Zum Inhalt springen

Peter Emil Becker

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 14. Februar 2026 um 17:10 Uhr durch imported>Aka (doppelten Link entfernt).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Peter Emil Becker (* 23. November 1908 in Hamburg; † 7. Oktober 2000 in Göttingen)<ref>Nachruf beim Informationsdienst Wissenschaft vom 13. Oktober 2000</ref> war ein deutscher Neurologe, Psychiater und Humangenetiker. Nach ihm sind die Myotonia congenita Becker und die Muskeldystrophie Becker-Kiener benannt. Die Untersuchungen zu der Myotonia congenita Becker beendete Becker bereits 1942, aber konnte diese erst 1953 veröffentlichen. Die Untersuchungen zu der Muskeldystrophie Becker-Kiener wurden 1955 veröffentlicht.

Leben

Becker wurde am 23. November 1908 als Sohn von Martha Becker, geborene de Bruycker, und des Kaufmanns Ludwig Becker in Hamburg geboren. Er studierte Medizin in Marburg, Berlin, München, Wien und Hamburg und wurde 1933 approbiert. Nach seiner Facharztausbildung für Neurologie und Psychiatrie war er von 1936 bis 1938 Assistent von Fritz Lenz am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie und Eugenik.<ref name="Klee35">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2., aktualisierte Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 35.</ref> Danach arbeitete er in der Erbbiologischen Abteilung der Universitätsnervenklinik Freiburg im Breisgau unter Kurt Beringer im Fachgebiet Muskeldystrophie.<ref name="Klee35" />

Peter Emil Becker war evangelisch und heiratete 1938 Rosette Wendel. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.

Er war Mitglied der SA, in der er 1934 Oberscharführer wurde. Am 15. Juli 1940 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Oktober desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.379.201).<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/1980160</ref> 1942 wurde er als Luftwaffenarzt eingezogen. Von 1943 bis Kriegsende 1945 war er erneut Mitarbeiter und Dozent<ref name="Klee35" /> an der Universitätsnervenklinik Freiburg im Breisgau; bis 1956 praktizierte er als niedergelassener Nervenarzt in Tuttlingen und lehrte daneben an der Universität Freiburg. 1951 wurde er dort zum außerplanmäßigen Professor ernannt.

Im Jahr 1957 nahm er den Ruf als Professor für den außerordentlichen Lehrstuhl für menschliche Erblehre an der Georg-August-Universität Göttingen an, der 1962 zu einem Institut aufgewertet wurde. Becker leitete dieses Institut für Humangenetik als ordentlicher Professor für Humangenetik bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1975. Hier arbeitete er in Nachfolge von Fritz Lenz, mit dem er bereits in seiner Zeit am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik zusammenarbeitete. In den Jahren 1970 und 1971 war er Vorsitzender der Gesellschaft für Anthropologie und Humangenetik.

Bedeutung

Ab 1964 war Becker Herausgeber eines Handbuchs der Humangenetik. Er war zudem Mitbegründer und Mitherausgeber der Zeitschrift Humangenetik (1964, 1976 in Human Genetics umbenannt), die eine Fortsetzung der von Günther Just (dieser prägte den Begriff „Humangenetik“) und Karl Heinrich Bauer herausgegebenen Zeitschrift für menschliche Vererbungs- und Konstitutionslehre darstellt,<ref>Ute Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 3). Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-88479-932-0 (Zugleich: Dissertation Würzburg 1995), S. 176.</ref> und maßgeblich am Aufbau der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik beteiligt. 1988 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Ulm.

Nach ihm war der Peter-Emil-Becker-Preis benannt, der seit 1998 in Göttingen jährlich für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Neuropädiatrie vergeben wurde. 2015 lehnte die niederländische Neuropädiaterin Linda de Vries die Annahme des Preises unter diesem Namen ab. Kurz vorher war ein Beitrag in dem American Journal of Medical Genetics erschienen, in dem Becker eine Nähe zu Herbert Linden und rassenhygienischen Ansichten unterstellt wurden.<ref>Frank Hill: Dr. Peter Emil Becker and the Third Reich. In: American Journal of Medical Genetics Part A. Vol. 161, Issue 8, August 2013.</ref> Die Grundlagen für diese Vorwürfe hielten einer späteren wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand.<ref>Tilman Becker: Dr. Peter Emil Becker and the Third Reich: Correspondence. In: American Journal of Medical Genetics Part A. Vol. 197, Issue 4, April 2025, doi:10.1002/ajmg.a.63955.</ref> Im Gegenteil, es zeigte sich, dass Becker alle rassenhygienischen Überlegungen gerade auch in seiner Zeit der Zusammenarbeit mit Fritz Lenz sorgfältig vermieden hat. Die Gesellschaft für Neuropädiatrie (gnp) hatte Becker 1982 zum Ehrenmitglied ernannt und beschloss wegen der Verweigerung der Annahme des Preises, den Preis in „Ehrenpreis der Gesellschaft für Neuropädiatrie“ (englisch Honorary Award of the German Society of Child Neurology) umzubenennen.

In der historischen Einordnung wird Peter Emil Becker als ein opportunistischer NS-Mitläufer betrachtet, der der SA und NSDAP beigetreten ist, um seine wissenschaftliche Karriere zu fördern und nicht aus nationalsozialistischer Überzeugung.<ref>Lawrence A. Zeidman, Daniel Kondziella: Peter Becker and his Nazi past: the man behind Becker muscular dystrophy and Becker myotonia (Abstract). In: PubMed. National Library of Medicine, 2013, abgerufen am 24. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> In einer Untersuchung der Vergangenheit der Ehrenmitglieder im Auftrag der Gesellschaft für Neuropädiatrie fällt das Urteil über Becker ambivalent aus.<ref>Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg: Zu viel der Ehre? Ehrenmitglieder der DGN von 1954 bis 1982. In: Der Nervenarzt. Vol. 91, Supplement 1, 2020, doi:10.1007/s00115-019-00850-7.</ref> Positiv wird herausgehoben, dass während viele seiner Zeitgenossen zu ihrer eigenen Biographie im Nationalsozialismus schwiegen, Becker sich in einem biographischen Beitrag mit seiner Mitgliedschaft in der SA und der Zusammenarbeit mit Fritz Lenz auseinandersetzte.<ref>Peter Emil Becker: Living History Biography: Peter Emil Becker. In: American Journal of Medical Genetics. Vol. 20, Issue 4, April 1985, doi:10.1002/ajmg.1320200416.</ref> Allerdings verschwieg er die Mitgliedschaft in der NSDAP. Positiv wird auch herausgehoben, dass Becker sich in zwei umfangreichen Werken mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus und dessen Herkunft und Wirkung auseinandersetze. Allerdings wird kritisch hinterfragt, ob Becker über die notwendige historische Distanz zu dem historischen Gegenstand verfüge.<ref></ref> Außerdem tendiere er mit den beiden späten Nachkriegswerken "Wege ins Dritte Reich" dazu, den Beitrag der humanbiologischen Wissenschaften zu Rassismus, Eugenik und Antisemitismus sowie ihre Verstrickungen in die NS-Verbrechen zu relativieren.<ref>Benoît Massin: Anthropologie und Humangenetik im Nationalsozialismus oder: Wie schreiben deutsche Wissenschaftler ihre eigene Wissenschaftsgeschichte? In: Heidrun Kaupen-Haas, Christian Saller (Hrsg.): Wissenschaftlicher Rassismus. Analysen einer Kontinuität in dern Human- und Naturwisschaften. Campus Verlag, Frankfurt a. Main 1999, ISBN 3-593-36228-7.</ref>

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Dystrophia musculorum progressiva. 1953.
  • Neue Ergebnisse der Genetik der Muskeldystrophien. In: Acta genetica et statistica medica. 7, (Basel) 1957, S. 303.
  • als Hrsg.: Humangenetik. Ein kurzes Handbuch in 5 Bänden. Thieme, Stuttgart 1964–1972.
  • Paramyotonia congenita. 1970.
  • Myotonia congenita. 1977.
  • Zur Geschichte der Rassenhygiene. Wege ins Dritte Reich. Thieme, Stuttgart 1988, ISBN 3-13-716901-1.
  • Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und Völkischer Gedanke (= Wege ins Dritte Reich. Band 2). Thieme, Stuttgart / New York 1990, ISBN 3-13-736901-0.

Literatur

  • Becker, Peter Emil. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Auflage. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 69.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein