://web.archive.org/web/20070613055640/http://www.bautz.de/bbkl/q/quervaln_a.shtml%7C}}.{{#if: 7 | |{{#ifeq:||}}}}
Weblinks
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Fussnoten
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