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Wingsuit

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Datei:Chasing the Chicago Crew (6366928171).jpg
Wingsuit-Team in der Luft

Ein Wingsuit bzw. Flügelanzug ist ein spezieller Anzug zum Fallschirmspringen und Base-Jumping mit teils mehrlagigen Flächen aus Stoff zwischen Rumpf, Armen und Beinen, die, von Luft umströmt und durchströmt, als Flügel wirken. Natürliche Vorbilder sind Gleithörnchen.

Mit den „Vogelmensch“-Anzügen kann der vertikale Fall in eine schräge bis horizontale steuerbare Flugbewegung umgewandelt werden, kurzzeitig sogar aufwärts<ref>Wingsuit skydiver flying up after stepping out the back of a C130. https://www.youtube.com/watch?v=ItJYQY3LI8Y</ref>, auch eine sichere Landung ohne Fallschirm in Pappkartons wurde demonstriert.

Wingsuits erreichen eine Gleitzahl bis zu 3, d. h. auf einen Meter Sinkflug werden drei Meter Horizontalflug erreicht, bei konstanter Geschwindigkeit. In Deutschland müssen zunächst mindestens 200 Fallschirmsprünge absolviert werden, um, zunächst unter Anleitung, mit einem Wingsuit fliegen zu dürfen.

Geschichte

Datei:Flying squirrel in a tree.jpg
Mit eigenem Fell als Wingsuit: Nördliches Gleithörnchen
Datei:Franz Reichelt (high res).jpg
Franz Reichelt mit seinem selbst entworfenen „Fledermaus-Anzug“, Paris 1912
Datei:Wingsuit.jpg
Fallschirmspringer mit einem frühen Wingsuit (Juni 2005)

Anfang der 1910er-Jahre wurde versucht, den freien Fall mit Hilfe künstlicher Flügel zu beeinflussen. Einer der ersten war womöglich der österreichische Schneider Franz Reichelt, der 1912 mit seinem zum Fliegen gedachten, aber ungeeigneten „Fledermaus-Anzug“ vom Eiffelturm in den Tod sprang. Mehr als 70 Fallschirmspringer starben bei verschiedenen Sprung-Experimenten. Die bekanntesten unter ihnen waren die Franzosen Clem Sohn und Léo Valentin. Die häufigste Unfallursache war die Verwicklung der noch sehr starren Konstruktionen mit dem Hauptfallschirm. Einige der Birdmen (deutsch „Vogelmenschen“), wie sie sich selbst nannten, versuchten bewusst, ohne Öffnen des Fallschirms nur mit den Flügeln zu landen.<ref>Auf Flügeln zur Erde. In: Der Spiegel. 51/1955, 14. Dezember 1955. (über Léo Valentin)</ref>

Auf dem Klausheider Flugtag am 15. September 1963 verunglückte der „Vogelmensch“ Gérard Masselin bei einem Sprung aus 3.000 Metern Höhe mit einem Vorläufer der Wingsuits tödlich.<ref>125 Jahre Zeitgeschehen. Grafschafter Nachrichten, 11/1999, S. 175/77.</ref><ref>ANOTHER BIRD-MAN GERARD MASSELIN DIES (1963). In: British Pathe. Abgerufen am 3. Januar 2024.</ref> Schon sein älterer Bruder Guy war 1961 in Nancy bei einem dieser früher „Schwingenflug“ genannten Experimentalsprünge ebenfalls tödlich verunglückt.

Anfang der 1970er Jahre führte der Deutsche Peter Böttgenbach bei Flugschauen mit einem selbstgeschneiderten Spezialanzug sichtbare Streckenflüge durch, blieb dabei aber aufgrund des damit einhergehenden Risikos ein Einzelfall.

Mitte der 1990er Jahre entwickelte der Franzose Patrick de Gayardon einen Wingsuit, bei dem er einen neuartigen Spoiler am Rücken mit seinem Schirm vernähte. Seine Versuche endeten am 13. April 1998 mit einem tödlichen Absturz.<ref>The Longest Flight. Patrick de Gayardon. Mai 1998, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 16. März 2010; abgerufen am 7. September 2011 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Im Herbst 1998 begannen der Finne Jari Kuosma und der Kroate Robert Pečnik die Entwicklung eines leicht beherrschbaren Wingsuits, der von einem durchschnittlichen Fallschirmspringer verwendet werden konnte. Ab Juni 1999 war der erste Wingsuit unter dem Namen BirdMan im Handel erhältlich. Der Ausdruck BirdMan-Anzug oder Birdmansuit wird weiterhin wie ein Synonym und Gattungsname für Wingsuits verwendet.

Moderne Wingsuits haben Kammern, die sich mit Luft füllen, um ein aerodynamisch günstiges Profil zu erreichen. 2016 wurde am Mont Blanc nach Chamonix ein Slalom zwischen zwölf Meter hohen kegeligen luftgefüllten Pylonen realisiert. 2016 wurde ein Rückenflug in 4er-Formation durchgeführt.<ref>Squirrel >> GIGANTIC SLALOM. vimeo-Video (3:55), Mai 2016.</ref>

Varianten

Wingsuit Base-Jumping (WiSBASE)

Datei:Steph Davis wingsuit BASE brento.jpg
Ein WiSBASE-Sprung vom Berg Brento

De Gayardon sprang Ende des Jahres 1997 das erste Mal mit dem Wingsuit von einem festen Standort, dem Monte Brento in der Nähe von Arco, Italien. Sein Sprung von diesem Standort in 1500 Metern Höhe gilt als erster WiSBASE-Sprung.<ref>The flight of the bird men. Abgerufen am 2. September 2011 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). William Speed Weed, "Popular Science", Juli 2003, S. 56.</ref> 6 Jahre später begannen andere Base-Jumper, Wingsuits zu nutzen.<ref>Matt Gerdes: The Great Book of BASE. BirdBrain Publishing, 2010, S. 216.</ref> Bekannte Orte, an denen Wisbase in Europa praktiziert wird, sind der Kjerag, der Trollstigen in Norwegen, die Gruppe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch sowie Chamonix-Mont-Blanc in Frankreich.

Am 5. Mai 2013 sprang der Russe Waleri Rosow vom Pfeilerkopf in der Südwand des Changtse, gegenüber der Nordwand des Mount Everest, aus der Weltrekordabsprunghöhe von 7220 Metern. Mit einem speziell für die niedrige Luftdichte entwickelten Wingsuit fiel und flog er hinunter bis zum mehr als 1500 Meter tiefer gelegenen Rongbukgletscher und landete per Fallschirm.<ref>Daredevil makes record-breaking leap from Mount Everest. In: The Telegraph. Abgerufen am 29. Mai 2013.</ref>

Proximity Flying

Datei:Wingsuit flight Jump from Aiguille du Midi 2016 - Chamonix.webm
Video eines Proximity Flug in Chamonix-Mont-Blanc

Das Fliegen über Hänge und entlang der Grate der Berge, das proximity flying, ist riskant und spektakulär. Jeb Corliss flog als Erster (24. September 2011) mit einem Wingsuit durch eine Öffnung in der Seite eines Berges im schweizerischen Walenstadt.<ref>Human glider flies through hole in the side of mountain. In: telegraph.co.uk. Abgerufen am 28. September 2011 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Raketengetriebene Wingsuits

Christian Stadler, Gladbeck, entwickelte im Winter 2006 das vegaV3, ein raketengetriebenes Wingsuit-System. Im Beinflügel des Wingsuits ist eine lenk- und regelbare Antriebseinheit integriert.<ref>First living rocket airplane in the world! In: peroxidepropulsion.com. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 8. März 2009; abgerufen am 26. September 2009 (englisch).</ref>

Wingpacks

Starre Flügel (sogenannte Wingpacks) sind einige Jahre erprobt worden. Der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner überquerte 2003 mit einer CFK-Tragfläche als erster Mensch in freiem Flug aus 9800 Metern Höhe den 34 km breiten Ärmelkanal von Dover bis Calais. Der Schweizer Militärpilot Yves Rossy erprobt seit 2004<ref>The bird man flies over the Alps. In: act-composites.com. 18. Mai 2008, abgerufen am 19. September 2010 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> einen von ihm entwickelten starren Flügel. Die letzte Entwicklung ist mit für den Transport einklappbaren Flügelspitzen versehen. Am 14. Mai 2008 stellte er sein Fluggerät der Öffentlichkeit vor. Der Start erfolgte durch einen Sprung aus dem Flugzeug mit vier laufenden Mini-Turbinen und eingeklappten Flügelspitzen. Erst nach dem Absprung wurden die Flügel vollständig entfaltet. Die erreichte Geschwindigkeit soll durch die Turbinen bis zu 300 km/h betragen haben. Die Landung erfolgte mit dem Fallschirm.<ref>„Fusionman“ gibt Gas. Ein-Mann-Fluggerät. In: FAZ. 14. Mai 2008, abgerufen am 26. September 2009.</ref>

Für den militärischen Einsatz wird derzeit der Gryphon (deutsch Greif), ein 15 Kilogramm schwerer und 1,8 Meter breiter CfK-Flügel, entwickelt. Der Fallschirmspringer springt mit dem Flügel auf dem Rücken aus ca. 10.000 Metern Höhe ab und kann im Flug in 15 Minuten über 40 Kilometer zurücklegen. In einer weiteren Entwicklungsstufe soll die Reichweite mit zwei Miniatur-Triebwerken vervielfacht werden. Im Horizontalflug soll sich der Springer damit auf über 200 km/h beschleunigen.<ref>Dan Löffler: SHAPS - ParaLander - Gryphon. 2007, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 9. November 2011; abgerufen am 19. September 2010.</ref>

Flugleistungen und Sicherheit

Datei:Wingsuit First Flight Course (6367582727).jpg
Vorbereitendes Training am Boden

Bei einer durchschnittlichen horizontalen Fluggeschwindigkeit von ca. 130 km/h wird in Abhängigkeit vom Wingsuitmodell der beste Gleitwinkel erreicht. Die Sinkgeschwindigkeit beträgt dabei etwa 40–50 km/h, was ein Gleitverhältnis zwischen 1:2 und 1:2,5 ergibt. Niedrigere Sinkgeschwindigkeiten sind bei niedrigerer Horizontalgeschwindigkeit und einem schlechten Gleitwinkel erreichbar.<ref>Robert Pecnik: Aerodynamische Grundlagen. übersetzt von Susanne Böhme, bei wingsuit.de</ref> Es werden beträchtliche Strecken zurückgelegt, wie beispielsweise bei der Überquerung des Alpenhauptkamms durch Remo Läng (von Verbier nach Aosta, 26 Kilometer) nach einem Absprung aus 8.500 Metern Höhe.<ref>Mit Tempo 500 im freien Fall über die Alpen. In: welt.de. 10. März 2012, abgerufen am 1. April 2012.</ref>

Die Gefährlichkeit und Unfallträchtigkeit des Wingsuitfliegens mit BASE-Fallschirmsystem hat in Deutschland zu behördlichen Auflagen geführt: Objektspringer benötigen für jeden Sprung eine Genehmigung. Absprungstellen und Landeplätze müssen freigegeben sein. In der Schweiz werden solche Genehmigungen nicht benötigt. Es gibt jedoch vereinzelt auch Beschwerden aus der Bevölkerung über die hohe Zahl der Unfälle und Todesfälle.<ref>Lukas Eberle: Fledermäuse im Sturzflug. In: Der Spiegel. 5. September 2011, abgerufen am 5. Juni 2012.</ref>

Das Springen mit dem Wingsuit aus dem Flugzeug ist nicht wesentlich gefährlicher als Fallschirmspringen ohne den Anzug. Die Chance von Verdrehungen des Fallschirms nach der Schirmöffnung ist zwar durch die Flügelfläche zwischen Armen und Beinen erhöht, dafür wird der Fallschirm beim Wingsuitfliegen im Regelfall 500 Meter höher geöffnet (1500 anstatt 1000 Meter).

Dean Potter schaffte die längste Dauer eines Base-Wingsuit-Flugs: In 2 Minuten 50 Sekunden flog er, abgesprungen vom Eiger, fast 6,5 Kilometer weit.<ref>Extreme athlete Dean Potter among two killed Base jumping in Yosemite. In: The Guardian, 18. Mai 2015, abgerufen am 18. Mai 2015</ref>

Bernhard Kälin löste nach zwei Jahren den Rekord von Dean Potter mit einer Dauer von 4 Minuten und 0 Sekunden ab.<ref>Bruno Petroni: Zwei Oberländer fliegen zum Weltrekord. In: Berner Zeitung, Berner Zeitung. 25. September 2013, ISSN 1424-1021 (bernerzeitung.ch [abgerufen am 24. Juli 2017]).</ref>

Mediale Rezeption und Projekte

Datei:Wingsuit-01.jpg
Wingsuit-Flieger über der Küste (Nov. 2006)

Rezeption in der Öffentlichkeit

Die Rezeption in der Öffentlichkeit wird vor allem beeinflusst von Fernsehberichten über Wingsuiter bzw. deren Flüge und von Medienberichten über schwere Unfälle bzw. tödlich endende Flüge. Beispiele:

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Als Hersteller von Wingsuits sind heute die Unternehmen Birdman, Phoenix-Fly, Tonysuits, Intrudair, Squirrel Suits und Rainbow Design aktiv.

Als Teil seines medialen Marketings nutzt auch Red Bull das Phänomen und veranstaltet international organisierte Wettkämpfe als sogenannte Weltmeisterschaften unter Wingsuit-Springern, zuletzt am 20. November 2016 mit 40 Teilnehmern aus 18 Ländern in der Wüste Arizonas bei Phoenix mit Noah Bahnson (USA) als Sieger.<ref name="20min" /> Drei Jahre zuvor, am 8. Oktober 2013, kam es bei der ebenfalls durch Red Bull organisierten Weltmeisterschaft am Berg Tianmen in der chinesischen Provinz Hubei unter 15 Teilnehmern zum Tod des Ungarn Viktor Kovats.<ref name="spon" />

Literatur

  • Michael Abrams: Birdmen, Batmen, and Skyflyers: Wingsuits and the Pioneers Who Flew in Them, Fell in Them, and Perfected Them. Three Rivers Press, New York 2006, ISBN 1-4000-5492-3 (englisch).

Weblinks

Commons: Wingsuit flying – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references> <ref name="20min">Wingsuit-Meisterschaften: Dreifachsieg der Amerikaner. In: 20 Minuten. 21. November 2016, abgerufen am 21. November 2016. </ref> <ref name="spon">Frank Patalong: Schützt Extremsportler vor sich selbst! In: Spiegel Online. 12. Oktober 2013, abgerufen am 21. November 2016. </ref> </references>