Marianne Hainisch
Marianne Hainisch (geb. Perger; * 25. März 1839 Baden (Niederösterreich); † 5. Mai 1936 Wien) gilt als zentrale Akteurin der österreichischen bürgerlich-liberalen Frauenbewegung, Pionierin der Mädchenbildung und Initiatorin des Muttertags in Österreich. Sie war die Mutter des ersten österreichischen Bundespräsidenten Michael Hainisch.
Leben
Marianne Perger wurde als erstes Kind von Maria und Josef Perger in der Kleinstadt Baden bei Wien geboren und wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. 1857 heiratete sie 18-jährig den Textil-Fabrikanten Michael Hainisch, mit dem sie zwei Kinder hatte; Michael (geb. 15. August 1858) und Maria (geb. 11. Oktober 1860).<ref>Vgl. Lydia Perger (Hrsg.): Begegnung mit Marianne Hainisch. Mürzzuschlag 1986, S. 17.</ref>
Mädchenbildung
Dass die Industriellengattin und zweifache Mutter zur Pionierin der österreichischen Frauenbewegung wurde, geht auf die soziale Not einer befreundeten Familie zurück. Der Mann war durch die Baumwollkrise nach dem Sezessionskrieg in die Insolvenz geraten und seine Frau konnte keine Beschäftigung finden, die „der sozialen Stellung des Mannes“ entsprach. Auch eine berufliche Ausbildung wurde ihr verwehrt.<ref>Isabella Lechner: Die Mutter des Muttertags. In: Wiener Zeitung. Nr. 92, 10. Mai 2014, S. 19 (Online [abgerufen am 12. Dezember 2019]).</ref> Hainisch wurde bewusst, dass verheiratete bürgerliche Frauen mit der damaligen, auf die „weibliche Eigenart“ ausgerichteten Bildung keiner standesgemäßen Erwerbstätigkeit nachgehen konnten. Sie hatten damit keine Möglichkeit zum Familieneinkommen beizutragen.<ref>Vgl. Marianne Hainisch: Ein Mutterwort über die Frauenfrage. In: Jahresbericht des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien, Jg. 4, 1892, S. 24 f.</ref>
Marianne Hainisch trat dem Wiener Frauenerwerbsverein bei, der 1866 für Frauen der unteren Mittelschicht zu ihrer wirtschaftlichen und handwerklichen Fortbildung gegründet wurde. In ihrer ersten öffentlichen Rede 1870 „Zur Frage des Frauenunterrichts“<ref>Marianne Hainisch: Zur Frage des Frauen-Unterrichtes. Vortrag gehalten bei der dritten General-Versammlung des Wiener Frauen-Erwerb-Vereines. Wien 1870, S. 3.</ref> anlässlich der dritten Generalversammlung des Wiener Frauenerwerbsvereins forderte Hainisch die Errichtung eines Unter-Realgymnasiums für Mädchen. Hainisch scheiterte jedoch damals mit ihrer Forderung. Dem Vorstand des Wiener Frauenerwerbsvereins war die Idee einer höheren Bildung für Mädchen, die den Inhalten und Erfordernissen eines Knaben-Realgymnasiums entsprach, zu radikal.<ref> Vgl. Marianne Hainisch: Erinnerungen aus meinem Leben. Unveröffentlichtes Manuskript, S. 19.</ref> Statt eines Realgymnasiums für Mädchen beschloss der Vorstand die Gründung einer vierklassigen Höheren Bildungsschule, die 1871 eröffnet wurde.<ref>Vgl. Margret Friedrich: „Ein Paradies ist uns verschlossen …“. Zur Geschichte der schulischen Mädchenerziehung in Österreich im „langen“ 19. Jahrhundert. Wien 1999, S. 94 f.</ref>
Erst 22 Jahre nach der von Marianne Hainisch formulierten Forderung wurde 1892 die erste private gymnasiale Mädchenschule im deutschsprachigen Raum vom Verein für erweiterte Frauenbildung ins Leben gerufen. Hainisch war Mitglied dieses 1888 gegründeten Vereins.<ref>Vlg. Harriet Anderson: Utopian Feminism. Women’s Movements in fin-de-siècle Vienna. New Haven/London 1992, S. 29–30.</ref> Die erste Mädchenklasse wurde in den Räumen des Gymnasiums in der Hegelgasse 12 eingerichtet. 1910 übersiedelte die Schule in das Gebäude Rahlgasse 4.
Bund Österreichischer Frauenvereine
Im Jahr 1902 gründete Hainisch den Bund Österreichischer Frauenvereine (BÖFV) unter der Mitwirkung von 17 Vereinen<ref>Vgl. Marianne Hainisch: Erinnerungen aus meinem Leben. Unveröffentlichtes Manuskript, S. 36.</ref>, dessen Vorsitzende sie bis 1918 war. Der BÖFV sah sich selbst als unabhängige Dachorganisation, auch wenn sich die katholischen und sozialdemokratischen Vereine nicht angeschlossen hatten und sich der Allgemeine Österreichische Frauenverein 1906 vom Bund distanzierte.<ref>Vgl. Gabriella Hauch: Frauen bewegen Politik. Österreich 1848–1938. Innsbruck 2009, S. 15 f.</ref> 1903 wurde der BÖFV als offizieller Vertreter des Internationalen Frauenrats (International Council of Women, ICW) in Österreich anerkannt.<ref>Vgl. Susan Zimmermann: The Challenge of the Multinational Empire for the International Women’s Movement. The Habsburg Monarchy and the Development of Feminist Inter/National Politics. In: Journal of Women’s History, Jg. 17, H. 2, 2005, S. 94–96.</ref> Bei der Generalversammlung in Toronto 1909 wurde Hainisch zur Vizepräsidentin des Internationalen Frauenrates gewählt. Diese Funktion übte sie bis 1914 aus.<ref>Vgl. Birgitta Bader-Zaar: Marianne Hainisch. In: Francisca de Haan et al. (Hrsg.): Biographical Dictionary of Women’s Movements and Feminisms in Central, Eastern, and South Eastern Europe. 19th and 20th Centuries. Budapest/New York 2006, S. 175.</ref>
Engagement in der Zivilgesellschaft
Marianne Hainisch engagierte sich in einer Vielzahl von Initiativen und Vereinen. Sie war u. a. Teil des Vorstandes der 1894 gegründeten Ethischen Gesellschaft<ref>Vgl. Wilhelm Börner: Die „Ethische Gesellschaft“ in Österreich. Wien 1910, S. 8 f.</ref> und gehörte dem Zentralausschuss des 1901 ins Leben gerufenen Verein Wiener Settlement an.<ref>Vgl. Elisabeth Malleier: Das Ottakringer Settlement. Zur Geschichte eines frühen internationalen Sozialprojekts. Wien 2005, S. 34.</ref> Ab 1907 war Marianne Hainisch im Österreichischen Bund für Mutterschutz aktiv, der vom Wiener Gynäkologen Hugo Klein (1863–1937) gemeinsam mit dem Pädagogen Wilhelm Jerusalem (1854–1923), dem Politiker Julius Ofner (1845–1924) sowie dem Kinderarzt Josef Karl Friedjung (1871–1946) ins Leben gerufen worden war.<ref>Walter Mentzel: Hugo Klein (1863–1937) – Frauenarzt – Gynäkologe – Frauenrechtsaktivist – und Begründer des Mutterschutzes in Österreich. In: VanSwietenBlog. Universitätsbibliothek Medizinische Universität Wien, 20. November 2020, abgerufen am 2. April 2024.</ref> Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete sie für die Fürsorge und in der Friedensbewegung mit Bertha von Suttner zusammen, nach deren Tod 1914 sie die Leitung der Friedenskommission im Bund Österreichischer Frauenvereine übernahm.
Politikerin
Als Mitglied der Bürgerlich Demokratischen Partei kandidierte sie 1919 bei der Wahl zum Niederösterreichischen Landtag. Die Partei bekam jedoch nicht genügend Stimmen, um in den Landtag einziehen zu können. Trotzdem engagierte Hainisch sich fortlaufend im politischen Feld. Hainisch wurde Präsidentin der 1929 gegründeten Österreichischen Frauenpartei, „die es den Frauen bei Ausübung des Wahlrechts endlich ermöglichen soll, ihren gerechten Forderungen Geltung zu verschaffen.“<ref>Eine Frauenpartei. In: Badener Zeitung. Nr. 9, 29. Januar 1930, S. 2, Sp. 3 (Online [abgerufen am 12. Dezember 2019]).</ref>
Publizistin
Über 130 Artikel von Marianne Hainisch erschienen zwischen 1872 und 1933 in 15 unterschiedlichen Medien.<ref>Vgl. Michaela Königshofer: „Ein Mädchen sein wird nicht mehr bedeuten ausgeschlossen sein...“: Mädchenbildung in den Tagebüchern und Publikationen von Marianne Hainisch (1839–1936). Dissertation, Universität Wien, 2015, S. 135.</ref> Zahlreiche ihrer Vorträge wurden abgedruckt.<ref>Vgl. Christiane Teschl-Hofmeister: Marianne Hainisch (1839–1936) als Publizistin. Diplomarbeit, Universität Wien, 2009.</ref> Ihre Autobiographie mit dem Titel „Erinnerungen aus meinem Leben“ blieb unveröffentlicht. Hainisch führte fast während ihres gesamten Lebens Tagebücher. Kopien von über 40 Tagebüchern, die Hainisch zwischen ihrem 31. und 95. Lebensjahr verfasst hat, sind für Forschende in der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien zugänglich.<ref>Feministisch Lesen. In: ida-dachverband.de. Abgerufen am 11. April 2026.</ref>
Muttertag
Marianne Hainisch gilt als die Initiatorin des Muttertags in Österreich, der seit 1924 in Österreich gefeiert wird. Obwohl Hainisch maßgeblich an den Bemühungen um die Einführung dieses Gedenktages beteiligt war, lässt sich dessen Etablierung nicht einer einzelnen Person oder Institution zuschreiben. Ihre damalige Rolle als Mutter des Bundespräsidenten Michael Hainisch förderte jedoch die Bekanntheit und die Verbreitung dieses Gedenktages.<ref>Vgl. Alexander Boesch: „Das Muttertagsreden. Einführung in den Muttertag und das Muttertagsreden des politischen Katholizismus in Österreich“, in: ders. et al (Hrsg.): Produkt Muttertag. Zur rituellen Inszenierung eines Festtages. Begleitbuch zur Ausstellung: Produkt Muttertag – Zur rituellen Inszenierung eines Festtages, 6. April bis 4. Juni 2001, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien 2001, S. 37.</ref>
1927 schuf Arnold Hartig eine Porträtmedaille von ihr (verso ihr Autograph).
Sie starb 1936 mit 97 Jahren und wurde in Eichberg begraben.
Gedenken
Die Wohnhausanlage im 3. Wiener Gemeindebezirk (Petrusgasse 15, Landstraßer Hauptstraße 149) wurde 1949 nach Marianne Hainisch benannt.<ref>Vgl. Helmut Weihsmann: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934. Wien: Promedia, 2002, S. 203.</ref> 1976 wurde in ihrer Geburtsstadt Baden ein Denkmal für sie errichtet. Im Jahr 2002 wurde in Wien-Landstraße (3. Bezirk) die Marianne-Hainisch-Gasse nach ihr benannt.
Schriften (Auswahl)
- Zur Frage des Frauenunterrichts, Vortrag gehalten bei der dritten General-Versammlung des Wiener Frauen-Erwerb-Vereines, 1870 (Volltext online).
- Die Brodfrage der Frau, 1875 (Volltext online).
- Ein Mutterwort über die Frauenfrage. Vortrag, gehalten am 1. Feb. 1892 zu Wien im „Verein für erweiterte Frauenbildung“, 1892 (Volltext online).
- Seherinnen, Hexen und die Wahnvorstellungen über das Weib im 19. Jahrhundert, 1896.
- Frauenarbeit, 1911 (Volltext online).
- Die Mutter, 1913 (Volltext online).
- Neuausgabe zum 80. Todestag Hainischs, hrsg. von Thierry Elsen und Simone Stefanie Klein. Versehen mit einem kritischen Kommentar (T. Elsen), einem annotierten Bildteil (S. Klein), sowie mit einem Geleitwort von Eleonore Hauer-Rona. edition libica, Wien 2016, ISBN 978-3-903137-03-5.
- Das Buch des Hauses. Modernes Auskunftswerk für alle Mitglieder des Haushaltes, 1932.<ref>Permalink Österreichischer Bibliothekenverbund.</ref>
- Autobiografie (1929), in: Elga Kern (Hrsg.): Führende Frauen Europas, München 1999 [1928], S. 15–21.
Literatur
- Walter Goldinger: Hainisch, Marianne. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 7. Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
- Hainisch Marianne. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 2, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1959, S. 152.
- Birgitta Bader-Zaar: Hainisch, Marianne (1839–1936). In: Francisca de Haan, Krassimira Daskalova, Anna Loutfi (Hrsg.): A biographical dictionary of women's movements and feminisms. Central, Eastern, and South Eastern Europe, 19th and 20th Centuries. Central European University Press, 2006, S. 173–177.
- Michaela Königshofer: „Ein Mädchen sein wird nicht mehr bedeuten ausgeschlossen sein...“: Mädchenbildung in den Tagebüchern und Publikationen von Marianne Hainisch (1839–1936). Dissertation, Universität Wien, 2015. 306 S.
Weblinks
- Bestand in den Katalogen der österreichischen Nationalbibliothek Wien
- Marianne Hainisch (geb. Perger) in der Datenbank Gedächtnis des Landes zur Geschichte des Landes Niederösterreich (Museum Niederösterreich)
- Eintrag zu Marianne Hainisch im Austria-Forum (im AEIOU-Österreich-Lexikon)
- Literatur von und über Marianne Hainisch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Zeitungsartikel über Marianne Hainisch in den Historischen Pressearchiven der ZBW
- Marianne Hainisch in der Datenbank Frauen in Bewegung 1848–1938 der Österreichischen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hainisch, Marianne |
| ALTERNATIVNAMEN | Perger, Marianne (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichische Begründerin und Führerin der österreichischen Frauenbewegung |
| GEBURTSDATUM | 25. März 1839 |
| GEBURTSORT | Baden bei Wien, Niederösterreich |
| STERBEDATUM | 5. Mai 1936 |
| STERBEORT | Wien |