Lily Hildebrandt
Lily Hildebrandt, geborene Lily Uhlmann (geboren 16. Oktober 1887 in Fürth; gestorben 3. September 1974 in Stuttgart) war eine deutsche Malerin, Grafikerin, Kunsthandwerkerin, Glasmalerin und Fotografin.<ref>HILDEBRANDT, LILY – Biografie. In: Das Verborgene Museum. Abgerufen am 17. August 2025.</ref><ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979 (Acc. 850676). In: Getty Research Institute. Februar 2023, abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Leben
Lily Uhlmann entstammte einer großbürgerlichen jüdischen Familie; ihr Vater Sebastian Uhlmann war Direktor der Berliner Union-Werke Mannheim–Berlin. Die Eltern wurden 1908 konfessionslos, Lily wurde evangelisch getauft.<ref>HILDEBRANDT, LILY – Biografie. In: Das Verborgene Museum. Abgerufen am 17. August 2025.</ref> Am 26. April 1908 heiratete sie den Kunsthistoriker Hans Hildebrandt; 1914 wurde der gemeinsame Sohn Rainer geboren.<ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref><ref name="DVM">HILDEBRANDT, LILY – Biografie. In: Das Verborgene Museum. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Hildebrandt unterstützte die wissenschaftliche Arbeit ihres Mannes vielfach organisatorisch und mit Recherchen; 1928 veröffentlichte Hans Hildebrandt Die Frau als Künstlerin. Der Beitrag von Lily Hildebrandt zur Materialsammlung wird in der jüngeren Presseberichterstattung hervorgehoben.<ref>Sonja Eismann: Unbeachtete Heldinnen der Moderne: Jüdische Designerinnen und ihr Widerstand. In: der Freitag. 17. August 2025, abgerufen am 17. August 2025.</ref>
1919 lernte sie Walter Gropius anlässlich einer Werkbund-Tagung in Stuttgart persönlich kennen; aus der zunächst engen Beziehung entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, die sich in umfangreicher Korrespondenz niederschlug.<ref name="DVM"/><ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979 – Korrespondenz u. a. mit Walter Gropius. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Künstlerische Laufbahn
Uhlmann studierte seit 1905/06 an der privaten Malschule von Adolf Meyer in Berlin und war 1907 Teilnehmerin des Sommer-Kurses von Adolf Hölzel in Dachau (u. a. mit Ida Kerkovius).<ref name="DVM"/> 1911 zog das Ehepaar nach Stuttgart, wo Hans Hildebrandt Privatdozent wurde. Lily Hildebrandt studierte vom Sommersemester 1911 bis Wintersemester 1912/13 an der Königlich Württembergischen Kunstschule und wurde im Herbst 1912 Meisterschülerin Hölzels.<ref name="DVM"/>
Das Haus der Familie in der Gerokstraße entwickelte sich zu einem Treffpunkt der Stuttgarter Moderne (u. a. Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister).<ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979 – Biographical/Historical Note. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Früh zeigte Hildebrandt auf Ausstellungen: 1913 beteiligte sie sich an der Juryfreien Kunstschau im Berliner Sezessionshaus,<ref>Juryfreie Kunstschau. 4. Ausstellung (1913) – Eintrag zu Lily Hildebrandt. In: Database of Modern Exhibitions (DoME), Universität Wien. Abgerufen am 17. August 2025.</ref> 1914 stellte sie im Kunsthaus Schaller (Stuttgart) aus.<ref name="DVM"/> 1918 erschien ihr von ihr illustriertes Kinderbuch Klein-Rainers Weltreise (Dietrich, München).<ref>Lily Hildebrandt: Klein-Rainers Weltreise (1918). In: Ketterer Kunst (Auktionseintrag). 21. November 2016, abgerufen am 17. August 2025.</ref> Ab 1918 entstanden Hinterglasbilder; 1927 widmete ihr die Berliner Galerie Fritz Gurlitt eine erste Einzelausstellung mit Hinterglasarbeiten, 1931 folgte eine Ausstellung im Kunsthaus Schaller (Stuttgart).<ref name="DVM"/>
Berufsverbot und NS-Zeit
Nach 1933 erhielt Hildebrandt Berufsverbot als Journalistin; ihr Werk wurde in der NS-Presse nicht mehr besprochen.<ref name="DVM"/> Am 3. April 1934 wurde ihr Gesuch um Aufnahme in die Reichskammer der Bildenden Künste abgelehnt; damit war sie auch als Malerin und Grafikerin ausgeschlossen.<ref name="DVM"/> 1936 ermöglichte Walter Gropius ihre Teilnahme an einer Ausstellung der Modern Gallery in London.<ref name="DVM"/> 1937 wurde Hans Hildebrandt wegen „jüdischer Versippung“ aus dem Lehrkörper der Technischen Hochschule Stuttgart entfernt.<ref name="DVM"/><ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979 – Auswirkungen nach 1933. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref> 1943 wurde der Sohn Rainer wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ verhaftet; Lily Hildebrandt gab 1944 ihre künstlerische Tätigkeit auf.<ref name="DVM"/>
Zum Schutz vor weiterer Verfolgung wurde Hildebrandts Herkunft behördlich überprüft; die Vorgänge sind in der Literatur zur TH Stuttgart dokumentiert.<ref></ref>
Nach 1945 kehrte Hans Hildebrandt an die Hochschule zurück; Lily Hildebrandt blieb eine feste Größe im Stuttgarter Kunstleben.<ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Nachlass, Rezeption und Würdigung
1961 war sie in der Ausstellung Hölzel und sein Kreis vertreten; postum widmeten ihr 1988 die Galerie Schlichtenmaier (Grafenau-Dätzingen) und 1997 Das Verborgene Museum (Berlin) Einzelausstellungen (in Kooperation mit dem Bauhaus-Archiv).<ref>Hans and Lily Hildebrandt papers – Collection record. In: Getty Research Institute. 19. Februar 2025, abgerufen am 17. August 2025.</ref><ref name="DVM"/> In den Beständen des Museum of Modern Art (New York) befindet sich – über die Sammlerin Katherine Dreier – das Hinterglasbild Springende Pferde.<ref name="DVM"/>
Ihr schriftlicher und fotografischer Nachlass (Korrespondenz, Pressedokumentation, Manuskripte) wird im Getty Research Institute (Los Angeles) verwahrt.<ref>Finding aid: Hans and Lily Hildebrandt papers, 1899–1979. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
2025 wurde Hildebrandts Biografie im Kontext der Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne im Jüdischen Museum Berlin erneut thematisiert; die Presse hob u. a. ihre Rolle als Netzwerkerin und Unterstützerin hervor.<ref>Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne (11.7.–23.11.2025). In: Jüdisches Museum Berlin. 10. Juli 2025, abgerufen am 17. August 2025.</ref><ref>Sonja Eismann: Unbeachtete Heldinnen der Moderne: Jüdische Designerinnen und ihr Widerstand. In: der Freitag. 17. August 2025, abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Ehrung
In Stuttgart-Stammheim ist im Neubaugebiet Langenäcker-Wiesert eine Straße nach Lily Hildebrandt benannt (Lily-Hildebrandt-Straße).<ref>Landeshauptstadt Stuttgart: Straßenbenennungen – Beschlussvorlage GRDrs 552/2018. 27. Juni 2018, abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Werke (Auswahl)
Gemälde
- Frauenkopf, 1912/1913
- Doppelporträt, um 1914
- Nacht im Park, o. J.
Hinterglasbilder
- Nächtliche Fahrt, 1921
- Die Brücke, 1921
- Gespensterhaus, 1926
Kinderbuch
- Klein-Rainers Weltreise, München 1918<ref>Lily Hildebrandt: Klein-Rainers Weltreise (1918). In: Ketterer Kunst. 21. November 2016, abgerufen am 17. August 2025.</ref>
Ausstellungen (Auswahl)
- 1913: Juryfreie Kunstschau, Berlin<ref>Juryfreie Kunstschau. 4. Ausstellung (1913) – Eintrag zu Lily Hildebrandt. In: DoME. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
- 1914: Kunsthaus Schaller, Stuttgart<ref name="DVM"/>
- 1920: Üecht-Gruppe Stuttgart, 2. Herbstschau Neuer Kunst<ref name="DVM"/>
- 1927: Galerie Fritz Gurlitt, Berlin (Einzelausstellung, Hinterglasbilder)<ref name="DVM"/>
- 1931: Kunsthaus Schaller, Stuttgart<ref name="DVM"/>
- 1936: Modern Gallery, London (auf Vermittlung Walter Gropius)<ref name="DVM"/>
- 1961: Hölzel und sein Kreis, Stuttgart<ref>Hans and Lily Hildebrandt papers – Collection record. In: Getty Research Institute. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>
- 1988: Lily Hildebrandt, 1887–1974, Galerie Schlichtenmaier, Schloss Dätzingen<ref name="DVM"/>
- 1997: Lily Hildebrandt, 1887–1974, Das Verborgene Museum, Berlin<ref name="DVM"/>
Literatur
- Hölzel und sein Kreis. Der Beitrag Stuttgarts zur Malerei des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 1961.
- Stuttgarter Sezession. 1923–32, 1947. Katalog. 2 Bände. Städtische Galerie Böblingen/Galerie Schlichtenmaier, Grafenau-Dätzingen 1987.
- Lily Hildebrandt. Katalog 72. Galerie Schlichtenmaier, Grafenau 1988. ISBN 3-89298-031-4.
- Das Verborgene Museum (Hrsg.): Lily Hildebrandt 1887–1974. Gemälde, Hinterglasbilder, Zeichnungen, Photographien. Berlin 1997, ISBN 3-929346-05-2.
- Edith Neumann: Künstlerinnen in Württemberg. 2 Bände, Stuttgart 1999.
- Carla Heussler: Hildebrandt, Lily. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 73, De Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-023178-6, S. 176.
- Carla Heussler: „Daß die Phantasie befehlen darf …“ Lily Hildebrandts Überleben am Abgrund. In: dies./Christoph Wagner (Hrsg.): Stuttgarter Kunstgeschichten. Regensburg 2022, S. 218–225.
- Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. München 2025 (Katalog zur Ausstellung JMB 2025).
Weblinks
- Lily Hildebrandt im Allgemeinen Künstlerlexikon
- Lily Hildebrandt in der Deutschen Biographie
- Eintrag zu Lily Hildebrandt in LEO-BW (mit Sterbedatum 3. September 1974)
- Hans & Lily Hildebrandt papers (Getty Research Institute)
- Künstlerinnenseite beim Das Verborgene Museum
- Das Porträt: Lily Hildebrandt, SWR Retro – Abendschau, 29. Oktober 1964
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hildebrandt, Lily |
| ALTERNATIVNAMEN | Uhlmann, Lily (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Malerin, Grafikerin, Kunsthandwerkerin, Glasmalerin und Fotografin |
| GEBURTSDATUM | 16. Oktober 1887 |
| GEBURTSORT | Fürth |
| STERBEDATUM | 3. September 1974 |
| STERBEORT | Stuttgart |