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1,2-Dibrom-3-chlorpropan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Strukturformel
Strukturformel von 1,2-Dibrom-3-chlorpropan
Grundstrukturformel (Stereozentrum ist mit einem * markiert)
Allgemeines
Name 1,2-Dibrom-3-chlorpropan
Andere Namen
  • (RS)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
  • (R)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
  • (S)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
  • Dibromchlorpropan (DBCP)
  • Fumazone
  • Nemagon
  • OS 1897
Summenformel C3H5Br2Cl
Kurzbeschreibung

gelbbraune bis braune Flüssigkeit mit schwachem stechendem Geruch<ref name="GESTIS" />

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
EG-Nummer 202-479-3
ECHA-InfoCard 100.002.255
PubChem 7280
ChemSpider 7008
Wikidata [[:d:Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1464: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)|Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1464: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)]]
Eigenschaften
Molare Masse 236,33 g·mol−1
Aggregatzustand

flüssig

Dichte

2,08 g·cm−3 (bei 20 °C)<ref name="GESTIS" />

Schmelzpunkt

5 °C<ref name="GESTIS" />

Siedepunkt

196 °C (110 hPa)<ref name="GESTIS" />

Dampfdruck

0,77 hPa (20 °C)<ref name="GESTIS" />

Löslichkeit

schlecht in Wasser (1 g·l−1 bei 20 °C)<ref name="GESTIS" />

Brechungsindex

1,5542 (20 °C)<ref name="Sigma">Datenblatt Vorlage:Linktext-Check bei Sigma-AldrichVorlage:Abrufdatum (PDF).Vorlage:Sigma-Aldrich/Name nicht angegeben</ref>

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP),<ref name="CLP_100.002.255">Eintrag zu Vorlage:Linktext-Check in der Datenbank ECHA CHEM der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA)Vorlage:Abrufdatum Hersteller bzw. Inverkehrbringer können die harmonisierte Einstufung und Kennzeichnung erweitern.</ref> ggf. erweitert<ref name="GESTIS">Eintrag zu Vorlage:Linktext-Check in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFAVorlage:Abrufdatum (JavaScript erforderlich)</ref>
Gefahrensymbol Gefahrensymbol

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301​‐​340​‐​350​‐​360​‐​373​‐​412
P: 202​‐​260​‐​264​‐​273​‐​301+310<ref name="GESTIS" />
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa). Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C

1,2-Dibrom-3-chlorpropan ist ein Wirkstoff, der zur Stoffgruppe der Halogenkohlenwasserstoffen gehört und in Nematiziden zum Beispiel unter den Handelsnamen Nemagon oder Fumazone eingesetzt wurde.

1,2-Dibrom-3-chlorpropan steht im Verdacht, für die Vergiftung von bis zu 20.000 Arbeitern auf Bananenplantagen in Lateinamerika verantwortlich zu sein. Männliche Farmarbeiter wurden durch DBCP unfruchtbar und gewannen den Prozess. Ihnen wurde ein Schadensersatz in Höhe von 3,2 Millionen US-Dollar zugesprochen.<ref name="LA Times">John Spano: Dole must pay farmworkers $ 3.2 million. In: Los Angeles Times. 6. November 2007 (englisch).</ref>

Stereoisomerie

Es handelt sich um ein optisch inaktives Racemat (1:1-Gemisch) der (R)- und (S)-Form, die wie folgt benannt werden können:

  • (R)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
  • (S)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
1,2-Dibrom-3-chlorpropan
(2 Stereoisomere)
(R)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
(R)-Konfiguration
(S)-1,2-Dibrom-3-chlorpropan
(S)-Konfiguration

Verwendung

Verwendung allgemein

Seit Mitte der 1950er-Jahre bis 1977 wurde 1,2-Dibrom-3-chlorpropan in den Vereinigten Staaten in Pflanzenschutzmitteln für mehr als vierzig verschiedene Pflanzen angewandt. DBCP-haltige Präparate wurden von einer Reihe von Firmen auf den Markt gebracht, unter anderem von Dow Chemical unter dem Namen Fumazone, von Occidental Petroleum unter dem Namen Oxy bbc 12-e und von Shell unter dem Namen Nemagon. Von 1977 bis 1979 ließ die Environmental Protection Agency die Zulassung fast aller DBCP-haltiger Präparate ruhen, nur für den Ananasanbau auf Hawaii durfte es weiter verwendet werden. 1985 wurde die Zulassung für alle DBCP-haltigen Produkte endgültig widerrufen und der weitere Gebrauch von DBCP-Vorräten untersagt.<ref name="EPA" /> In der Europäischen Union und in der Schweiz ist 1,2-Dibrom-3-chlorpropan ebenfalls nicht als Pflanzenschutzwirkstoff zugelassen.<ref>Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Europäischen Kommission: EU-Pestiziddatenbank; Eintrag im nationalen Pflanzenschutzmittelverzeichnis der SchweizVorlage:Abrufdatum</ref>

Verwendung in Lateinamerika

Nachdem die Schadensersatzklage der Arbeiter der Dow Chemical, die in der Produktion dem Pestizid ausgesetzt waren und dadurch steril wurden, zugunsten der Arbeiter entschieden wurde, empfahl die Firma der Dole Food Company DBCP auf ihren Bananenplantagen in Lateinamerika nicht mehr einzusetzen. Auch hier wurden durch das Pestizid, das von Flugzeugen über den Bananenplantagen versprüht wird, Menschen sterilisiert. Obwohl sie die Unternehmen erfolgreich auf Schadensersatz verklagten, erhielten sie ihr Geld nicht. Eine Folgeklage in Los Angeles sprach am 5. November 2007 den Arbeitern 3,2 Millionen US$ zu; die Unternehmen Dow und Dole wollen das Urteil anfechten.<ref name="LA Times" />

Am 9. Oktober 2019 wurde für Teile des Dow Olefinverbundes ein Pfändungs- und Überweisungsbeschluss ausgestellt. Dies weil ein Gericht in Frankreich die Klage von 1245 Bananenbauern angenommen hat.<ref>Steffen Höhne: Dow-Pfändung: Chemie-Werke wegen Klage von Bananenbauern beschlagnahmt. In: fr.de. 24. Oktober 2019, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref> Der Rechtsstreit dauerte auch 2022 noch an.<ref>Joan Tilouine: Le combat d’ouvriers agricoles du Nicaragua contre des multinationales de l’agrochimie porté devant la justice française. In: Le Monde. 24. Februar 2022, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref>

Sicherheitshinweise

1,2-Dibrom-3-chlorpropan ist als giftig eingestuft. 1,2-Dibrom-3-chlorpropan kann das Erbgut schädigen, möglicherweise Krebs erzeugen und die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Jede Exposition ist zu vermeiden.

Akute Toxizität

Die akute Toxizität ist moderat; bei Inhalation wurden in Tierversuchen mit Ratten eine LC50 von 996 mg/m³ bestimmt; in Kaninchen wurde für denselben Applikationsweg ein NOAEL von 0,94 mg/m³ bestimmt.<ref name="EPA">EPA zu DBCP (englisch).</ref> Bei peroraler Gabe werden für verschiedene Tierarten NOAELs von 50–370 mg/kg Körpergewicht angegeben; dagegen liegt der NOAEL bei Aufnahme durch die Haut beim Kaninchen bei 1420 mg/kg Körpergewicht.<ref name="GESTIS" />

Reproduktionstoxikologie

Wesentlich kritischer ist die hohe Reproduktionstoxizität. Langzeitexposition mit DBCP führt zu Fertilitätsstörungen bei Männern. Dies wurde zuerst 1977 an Chemiearbeitern der Firma Occidental Petroleum in den USA festgestellt, von denen etliche durch den Umgang mit DBCP unfruchtbar wurden.<ref>D. Whorton, R. M. Krauss, S. Marshall, T. H. Milby: Infertility in male pesticide workers. In: Lancet. 2(8051), 17 Dec 1977, S. 1259–1261. PMID 73955.</ref> Tierexperimente bestätigen eine Schädigung der Hoden durch DBCP. In der Ratte wird für die Reproduktionstoxizität ein NOAEL von 1 mg/kg Körpergewicht angegeben.<ref name="GESTIS" /> Auf welchem Wege die Spermatogenese gestört wird, ist unklar; eine Interaktion von DBCP mit dem Hormonsystem ähnlich den endokrinen Disruptoren wird diskutiert.

Karzinogenität

Es ist unklar, ob DBCP im Menschen Krebs auslösen kann. Nach Aussage der Internationalen Agentur für Krebsforschung sind die Daten, die aus mehreren epidemiologischen Studien dazu erhoben wurden, unzulänglich. Es gibt aber hinreichende Evidenz aus Tierversuchen, die zeigen, dass DBCP in mehreren Tierarten Krebs auslösen kann. Daraus wird abgeleitet, dass DBCP als möglicherweise krebserregende Substanz beim Menschen angesehen werden sollte.<ref>IARC Working Group on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans (Hrsg.): Re-evaluation of some organic chemicals, hydrazine and hydrogen peroxide (= IARC monographs on the evaluation of carcinogenic risks to humans. Band 71). World Health Organization, International Agency for Research on Cancer, Lyon, France 1999, ISBN 978-92-832-1271-3 (iarc.fr).</ref> Andere Behörden (EPA) stufen DBCP als wahrscheinliches Karzinogen für Menschen ein. In der neueren Fachliteratur<ref>H. A. Clark, S. M. Snedeker: Critical evaluation of the cancer risk of dibromochloropropane (DBCP). In: J Environ Sci Health C Environ Carcinog Ecotoxicol Rev. 23(2), 2005, S. 215–260. PMID 16291528.</ref> wird ausgeführt, dass zwar die Daten im Menschen nach wie vor unklar seien, dass aber die Daten aus Tierexperimenten hinreichend sind für einen begründeten Verdacht, auch im Menschen Krebs auszulösen.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />