Abgeordneten-Wohnhäuser (Bonn)
Die Abgeordneten-Wohnhäuser im Bonner Ortsteil Gronau entstanden in den 1960er-Jahren als Zweitwohnung für Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Die erhaltenen Appartementhäuser Heussallee 7–11 befinden sich im Zentrum des ehemaligen Parlaments- und Regierungsviertels (heute Bundesviertel) in unmittelbarer Nähe zu den ehemaligen Bundestagsgebäuden, darunter das Bundeshaus mit Plenarsaal und der Lange Eugen.
Geschichte
Das erste Wohngebäude mit 65 Wohneinheiten entstand 1959–1960 an der Saemischstraße nach einem Entwurf des Karlsruher Architekten Karl Selg (1918–1981).<ref name="Saemisch">Wohnhaus, Saemischstraße 2–4. Eintrag in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland (mit Kurzbeschreibung des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland von Angelika Schyma, 2006)Vorlage:Abrufdatum</ref> Nach einem Beschluss des Bundestages vom November 1963<ref name="Plenarprotokoll" /> folgten 1965/66 im Auftrag der Deutschen Bau- und Grundstücks-AG<ref>Ingeborg Flagge: Architektur in Bonn nach 1945.</ref> unter Leitung der Bundesbaudirektion und der späteren Planungsgruppe Stieldorf an der Heussallee anstelle vormaliger Feldhütten für Journalisten aus dem Bestand des Bundesverteidigungsministeriums<ref name="Plenarprotokoll">Plenarprotokoll Deutscher Bundestag, 4. Wahlperiode, 154. Sitzung, 16. Dezember 1964 (PDF; 716 kB), S. 7621</ref> drei weitere Appartementhäuser mit je 23 Wohneinheiten; die Baugenehmigung wurde im September 1965 erteilt und die Gebrauchsabnahme erfolgte im Oktober 1966.<ref>Franz Josef Talbot: Provisorium Bundeshauptstadt: Die Abgeordnetenhäuser in der Bonner Heussallee</ref> Als Gartenarchitekt wirkte der Bonner Heinrich Raderschall.<ref name="KuLaDig" /> Anfänglich wurden die Wohnungen entgegen ihrer eigentlichen Zweckbestimmung aufgrund der damaligen Raumnot in Bonn von den Abgeordneten (auch) als Arbeitszimmer genutzt; aufgrund ihrer Nähe zum Bundeshaus und ihres günstigen Preises waren sie begehrt und wurden über Kontingente pro Fraktion sowie Wartelisten vergeben.<ref>Nino Galetti: Der Bundestag als Bauherr in Berlin: Ideen, Konzepte, Entscheidungen zur politischen Architektur (1991–1998) (=Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 152). Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-5287-5, S. 40.</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Fraktionsprotokoll FDP-Fraktion 19. Oktober 1969 ( vom 9. Januar 2018 im Internet Archive), S. 7 (PDF)</ref><ref name="Spiegel" /> Vom Bundestag direkt angemietet wurden die Kellerräume an der Saemischstraße und der Heussallee.<ref>Deutscher Bundestag, 6. Wahlperiode, Drucksache 6/3351, 13. April 1972, S. 23.</ref>
Bis zum Umzug des Bundestages im Zuge der Verlegung des Parlaments- und Regierungssitzes nach Berlin 1999 wohnten in den beiden Gebäudereihen Abgeordnete aller Fraktionen. Nach vorübergehendem Leerstand sollten die Häuser durch das Informationszentrum der Vereinten Nationen zum nahegelegenen UN-Campus genutzt werden, waren aber nach einer zunächst für Mitte 2009 geplanten Sanierung für eine Wohnnutzung vorgesehen.<ref>Bayern verkauft seine Landesvertretung, General-Anzeiger, 29. Mai 2009</ref> Während das zur Saemischstraße gelegene Laubenganghaus ebenso wie die Straße selbst 2006 für den Erweiterungsneubau des World Conference Centers abgerissen wurde, sind die drei zur Heussallee gelegenen Häuser von 1965/66 erhalten worden, da sie in ihrer Randlage besser in das Gesamtkonzept zum Bau des Kongresszentrums zu integrieren waren. Sie stehen aufgrund ihrer Bedeutung für die städtebauliche Entwicklung des Regierungsviertels seit 2000 als Baudenkmal unter Denkmalschutz.<ref>Denkmalliste der Stadt Bonn. (PDF; 2,08 MB) In: bonn.de. 15. Januar 2021, S. 44, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 7. Juni 2021; abgerufen am 29. Dezember 2025. S. 26, Nummer A 3668</ref>
Die zwischenzeitlich in städtisches Eigentum übergegangenen Abgeordneten-Wohnhäuser wurden zunächst in Teilen (zwei der drei Häuser) bis Frühjahr 2014 bei Kosten von 8,4 Millionen Euro saniert und im Januar 2015 der Bonn Conference Center Management GmbH (BonnCC) übergeben.<ref>WCCB-Baustelle: Gearbeitet wird im Drei-Schicht-Betrieb, General-Anzeiger, 24. April 2014</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Funken der Hoffnung im WCCB ( vom 12. Mai 2014 im Internet Archive), Bonner Rundschau, 23. April 2014</ref><ref>Drucksachen-Nr. 1712323ST2: Stellungnahme der Verwaltung: Belegung Abgeordnetenhäuser vom 21. August 2017 Online PDF / Online im Bonner Rats- und Informations-System</ref> Die Appartements sollten insbesondere an Kongressteilnehmer vermietet, möglicherweise auch als Boardinghäuser für den Konferenzbetrieb genutzt werden.<ref>World CC Bonn: Auftrag an Generalplaner kann raus, Bundesstadt Bonn, 19. Oktober 2012</ref> Für das Haus Nr. 11 war eine Nutzung als Bürogebäude für konferenznahe Dienstleistungen der Tourismus & Congress GmbH vorgesehen.<ref>Teure Herberge für Kongress-Teilnehmer an der Heussallee, General-Anzeiger, 22. April 2013</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Sichtbarer Fortschritt – Fertigstellung des World Conference Center Bonn geht zügig voran ( vom 26. April 2014 im Internet Archive), Pressemitteilung der Stadt Bonn, 23. April 2014</ref><ref>Zeugnis eines Provisoriums, General-Anzeiger, 23. August 2014</ref> Das Haus Heussallee 7 wurde bis März 2017 noch als Baubüro für Restarbeiten und Mängelbeseitigung am WCCB genutzt und konnte erst danach saniert werden. Die Inbetriebnahme von zwei der drei Häusern als Boardinghäuser erfolgte schließlich von Juni bis August 2017, das dritte Haus dient als Rezeption und beheimatet ansonsten die Tourismus & Congress GmbH.<ref>Boardinghaus am WCCB ist in Betrieb, General-Anzeiger, 30. August 2017</ref><ref>Drucksachen-Nr. 1712323NV3: Mitteilungsvorlage: Belegung Abgeordnetenhäuser vom 4. September 2017 Online PDF / Online im Bonner Rats- und Informations-System</ref><ref>Drucksachen-Nr. 1711810NV2: Mitteilungsvorlage: 2. Controllingbericht der Stabsstelle Konferenzzentrum/Beethovenhalle zum Stichtag: 30.06.2017 vom 5. September 2017 Online PDF / Online im Bonner Rats- und Informations-System</ref>
Architektur
Das erste, nicht erhaltene Wohngebäude von 1959/60 (ehemals Saemischstraße 2–4) war als 100 Meter langes, dreigeschossiges und flachgedecktes Laubenganghaus ausgeführt, dessen Straßenfront verglaste Korridore sowie zwei aus der Bauflucht vorragende und nach drei Seiten geschlossene<ref name="Zänker">Ursel und Jürgen Zänker: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme.</ref>, trapezförmige Treppenhäuser als Erschließung der beiden Obergeschosse beinhaltete. Rückwärtig bestanden als Entsprechung der straßenseitigen Korridore durchlaufende überdachte Balkone<ref name="Zänker" />, die die Fassade in längsrechteckige Felder gliederten. Die Wohneinheiten wurden jeweils durch einen Raum gebildet, der die ganze Tiefe des Raums einnahm und durch Trennwände in Küche, Bad und Schlafnische aufgeteilt war.<ref name="Architekturführer" /><ref name="Saemisch" />
Die drei erhaltenen und unter Denkmalschutz stehenden Appartementhäuser von 1965/66 (Heussallee 7–11) zwischen Karl-Carstens-Straße und Platz der Vereinten Nationen sind zweigeschossige, weißverputzte Kubusse auf annähernd quadratischem Grundriss. Sie erfahren eine rhythmische Gliederung durch paarweise übereinandergesetzte, durch filigrane Brüstungen miteinander verbundene Sichtbeton-Balkons. Einen Kontrast zu dem weißen Putz bilden das dunkle Naturholz der Fenster- und Türlaibungen sowie der Dachkante. Die Wohneinheiten waren als Einzimmerwohnungen ausgeführt mit einer durch beide Geschosse geführten und mit Lichtkuppeln erhellten Halle, um die sich Küche, Bad und Balkon gruppierten.<ref name="Architekturführer">Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn.</ref>
„Die [Abgeordneten-Wohnhäuser] sind im Sinne eines ‚Neuen Wohnens‘ vorbildlich.“
„[Die Wohnhäuser] gehören zu den atmosphärischen Besonderheiten des Viertels, die das Auratische des Ortes, den genius loci ausmachen, über ihre, in diesem Fall, auch architekturgeschichtliche Bedeutung hinaus.“
„Die sorgfältige Bepflanzung der Umgebung bildet zusammen mit der sachlichen Architektur ein harmonisches Ensemble.“
Bekannte Bewohner
- Irma Blohm (Saemischstraße)<ref name="Aufzeichnungen" />
- Manfred Carstens<ref name="Spiegel" />
- Peter Conradi (Saemischstraße)<ref name="Spiegel">Das Apartment, Der Spiegel, 1. November 1993</ref>
- Alfred Dregger (Saemischstraße)<ref name="Aufzeichnungen" />
- Rudolf Dreßler<ref name="Spiegel" />
- Joschka Fischer (Saemischstraße)<ref>Elisabeth Niejahr, Rainer Pörtner: Joschka Fischers Pollenflug und andere Spiele der Macht: wie Politik wirklich funktioniert, Eichborn, Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3-8218-3934-9, S. 77.</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Zwischen Abrißbirne und Aufbruch ( vom 9. Januar 2018 im Internet Archive), Aachener Zeitung, 6. Januar 2003</ref><ref>Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.); Matthias Hannemann, Dietmar Preißler: Bonn - Orte der Demokratie: Der historische Reiseführer, 2. Auflage, Christoph Links, Berlin 2014, ISBN 978-3-86153-780-9, S. 113.</ref>
- Gustav Heinemann (Saemischstraße)<ref>Abgeordneten-Wohnhäuser 1960–1999, Weg der Demokratie</ref>
- Jürgen Möllemann<ref name="Spiegel" />
- Dietrich Rollmann (Saemischstraße)<ref name="Aufzeichnungen" />
- Jürgen Wohlrabe (Saemischstraße)<ref name="Aufzeichnungen">Abgeordnete des Deutschen Bundestages: Aufzeichnungen und Erinnerungen, Boldt, 1985, S. 340.</ref>
Literatur
- Franz Josef Talbot: Provisorium Bundeshauptstadt: Die Abgeordnetenhäuser in der Bonner Heussallee. In: Landschaftsverband Rheinland, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland: Denkmalpflege im Rheinland, ISSN 0177-2619, Nr. 1/2015, S. 32–36.
- Claudia Euskirchen, Olaf Gisbertz, Ulrich Schäfer u. a. (Bearb.): Nordrhein-Westfalen I. Rheinland. (=Georg Dehio (†): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler). Deutscher Kunstverlag, München 2005, ISBN 978-3-422-03093-0, S. 171.
- Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-496-01150-5, S. 97.
- Ingeborg Flagge: Architektur in Bonn nach 1945: Bauten in der Bundeshauptstadt und ihrer Umgebung. Verlag Ludwig Röhrscheid, Bonn 1984, ISBN 3-7928-0479-4, S. 49.
- Ursel und Jürgen Zänker: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme (= Landschaftsverband Rheinland [Hrsg.]: Kunst und Altertum am Rhein. Führer des Rheinischen Landesmuseums in Bonn. Nr. 21). Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1969, S. 56/57.
Weblinks
- Wohnhäuser, Abgeordneten-Appartementhäuser, Heussallee 7, 9, 11. Eintrag in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland (mit Kurzbeschreibung des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland von Angelika Schyma, 2005)Vorlage:Abrufdatum
- Abgeordneten-Wohnhäuser 1960–1999, Weg der Demokratie
- Boarding Haus an der Heussallee
Einzelnachweise
<references> <ref name="KuLaDig"> Wohnhäuser, Abgeordneten-Appartementhäuser, Heussallee 7, 9, 11. Eintrag in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland (mit Kurzbeschreibung des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland, 2005)Vorlage:Abrufdatum </ref> </references>
Koordinaten: 50° 43′ 4,2″ N, 7° 7′ 27,1″ O
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