Urs Rohner
Urs Rohner (* 1. Dezember 1959 in Zürich; heimatberechtigt in Zürich und Zollikon) ist ein Schweizer Wirtschaftsjurist und Manager. Er war von 2011 bis 2021 Verwaltungsratspräsident der Grossbank Credit Suisse. Von 2000 bis 2004 war er Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Media.
Leben
Von 1978 bis 1983 studierte Rohner Rechtswissenschaften an der Universität Zürich.<ref name="NZZ 2015" /> Anschliessend war er von 1983 bis 1988 für die Zürcher Anwaltskanzlei Lenz & Staehelin und von 1988 bis 1989 für die New Yorker Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell tätig. Ab 1989 war er wieder bei Lenz & Staehelin beschäftigt,<ref name="Handelszeitung 2018">Stefan Barmettler: CS-Präsident Rohner: «Ständig mit Grund-Paranoia unterwegs». In: handelszeitung.ch. 9. Juni 2018, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref> von 1992 bis 1999 als Partner.<ref name="Handelsblatt.com" /><ref name="NZZ 2015">Urs Rohner: Präsident des Verwaltungsrates der Credit Suisse Group. NZZ Live, 9. April 2015, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref>
In Nachfolge von Georg Kofler wurde Rohner am 1. Februar 2000 Vorstandsvorsitzender von ProSieben.<ref>Urs Rohner – Pro Sieben Media AG. In: Handelszeitung, 31. Dezember 1999, abgerufen am 26. Oktober 2025.</ref> Unter Rohners Leitung fand unter anderem die Fusion von ProSieben und Sat.1 zur ProSiebenSat.1 Media AG statt.<ref name="Handelsblatt.com">Caspar Busse: Chef bei ProSieben: Urs Rohner – Der Mann, der alle Hürden locker nimmt. In: DWDL.de. 21. August 2000, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref> Von Oktober 2000 bis zum 30. April 2004 war er Vorstandschef der ProSiebenSat.1 Media AG.<ref>ProSiebenSat.1: Happy End für Rohner. In: manager-magazin.de. 16. September 2003, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref><ref>Urs Rohner: Bei ProSiebenSat.1 gestrauchelt. In: stern.de. 30. April 2004, abgerufen am 30. Mai 2022.</ref>
Ab 1. Juni 2004 gehörte Rohner als Group General Counsel und Leiter des Group Corporate Center der Geschäftsleitung der Credit Suisse Group an, von seinem Mentor, dem CS-Verwaltungsratspräsidenten Walter Kielholz, als künftiger CEO ausersehen.<ref name=":0">Res Strehle: Der gestrauchelte Hürdenläufer. In: Das Magazin. Zürich 19. November 2022.</ref> Bankchef Oswald Grübel warnte aber davor, einen Juristen ohne Erfahrung im Investment-Banking als seinen Nachfolger einzusetzen.<ref name=":1">Dirk Schütz: Schuld ohne Sühne. In: Bilanz. Oktober 2022 (bilanz.ch).</ref> Ab 2007 führte der amerikanische Investment-Banker Brady Dougan die Credit Suisse Group, und Rohner wechselte 2009 in den Verwaltungsrat, vorerst als Vizepräsident, da die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma den direkten Wechsel aus der Geschäftsleitung ins Verwaltungsratspräsidium nicht zuliess.<ref name=":0" /><ref name=":1" />
Am 29. April 2011 übernahm Rohner an der Generalversammlung der Credit Suisse Group vom abtretenden Hans-Ulrich Doerig das Vollamt des Verwaltungsratspräsidenten.<ref>Generalversammlung der Credit Suisse Group AG: Sämtliche Anträge des Verwaltungsrats angenommen. Urs Rohner folgt auf Hans-Ulrich Doerig als Verwaltungsratspräsident. Medienmitteilung vom 29. April 2011.</ref> Er musste also den CEO Brady Dougan beaufsichtigen, «ein Kardinalfehler aus dem Lehrbuch», wie der Journalist Dirk Schütz erkannte: Der Verwaltungsratspräsident war Chef eines Mannes, «dessen Job er selbst nicht bekommen hatte». Er hatte deshalb das von Dougan noch ausgebaute Investment-Banking mit seinen Risiken und seinen Boni nie im Griff.<ref name=":1" />
Die Credit Suisse Group überstand die Finanzkrise 2007/08 ohne Staatshilfe, aber sie geriet danach in der Amtszeit von Rohner aufgrund ihrer schwachen Aufsicht immer wieder in Skandale, ohne dass der Verwaltungsrat die Verantwortung dafür übernahm.<ref name=":2">Florian Schoop, André Müller: Der grosse Abwesende. In: Neue Zürcher Zeitung. 1. April 2023, abgerufen am 4. April 2023.</ref> 2014 musste die Credit Suisse in den USA wegen der Beihilfe zur Steuerhinterziehung eine Rekordbusse von 2.6 Milliarden Franken bezahlen. Rohner, der als Rechtschef seit 2004 die Verantwortung trug, sagte dazu in einem Interview mit dem Schweizer Radio: «Persönlich haben wir sicher eine weisse Weste. Eine andere Frage ist die der Bank.»<ref name=":2" />
2013 gewährte die Credit Suisse der Regierung von Mosambik einen Kredit von einer Milliarde Dollar für angebliche Entwicklungsprojekte, das Geld verschwand aber aufgrund von Korruption ergebnislos. Die Grossbank bezahlte wegen ihrer mangelnden Aufsicht eine Busse von 475 Millionen Dollar.<ref name=":0" /> Ab 2017 vertraute sie dem australischen Geschäftsmann Lex Greensill, der mit seinen Fonds Lieferketten finanzierte. Vier dieser Fonds mit insgesamt zehn Milliarden Dollar an Kundengeldern musste die Grossbank im März 2021 schliessen. Die Rechtsstreitigkeiten um die Verluste laufen immer noch, die Finma rügte die Bankführung nach dem Abschluss ihres Verfahrens am 28. Februar 2023 scharf.<ref>FINMA schliesst "Greensill"-Verfahren gegen Credit Suisse ab. Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA), 28. Februar 2023, abgerufen am 4. April 2023.</ref> Und Anfang 2021 verliess sich die Grossbank auf den vorbestraften südkoreanischen Investor Bill Hwang, der mit seinem Hedge-Fund Archegos in New York gewaltige Wetten an der Börse einging. Wenige Wochen später brach der Fonds nach einem Rekordverlust von zehn Milliarden Dollar innert zehn Tagen zusammen. Weil die Credit Suisse das Risiko als letzte Bank erkannte, verlor sie fünf Milliarden Dollar.<ref name=":2" />
An der virtuell durchgeführten Generalversammlung 2021 verzichtete der Verwaltungsrat deshalb darauf, die Décharge-Erteilung zu traktandieren. Sie wurde an der Generalversammlung 2022 mit 60 Prozent der Stimmen abgelehnt, der Verwaltungsrat könnte deshalb immer noch zur Verantwortung gezogen werden.<ref>CS-Aktionäre lehnen Décharge-Erteilung ab. In: Finanz und Wirtschaft. 29. April 2022, abgerufen am 26. Oktober 2025.</ref> Rohner sagte an der Generalversammlung 2021 als abtretender Verwaltungsratspräsident dazu nur: «Wir haben unsere Kundinnen und Kunden enttäuscht. Und dies leider nicht zum ersten Mal. Dafür entschuldige ich mich.»<ref name=":2" />
In seiner zwölfjährigen Amtszeit als oberster Verantwortungsträger der Grossbank bezog Rohner 53 Millionen Franken, davon 26 Prozent, den geringsten Anteil aller Verwaltungsratsmitglieder, in Aktien, wie das Wirtschaftsmagazin Bilanz errechnete. Derweil sank der Aktienkurs von fast 60 unter 10 Franken.<ref name=":1" /> Als kurzzeitiger Verwaltungsratspräsident folgte auf ihn António Horta-Osório, früherer CEO der Lloyds Banking Group.<ref>Credit Suisse nominiert Antonio Horta-Osorio als Präsidenten. Schweizer Radio und Fernsehen, 1. Dezember 2020, abgerufen am 26. Oktober 2025.</ref>
Rohner zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und gab nur dem Journalisten Res Strehle im Herbst 2022 ein Interview, aus dem jedoch nicht zitiert werden durfte.<ref name=":0" /> Er führt die Consulting-Firma U. Rohner & Co. AG im Zürcher Seefeld<ref>Marc Bürgi: Urs Rohner macht sich als Berater selbstständig. In: Cash. 2. Juli 2021, abgerufen am 4. März 2024.</ref> und gründete den Start-up Vega Cyber Associates, der Lösungen für Cyber-Security entwickelt,<ref name=":1" /> sowie mit dem Goldhändler Ashraf Rizvi die Gilded Switzerland AG für «die Abwicklung von Geschäften im Bereich des Kaufs und Verkaufs von physischen Edelmetallen und die Erbringung von damit zusammenhängenden Dienstleistungen».<ref>Harry Büsser: Urs Rohner: Der Ex-Credit-Suisse-Präsident handelt jetzt mit Gold. In: Handelszeitung. 8. September 2023, abgerufen am 3. März 2024.</ref> Diese Firma, mit Rohner im Verwaltungsrat, firmiert jetzt als Gilded Switzerland AG in Liquidation.<ref>Harry Büsser: Urs Rohner: Der Ex-CS VR-Präsident verschwindet von der Website eines Schweizer Goldhändlers. In: Handelszeitung. 11. September 2023, abgerufen am 4. März 2024.</ref><ref>Gilded Switzerland AG in Liquidation. Moneyhouse, abgerufen am 4. März 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Aus dem «vernichtenden Urteil über Rohners Präsidialzeit» in den Untersuchungsberichten der Finma zu den Verlusten bei Archegos und zur Beschattungsaffäre um den ehemaligen CS-Banker Iqbal Khan schliesst der Bilanz-Chefredaktor Dirk Schütz, ohne Verschleppung der Verfahren hätte die Finma ein Berufsverbot aussprechen können: «Als sicher darf gelten: Im Bankgeschäft wird Rohner nicht mehr auftauchen.»<ref name=":1" />
Mandate
Rohner hat bzw. hatte verschiedene Mandate inne:<ref name="CV-CS">Urs Rohner auf der Website der Credit Suisse, abgerufen am 7. April 2021 (Archiv).</ref>
- Mitglied des International Advisory Board von Investcorp in Bahrain (seit 2021)<ref>Ex-CS-Präsident Urs Rohner berät nun Investoren vom arabischen Golf. In: Handelszeitung, 13. Juli 2021, abgerufen am 26. Oktober 2025.</ref>
- Mitglied des Security Advisory Council des World Jewish Congress (seit 2023)<ref>Arthur Rutishauser: Die heikle Doppelrolle von Urs Rohner. In: Tages-Anzeiger, 14. August 2025, 26. Oktober 2025.</ref>
- Lucerne Festival, früheres Mitglied des Stiftungsrats (bis 2023)
- GlaxoSmithKline plc, früheres Mitglied des Verwaltungsrats (bis 2024)
- Schweizerisches Institut für Auslandforschung, früheres Mitglied des Kuratoriums
- Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich, Mitglied des Beirats
Von 2005 bis 2014 war er Mitglied des Verwaltungsrats des Opernhauses Zürich. Als Präsident der Credit Suisse übte er folgende Ämter aus (Stand 7. April 2021):<ref name="CV-CS"/>
- Schweizerische Bankiervereinigung, Vizepräsident
- Swiss Finance Council, Mitglied des Vorstands<ref>Ermes Gallarotti: Standbein in Brüssel. UBS und Credit Suisse gründen Swiss Finance Council. In: Neue Zürcher Zeitung, 28. November 2013.</ref>
- Institute of International Finance, Mitglied des Verwaltungsrats
- European Banking Group, Mitglied
- European Financial Services Roundtable, Mitglied
Persönliches
1981 und 1982 wurde Rohner Schweizermeister im 110-Meter-Hürdenlauf.<ref name="Handelsblatt.com" /> Er ist mit Nadja Schildknecht liiert und hat mit ihr einen gemeinsamen Sohn (* 2008). Aus einer Ehe hat er drei Kinder.<ref>Erik Nolmans: Credit Suisse: Der Aufsteiger. In: Bilanz, 23/2010 vom 17. Dezember 2010, abgerufen am 26. Oktober 2025.</ref> Er wohnt in Zumikon.<ref>Dirk Schütz: Ex-CS-Chefs: Wo sind sie jetzt? In: Bilanz, 22. Februar 2024, abgerufen am 26. Oktober 2025.</ref> Rohner wurde in den Club zum Rennweg in Zürich aufgenommen.<ref>Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schilliger: Wie Reiche denken und lenken. Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche. 2. Auflage. Rotpunktverlag, Zürich 2010, ISBN 978-3-85869-428-7, S. 105.</ref>
Literatur
- Urs Rohner im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Dirk Schütz: Urs Rohner und die Schuld am CS-Desaster. In: Bilanz, 4. Oktober 2022.
- Res Strehle: Was macht eigentlich Urs Rohner? In: Das Magazin, 19. November 2022 (online).
Weblinks
- Publikationen von und über Urs Rohner im Katalog Helveticat der Schweizerischen Nationalbibliothek
- Porträt Urs Rohner auf der Website der Credit Suisse (Archiv).
- Eveline Kobler: Credit Suisse – Urs Rohner und das Vermächtnis der «weissen Weste». In: Schweizer Radio und Fernsehen vom 6. April 2021.
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Rohner, Urs |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Wirtschaftsjurist und Manager |
| GEBURTSDATUM | 1. Dezember 1959 |
| GEBURTSORT | Zürich |