Spielbudenplatz
Der Spielbudenplatz in Hamburg ist eine etwa 300 Meter lange platzartige Erweiterung auf der Südseite der Reeperbahn zwischen der Straße Beim Trichter (Tanzende Türme) im Osten bis zur Davidstraße (Davidwache) im Westen. Mit seinen zahlreichen Theatern (Operettenhaus, Schmidt Theater, St. Pauli Theater), Varietés und Clubs (z. B. das Docks) gilt er als Zentrum des Vergnügungsviertels St. Pauli.
Der Name rührt von den seit dem 18. Jahrhundert hier ansässigen Spiel- und Schaubuden her. Unter dem Platz befindet sich ein heute als Tiefgarage genutzter Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg.
Geschichte
Die Gegend zwischen dem Hamburger Millerntor und dem nur 800 Meter entfernten Nobistor der Nachbarstadt Altona gehörte seit dem Mittelalter zum Hamburger Landgebiet. Im 17. Jahrhundert siedelten sich hier vorwiegend Reepschläger an, später auch Tranbrennereien und andere hafennahe Gewerbe. Ab dem 18. Jahrhundert kamen Gastwirte, Gaukler und Schausteller hinzu, anfangs mit „fliegenden“ Ständen, später mit hölzernen Schaubuden. Der Name Spielbudenplatz ist erstmals 1795 nachweisbar.<ref>Der BibISBN-Eintrag Vorlage:BibISBN/9783863930097 ist nicht vorhanden. Bitte prüfe die ISBN und lege ggf. einen neuen Eintrag an.</ref><ref>Der BibISBN-Eintrag Vorlage:BibISBN/3861087693 ist nicht vorhanden. Bitte prüfe die ISBN und lege ggf. einen neuen Eintrag an.</ref>
Während der französischen Besatzung wurden die Buden wie die gesamte Umgebung 1813 zur Gewinnung eines freien Schussfeldes niedergebrannt und nach dem Abzug der Franzosen durch feste Bauten ersetzt. Zahlreiche Veranstaltungslokale und Theater entstanden, die zum Ende des 19. Jahrhunderts meist mit prunkvollen Fassaden ausgestattet, untereinander wetteiferten. Im Zweiten Weltkrieg wurde insbesondere der östliche Teil der Bebauung durch Bomben zerstört und in den Nachkriegsjahren durch Neubauten ersetzt.
Zu den bereits von den Franzosen abgebrannten Häusern gehörte auch der 1805 errichtete, „Trichter“ genannte Gartenpavillon, der sich, 1820 in vergrößerter Form mit Veranden und Lauben wieder aufgebaut, als „Ballhaus Trichter“ und als Revuetheater großer Beliebtheit erfreute. 1889 wurde daraus „Hornhardts Etablissement“, eine großzügigen Anlage mit Gartenwirtschaft, Musikmuschel, Konzertsaal und Aussichtsturm. 1906 wurde sie von einem neuen Eigentümer umfassend saniert und zu „Carl C.E. Clausens Konzertgarten“.<ref>https://www.bismarcktuerme.net/hamburg</ref> Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entstand auf dem Gelände nach 1958 die Astra-Bowlingbahn und das China-Restaurant „Mandarin“, die später lange leer standen. Von 1991 bis 2009 nutzten Leif Nüske<ref>Jan Paersch: „Auf dem Klo hat schon Jan Delay aufgelegt“. In: Die Tageszeitung: taz. 14. Oktober 2019, ISSN 0931-9085, S. 27 ePaper 23 Nord (taz.de [abgerufen am 14. Oktober 2019]).</ref> und Oliver Korthals die Räume für „Dancefloor-Jazz“-Veranstaltungen unter der Bezeichnung „Mojo Club“ bzw. „Mandarin-Kasino“. Im Jahr 2012 wurde dort der Büro- und Hotelkomplex Tanzende Türme nach einem Entwurf des Architekten Hadi Teherani errichtet. Im Kellergeschoss der Türme wurde der „Mojo Club“ 2013 wieder eröffnet.
Nicht weniger wechselvoll ist die Geschichte des 1841 unter dem Namen „Circus Gymnasticus“ mit 3000 Sitzplätzen eröffneten Operettenhauses und des gleichfalls 1841 als „Urania-Theater“ eröffneten St.-Pauli-Theaters, das heute das älteste Haus am Platz ist.
In „Schmidts Tivoli“<ref>http://www.tivoli.de/schmidt-tivoli-kontakt/ueber-uns/schmidts-tivoli.html</ref> lebt das etwa 1890 nach den Plänen der Architekten Bahre und Querfeld erbaute „Tivoli Concerthaus“ weiter. Das Panoptikum Hamburg befindet sich noch am selben Ort wie bei seiner Gründung 1879.
Ab 1863 betrieb Carl Hagenbeck sen. am Spielbudenplatz eine Menagerie, aus der später der Tierpark Hagenbeck in Stellingen hervorging. Seit 1896 hatte der schon 1901 verstorbene Hein Köllisch hier sein eigenes Theater: Hein Köllischs Universum, später Köllischs Lachbühne. Eines der ersten Kinos in Deutschland war der 1906 von Eberhard Knopf errichtete Kinosaal Spielbudenplatz 19, von dem Reste in der Prinzenbar erhalten sind.
Tiefbunker
Unter dem Spielbudenplatz entstand zwischen Ende 1940 und Mitte 1942 der größte unterirdische Luftschutzbunker in Hamburg mit Platz für nominell 5.000 Menschen. Tatsächlich sollen sich in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges jedoch bis zu 20.000 Menschen in der zweigeschossigen Anlage aufgehalten haben. Nach dem Krieg erfolgte die bereits bei der Planung vorgesehene Umnutzung zur Tiefgarage für etwa 430 Personenwagen.<ref>Ulrich Alexis Christiansen: Hamburgs dunkle Welten. Der geheimnisvolle Untergrund der Hansestadt. Ch. Links, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-473-0, S. 137–142.</ref><ref>Helga Schmal, Tobias Selke: Bunker. Luftschutz und Luftschutzbau in Hamburg, Christians Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-7672-1385-0, S. 64.</ref>
Esso-Station Reeperbahn
Anlässlich der Umnutzung des Tiefbunkers wurde 1949 eine oberirdische Tankstelle gebaut, die später beim Bau der angrenzenden Esso-Häuser in die Taubenstraße hinein verlegt wurde. Die sogenannte „Kieztanke“ war bis zu ihrer Schließung am 15. Dezember 2013 ein beliebter Treffpunkt im Hamburger Nachtleben. Sie war durchgehend geöffnet, hatte in ihrem Laden das angeblich längste Getränke-Kühlregal Hamburgs, beschäftigte circa 50 Mitarbeiter und wurde ohne Mitteilung verlässlicher Zahlen als „umsatzstärkste und bekannteste Tankstelle Deutschlands“ bezeichnet. Im Mai 2014 begann der Abriss der Tankstelle und der Esso-Häuser. Die geplante Neubebauung des Areals ist bis heute nicht erfolgt.
1960er Jahre
In den 1960er Jahren wurde der Platz mit Glaspavillons im Stil der Nachkriegsmoderne bebaut, die zwanzig Jahre später sehr heruntergekommen waren und deshalb abgerissen wurden. Danach blieb die 300 Meter lange Fläche lange leer und ungenutzt.
Ansätze zur Umgestaltung
Verschiedene Vorschläge für eine Neugestaltung des Platzes scheiterten. Der aus einem Wettbewerb Mitte der 1990er Jahre siegreich hervorgegangene Entwurf von Niki de Saint-Phalle kam auch wegen des Todes der Künstlerin nicht zur Ausführung. Auch der von Bausenator Mario Mettbach bei Jeff Koons bestellte Entwurf für die Installation von zwei 110 Meter hohen Kränen, an denen zwei monströse Gummienten mit Schwimmring hängen sollten, wurde nicht verwirklicht.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />kunst-fuer-den-spielbudenplatz.de ( vom 17. März 2005 im Internet Archive)</ref>
Umgestaltung 2006
Im Dezember 2004 wurde ein internationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben, an dem nahezu 300 Architekten, Künstler und Designer teilnahmen. Der drittplatzierte Entwurf des Landschaftsarchitektur-Büros Lützow 7 wurde umgesetzt:<ref>Historie Spielbudenplatz. Abgerufen am 7. November 2018.</ref> Zwei einander gegenüber liegende, fahrbare Freilichtbühnen ohne fest installierte Bestuhlung zur Durchführung regelmäßiger Veranstaltungen.
Am 2. Juni 2006 wurde der 9,7 Millionen Euro<ref>Genevieve Wood: Spielbudenplatz: Der Umbau hat begonnen. 14. Juli 2005, abgerufen am 7. November 2018.</ref> teure Umbau offiziell eingeweiht. Zwei Restaurationsterrassen, überstanden von Bäumen, bieten der Planung nach Aufenthaltsmöglichkeiten an den „Kopfseiten“ des langgestreckten Platzes. In der Nacht auf den 8. September 2015 wurde die westliche der beiden Bühnenkonstruktionein durch ein Feuer total zerstört. Die Polizei geht von Brandstiftung aus.<ref>dpa: Feuer am Spielbudenplatz war Brandstiftung. abendblatt.de vom 10. September 2015</ref>
Ausgestellte Entwürfe stießen 2004 bei Anwohnern auf verhaltene Reaktionen.<ref>Heike Müller: "St. Pauli wird zu St. Disney": Kritik am Spielbudenplatz-Plan. 6. Juli 2004, abgerufen am 7. November 2018.</ref> Im Jahr 2008 kritisierten Bezirk und Baubehörde die nicht vertragsgemäße Nutzung der Bühnen. Die Mängelliste mit insgesamt 19 Kritikpunkten umfasste unter anderem die fehlende Attraktivität des kulturellen Programms, eine teils fehlende Auslastung sowie eine nicht zufriedenstellende optische Gestaltung.<ref>Marco Carini: Theater um den Spielbudenplatz. 31. Juli 2008, abgerufen am 7. November 2018.</ref><ref>Spielbudenplatz meistert Anlaufschwierigkeiten. 13. Juni 2008, abgerufen am 7. November 2018.</ref> Die Kritik wurde von den Betreibern größtenteils zurückgewiesen.<ref>Spielbudenplatz meistert Anlaufschwierigkeiten. 13. Juni 2008, abgerufen am 7. November 2018.</ref><ref>Marco Carini: Theater um den Spielbudenplatz. 31. Juli 2008, abgerufen am 7. November 2018.</ref>
Nutzung seit 2006
- von April bis Ende September Biergartengastronomie Sommergärten mit täglicher Live-Musik auf Kleinkunstbühnen
- In der Vorweihnachtszeit ist der Spielbudenplatz Schauplatz von Santa Pauli - Hamburgs geilstem Weihnachtsmarkt und des Winterdecks auf der Bühne vor dem Operettenhaus.
- Seit März 2007 findet jeden Mittwoch zwischen 16 und 23 Uhr (von November - März zwischen 16 und 22 Uhr) der St. Pauli Nachtmarkt, ein Wochenmarkt, statt.
- weitere Märkte und Veranstaltungen, die regelmäßig auf dem Spielbudenplatz stattfinden, sind der Viertel Meile Designmarkt, das Food Truck Festival, das St. Pauli Winzerfest, der Gartenmarkt Garden Love St. Pauli, sowie Flohmärkte.<ref>Spielbudenplatz Hamburg St. Pauli. Abgerufen am 29. September 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
- Public Viewing Aufstieg FC St. Pauli Mai 2007
- Public Viewing Fußball-WM 2006, Fußball-EM 2008, Fußball-WM 2010 sowie die Fußball-EM 2021 unter Hygiene-Auflagen aufgrund der Corona-Pandemie.<ref>Benedikt Scherm: Public Viewing auf St. Pauli: Sommer, Sonne, Fußball. In: FINK.HAMBURG. 17. Juni 2021, abgerufen am 24. Juni 2021.</ref>
Kulturdenkmal
Außer der Davidwache, dem St. Pauli Theater und Schmidts Tivoli stehen auch die Fassade des ehemaligen St. Pauli-Bades Spielbudenplatz 26 und die Reste von Knopfs Kinosaal Spielbudenplatz 19 unter Denkmalschutz.
Bilder
-
Das Operettenhaus
-
Wachsfigurenkabinett Panoptikum
-
Das neue Schmidt-Theater
-
Fassade des ehemaligen St. Pauli-Bades
-
Rückseite des ehemaligen St. Pauli-Bades (Kastanienallee 30)
-
St. Pauli Theater
-
Davidwache
-
Esso-Häuser (2013)
-
Esso-Häuser vor dem Abriss 2014
-
Historische Litfaßsäule
Literatur
- Ulrich Alexis Christiansen: Hamburgs dunkle Welten. Der geheimnisvolle Untergrund der Hansestadt. Ch. Links, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-473-0.
- Ortwin Pelc: Der sündige Stadtteil. Der Ruf St. Paulis und seine Entstehung. In: Gisela Jaacks (Hrsg.): Hamburgs Geschichte. Mythos und Wirklichkeit, Ellert & Richter, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8319-0315-3, S. 90–105.
Weblinks
- Offizielle Website der Betreibergesellschaft
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Denkmalliste der Freien und Hansestadt Hamburg, Stand 13. April 2010 (PDF; 915 kB) ( vom 27. Juni 2011 im Internet Archive) (PDF-Datei; 894 kB)
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 53° 32′ 58,4″ N, 9° 57′ 53,1″ O
{{#coordinates:53,549563888889|9,96475|primary
|dim=
|globe=
|name=
|region=DE-HH
|type=landmark
}}