Hallux valgus
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| M20.1 | Hallux valgus (erworben) |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Vorlage:Infobox International Classification of Diseases 11
Hallux valgus ist der medizinische Fachausdruck für den Schiefstand der Großzehe (Hallux), wenn sie valgisch, also von der Körpermitte in Richtung der kleinen Zehen abweicht.<ref name="S2e">Hallux valgus. (PDF) S2e-Leitlinie Version 5.1. Deutsche Assoziation für Fuß- und Sprunggelenk (D.A.F.) der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e. V., 17. Juni 2024, abgerufen am 10. Februar 2026.</ref> Zugleich kommt es zu einem Abweichen des ersten Mittelfußknochens (Metatarsale I) nach innen (medial), auch als Metatarsus primus varus bezeichnet. Es ist nicht bekannt, ob dies Ursache oder Folge eines Hallux valgus ist. Diese Fehlstellung resultiert auch in einer innenseitigen knöchernen Vorwölbung des Köpfchens des ersten Mittelfußknochens, was als „Pseudo-Exostose“ bezeichnet wird.<ref>J. Gordon Burrow, Keith Rome, Nat Padhiar, Donald Neale: Neale’s disorders of the foot and ankle. 9. Auflage. 2020, S. 201.</ref>
Entstehung
Verschiedene Ursachen der Erkrankung werden diskutiert. Ein allgemein akzeptiertes Konzept der Krankheitsentstehung fehlt jedoch. Folgende Faktoren begünstigen die Entstehung:<ref name="S2e" />
- Erworbene Haltungsstörungen des Fußes wie Spreizfuß oder Knickfuß
- Familiäre Veranlagung
- Geschlecht (Frauen sind häufiger betroffen)
- Verkürzung der Wadenmuskulatur
- Entstehung als Folge von Verletzungen
- Entstehung nach Entzündungsprozessen (z. B. entzündlich-rheumatische Erkrankung, Gicht)
- Konstitutionelle Bänderschwäche
- Neuropathische Grunderkrankung
- Körpergewicht: Ein erhöhtes Risiko haben schlanke Frauen, die häufig hohe Absätze tragen und schwere Männer mit Plattfüßen.<ref>U.-S. D. T. Nguyen, H. J. Hillstrom et al.: Factors associated with hallux valgus in a population-based study of older women and men: the MOBILIZE Boston Study. In: Osteoarthritis and Cartilage. Band 18, Nr. 1, Januar 2010, ISSN 1522-9653, S. 41–46, doi:10.1016/j.joca.2009.07.008, PMID 19747997, PMC 2818204 (freier Volltext).</ref>
Häufigkeit
Weltweit gesehen leiden 23 % der 18- bis 65-Jährigen und 35 % der Älteren an Beschwerden durch einen Hallux valgus. Der Hallux valgus ist damit die häufigste Vorfußerkrankung überhaupt.<ref name="Therapie">Nikolaus Wülke, Falk Mittag: Therapie des Hallux valgus. Deutsches Ärzteblatt, 6. Dezember 2012, abgerufen am 10. Februar 2026.</ref>
Schuhe
Interkulturelle Vergleiche deuten darauf hin, dass eine Teilursache des Hallux valgus das jahrelange Tragen von falscher Fußbekleidung ist. Der natürliche und gesunde Normalfuß weist eine leichte Spreizung der Zehen voneinander auf – ein Befund, der heute nur noch bei wenigen Populationen verbreitet ist.
In allen gesellschaftlichen Gruppen, die aufgrund klimatischer oder kultureller Hintergründe ohne enges Schuhwerk laufen, ist der Hallux valgus nahezu nicht existent.<ref></ref>
Die überwiegend getragenen Schuhe weisen eine Brandsohlengrundform auf, die nicht dem Umriss der natürlichen Fußsohle entspricht (Meyersche Linie). Dadurch werden die Zehen aus ihrer angestammten Lage gedrängt, was auf Dauer zu einer bleibenden Verformung führt. Im fortgeschrittenen Stadium macht sich das dann zunächst durch die Schiefstellung der Großzehe (Hallux valgus) bemerkbar. Diese Schiefstellung schreitet weiter fort, betrifft nach und nach auch die anderen Randzehen und kann bei der Großzehe zu einer nahezu rechtwinklig nach außen zeigenden, die benachbarten Zehen überkreuzenden Längsachse führen.
Stärkere Ausprägungen des Hallux valgus betreffen in erster Linie Frauen. Das rührt einerseits vom schwächeren Bindegewebe der Frau her, ist aber andererseits vor allem durch Damenschuhformen bedingt, die diese Fehlentwicklung stärker begünstigen als die üblichen Herrenschuhe dies bei Männerfüßen verursachen. Drei Faktoren des Schuhwerks sind maßgeblich:
- die Absatzhöhe
- Durch einen höheren Absatz (mehr als drei bis vier Zentimeter) tritt ein verstärkter Druck im Vorfußbereich auf. Das begünstigt einerseits die Spreizfußbildung, und andererseits werden dadurch die Zehen in die Schuhspitze gepresst. Eine Metaanalyse fand einen Zusammenhang zwischen dem Tragen von hochhackigen Schuhen und der Häufigkeit von Hallux valgus bei Frauen.<ref>Maxwell S Barnish, Jean Barnish: High-heeled shoes and musculoskeletal injuries: a narrative systematic review. In: BMJ Open. Band 6, Nr. 1, Januar 2016, ISSN 2044-6055, S. e010053, doi:10.1136/bmjopen-2015-010053, PMID 26769789, PMC 4735171 (freier Volltext) – (bmj.com [abgerufen am 3. Juni 2022]).</ref>
- zu enge Schuhspitzen
- Die Schuhspitzen sind häufig zu eng, um den Zehen den notwendigen Freiraum vor allem zur Seite, aber auch nach oben gewähren zu können. Dadurch werden diese in eine Fehlstellung gezwungen, die im Laufe der Zeit zu einer bleibenden Fehlstellung in den Fußgelenken führt. Viele Frauen haben von oben betrachtet dreieckig geformte Vorfüße, die sich exakt in die spitz zulaufenden Schuhvorderkappen einfügen.
- zu kurze Schuhe
- Sind die Schuhe zu kurz, werden die Zehen ebenfalls aus ihrer natürlichen Lage gedrängt, was nicht nur den Hallux valgus fördert, sondern auch zu Hammer- und Krallenzehen führt.
Symptome
Der Verlauf der Erkrankung kann zu einer Veränderung der Form des Fußes führen, die das Tragen von Konfektionsschuhen schwierig bis unmöglich macht. Das nach medial sich vorwölbende Gelenk passt nicht in den Schuh. Es kommt zu Druckschäden der Haut mit Rötung, Entzündung und Ausbildung von Geschwüren (offenen Stellen, Ulzerationen). Da die Großzehe in ihrer Fehlstellung auch nicht mehr ihre Aufgaben beim Abrollvorgang wahrnehmen kann, sind Gangunsicherheit und erhöhtes Sturzrisiko häufig die Folge.<ref>Hallux valgus: Symptome, Ursachen, Behandlung. In: AOK magazin. 6. Mai 2022, abgerufen am 10. Februar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Therapie
Vorrangiges Ziel der Behandlung ist die Beschwerdefreiheit des Patienten. Sofern konservative Maßnahmen dieses Ziel erreichen, sind sie ausreichend. Schreitet die Erkrankung nicht weiter fort (z. B. weil die Entstehungsursachen entfallen sind) kann eine Operation so vermieden werden.<ref name="S2e" />
Konservative Behandlung
Die Umstellung auf flaches Schuhwerk mit genügend Freiraum für die Zehen, insbesondere das Tragen von Zehenstegsandalen, kann nur im Anfangsstadium helfen. Ein bestehender Hallux valgus ist auf diese Weise nicht zu beseitigen oder zu verringern. Allerdings führt der Wechsel zu derartigem Schuhwerk dazu, dass es nicht zu einer weiteren Schädigung und Verformung kommt. Grundsätzlich empfehlenswert ist Fußgymnastik, die die Zehen beweglich macht und die Haltemuskulatur der Fußgewölbe stärkt, obwohl positive Auswirkungen auf einen Hallux valgus zweifelhaft sind. Barfußlaufen kann die Behandlung unterstützen. Ansonsten können orthopädische Schuhe mit Spreizfußeinlagen oder das Tragen von Schuhen, die keine Druckschmerzen auf dem vorstehenden Großzehenballen verursachen, gegen die Schmerzen beim Gehen helfen. Das Tragen von Schuhen mit hohen Absätzen und schmaler Spitze sollte dagegen vermieden werden.<ref>Tonio Gottlieb: Hallux valgus Deformität. In: der-Fußchirurg.de. Website Tonio Gottlieb, 24. Juni 2021, abgerufen am 16. Februar 2023.</ref>
Operative Behandlung
Vor operativen Eingriffen ist der Erfolg eines konservativen Behandlungsversuchs abzuwarten.<ref name="S2e" /> Eine einmal eingetretene deutliche Fehlstellung der Großzehe lässt sich nur durch eine Operation korrigieren. In Abhängigkeit von der Ausprägung des Hallux valgus und den bestehenden Beschwerden wird das entsprechende Verfahren gewählt. International sind über 100 verschiedene Operationsverfahren beschrieben.<ref name="S2e" /> Für die einzelnen Verfahren besteht dabei nur eine geringe Evidenz.<ref name="Therapie" /> Eine Überlegenheit einzelner Verfahren gegenüber anderen kann nicht nachgewiesen werden.<ref name="S2e" /> Es werden OP-Verfahren unterschieden, die das Gelenk in irgendeiner Form erhalten, und solchen, die das Gelenk versteifen (Arthrodese). Die gelenkerhaltenden Operationen werden häufiger eingesetzt.<ref name="S2e" /> Diese Operationsmethoden bestehen aus einer Durchtrennung des ersten Mittelfußknochens (Korrekturosteotomie), aber in verschiedener Schnittführung (z. B. Scarf-Osteotomie). Danach wird der zehenwärts gelegene Anteil des Mittelfußknochens in Richtung des zweiten Mittelfußknochens verschoben (wo er ursprünglich gelegen hat) und die beiden Teile des Mittelfußknochens werden eingestaucht oder mit Drähten oder Schrauben fixiert. Abschließend wird die Großzehe mit kräftigen Nähten wieder geradegestellt.
Unabhängig von der gewählten OP-Technik scheint der operativen Zentrierung der Sesambeine eine besondere Bedeutung für die Patientenzufriedenheit zuzukommen.<ref name="S2e" />
Postoperative Maßnahmen
Je nach OP-Technik sind folgende Punkte in der Nachbehandlung wichtig:<ref name="S2e" />
- Maßnahmen zur Thromboseprophylaxe
- Wundverbände
- postoperative Röntgenkontrolle
- redressierende Verbände, die für die korrekte Winkelstellung sorgen
- Versorgung mit einem Vorfußentlastungsschuh
- Physiotherapie
- gegebenenfalls Schmerztherapie
Literatur
- S2e-Leitlinie Hallux valgus der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. (DGOOC). In: AWMF online (Stand 2024)
- Nikolaus Wülker: Hallux valgus, Hallux rigidus. Thieme, Stuttgart 1997, ISBN 3-432-27791-1.
- Rüdiger Döhler: Lexikon Orthopädische Chirurgie. Springer, Heidelberg / Berlin 2003, ISBN 3-540-41317-0, S. 65.
- Angela Simon: Zehendeformitäten. In: Margret Liehn, Brigitte Lengersdorf, Lutz Steinmüller und Rüdiger Döhler: OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2016, ISBN 978-3-662-49280-2, S. 247–252.
Weblinks
Einzelnachweise
<references />