Zum Inhalt springen

Verliebtheit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 27. März 2026 um 09:33 Uhr durch imported>Luckyprof (Links eingefügt).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Datei:1873 Pierre Auguste Cot - Spring.jpg
Verliebtheit, dargestellt in Pierre Auguste Cots Gemälde von 1873: Der Frühling

Verliebtheit bezeichnet den emotionalen Zustand der romantischen Anziehung zu einer anderen Person und ist mit der Sehnsucht verbunden, mit ihr eine exklusive, intime und gefühlsintensive Beziehung einzugehen, sofern keine polyamore Beziehungsform angestrebt wird. Psychologisch gesehen handelt es sich um einen durch das neuronale Belohnungssystem unterstützten Zustand, der mit der Befriedigung subjektiv erlebter emotionaler Bedürfnisse einhergeht und häufig mit seelischen und körperlichen Suchtmerkmalen sowie kognitiven Verzerrungen verbunden ist.

Die Gefühle des Verliebtseins müssen nicht erwidert werden. Die Intensität von Verliebtheit reicht von leichter Star-Schwärmerei über leidenschaftliche Zuneigung bis hin zu stark ausgeprägten, zwanghaft obsessiven Formen wie der Limerenz, die durch aufdringliche Gedanken, starke emotionale Schwankungen und eine ausgeprägte Fixierung auf eine einzelne Person gekennzeichnet ist. In extremen Fällen kann Verliebtheit auch in den Liebeswahn übergehen, eine wahnhaft ausgeprägte Form vermeintlicher Liebe zu einer meist unerreichbaren Person.

Leidenschaftliche Verliebtheit ist kein Dauerzustand, sondern eine zeitlich begrenzte Phase.<ref name="FrommKDL2" details="S. 15 f., 88 f. zu Stw. „Dauerhaftigkeit des Verliebtseins“." /> Sie kann in reife, beständige, tiefe Liebe übergehen. Menschen, die keine romantische Anziehung verspüren, bezeichnen sich als aromantisch.

Psychologie

Datei:Liebende.jpg
Körperliches Verlangen: Kuss als Ausdruck von Liebe. Loveparade, Berlin (1999)

Die psychischen Mechanismen des Verliebens werden in der Sozialpsychologie im Rahmen der Psychologie der interpersonellen Anziehung erforscht und beschrieben.

Abgrenzung zwischen Liebe, Verliebtheit und sexuellem Verlangen

Der Übergang zwischen diesen drei Begriffen ist, vor allem im allgemeinen Sprachgebrauch, fließend. Der Unterteilung der romantischen Liebe in leidenschaftliche und in kameradschaftliche Liebe folgend, ist die Verliebtheit der durch ein hohes Erregungspotential geprägten leidenschaftlichen Liebe zuzuordnen.<ref>David G. Myers, Christiane Grosser: Psychologie. 3., vollst. überarb. und erw. Auflage. Springer, Berlin 2014, ISBN 978-3-642-40781-9, S. 640.</ref>

Verliebtheit, im Sinne eines Annäherungsschemas zur Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse (insbesondere dem der Selbstwerterhöhung) ist tendenziell auf das eigene Glücksgefühl ausgerichtet. Je nach Intensität des empfundenen Mangels und dem sich daraus ergebenden Drang zur Bedürfnisbefriedigung entwickelt sich durch die erlebte, erhoffte oder hineinprojizierte Fremdbestätigung durch die andere Person ein „gespiegeltes Selbstwertempfinden“, wodurch Verliebtheit bei Ablehnung oder Trennung auch in abgrundtiefen Hass oder in eine starke Selbstentwertung bis hin zum Suizid umschlagen kann (siehe Artikel zu unerwiderter Liebe).<ref name=":0">David Schnarch: Die Psychologie sexueller Leidenschaft. 6. Auflage. Piper, München 2009, ISBN 978-3-492-25137-2.</ref> Die existentielle Bedeutung dieses gespiegelten Selbstwertempfindens und der ihm innewohnende Drang bis hin zur kompletten Realitätsverzerrung wird insbesondere beim Liebeswahn oder beim Stalking deutlich.

Eine aus der Fülle gebende, altruistische Liebe erfordert dagegen ein stabiles, sich emotional selbstregulierendes und dadurch von Fremdbestätigung relativ unabhängiges Selbstempfinden.<ref name=":0" /> Die Partnerschaft bereichert das Leben emotional, ohne dass dies zu einer einschränkenden Abhängigkeit führt.

Bei der romantischen Verliebtheit steht das mit einer Person verbundene Lebensgefühl im Mittelpunkt. Sexuelles Verlangen und Begehren beruht dagegen auf der subjektiv wahrgenommenen Attraktivität der Person und benötigt nicht zwangsläufig das romantische Gefühl der seelischen Nähe und Geborgenheit. Fehlt die Verliebtheit, wird die andere Person weniger als Person, sondern mehr als Objekt wahrgenommen.

Gründe für Verliebtheit

Verliebtheit wird in der Sozialpsychologie als Liminalität, ein Phänomen der passionierten Liebe, betrachtet und äußert sich durch ein intensives Verlangen nach einer anderen Person, das von körperlichen Symptomen begleitet sein kann. Sie geht meist mit Sehnsucht einher.

Als Hauptgründe für den Vorgang des Sich-Verliebens werden beiderseitige Sympathie und physische Attraktivität genannt. Aron<ref>Arthur Aron, Donald Dutton, E. N. Aron, A. Iverson: Experiences of falling in love. In: Journal of Social and Personal Relationships. 6(1989), S. 140–160.</ref> schrieb dazu, es scheine, als würden Menschen auf eine für sie attraktive Person warten, um dann etwas zu tun, was sie als „die andere Person mögen“ interpretieren können. Als zusätzliche Faktoren können auch die Ähnlichkeit zu oder die Häufigkeit der Interaktion mit einer anderen Person herangezogen werden. Diese Faktoren mögen in der Zeit, bevor man sich verliebt, eine Rolle spielen, da sie den Kreis der „akzeptablen“ Personen einschränken. Duck<ref>S. W. Duck: Meaningful relationships: Talking, sense, and relating. Sage, Thousand Oaks, CA 1994.</ref> befand, dass der wichtigste Prädiktor romantischer Anziehungskraft physische Attraktivität sei, gefolgt von der eigenen Ähnlichkeit mit der anderen Person. Duck ging davon aus, dass die Qualität der Konversation ebenfalls ein möglicher Prädiktor von romantischer Anziehung sein könne, allerdings ließ sich diese Vermutung experimentell nicht bestätigen, weder bei Männern noch bei Frauen. Somit scheint es, dass physische Attraktivität und Ähnlichkeit weitaus wichtiger sind als der Inhalt von Gesprächen.<ref>E. Aronson, T. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. 4. Auflage. Pearson Studium, München 2004, ISBN 3-8273-7084-1.</ref>

Besonders häufig kommt Verliebtheit auch in der Psychoanalyse vor (als sogenannte Übertragungsliebe) und wird dort als therapeutisches Mittel genutzt. So hatte bereits Sigmund Freud beobachtet, dass sich überdurchschnittlich viele Patientinnen in ihn verliebten, obwohl er kein überdurchschnittlich gutaussehender Mann war. Er betrachtete damals die Übertragungsliebe als Störfaktor innerhalb des therapeutischen Settings, während heute intensiv mit dieser gearbeitet wird.

Kognitive Verzerrungen bei Verliebtheit

Verliebtheit wird nach Ansicht von Psychologen von einer Einengung des Bewusstseins begleitet, die zur Fehleinschätzung des Objektes der Zuneigung führen kann. Fehler des anderen können übersehen oder als besonders positive Attribute erlebt werden.

Die der Verliebtheit zugrundeliegende Projektion eines erstrebenswerten Lebensgefühls auf eine andere Person wird zumeist durch ein Informationsdefizit und dem erwarteten positiven Einfluss auf das eigene Befinden erleichtert und geht mit entsprechenden kognitiven Verzerrungen einher:

  • Attraktiven Menschen werden in weitaus höherem Maß positive Eigenschaften zugeschrieben als weniger attraktiven (Halo-Effekt).
  • Wir werden von Details angezogen, die unsere eigenen bestehenden Überzeugungen bestätigen.
  • Wir projizieren unsere aktuelle Denkweise und Annahmen auf die Vergangenheit und Zukunft.
  • Wir glauben zu wissen, was andere Leute denken.
  • Wir neigen dazu, Geschichten und Muster zu finden, selbst wenn wir uns spärliche Daten ansehen.
  • Wir bemerken Dinge, die bereits im Gedächtnis vorhanden sind oder oft wiederholt werden.

Limerenz

Der Begriff Limerenz wurde 1979 von Dorothy Tennov, einer US-amerikanischen Professorin für Verhaltenspsychologie, mit ihrem Buch Love and Limerence<ref>Dorothy Tennov: Love and limerence. The experience of being in love. Stein and Day, New York 1979, ISBN 0-8128-2328-1. Deutsche Übersetzung von Wolfgang Stifter u. d. T.: Limerenz: über Liebe und Verliebtsein. Kösel, München 1981, ISBN 3-466-34050-0.</ref> eingeführt. Limerenz bezeichnet eine Sonderform romantischer Verliebtheit. Sie ist gekennzeichnet durch ein starkes Verlangen nach Erwiderung der eigenen Gefühle, eine ausgeprägte gedankliche Fixierung auf eine einzelne Person sowie deutliche emotionale Schwankungen in Abhängigkeit von wahrgenommener Gegenseitigkeit. Schon kleine, oft mehrdeutige Signale wie Nachrichten, Blickkontakt oder freundliches Verhalten können als Erwiderung interpretiert werden und intensive Euphorie auslösen. Das Ausbleiben solcher Hinweise oder als gegenteilig wahrgenommene Signale führen dagegen zu starken emotionalen Einbrüchen. Zu den zentralen Merkmalen zählen intrusive, schwer kontrollierbare Gedanken an die begehrte Person, eine erhöhte Sensibilität gegenüber deren Verhalten sowie deren Idealisierung. Dabei richtet sich die intensive Beschäftigung häufig weniger auf die reale Person als auf eine innere, fantasiehafte Repräsentation, während andere Lebensbereiche an Bedeutung verlieren.<ref name="carswell2021">Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref><ref name="georgiou2025">Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref>

Als entscheidender Verstärkungsfaktor gilt die Unsicherheit über die Gegenseitigkeit der Gefühle. Ambivalenz und Zweifel intensivieren die limerenten Empfindungen, während zunehmende Gewissheit über die Erwiderung oder deren Ausbleiben typischerweise zu einem Abflauen des Zustands führt. Limerenz wird daher als zeitlich begrenztes Phänomen beschrieben, das sich von weniger intensiver Verliebtheit insbesondere durch seinen zwanghaften Charakter und die starke Abhängigkeit von wahrgenommener Gegenseitigkeit unterscheidet.<ref name="carswell2021"/>

Limerenz wird auch in Situationen mit kaum bestehendem persönlichem Kontakt, wenigen kurzen Interaktionen oder fehlender Wahrnehmung durch die begehrte Person beschrieben. Ein detailliertes persönliches Kennen ist nicht erforderlich.<ref name="georgiou2025"/>

Romantische Leidenschaft, einschließlich besonders intensiver Formen wie der Limerenz, wird mit Aktivierungen des Belohnungssystems des Gehirns in Verbindung gebracht. In klinisch-praktischen Beschreibungen wird das Erleben limerenter Zustände daher teilweise als subjektiv suchtähnlich geschildert, ohne dass Limerenz als eigenständige Suchterkrankung oder formale Diagnose eingeordnet wird.<ref name="carswell2021"/><ref name="georgiou2025"/>

Empirische Nachweise

Das Brückenexperiment

Das Gefühl der Verliebtheit kann mit Fehlattribution in Verbindung gebracht werden. 1974 führten Donald Dutton und Arthur Aron diesbezüglich ein Experiment durch: Auf einer schwankenden Fußgängerbrücke wurde eine attraktive Frau positioniert. Diese sprach Männer an, die die Brücke überquerten. Sie bat die Probanden um Mithilfe bei einer Forschungsarbeit und gab ihnen ihre private Telefonnummer mit dem Hinweis, die Versuchspersonen könnten sie anrufen, wenn sie noch eine Frage hätten. Dieselbe Frau sprach danach Männer an, die die Brücke bereits überquert hatten. Schließlich wurden die Anrufe ausgewertet. Es meldeten sich deutlich mehr Männer, die angesprochen wurden, während sie über die instabile Brücke gingen, als jene, die nach einer anschließenden Ruhepause angesprochen wurden. Die Forscher gingen davon aus, dass die Männer das Überqueren der wackeligen Brücke als aufregend und Angst erzeugend empfanden und dies als Verliebtheit interpretierten.<ref>Elliot Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. 6. Auflage. Pearson Studium, München 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 148 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Das Experiment lieferte damit einen ersten Hinweis darauf, dass es sich bei Verliebtheit auch um eine Form von Angstbindung handeln könnte.<ref>Markus Hauser: Wann wir lieben und untreu sind. 8. Auflage. IVEB, Stuttgart 2022, ISBN 979-84-4947989-1, S. 76 ff.</ref> Möglicherweise erhöht eine als existentiell empfundene Gefahr den subtilen Drang, auf andere Personen die Befriedigung unseres Bedürfnisses nach Verbundenheit und Kontrolle zu projizieren. Die Abhängigkeit von existentiellen Angstgefühlen könnte die Ursache dafür sein, dass das Verliebtsein nicht dauerhafter Natur ist.<ref name="FrommKDL2" details="S. 21, 15 f., 88 f. f. zu Stw. „Angst als existentielle Voraussetzung der Liebe und des Verliebtseins“." />

Neurobiologie

Angesichts der Komplexität der Gefühle vermuten Wissenschaftler die Beteiligung einer Vielzahl biochemischer Mechanismen an den Stimmungsänderungen zu Beginn einer Verliebtheit. Die Neurobiologie bezüglich dieses Zustandes ist noch wenig erforscht und die Forschungsergebnisse sind schwer interpretierbar.

Bei Verliebten wurden Veränderungen im Körperhaushalt bei Neurotransmittern und Neurohormonen nachgewiesen. Die Verbindung unseres Denkens und Fühlens mit dem Gastrointestinaltrakt resultiert in den sprichwörtlichen Schmetterlingen im Bauch als flatteriges Gefühl in der Magengegend.<ref>Schmetterlinge im Bauch. Redewendungen. In: GEOlino. Gruner + Jahr, abgerufen am 26. Februar 2024: „Trotzdem musste erstmal jemand auf die Idee kommen, das Gefühl in Worte zu fassen. In diesem Falle war das die amerikanische Schriftstellerin Florence Converse (1871–1967). In ihrem Buch "House of Prayer" sprach sie als Erste von "butterflies in the stomach" ("Schmetterlinge im Magen").“</ref><ref>Martin Aigner, Gabriele Sachs: Diagnostik psychischer Störungen und psychopharmakologische Therapie im klinischen Alltag. In: Gabriele Moser (Hrsg.): Psychosomatik in der Gastroenterologie und Hepatologie. Springer-Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-211-69159-5, S. 234: „Der Gastrointestinaltrakt hat eine besonders enge Verbindung mit unserem Denken und Fühlen. Im Volksmund heißt es „aus dem Bauch heraus Entscheidungen treffen“ und wenn Emotionen beschrieben werden heißt es „Schmetterlinge im Bauch zu haben“.“</ref>

Dopamin

Bedingt durch vermehrte Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin (der „Belohnungs-Neurotransmitter“) wird Verliebtheit von den meisten Menschen als außerordentliches Glücksgefühl empfunden. Dopamin-Ausschüttung im Gehirn<ref>Florian Rötzer: Der Stoff zum Verlieben. In: Telepolis. 29. November 2005, abgerufen am 7. Juni 2020.</ref><ref>Hubert Erb: Die Dumping-Preise eines liebeskranken Gehirns. 2004.</ref> von Verliebten konnte bildlich dokumentiert werden. Das Hochgefühl erleichtert die Vorstellung, sich auf eine monogame Sexualbeziehung einzulassen und die Verantwortung für eine eigene Familie zu bewältigen.<ref>Angelika Weiß-Merklein: Eine verhaltensbiologische Näherung an das Phänomen Glück. In: wiki.bnv-bamberg.de. 30. Januar 2003, abgerufen am 15. November 2021.</ref>

Serotonin

Das Neurotransmitter Serotonin gilt als „Glücks-Botenstoff“. Bei einem Mangel können Ängste und Depressionen die Folge sein. Laut Kast und Fischer geht Verliebtheit mit niedrigem Serotoninspiegel einher, was paradox erscheinen mag, da Verliebtheit doch Glücksgefühle hervorruft und der Logik folgend eher ein extrem hoher Serotoninspiegel zu vermuten sei. Diesen scheinbaren Widerspruch erklärt die italienische Wissenschaftlerin Donatella Marazziti so, dass Verliebte auf ihr Objekt der Verliebtheit fixiert sind, ähnlich wie bei einer Zwangsstörung. Bei Patienten mit Zwängen werde eher zu wenig Serotonin im Blut nachgewiesen. Leidenschaftliche Verliebtheit und zwanghaftes Verhalten scheinen mit diesem Botenstoff einen gemeinsamen Faktor zu haben.<ref>Gabriele und Rolf Froböse: Lust und Liebe – alles nur Chemie? Wiley-VCH, 2004, ISBN 3-527-30823-7.</ref>

Neurotrophin

Forschungen an der Universität Pavia (2005) ergaben bei frisch Verliebten einen erhöhten Wert des Neurotrophins NGF im Blut, wobei nach einem Jahr keine erhöhten Werte mehr festgestellt worden seien.<ref>Enzo Emanuelea u. a.: Raised plasma nerve growth factor levels associated with early-stage romantic love. In: ScienceDirect / Zeitschrift:Psychoneuroendocrinology, University of Pavia, Pavia 2005. doi:10.1016/j.psyneuen.2005.09.002</ref> Experten für Neurotrophin-Forschung an der Ruhr-Universität Bochum (2005) kamen ebenso zu der Vermutung, dass sich die Neurotrophin-Werte beim Verlieben verändern.

Neurotrophine („Nervennährstoffe“) sind körpereigene Signalstoffe/Botenstoffe, die zielgerichtete Verbindungen zwischen Nervenzellen bewirken und den Fortbestand neuronaler Verbindungen sichern. Sie tragen zur Gedächtnisbildung bei und spielen beim Aufbau und beim Abbau von neuen Nervennetzen eine große Rolle. Wissenschaftler vermuten, dass sie für die typische Euphorie am Beginn einer Liebesromanze verantwortlich seien.<ref>Verliebtheit währt nur ein Jahr. In: psychologie-heute.de. 5. Dezember 2005, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 16. September 2007; abgerufen am 26. Oktober 2018.</ref>

Dies könnte beispielsweise dazu beitragen, dass Verliebte sich zuweilen in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befinden, sich zu irrationalen Handlungen hinreißen lassen und Hemmschwellen abbauen.

Oxytocin

Bei Verliebten wurden erhöhte Werte des Hormons Oxytocin (Hormon für die „Basis des Vertrauens“, auch „Schmusehormon“) nachgewiesen. Soziale Interaktionen im Allgemeinen und die Entwicklung von engen zwischenmenschlichen Bindungen unterliegen seinem Einfluss, soziale Hemmschwellen werden herabgesenkt und das Vertrauen<ref>Stephan Schleim: Die Basis des Vertrauens. In: Telepolis. 19. August 2005, abgerufen am 9. Dezember 2021.</ref> erhöht. Es hat eine wichtige Bedeutung zwischen Geschlechtspartnern beim Sex, eine wesentliche Bedeutung beim Geburtsprozess und beeinflusst das Verhalten zwischen Mutter und Kind.<ref>K. Uvnäs-Moberg, I. Arn, D. Magnusson: The psychobiology of emotion: the role of the oxytocinergic system. In: Int J Behav Med. 2005, 12, S. 59–65.</ref><ref>Roger Nickl: Gefühle lesen. In: 175jahre.uzh.ch. Universität Zürich, 2006, abgerufen am 30. September 2019.</ref>

Testosteron

Forschungsergebnisse aus Befragungen in verschiedenen Kulturen ergaben, dass Frauen einen Mann suchen, der ein fürsorglicher Vater und treuer Partner ist und gleichzeitig über eine hohe Qualität seiner Gene verfügt. Aus dem Blickwinkel der hormonellen Wirkungsweise des Testosteron sind dies widersprüchliche Eigenschaften, da tendenziell ein hoher Testosteronspiegel als Zeichen für Stärke und Gesundheit gilt, einen Mann jedoch aggressiv und flatterhaft macht.<ref>Bas Kast: Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-596-16198-3.</ref>

Italienische Wissenschaftler entdeckten, dass die Konzentration des männlichen Geschlechtshormons Testosteron im Blut bei verliebten Männern sinkt, während sie bei verliebten Frauen steigt. Das Ausschalten störender Unterschiede zwischen Mann und Frau könne ein harmonisches Miteinander zum Zweck haben, um zu sichern, dass aus der Verbindung Nachwuchs entstehe, vermuten die Wissenschaftler. Bei Wiederholungsmessungen nach einem Jahr oder zwei Jahren hatte sich der Hormonspiegel bei den Testpersonen wieder normalisiert.<ref>Liebe macht Männer weiblicher – und Frauen männlicher. In: Bild der Wissenschaft. 6. Mai 2004, abgerufen am 8. September 2019.</ref>

Partnerwahl

Tieruntersuchungen am Max-Planck-Institut für Immunbiologie erbrachten unter anderem Hinweise über einen Zusammenhang zwischen dem individuellen Immunsystem eines Lebewesens und der Partnerwahl. Über den Geruchssinn (olfaktorische Wahrnehmung) kann genetische Individualität und Verschiedenheit erfasst und bewertet werden. Dies scheint ein konservierter Mechanismus der Evolution zu sein, der durch die Wahl des geeigneten Partners den Nachkommen eine möglichst gute Überlebenschance bietet.<ref>Thomas Boehm: Qualitätskontrolle im Immunsystem. Forschungsbericht 2004. In: mpg.de. Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik, 2005, abgerufen am 29. November 2021.</ref>

Das bedeutet auch für den Menschen, dass der Geruchssinn daran beteiligt ist, ob und in wen er sich verliebt. Claus Wedekind hat in seiner berühmten sweaty T-shirt-Studie 1995 nachgewiesen, dass auch der Mensch in der Lage ist, ohne dass er sich dessen bewusst wird, über den Eigengeruch eines anderen Menschen zu erkennen, wie dessen Immunsystem beschaffen ist.<ref>C. Wedekind: MHC genes, body odours, and odour preferences. In: Nephrology Dialysis Transplantation. Band 15, Nr. 9, 1. September 2000, ISSN 0931-0509, S. 1269–1271, doi:10.1093/ndt/15.9.1269.</ref><ref></ref> Damit für die Nachkommen durch Vererbung ein wehrhaftes Immunsystem möglich wird, ist es von Vorteil, dass beide Partner ein sehr verschiedenes Immunsystem haben. Sie sollten möglichst gegensätzlich (komplementär) ausfallen, damit deren Kombination beim Kind einen weiten Bereich abdecken kann.

Ethnologie

Bei den indonesischen Makassaren wird Verliebtheit mit allen ihren körperlichen Nebenwirkungen als typisches Phänomen der Jugend, sogar als Krankheit angesehen. Betroffene sind überzeugt, deswegen dringend einen Heiler für eine Therapie dagegen aufsuchen zu müssen.<ref>Frauke Haß: Sex ist keine Privatsache. In: fr.de. 4. Januar 2011, abgerufen am 20. Februar 2023.</ref>

Siehe auch

Literatur

  • Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Aus dem Französischen übersetzt von Hans-Horst Henschen und Horst Brühmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, 20. Auflage 2014, ISBN 978-3-518-38086-4.
  • Gary Chapman: Die fünf Sprachen der Liebe. Francke, Marburg an der Lahn 2003, ISBN 3-86122-621-9.
  • Helen Fisher: Warum wir lieben. Walter Verlag, Düsseldorf 2005, ISBN 3-530-42187-1.
  • Helen Fisher: Anatomie der Liebe. Droemer Knaur Verlag, München 1993, ISBN 3-426-26663-6.
  • Gabriele Froböse, Rolf Froböse: Lust und Liebe – alles nur Chemie? Wiley-VCH, Weinheim 2004, ISBN 3-527-30823-7.
  • Manfred Hassebrauck, Beate Küpper: Warum wir aufeinander fliegen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 3-499-61347-6.
  • Markus Hauser: Wann wir lieben und untreu sind. 4. Auflage. CreateSpace Independent Publishing Platform, North Charleston 2014, ISBN 978-1-4948-9897-7.
  • Bas Kast: Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt. S. Fischer, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-10-038301-X.
  • Dorothy Tennov: Love and Limerence. Scarborough House, Lanham, MD 1999, ISBN 0-8128-6286-4.

Weblinks

Wiktionary: Verliebtheit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references> <ref name="FrommKDL2">Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. (Erstausgabe 1956) dtv, München, April 1995 Buch-Nr. 1290, ISBN 3-423-36102-6:
(a) S. 15 f., 88 f. zu Stw. „Dauerhaftigkeit des Verliebtseins“;
(b) S. 21, 15 f., 88 f. f. zu Stw. „Angst als existentielle Voraussetzung der Liebe und des Verliebtseins“.</ref> </references>