Erwin Dold
Erwin Dold (* 16. November 1919 in Wagensteig, heute Ortsteil von Buchenbach, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald; † 11. September 2012) war Jagdflieger, Feldwebel der Luftwaffe und, obwohl kein Mitglied der NSDAP, Lagerkommandant im Konzentrationslager Dautmergen im heutigen Zollernalbkreis.
Leben
Erwin Dold wuchs im Südschwarzwald auf, wo seine Eltern neben der Landwirtschaft einen Gasthof und ein Sägewerk betrieben. Als 14-Jähriger trat er der Hitlerjugend bei.<ref name=":0">Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 122–126.</ref>
Im Dezember 1937 meldete er sich zur Luftwaffe, wo er zum Jagdflieger ausgebildet wurde. 1940 nahm er am Westfeldzug teil und wurde anschließend in Österreich, Rumänien und Russland eingesetzt, bevor er 1943 über der Krim abgeschossen wurde. Er überlebte schwer verletzt und war nicht mehr frontdienstfähig. Nach Aufenthalten in verschiedenen Lazaretten wurde er zum Fliegerhorst Freiburg im Breisgau versetzt, da eine dauerhafte Dienstunfähigkeit nicht attestiert wurde.<ref name=":0" />
Versetzung in das KZ Haslach
Im September 1944 wurde er als in die SS übernommener Wachmann in das KZ-Außenlager Sportplatz in Haslach im Kinzigtal versetzt. Nach Erkrankung seines Vorgesetzten übernahm er die Funktion des Lagerleiters.<ref name=":0" /> Die Heranziehung von Wehrmachtspersonal zu Führungspositionen in KZs war typisch für die von Personalnot geprägte Phase gegen Kriegsende.<ref>Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 126–128.</ref> Ungewöhnlich war jedoch, dass Dold in diese Position versetzt wurde, obwohl er nie Mitglied der NSDAP war.
Mit der Auflösung des Lagers in Haslach wurde Dold Mitte Februar 1945 ins KZ Dautmergen versetzt. Dabei baten ihn Häftlinge, die ebenfalls nach Dautmergen verlegt wurden, bei ihnen zu bleiben, da sie es bei ihm gutgehabt hätten.<ref name=":0" />
Lagerkommandant im KZ Dautmergen
Das KZ Dautmergen war von August 1944 bis April 1945 im Rahmen des Unternehmens Wüste ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Dort wurde Ölschiefer unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut.
Anfang März 1945 wurde Dold Lagerkommandant. Er zeichnete sich durch menschliches Verhalten aus,<ref>Edwin Ernst Weber: Opfer des Unrechts: Stigmatisierung, Verfolgung und Vernichtung von Gegnern durch die NS-Gewaltherrschaft an Fallbeispielen aus Oberschwaben, S. 199.</ref> verbot die Prügelei und sorgte für eine bessere Einrichtung des Lagers.<ref name=":0" /> Teils auf dem Schwarzmarkt, teils bei Bekannten beschaffte er Kleidung und Nahrung für die Insassen und sorgte für eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse.<ref>Art. Erwin Dold. In: Monika Rappenecker (Hg.): Nazi-Terror gegen Jugendliche. Verfolgung, Deportation und Gegenwehr in der Region Freiburg. Verlag regionalkultur, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-89735-917-8, S. 222–224, hier S. 223–224.</ref> Mit illegalen Lastwagenfahrten schaffte er Lebensmittel heran<ref>Rastatter Prozess Nr. 9/47: Nichtamtliche deutsche Übersetzung. S. 196, 276 ff. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 124 f.</ref> und ließ inhaftierten Jugendlichen einen Fußball zukommen.<ref>Interview mit Jacek Zieliniewicz. In: Sammlung Unternehmen „Wüste“ im Kreisarchiv Zollernalbkreis. Nr. 79. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 124.</ref> Zudem weigerte er sich, bei einer für Anfang April 1945 geplanten Gruppenexekution von 22 Personen anwesend zu sein. Bei seiner Rückkehr war die Hinrichtung nicht vollzogen und er weigerte sich, ein Exekutionskommando zu benennen, und verließ erneut den Hinrichtungsort.<ref name=":13">Rastatter Urteil. In: Sammlung Unternehmen „Wüste“ im Kreisarchiv Zollernalbkreis. Nr. 25, S. 279. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 366 f.</ref>
Festnahme, Prozess und Freispruch
Bereits ab Februar 1945 wurde ein Großteil der Häftlinge in offenen Güterwaggons nach Dachau-Allach abtransportiert. Die rund 500 zurückgebliebenen Häftlinge wurden am 17. und 18. April 1945 auf Todesmärsche mit Ziel Dachau oder Tirol geschickt und größtenteils am 23. April 1945 in Altshausen befreit.<ref name=":2">Informationstafel an der KZ-Gedenkstätte Dautmergen-Schömberg.</ref> Dold beschaffte Lebensmittel, Kleidung und Zigaretten für die Häftlinge und sorgte für ein humanes Verhalten ohne Erschießungen in seiner Gruppe.<ref name=":1">Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 276.</ref>
Zeugenberichten zufolge verhinderten Erwin Dold, der Ostracher Bürgermeister und verschiedene Dorfbewohner durch ihr Einschreiten ein Massaker an Häftlingen, als SS-Angehörige eine Scheune, in der die Häftlinge untergebracht waren, mit Handgranaten sprengen oder anzünden wollten.<ref>Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 286.</ref> Schließlich stellte er sich freiwillig der französischen Besatzungsmacht und wurde inhaftiert, nach Protesten ehemaliger Häftlinge jedoch wieder freigelassen.<ref name=":0" />
Im Juli 1946 wurde Dold wiederum verhaftet und in das Internierungslager für Kriegsverbrecher nach Reutlingen gebracht. Im Rahmen dessen nahm er an Exhumierungsarbeiten der Massengräber beim KZ Dautmergen teil.<ref name=":0" />
Am 1. Februar 1947 wurde er bei den Rastatter Kriegsverbrecherprozessen aufgrund der Zeugenaussagen von ehemaligen Häftlingen als einziger KZ-Kommandant wegen „erwiesener Unschuld“ freigesprochen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Rolf & Erwin Redlich: Ein Lagerleiter zeigt Menschlichkeit: KZ-Kommandant Erwin Dold ( vom 29. September 2007 im Internet Archive), Materialien zum Dokumentarfilm Nicht alle waren Mörder auf SWR</ref>
1947 übernahm Dold in dritter Generation den elterlichen Betrieb, die Dold Holzwerke Buchenbach.<ref>Christoph Zeppetzauer: Langjähriger Geschäftsführer von Dold Holzwerke: Erwin Dold verstorben, holzkurier.com, 17. September 2012</ref> Am 11. September 2012 verstarb Erwin Dold im Alter von 92 Jahren.<ref>Einer, den „der Himmel schickte“, Schwarzwälder Bote, 19. September 2012</ref><ref>Verena Pichler: Ein Leben für die Gemeinschaft, Badische Zeitung, 15. September 2012</ref>
Einordnung und Gedenken
Die Einschätzung Dolds sei, so Andreas Zekorn, unter Berücksichtigung der Umstände der letzten Kriegstage vorzunehmen. Das Ende des NS-Regimes war absehbar und auch Dold hatte ein elementares Interesse am eigenen Überleben. Auch wenn er von Häftlingen als „Engel“ bezeichnet wurde, nahmen ihn manche Häftlinge überhaupt nicht wahr.<ref name=":0" /> Die sinkenden Todeszahlen könne man ebenfalls nicht allein auf das Wirken des Lagerkommandanten zurückführen, sondern sie seien im Hinblick auf veränderte Wetterbedingungen und möglicherweise abklingende Seuchen einzuschätzen.<ref>Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 145.</ref>
Besonders bei den Todesmärschen hob er sich deutlich vom grausamen Vorgehen anderer Befehlshaber ab<ref name=":1" /> und zeichnete sich insgesamt durch Menschlichkeit aus.<ref name=":0" /> Ein ehemaliger Häftling beschrieb Dold als anständigen Menschen, der viel Gutes für die Häftlinge tun wollte, es aber nicht konnte, weil es das Lagersystem nicht erlaubte.<ref>Übersetzung eines Schreibens von Jacek Zieliniewicz. In: Depositum 5 Initiative Eckerwald T1 im Kreisarchiv Zollernalbkreis. Nr. 80, 24. August 1944. Zitiert nach Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 126.</ref>
Am 8. November 2002 wurde Erwin Dold Ehrenbürger von Buchenbach.<ref>Buchenbach1 (8.11.2002). In: freiburg-schwarzwald.de. 8. November 2002, abgerufen am 15. April 2015.</ref>
Zu einem geplanten Kinofilm über sein Leben, dessen Dreharbeiten für Ende 2011 in Schömberg geplant waren, gab er dem Regisseur Christian Schumacher Tipps zur Gestaltung des Drehbuchs.<ref>Sebastian Speidel: Schömberg: Gérard Depardieu kommt zum Filmdreh. In: schwarzwaelder-bote.de. 18. März 2011, abgerufen am 21. August 2017.</ref> Das für 2012/2013 noch beim Bundesverband Regie angekündigte Filmprojekt Himmel und Erde<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Himmel und Erde (2012/13) ( des Vorlage:IconExternal vom 22. August 2017 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., Bundesverband Regie</ref> ruht jedoch oder wurde eingestellt.<ref>Himmel und Erde, Blickpunkt:Film</ref>
Literatur
- Immo Opfermann: Erwin Dold, der letzte Kommandant im KZ Dautmergen. In: Schwäbische Heimat. Bd. 61 (2010), Nr. 4, S. 395–405 (https://doi.org/10.53458/sh.v61i4.3076).
- Thomas Seiterich-Kreuzkamp: Der Fall Erwin Dold. In: Michael Kißener (Hrsg.): Widerstand gegen die Judenverfolgung. Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 1996, ISBN 3-87940-511-5, S. 261–283.
- Edwin Ernst Weber: Opfer des Unrechts: Stigmatisierung, Verfolgung und Vernichtung von Gegnern durch die NS-Gewaltherrschaft an Fallbeispielen aus Oberschwaben. Thorbecke 2009, ISBN 3-799-51070-2.
- Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde. Band 49, ISBN 978-3-945414-53-8, S. 122–126.
Film
- Der KZ-Kommandant. Die ungewöhnliche Geschichte des Erwin Dold, Dokumentarfilm von Manfred Bannenberg, Deutschland 1991.<ref>Manfred Bannenberg: Der KZ-Kommandant – Die ungewöhnliche Geschichte des Erwin Dold. In: WDR Fernsehen. 25. November 2005, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 7. August 2007; abgerufen am 20. Juni 2019 (Originalwebseite nicht mehr verfügbar).</ref>
Weblinks
- Dokumentation der Projektgruppe Auschwitz des Kepler-Gymnasiums Weil der Stadt, des Nobertusgymnasiums Magdeburg und des St. Zeromske Lyzeums Strzegom
- Dokumentation der KZs Dautmergen und Schömberg der Arbeitsgemeinschaft Alemannia Judaica
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dold, Erwin |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Feldwebel der Luftwaffe, KZ-Kommandant |
| GEBURTSDATUM | 16. November 1919 |
| GEBURTSORT | Buchenbach |
| STERBEDATUM | 11. September 2012 |
- Seiten mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Archivlinks 2023-12
- Wikipedia:LCCN in Wikipedia fehlt, in Wikidata vorhanden
- Personal im KZ Natzweiler-Struthof
- Militärperson (Luftwaffe der Wehrmacht)
- Jagdpilot im Zweiten Weltkrieg (Luftwaffe der Wehrmacht)
- Ehrenbürger im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald
- Deutscher
- Geboren 1919
- Gestorben 2012
- Mann