KZ Boizenburg
Das KZ Boizenburg war ein Außenlager des KZ Neuengamme bei Boizenburg/Elbe. Es bestand von August 1944<ref>Michael Buddrus (Hrsg.): Mecklenburg im Zweiten Weltkrieg. Die Tagungen des Gauleiters Friedrich Hildebrandt mit den NS-Führungsgremien des Gaues Mecklenburg 1939–1945. Eine Edition der Sitzungsprotokolle. Edition Temmen, Bremen 2009, S. 971 (Anmerkung Nr. 21).</ref> bis zum 28. April 1945.
Geschichte
Im Frühjahr 1944 wurde ein seit Anfang der 1940er-Jahre auf dem Elbberg bestehendes Barackenlager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf seine Tauglichkeit zur Häftlingsunterbringung geprüft.<ref>Friedrich Stamp: Zwangsarbeit in der Metallindustrie 1939–1945. Das Beispiel Mecklenburg-Vorpommern. In: Otto Brenner Stiftung (Hrsg.): Arbeitsheft Nr. 24. Berlin 2001, S. 70, <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Digitalisat ( des Vorlage:IconExternal vom 2. April 2015 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF); abgerufen am 1. Juni 2017.</ref> Im Frühsommer 1944 wurde auf diesem Gelände das KZ-Außenlager Boizenburg errichtet.
Das Lager umfasste vier Unterkunftsbaracken in Holzbauweise, eine Küchenbaracke in Massivbauweise, eine Waschbaracke und kleine Nebengebäude (Krankenrevier, Verwaltung) in Holzbauweise sowie einen Wachturm. Die genaue Lage der Baracken und Nebengebäude lässt sich anhand einer Skizze von Augenzeuginnen aus dem Jahr 1946 nachvollziehen.<ref>Lageplan des KZ-Außenlagers Boizenburg. (PDF; 331 KB) In: offenes-archiv.de. Abgerufen am 8. Januar 2018.</ref>
Im August 1944 wurden 400 arbeitsfähige Jüdinnen, die zumeist aus Ungarn stammten und im Frühjahr 1944 aus ihren Heimatorten vertrieben und in verschiedenen Ghettos eingesperrt worden waren, vom KZ Auschwitz-Birkenau nach Boizenburg gebracht.<ref name="wiesel">Wiesel, Elie, et al.: NEUENGAMME SUBCAMP SYSTEM – The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Volume I: Early Camps, Youth Camps, and Concentration Camps and Subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA), edited by Geoffrey P. Megargee, Indiana University Press, 2009, S. 1079–186. JSTOR, abgerufen am 10. August 2022</ref> Der unter unmenschlichen Bedingungen durchgeführte Transport dauerte drei Tage, in denen die Frauen und jungen Mädchen weder ausreichend Nahrung noch Wasser bekamen. Auch junge Jüdinnen aus Rumänien und der Tschechoslowakei wurden in Boizenburg inhaftiert.<ref>vgl. Interviews von im KZ-Außenlager Boizenburg inhaftierten Zeitzeuginnen</ref>
Die weiblichen KZ-Häftlinge wurden nach ihrer Ankunft zur Zwangsarbeit in der Werft Thomsen & Co eingesetzt. Dort mussten sie in Zwölf-Stunden-Schichten, auch in der Nacht, gemeinsam mit Kriegsgefangenen und zivilen Arbeitern Teile für Flugzeuge und Schiffe produzieren bzw. Kriegsschiffe montieren und Flugzeuge reparieren, dazu gehörten auch Schweiß- und Bohrarbeiten.<ref name="wiesel" /> Dabei trugen die mangelernährten Frauen keine entsprechende Schutzkleidung und erlitten oftmals schwere Verletzungen. Zudem waren sie ständig den Schikanen und Misshandlungen der zumeist weiblichen SS-Wachmannschaft ausgesetzt.<ref name="Fricke">Katrin Fricke: Am 28. April begann der Todesmarsch. In: svz.de. 28. April 2015; abgerufen am 3. Juni 2017.</ref> Nach der Einstellung der Arbeiten bei Thomsen & Co im März 1945 auch infolge der zunehmenden Luftangriffe der Alliierten, wurden die KZ-Insassinnen zur Beseitigung von Bombenschäden infolge der Tieffliegerangriffe im Boizenburger Hafen und in den Industriebetrieben eingesetzt.<ref name="Benz">Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5, C.H. Beck, München 2007, S. 356 f.</ref><ref name="wiesel" />
Am 8. März 1945 befanden sich im Lager 399 Insassinnen.<ref>Häftlingsliste des KZ Außenlager Boizenburg vom 8. März 1945. In: offenes-archiv.de. Abgerufen am 8. Januar 2018.</ref> Angesichts der heranrückenden Frontlinie ließ die SS das Lager in den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 evakuieren.<ref name="Fricke" /> Dies bedeutete Abtransport oder Massenmord der Häftlinge, bevor alliierte Truppen das Lagergebiet erreichen. Die SS trieb die Frauen in Richtung des KZ-Außenlagers Neustadt-Glewe, ein Außenlager des KZ Ravensbrück. Dort wurde ihnen jedoch aus Furcht vor einem Ausbruch von Typhus der Zutritt verweigert.<ref name="Benz" /> Daraufhin mussten die Frauen weiter in Richtung des KZ-Auffanglagers Wöbbelin laufen. Eine Einheit der 82nd US Airborne Division befreite sie am 2. Mai 1945 in der Nähe von Groß Laasch.<ref>Frauenaußenlager Boizenburg. In: kz-gedenkstaette-neuengamme.de. Abgerufen am 8. Januar 2018.</ref> Nach dem Krieg wurde eine SS-Aufseherin des KZ Außenlagers Boizenburg festgenommen und 1948 zu einer Haftstrafe verurteilt.<ref>Frank Keil: Gedenkstätte Elbberg in Boizenburg: Schnittstelle zweier Diktaturen. In: taz.de. 2. August 2011; abgerufen am 3. Juni 2017.</ref><ref>Friedrich Stamp: Zwangsarbeit in der Metallindustrie 1939–1945. Das Beispiel Mecklenburg-Vorpommern. In: Otto Brenner Stiftung (Hrsg.): Arbeitsheft Nr. 24. Berlin 2001, S. 120, <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Digitalisat ( des Vorlage:IconExternal vom 2. April 2015 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF); abgerufen am 1. Juni 2017.</ref><ref>Aussage Oberaufseherin über Lagerstruktur und Lagerleitung, BtSU, MfS BV, Ast. 73/74, Blatt 9 und 35.</ref>
Der Lagerkomplex wurde in den Nachkriegsjahren als Unterkunft für Kriegsflüchtlinge und Vertriebene genutzt. Im Verlauf des Jahres 1956 wurden die Holzbaracken abgerissen. Der massive Küchenkeller, der vom Abriss verschont blieb, diente fortan der Elbewerft als Lagerraum.
Gedenkstätten
Am 3. Oktober 1969 wurde das Denkmal, das vom ehemaligen Boizenburger Bürgermeister und Künstler Günther Zecher (1929–2013)<ref>Knuth Wolfgramm (Hrsg.): Jeder Mensch ein Künstler (Beuys). 200 Jahre Boizenburger bildende Künstler. Neuer Hochschulschriftenverlag, Rostock 1998, ISBN 978-3-929544-71-8, S. 38 f.</ref> entworfen wurde, unterhalb des ehemaligen KZ-Lagergeländes eingeweiht. Das Denkmal wurde in der Nacht zum 8. Mai 2008 geschändet.<ref>Mathias Brodkorb: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Hakenkreuze auf Ehrenmal für KZ-Häftlinge. ( des Vorlage:IconExternal vom 14. September 2017 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. In: Endstation Rechts. 13. Mai 2008; abgerufen am 8. Januar 2018.</ref> Im Zuge der Wiederherstellung wurde die den oberen Abschluss bildende Opferschale entfernt und die Gedenktafel erneuert.
Anfang der 1990er-Jahre wurde die auf dem ehemaligen Lagergelände noch im Originalzustand erhaltene Küchenbaracke unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2000 beherbergt sie das Elbbergmuseum Boizenburg mit einer ständigen Ausstellung über das KZ-Außenlager.
Siehe auch
Literatur
- Ilse Ständer: Das Außenlager Boizenburg des KZ Neuengamme. Heimatmuseum Boizenburg, Boizenburg 1996.
- Hans Ellger: Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien, die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslager Neuengamme. Metropol Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-938690-48-2, S. 128, S. 145, S. 304.
- Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8, S. 355 ff.
- Marc Buggeln: Das System der KZ-Außenlager: Krieg, Sklavenarbeit und Massengewalt. Gesprächskreis Geschichte Heft Nr. 95. (Hrsg.) Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, ISBN 978-3-86498-090-9, Bonn 2012, Digitalisat (PDF; 5,7 MB); abgerufen am 4. Juni 2017
Weblinks
- Frauenaußenlager Boizenburg. Abgerufen am 8. Januar 2018.
- Offenes Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Abgerufen am 8. Januar 2018.
- Verzeichnis der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos. Abgerufen am 8. Januar 2018.
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 53° 22′ 30,3″ N, 10° 41′ 54,5″ O
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