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Afrikanischer Armschlagring

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Turkana Warrior 1888.jpg
Turkana-Krieger mit Handgelenkmesser, etwa 1888

Afrikanische Armschlagringe sind traditionelle afrikanische Waffen aus Eisen, die auch als Schmuck und Werkzeug verwendet wurden. Es gibt verschiedene Formen, als Scheibe mit umlaufender Klinge oder als Band mit Dornen bzw. Stacheln. Die Armschlagringe wurden am Arm bzw. Handgelenk wie ein Armband getragen.<ref>Detlev Wahl: Blutrache, Kopfjagd, Raubüberfall. Kriege und Waffen der Naturvölker. Meridian-Verlag, Rostock 1999, ISBN 3-934121-01-2. S. 214–215.</ref> Sie wurden hauptsächlich von den nilotischen Völkern im Norden Ostafrikas genutzt, waren aber auch in der zentralen Großlandschaft Sudan zu finden.<ref name="Spring" /><ref>Tristan Arbousse Bastide: Du couteau au sabre, Verlag Archaeopress, 2008, ISBN 978-1-4073-0253-9, S. 14 [1]</ref> Vergleichbare Waffen kommen in Südamerika vor.<ref>Sture Lagercrantz: Contribution to the ethnography of Africa, Verlag K. Paul, Trench, Trubner, 1950 S. 234 [2]</ref>

Formen

Eine Klinge/Handgelenkmesser

Die einklingigen Handgelenkmesser haben in der Regel die Form einer runden oder leicht ovalen dünnen Scheibe (Abbildung A-B).<ref name="Spring" /> Es gibt auch Varianten, bei denen die Klinge wie eine Zunge absteht (Abbildung C).<ref>Georg Schweinfurth: Artes Africanae, illustrations and descriptions of productions of the industrial arts of Central African tribes, Brockhaus, 1875, Tafel IX, Figuren 13; [3]</ref> Der Durchmesser beträgt etwa 20–25 Zentimeter.<ref name="Teleki" /> In der Mitte ist eine Öffnung im Durchmesser eines Handgelenks oder eines Unterarms. Die Klinge ist durchbrochen, um das Messer auf den Arm aufziehen zu können. Die Innenseite ist mit Leder gepolstert, um den Arm zu schützen. Die Außenkante ist scharf geschliffen und wird, wenn der Ring am Arm getragen wird, durch einen Lederstreifen abgedeckt, der auf die Schneide aufgesteckt wird. Vor dem Kampf konnten die schützenden Lederstreifen schnell entfernt werden. Typisch sind diese Handgelenkmesser vor allem für die Turkana, wo sie ararait<ref name="Spring" /> bzw. abarait<ref>Günter Best: Marakwet & Turkana, Museum für Völkerkunde Frankfurt am Main, 1993, S. 57 [4]</ref> genannt werden. Sie wurden auch von verschiedenen anderen Ethnien verwendet wie Dassanetch, Nyangatom, Boya, Lokoya, Bari, Murle, Acholi, Karamojong, Toposa, Didinga und Pokot.<ref name="Spring" />

Doppelte Klinge

Die Form mit doppelter Klinge ist seltener als die mit einzelner Klinge an der Scheibe. Bei der doppelten Form wird das Metallband, welches das Handgelenk umschließt, an den beiden Seiten umgebogen.<ref name="PRM" /> Dadurch entstehen zwei parallele Klingen, beide etwa 2,5 Zentimeter hoch.<ref name="Owen" /> Diese Form ist bei den Nuba (Sudan),<ref name="Owen" /> den Murle (Sudan) und Hausa (Nigeria) bekannt.<ref name="PRM" /> Die Hausa nennen die Armschlagringe Baura,<ref name="Spring" /> die Nuba Zuar.<ref name="Iyi" />

Mit Dornen

Weniger häufig als die Handgelenkmesser mit ihrer durchgehenden Klinge sind Armschlagringe mit gezackten bzw. gezahnten Klingen oder mit Dornen. Mit Dornen gespickte Armbänder sind bei den Lotuko und Moru aus dem Südsudan (Abbildung A-B)<ref name="Spring" /> sowie bei den Frauen der Ouled Nail (Abbildung C)<ref name="Stone" /> bekannt. Armschlagringe mit zwei langen Dornfortsätzen wurden von den Bongo, Dinka und Jur verwendet (Abbildung D).<ref>Georg Schweinfurth: Artes Africanae, illustrations and descriptions of productions of the industrial arts of Central African tribes, Brockhaus, Leipzig 1875, Tafel III, Figuren 13-15; [5]</ref>

Verwendung

Datei:Lotuko chief.jpg
Lotuko-Krieger mit dornenbesetztem Armschlagring, um 1888

In der Regel wurden Armschlagringe nur an einem Arm getragen.<ref name="Teleki" /> Oft wurden sie auch als Schmuck angesehen, was typisch für traditionelle afrikanische Waffen ist.<ref name="Spring" /> Größere Varianten des Armschlagrings mit zwei Dornen wurden ebenfalls als Halsschmuck und zur Selbstverteidigung getragen.<ref>Pitt Rivers Museum: Lokoya torque</ref>

Teilweise wurden Armschlagringe mit Klingen auch als Werkzeug verwendet, z. B. um Tiere zu häuten oder Fleisch zu schneiden.<ref>Avelino Bassols: Mission in der Wüste: Missionsverständnis und Missionspraxis in Ostafrikas. Verlag Ferdinand Schöningh, 2012, ISBN 978-3-657-77400-5, S. 178 [6].</ref>

Vielfach waren die Armschlagringe nicht an den Status des Kriegers gebunden, was sie von anderen traditionellen Waffen (z. B. Bogen, Speer, Schwert) unterscheidet. So wurden sie nicht nur von Kriegern, sondern auch von Frauen und Kindern getragen.<ref name="Spring" />

Als Waffe wurden Armschlagringe im Nahkampf genutzt. Kam es zu einem Kampf, wurde der Armschlagring fest auf den unteren Teil der Hand geschoben. Außerdem wurde er im traditionellen Stockkampf verwendet, um den gegnerischen Stock zu parieren und ihn gegebenenfalls zu blockieren und festzuhalten.<ref name="Iyi" />

Eine große Bedeutung haben die Armschlagringe immer noch in rituellen Kampfspielen, die meist als Dank für gelungene Ernte aufgeführt werden. Sie sind bei den Maguzawa und Hausa im Norden von Nigeria bekannt,<ref name="Spring" /> wo sie shanci<ref>Edward Llewellyn Powe: Combat games of northern Nigeria. Verlag D. Aiki Publications, 1994, [7]</ref> bzw. Shenzi<ref name="Iyi" /> genannt werden. Im Südsudan gibt es sie bei den Moru<ref name="Spring" /> und den Nuba als Timbra. Die Kämpfer können dabei ihre Kraft und ihren Mut unter Beweis stellen.<ref>Theo Sundermeier: Nur gemeinsam können wir leben: das Menschenbild schwarzafrikanischer Religionen. Verlag G. Mohn, 1988, ISBN 978-3-579-00784-7, S. 221 [8].</ref> Die Kampfspiele sind ein Höhepunkt des Dorflebens und zugleich Ventil für Aggressionen. So sind die Nuba stolz darauf, dass es ansonsten kaum Gewalt untereinander gibt.<ref>Theo Sundermeier: The Individual and Community in African Traditional Religions. Band 6 von Beiträge zur Missionswissenschaft und interkulturellen Theologie. Lit Verlag, 1998, ISBN 978-3-89473-937-9, S. 189 [9].</ref> Die Kampfspiele bilden auch einen Teil des Initiationsritus.<ref name="Iyi" />

Das Kampfspiel wird in der Regel von rhythmischen Trommelschlägen und Gesang begleitet. Während die Hand mit dem Armschlagring den Gegner angreift, wehrt die andere Hand ab. In manchen Regionen führen die Kämpfer dazu mit der abwehrenden Hand einen kleinen Faustschild. Zusätzlich wenden die Kämpfer Tritt-, Grappling- und Wurftechniken an. Das Hauptziel ist es, den Gegner mit dem Armschlagring an der Schädeldecke zu treffen. Die Kampfspiele sind blutig und gefährlich, jedoch sind Todesfälle selten. Um das Risiko zu minimieren, wird der Kampf von Schiedsrichtern, meistens ehemaligen Kämpfern, beobachtet. Ein Treffer kann das Kampfspiel beenden; sollte einer der Kämpfer zu stark verletzt sein, wird der Kampf abgebrochen.<ref name="Iyi" /> Das passiert auch bei Regelverstoß – so sind gefährliche Aktionen wie Aufwärtshaken verboten – oder wenn einer der Kämpfer die Selbstbeherrschung verliert.<ref name="Owen" />

Bis in die 1980er-Jahre wurden die Armschlagringe häufig getragen.<ref name="Spring" /> Kampfspiele mit Armschlagringen werden noch in heutiger Zeit veranstaltet.<ref>Lisa Gates: The Imperialist Imagination: German Colonialism and Its Legacy. University of Michigan, 1998, ISBN 978-0-472-06682-7, S. 238 [10].</ref>

Weblinks

Commons: Afrikanischer Armschlagring – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references> <ref name="Spring"> Christopher Spring: African Arms and Armour. British Museum Press, London 1993, ISBN 0-7141-2508-3, S. 115–116 </ref> <ref name="Iyi"> Kilindi Iyi: The Baura Wrist Knife of Africa, in: Black Belt, April 1989, Band 27, Nr. 4 ISSN 0277-3066 S. 64–66 [11] </ref> <ref name="Owen"> Richard Owen: Sudan Days, Troubador Publishing, 2016, ISBN 978-1-78589-567-8, S. 76 [12] </ref> <ref name="Teleki"> Sámuel Teleki: Discovery of lakes Rudolf and Stefanie, Longmans, Green and Company, 1894, S. 204 [13] </ref> <ref name="PRM"> Pitt Rivers Museum: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Iron bracelet from Sudan, Africa (Objektnummer 1884.82.23) (Memento vom 14. August 2017 im Internet Archive) </ref> <ref name="Stone"> George Cameron Stone: A Glossary of the Construction, Decoration, and Use of Arms and Armor in All Countries and in All Times. Southwork Press, 1934, S. 18, 21, 22 [14] </ref> </references>