Thomas Oberender
Thomas Oberender (* 11. Mai 1966 in Jena)<ref name="Munz">Thomas Oberender im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)</ref> ist ein deutscher Autor und Dramaturg.
Werdegang
Ausbildung
Thomas Oberender ist Sohn einer Psychoanalytikerin und eines Tierarztes. Im DDR-System absolvierte er neben des Besuchs eines Gymnasiums eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur. Drei Jahre besuchte er zudem ein Internat in Weimar, wo er Kontakte zum Nationaltheater Weimar aufbaute. Nach dem Abitur 1985 diente er drei Jahre der Nationalen Volksarmee. Im Anschluss studierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin Theaterwissenschaften und parallel an der Universität der Künste Berlin Szenisches Schreiben. An der Humboldt-Universität promovierte er 1999 mit einer Arbeit über Botho Strauß.<ref name="Munz" />
Salzburger Festspiele (2007–2011)
Von 2007 bis 2011 leitete Oberender das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele.<ref name="Munz" /> Er öffnete das Schloss Leopoldskron wieder für Festspielproduktionen<ref>Jürgen Flimm patzte. In: Salzburger Nachrichten, 29. August 2006.</ref> und war unter anderem verantwortlich für die Programmreihen Dichter zu Gast,<ref>Die Magazin-Herausgeberin. In: Die Presse, 28. Juli 2007.</ref> Blicke ins innere Österreich sowie Young Directors Project.<ref>Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.</ref> Im Zuge seiner Beschäftigung kam es zu Auseinandersetzungen mit dem dortigen Intendanten Jürgen Flimm. Oberender bezeichnete Flimm als Despot, Flimm nannte die Vorwürfe haltlose Diffamierungen.<ref name="spiegel.de">Wolfgang Höbel: Der Vulkan spuckt noch Rauch. In: spiegel.de. 25. Januar 2009, abgerufen am 10. Februar 2022.</ref>
Berliner Festspiele (2012–2020)
Von 2012 bis 2020 war Oberender Intendant der Berliner Festspiele.<ref>Intendant Thomas Oberender verlässt Festspiele. In: Heilbronner Stimme, 18. Juni 2021.</ref> In dieser Funktion leitete er seit 2016 die von ihm gegründete Programmreihe Immersion.<ref>„Mich interessiert nur noch, was mir Angst macht“ (Abschnitt Zur Person). In: Berliner Zeitung, 30. September 2021.</ref> Oberender regte die Entstehung der interdisziplinären Formate Schule der Distanz (2016),<ref>Ingeborg Ruthe: Das Leben ist ein Warteraum. In: Berliner Zeitung, 18. November 2016.</ref> Limits of Knowing (2017)<ref>Eva Biringer: Der Wow-Effekt hält sich in Grenzen – Nichts berührt beim Berliner Festival „Immersion“ so sehr wie die Mausoleen von Rimini Protokoll in der Installation „Nachlass“. In: Badische Zeitung, 28. Juli 2017.</ref> und Into Worlds – Das Handwerk der Entgrenzung (2018)<ref>Lorina Speder: Besser mit Brille. In: Die Tageszeitung. 19. Januar 2018, abgerufen am 26. November 2022.</ref> an. Die von ihm in Kooperation mit dem Planetarium Hamburg konzipierte Reihe The New Infinity<ref>Das Planetarium zeigt jetzt Kunst. In: Hamburger Abendblatt, 26. Oktober 2018.</ref> öffnete seit 2018 Planetarien für Künstler des digitalen Zeitalters.<ref>Mann der Festspiele und neuer Formate. In: Lübecker Nachrichten, 2. August 2020.</ref> 2018 konzipierte Oberender mit Tino Seghal die Ausstellung Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren.<ref>Berliner Festspiele: Gropius Bau - Welt ohne Außen. Abgerufen am 11. Februar 2020.</ref> Ebenfalls 2018 berief er, zusammen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Stephanie Rosenthal zur neuen Direktorin des Martin Gropius Baus in Berlin.<ref>Marcus Woeller: „Als erstes habe ich für mehr Licht gesorgt“. In: Die Welt. 26. März 2018, abgerufen am 26. November 2022 (Interview von Marcus Woeller mit Stephanie Rosenthal).</ref> 2019 konzipierte Oberender gemeinsam mit weiteren Kuratoren den Palast der Republik im Gropius-Bau als einen „Palast der Gegenerzählungen“<ref>Wolfgang Höbel: DDR-Ufo im Berliner Westen gelandet. In: Spiegel Online. 9. März 2019, abgerufen am 26. November 2022.</ref> anlässlich des dreißigsten Jubiläums der Maueröffnung. Oberender arbeitete im Rahmen seiner Tätigkeit für die Berliner Festspiele mit Künstlern wie Ed Atkins,<ref>Doris Meierhenrich: In den Schachteln. In: Berliner Zeitung, 4. Oktober 2017.</ref> Vegard Vinge/Ida Müller,<ref>Ulrich Seidler: Berlin trippelt. Die Auswahl des 55. Theatertreffens steht: Triumph für Castorf, Vinge/Müller und Ostermeier. In: Berliner Zeitung, 31. Januar 2018.</ref> Jonathan Meese,<ref>Sebastian Bauer: Jonathan Meese zeigt seinen „Parsifal“ in Berlin. In: B.Z., 12. Mai 2017.</ref> Ilya Khrzhanovsky<ref>Boris Pofalla: Der Kampf geht weiter. In: Die Welt. 22. September 2018, abgerufen am 26. November 2022.:</ref> und Philippe Parreno<ref>Nicola Kuhn: Ausstellung von Philippe Parreno: Hefezellen an die Macht. In: Der Tagesspiegel. 24. Mai 2018, abgerufen am 26. November 2022.</ref> zusammen.
Während einer Aufführung des Theaterstückes 89/90 durch das Schauspiel Leipzig sorgte Oberender 2017 offenbar kurzfristig für die Streichung des Wortes „Neger“, das ein Neonazi sowohl in Peter Richters Romanvorlage wie auch in der Bühnenfassung benutzt und von der Hauptfigur kritisiert wird. Ein Schauspieler sagte statt des Wortes „beep“ (Anspielung auf Bleeping).<ref>Barbara Behrendt: Das „N-Wort“ polarisiert das Theater. In: Deutschlandfunk Kultur. 3. Juni 2017, abgerufen am 4. Februar 2022.</ref> Regisseur Roger Vontobel sprach daraufhin von Zensur.<ref>Barbara Behrendt: „Theater ist ständiges Hinterfragen“. In: Die Tageszeitung. 19. Juni 2017, abgerufen am 4. Februar 2022.</ref>
Von Dezember 2021 bis Mai 2022 berichteten verschiedenen Medien über von Mitarbeitern der Berliner Festspiele geäußerte Kritik am Führungsverhalten Oberenders sowie von Arbeitsüberlastung der Mitarbeiter.<ref>Nathalie Daiber, Tina Friedrich: Toxische Führungskultur: Vorwürfe gegen Berliner Star-Intendanten. In: tagesschau.de. 16. Dezember 2021, abgerufen am 16. Dezember 2021.</ref><ref name="ReferenceA"> Wolfgang Höbel, Hannah Pilarczyk: Das Drama der Achtsamkeit. In: Der Spiegel, 30. April 2022.</ref><ref>Nathalie Daiber, Tina Friedrich: Schlaflosigkeit, Dauerstress, Gewichtsverlust. In: rbb-online.de. 16. Dezember 2021, abgerufen am 4. Februar 2022.</ref> Oberender bestritt die Vorwürfe; über den Betriebsrat hätten ihn nie Beschwerden über seinen Führungsstil erreicht, zudem wäre er bei Überlastungen nicht untätig gewesen.<ref name="ReferenceA" /> In der Folge wurde ein kurz zuvor mit ihm und den Berliner Festspielen geschlossener fünfjähriger Vertrag gekündigt.<ref>deutschlandfunkkultur.de: Der Fall Thomas Oberender - Wegschauen und versäumte Kontrolle. 16. Dezember 2021, abgerufen am 16. September 2025.</ref>
Weitere Tätigkeiten
Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitete Oberender zunächst freiberuflich als Dramatiker, Kritiker, Essayist und Publizist.<ref>Christiane Hoffmans: Wenn sich der Mond verfinstert. Nach der Wende begann das künstlerische Leben von Thomas Oberender aus Jena. In Bochum hatte jetzt sein neues Stück Premiere. In: Welt am Sonntag (NRW Kultur), 23. Dezember 2001.</ref> Als Mitbegründer der Autorentheatervereinigung Theater neuen Typs (TNT) präsentierte er gemeinsam mit anderen ab 1997 neue Theatertexte deutschsprachiger Autoren in Berlin.<ref name="WZ05">Schauspielchef mit literarischer Perspektive: In: Wiener Zeitung, 7. Mai 2005.</ref><ref>Petra Kohse: Im Dickicht der Stücke. In: Die Tageszeitung. 12. September 1998, abgerufen am 26. November 2022.</ref> Ferner übernahm Oberender Lehraufträge, unter anderem an der Universität der Künste Berlin, der Ruhr-Universität Bochum und am Goethe-Institut Krakau.<ref name="SN-05">Zur Person – Thomas Oberender. In: Salzburger Nachrichten, 6. Mai 2005.</ref> Ab 2000 wirkte er als Leitender Dramaturg am Schauspielhaus Bochum.<ref name="WZ05" /> Für die Ruhrtriennale entwickelte er das Literaturfestival „Wiedererrichtung des Himmels“,<ref>Kulturhighlights. In: Welt am Sonntag (NRW-Ausgabe), 21. März 2004.</ref> gefolgt von dem Literaturfestival Schule der Romantik (2005).<ref>RuhrTriennale 2005–2007 – Schule der Romantik. Abgerufen am 10. Februar 2020.</ref> Er übernahm die Co-Direktion am Schauspielhaus Zürich für die Spielzeit 2005/06.<ref>„Kunst ist kein Pflegedienst“ (Abschnitt Thomas Oberender, Intendant). In: Welt am Sonntag (NRW-Ausgabe), 16. Oktober 2016.</ref> Für die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 entwickelte er die „Odysseeprojekt“-Reihe „Die Erfindung der Freiheit“.<ref>Ulrich Deuter: Theatermarathon Odyssee Europa quer durchs Ruhrgebiet. 20. Februar 2010, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 25. Dezember 2014; abgerufen am 10. Februar 2020 (Interview von Ulrich Deuter mit Thomas Oberender).</ref> 2019 war er zusammen mit Isabel Pfeifer Poensgen für die Gestaltung der Strukturentwicklungsinitiative „Ruhrkonferenz 2019“ im Bereich „Künstler-Metropole Ruhr“ zuständig.<ref>Ruhr-Konferenz. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 29. Januar 2022; abgerufen am 11. Februar 2020.</ref> 2013 wurde Oberender zum Jurymitglied des Internationalen Ibsen-Preises in Oslo berufen.<ref>Viel Geld. In: nachtkritik.de. 26. April 2013, abgerufen am 26. November 2022.</ref>
Privates
Seit 1997 ist Thomas Oberender mit der Dramaturgin Bettina Oberender verheiratet. Sie haben einen Sohn. Thomas Oberender lebt in Berlin.<ref name="Munz" />
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Steinwald’s (Theaterstück, Verlag der Autoren 1995)
- Übersetzung: Tim Etchells Quizoola! (Rowohlt Verlag, 1998)
- Der Gebärdensammler (Texte über das Theater von Botho Strauß, 1999)
- Nachtschwärmer (Theaterstück, Verlag der Autoren 2000)
- Gott gegen Geld (Hrsg., Alexander Verlag, 2002)
- Krieg der Propheten (Hrsg., Alexander Verlag, 2004)
- 100 Fragen an Heiner Müller. Eine Séance (mit Moritz von Uslar, Verlag der Autoren, 2005)
- Das Treffen / the other side (mit Sebastian Orlac, Verlag der Autoren 2005)
- Unüberwindliche Nähe. Texte über Botho Strauß (Hrsg., Theater der Zeit, 2005)
- Kriegstheater. Zur Zukunft des Politischen III (Hrsg., Alexander Verlag, 2005)
- Übersetzung: David Greig Timeless (Rowohlt Theaterverlag, 2006)
- Leben auf Probe. Wie die Bühne zur Welt wird (Hanser Verlag, 2009)
- Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst und Lebenszeit. Müry Salzmann, Salzburg 2011, ISBN 978-3-99014-036-9.
- Nebeneingang oder Haupteingang? – Gespräche mit Peter Handke über 50 Jahre Schreiben fürs Theater (Suhrkamp Verlag, 2014)
- Limits of Knowing, Katalog (Hrsg. mit Joanna Petkiewicz, Kerber Verlag, 2017)
- Gropiusbau 2018, Katalog Philippe Parreno (Hg. mit Angela Rosenberg, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2018)
- Occupy History. Decolonisation of Memory. The East German Revolution and the West German Takeover. Buchhandlung Walter König, Köln [2019], ISBN 978-83-66232-66-2.
- Occupy History. Gespräche im Palast der Republik 13 Jahre nach seinem Verschwinden. Vier Gespräche und ein Essay. (Gespräche mit Gabi Dolff-Bonekämper, Bénédicte Savoy, Bernhard Schlink und Gabriele Stötzer). Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 2019, ISBN 978-3-96098-721-5.
- Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen. Tropen Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-50470-5.
- CHANGES. Berliner Festspiele 2012–2021 (Hrsg., Theater der Zeit, 2021), ISBN 978-3-95749-398-9.
Auszeichnungen
- 1993: Preis der Frankfurter Autorenstiftung für Steinwald’s<ref name="Munz" />
- 2000: Deutscher Jugendtheaterpreis für Nachtschwärmer<ref name="SN-05" />
- 2011: Stadtsiegel der Landeshauptstadt Salzburg in Gold<ref>Sabine Möseneder: Stadtsiegel in Gold für scheidenden Schauspielchef der Festspiele – Stadt Salzburg. Abgerufen am 10. Februar 2020.</ref>
- 2011: Goldenes Ehrenzeichen des Landes Salzburg<ref>Salzburger Festspiele/SALZBURGER FESTSPIELE BLOG. Abgerufen am 10. Februar 2020.</ref>
Weblinks
- Literatur von und über Thomas Oberender im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Thomas Oberender im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Website von Thomas Oberender
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Oberender, Thomas |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Autor und Dramaturg |
| GEBURTSDATUM | 11. Mai 1966 |
| GEBURTSORT | Jena |