Demokratur
Demokratur ist ein Schlagwort des politischen Diskurses, ein „Kofferwort“ aus Demokratie und Diktatur. Da die beiden politischen Systeme einander ausschließen, ist es ein Oxymoron.
Wortherkunft und Bedeutung
Das Deutsche Wörterbuch von Hermann Paul (1846–1921) bezeichnet in der Ausgabe von 1992 Demokratur als jargonale Kreuzung von Demokratie und Diktatur.<ref>Deutsches Wörterbuch (9., vollständig neu bearbeitete Auflage von Helmut Henne und Georg Objartel unter Mitarbeit von Heidrun Kämper-Jensen)</ref> Der Begriff sei etwa 1950 entstanden.<ref>Deutsches Wörterbuch, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 1992, S. 167.</ref> Der amerikanische Journalist und Deutschlandkenner Edwin Hartrich beschrieb ihn 1980 als zynische Reaktion der Nachkriegsdeutschen auf den politischen Widerspruch zwischen dem, was Amerikaner predigen, und dem, was sie tun.<ref>Edwin Hartrich, The Fourth and Richest Reich, Macmillan, London 1980, S. 90.</ref>
Bereits in der Aussprache zur ersten Regierungserklärung Konrad Adenauers am 22. September 1949 im Deutschen Bundestag hielt der unter dem falschen Namen Franz Richter lebende und erst 1952 enttarnte frühere Nationalsozialist Fritz Rößler, der im Bundestag wiederholt durch rechtsextreme Äußerungen auffiel, es für richtig, die gerade gegründete Bundesrepublik Deutschland als „Demokratur“ zu schmähen.<ref>Plenarprotokoll 22. September 1949, S. 80 (C) und (D)</ref><ref>Shida Kiani: Wiedererfindung der Nation nach dem Nationalsozialismus? Konfliktlinien und Positionen in der westdeutschen Nachkriegspolitik, Springer, Wiesbaden 2013, S. 281.</ref> Rößler artikulierte damit ein nicht nur im „rechten Lager“ verbreitetes Misstrauen gegen den neuen, unter alliierter Aufsicht stehenden Staat.<ref>Armin Burkhardt, Kornelia Pape: Sprache des deutschen Parlamentarismus: Studien zu 150 Jahren parlamentarischer Kommunikation, Springer, Wiesbaden 2013, S. 205.</ref> Der so bezeichneten „Bonner ‚Demokratur‘“ stand man in rechtsextremen Kreisen genauso ablehnend gegenüber wie der Weimarer Republik, so der Historiker Sebastian Ullrich.<ref>Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik, 1945–1959, Wallstein, Göttingen 2009, S. 380.</ref>
Für den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist der Begriff Demokratur ein rechtsextremer Neologismus zur Diskreditierung der Demokratie. Die Intention sei die Diffamierung der Demokratie als „Tarngewand faktischer diktatorischer Machtausübung“.<ref>Bernhard Pörksen: Die Konstruktion von Feindbildern: Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien, Springer, Wiesbaden 2005, S. 209/210.</ref> Der ehemalige Verfassungsschützer Hans Joachim Schwagerl und der Kriminalbeamte Rolf Walther zählten den Begriff Demokratur zu den antidemokratischen Parolen von Anhängern des Rechtsradikalismus, mit dem man die Demokratie herabsetzen wollte.<ref>Hans Joachim Schwagerl, Rolf Walther, Der Schutz der Verfassung. Ein Handbuch für Theorie und Praxis, Heymanns, Hürth 1968, S. 112.</ref>
Eine Wortbildung wie Demokratur wird laut Dieter W. Halwachs in der Linguistik auch Amalgamierung oder Blending genannt. Dies bezeichnet neue Wörter aus Teilen anderer Wörter, wobei diese Teile keine Morpheme sein müssen: „Die Amalgamierung, die Verschmelzung von Wörtern z. T. aufgrund partieller Homonymie und auch unter Ausnützung der Silben- bzw. Morphemgrenzen, wird […] häufig auch im alltäglichen Sprachgebrauch spielerisch verwendet.“<ref>Dieter W. Halwachs: „Am Anfang war das Wortspiel.“ In: Festschrift für Karl Sornig zum 66. Geburtstag. Grazer Linguistische Studien 11 (1994), S. 55 ff., 77, 80</ref> Für den Germanisten Alexander Ziem gehört der Begriff Demokratur zu den „Kontaminationen“, die versteckte Prädikationen enthalten. Hier die versteckte Prädikation „(Diese) Demokratie ist (wie) eine Diktatur“.<ref>Alexander Ziem, Frames und sprachliches Wissen: Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2008, S. 332.</ref>
Abgrenzend beschrieben wird die Demokratur als „Staatsform, die sich von einer Demokratie zu einer Quasi-Diktatur entwickelt hat“ und sich durch ein Demokratiedefizit auszeichnet. Sie entspricht in diesem Sinne einer Scheindemokratie.<ref>Hans-Georg Müller: Adleraug und Luchsenohr. Deutsche Zwillingsformeln und ihr Gebrauch. Peter Lang, 2009, ISBN 3-631-59764-9, ISBN 978-3-631-59764-4; S. 24 books.google</ref>
Verwendung
Im deutschsprachigen Raum
- In der Wochenzeitung Die Zeit wurde der Begriff in einem Artikel vom 6. April 1950 erwähnt: „In Bonn geht das Witzwort um, der neue deutsche Staat sei eine ‚totale Demokratur‘.“<ref>Ernst Friedlaender (Publizist): Kinderkrankheiten unserer Außenpolitik, Die Zeit vom 6. April 1950</ref>
- Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel verwendete den Begriff in der Ausgabe vom 23. November 1955. Es wurde über den Umgang der Bonner Kriminalpolizei mit der „gängigen Floskel“ berichtet.<ref>Der Spiegel 48 vom 23. November 1955, S. 16.</ref>
- Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer, der die Genehmigung der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf blockierte, sprach 1985 von der „Ein-Mann-Demokratur Strauß’scher Prägung“ und „CSU-Demokratur“.<ref>Martyrium fortsetzen. In: Spiegel Online. 2. April 1989, abgerufen am 27. Januar 2024.</ref> Um die Blockade zu umgehen, wurde die Lex Schuierer beschlossen.<ref>Auch eine Diktatur – Der Streit um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf beschäftigt die höchsten Gerichte Bayerns und der Bundesrepublik. In: Der Spiegel vom 4. November 1985.</ref>
- „Jene Neubildung zur Bezeichnung der Adenauerschen Regierungsform, die Kontamination aus Demokratie und Diktatur, die Demokratur ist eine Mainzer Karnevalsbildung von 1951“, behauptete 1971 der Münchner Philologe Werner Betz.<ref>Werner Betz: Humor in Goethes Landschaft und Goethes letzte Worte. In: Sprache und Bekenntnis: Hermann Kunisch zum 70. Geburtstag, S. 105, books.google.de</ref>
- „Wünschenswert ist für RechtsextremistInnen ein starker, autoritärer Staat […] [z]udem wird die Demokratie nicht nur kritisiert, sondern auch durch spöttische Bezeichnungen wie ‚Ersatzdemokratie‘, ‚Demokratur‘ oder ‚Demokrötie‘ verunglimpft'“ (Marion Stangl).<ref>Hans Joachim Schwagerl: Rechtsextremes Denken. Merkmale und Methoden. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 1993, S. 24.</ref>
- „Also es war keine Diktatur, es war eine Diktatrie, und was wir jetzt haben, ist eine Demokratur, was im Prinzip auf dasselbe hinausläuft.“ (Peter Brasch 2012 über den Umgang mit Kulturschaffenden in der DDR und nach der Wiedervereinigung)<ref>Peter Brasch in F.-B. Habel: „Der musealen Ungenauigkeit begegnen.“ Das Blättchen, Sonderausgabe; 22. Oktober 2012.</ref>
- „Um diese innenpolitische Praxis adäquat zu beschreiben, muß der Begriff ‚Postdemokratie‘ weiterentwickelt und durch ‚Demokratur‘ ersetzt werden. Er bezeichnet eine staatliche Praxis, die den Bezug zum Demos innerlich aufgegeben hat, ihm die Selbstbestimmung verweigert und unter Beibehalt demokratischer Äußerlichkeiten sukzessive eine autoritäre bis diktatorische Politik etabliert.“ „Junge Freiheit“ am 6. August 2016 zum politischen System in Deutschland 2016.
Außerhalb des deutschsprachigen Raums
- „Insgesamt gesehen schafft die neue Verfassung nicht nur die Demokratie ab, sondern auch die Prinzipien, auf denen Mustafa Kemal 1923 die moderne Türkei auf den Ruinen des Osmanischen Reiches errichtete: auf der Laizität, der Trennung von Staat und Kirche. Es entstünde eine islamische Demokratur.“ (Historiker Nicolas Baverez zum Verfassungsreferendum von 2017 nach dem vereitelten Putschversuch in der Türkei 2016)<ref>Nicolas Baverez: Letter from Europe: Auf dem Weg in die Demokratur. In: Die Welt. 6. März 2017 (welt.de [abgerufen am 12. Oktober 2018]).</ref>.
- In den Ländern des postsowjetischen Raums verwendete der Politikwissenschaftler Georgi Satarow konsequent das Wort «демократура» (Demokratura), um die aktuelle politische Situation zu beschreiben: Ein Artikel mit diesem Titel, der die „Sackgasse der autoritären Modernisierung“ ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) in Russland beschreibt, wurde von ihm am 25. Oktober 2004 in der Nowaja gaseta veröffentlicht.<ref name="d1" /> Im selben Jahr wurde unter diesem Titel eine Sammlung von Artikeln von Satarow veröffentlicht. Laut Fjodor Burlazki ist „Demokratur nicht ausschließlich ein russisches Phänomen. Es ist in vielen Ländern entstanden und ausgestorben, in denen radikale Reformen durchgeführt wurden – in Argentinien und Brasilien, in Südkorea und Taiwan. Gleichzeitig,“ so Burlatsky, „scheint die Demokratur in der Seele eines Russen zu reifen, da er gerade deshalb an die Macht kommt, weil er selbst nicht frei ist“.<ref name="d2" />
- Im Westen wurde der Begriff vom kanadischen Politikwissenschaftler Michel Roche auf die Realitäten des modernen Russlands übertragen. Er veröffentlichte den Artikel „Die Demokratur Wladimir Putins“ ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) in der Montrealer Zeitung „La Presse“ (12. März 2004).<ref name="d3" /> Der Artikel des schottischen Journalisten Neal Ascherson in London Review of Books (6. Januar 2005),<ref name="d4" /> in dem Optionen für die Demokratur in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und die Aussichten für den Übergang von Demokratie zu Demokratur in der Ukraine erörtert wurden, hatte eine große internationale Resonanz. Ascherson nennt es ‚Demokratura‘, die den entlehnten, nicht englischen Charakter des Wortes verdeutlicht. 2006 erschien ein Buch mit dem Titel Putins Demokratur des deutschen Journalisten Boris Reitschuster.<ref name="d5" /> Neal Ascherson schreibt darin:<ref name="d6" />
- „Die meisten dieser Länder sind demokratisch angelegt: Verfassungen, Parlamente, eine formal unabhängige Justiz, regelmäßige Wahlen, Garantien des freien Willens und der Versammlungsfreiheit. In der Praxis werden alle diese Institutionen im Namen der Wahrung der Privilegien der postkommunistischen Elite manipuliert. In einigen Demokratien wie in Asien sind Manipulationen umfassend und unverschämt. In anderen Ländern wie der Ukraine oder Russland werden Wahlfälschungen und die Anwendung staatlicher Gewalt gegen politische Herausforderungen in der Regel mit einer gewissen Bedeckung verfolgt. Die Hauptsache ist, diese Bande an der Macht zu halten und gleichzeitig die Menschen und die Außenwelt davon zu überzeugen, dass der politische Prozess, wenn auch in grober Form, den Willen der Bevölkerung widerspiegelt.“
- Spätestens seit der Verfassungsreform 2011 und anschließenden Wahlreformen in Ungarn werden die Regierungen Orbáns medial vielfach als Demokratur bezeichnet. Als Grund werden etwa die erfolgten Einschränkungen der Presse- und Wissenschaftsfreiheit und erhöhte Hürden für die Verschiebung politischer Mehrheitsverhältnisse genannt.<ref>András Buck: Buslinie Sehnsucht: Die Demokratur in Ungarn. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. November 2013, abgerufen am 24. März 2025.</ref><ref>András Bozóki, Dániel Hegedűs: Hybridregime unter externer Kontrolle. Zum Charakter der ungarischen Politik. In: Zeitschrift Osteuropa. März 2018, abgerufen am 24. März 2025 (deutsch).</ref><ref>Viktor Orbans Putsch von oben. In: Frankfurter Rundschau. 8. Januar 2019, abgerufen am 24. März 2025.</ref>
Siehe auch
Literatur
- Politischer Extremismus als Problem demokratischer Systeme: Rechtsextremismus in Österreich, Marion Stangl, 2004/05, Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik
Weblinks
Einzelbelege
<references responsive> <ref name="d1"> Georgi Satarow: Демократура (Demokratur). "Samaratoday" („Самара Cегодня“), Nowaja gaseta, № 79, 25. Oktober 2004, abgerufen am 8. August 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="d2"> Ф. Бурлацкий (F. Burlatsky) «Михаил Горбачев — Борис Ельцин: схватка» (Michail Gorbatschow – Boris Jelzin: die Schlacht); Sammlung, 2008, S. 213 (russisch) </ref> <ref name="d3"> Michel Roche: La démocrature de Vladimir Poutine. La Presse, 12. März 2004, abgerufen am 8. August 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="d4"> Neal Ascherson: Is this to be the story? London Review of Books, Vol. 27 No. 1, S. 13–16, abgerufen am 8. August 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="d5"> Boris Reitschuster: Putins Demokratur. Ein Machtmensch und sein System. Ullstein Taschenbuchverlag ISBN 978-3-8437-1000-8, 22. Mai 2014, abgerufen am 8. August 2019. </ref> <ref name="d6"> Дмитрий Воскобойников (Dmitri Woskoboinikow), Нашим читателям (Naschim Tschitateljam): «Европа» (Europa). Журнал Европейского союза, № 47 (European Union Journal, Nr. 47), Februar 2008, abgerufen am 8. August 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> </references>