Zum Inhalt springen

Freiheitsaktion Bayern

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 3. April 2026 um 11:28 Uhr durch imported>Karl 3 (Verlauf der Kampagne: Tippfehler).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Die Freiheitsaktion Bayern (FAB) war ein Personenkreis aus heterogenen Gruppen von NS-Gegnern in Südbayern, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges eine Kapitulation anstrebte. Bei einem gescheiterten Aufstand von rund 440 Soldaten im Raum München in der Nacht vom 27. auf den 28. April 1945 war es gelungen, Rundfunkaufrufe an die Bevölkerung zu senden. Insgesamt 79 Gruppen mit insgesamt etwa 990 Personen unternahmen daraufhin im gesamten südbayerischen Raum Aktionen wie das Hissen weißer Fahnen, das Festsetzen von NS-Funktionären oder das Wegräumen von Panzersperren. In 21 Fällen eskalierten diese Situationen und kosteten 58 Menschen das Leben. Die Verfolgung der Aufständischen rechnet zu den Endphaseverbrechen.

Hintergrund

Datei:Flag of Bavaria (striped).svg
Bayern Streifenflagge

Ende April 1945 stand die deutsche Kriegsniederlage unmittelbar bevor. Die Schlacht um Berlin war in vollem Gange; gekämpft wurde auch noch in Norddeutschland und in Kurland, in einigen Atlantikfestungen und anderen kleineren Frontabschnitten von Slowenien bis ins Sudetenland. Amerikanische und französische Verbände waren im Begriff, den restlichen Teil Bayerns einzunehmen. Die Propaganda des Nationalsozialismus machte glauben, in Südbayern und Österreich sei eine „Alpenfestung“ vorbereitet. Eine Gruppe um Hauptmann Rupprecht Gerngross, Chef der Dolmetscherkompanie des Wehrkreises VII in der Münchener Saar-Kaserne, entschlossen sich daher, zur Vermeidung weiteren Blutvergießens die Bewohner in Bayern zur Kapitulation aufzufordern. Ihre Initiative nannten sie „Freiheitsaktion Bayern“.

Ziele

Wie Rupprecht Gerngross nach der Einnahme eines Radiosenders in Ismaning verkündete, hatte die Freiheitsaktion folgende Ziele:

  1. Ende von Militarismus und Nationalsozialismus,
  2. Aufbau eines Sozialstaates,
  3. Allmähliche Wiedereinführung der Presse- und Versammlungsfreiheit.

Ähnliche Ziele klangen in weiteren Punkten an.

Denkmal für Thomas Max am Rathaus in Grünwald
Denkmal für Thomas Max am Rathaus in Grünwald

Verlauf der Kampagne

Am Abend des 27. April ließ Gerngross seine Truppe in der Saar-Kaserne antreten. Er entband die Soldaten vom Führereid. Die Aktion erhielt das Codewort „Fasanenjagd“. Die gold-betressten NSDAP-Funktionäre hießen im Volksmund „Goldfasane“.

Gerngross suchte in den Kreisen München und Freising nach weiteren Mitstreitern, allerdings konnte er nicht allzu viele für seine Pläne begeistern: Einige waren noch verblendet von der NS-Propaganda, andere fürchteten die Rache des NS-Regimes. Zu den Unterstützern gehörte die Widerstandsgruppe O7. Gerngross entschloss sich schließlich, den „Widerstand auf Mittelwelle“ zu führen, d. h. sobald die US-amerikanischen Verbände die Städte erreichten, sollten Radiosender besetzt und von dort aus zur Kapitulation aufgefordert werden. Die Bevölkerung sollte einsehen, dass eine Fortsetzung der Kämpfe sinnlos war, und selbst gegen fanatische Nationalsozialisten vorgehen.

Am 28. April besetzten Gerngross und seine Mitstreiter zwei Sendeanlagen des Reichssenders München in Ismaning<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />historisches-lexikon-bayerns.de (Memento des Vorlage:IconExternal vom 25. April 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.historisches-lexikon-bayerns.de</ref> und München-Freimann. Von dem Radiosender in Ismaning rief Gerngross zur baldigen Einstellung jeglicher Feindseligkeiten auf und proklamierte die Ziele der Freiheitsaktion Bayern: „Achtung, Achtung! Sie hören den Sender der Freiheitsaktion Bayern […] Beseitigt die Funktionäre der Nationalsozialistischen Partei. Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten.“ Reichsstatthalter Franz von Epp zögerte, sich an die Seite der Aufstandsbewegung zu stellen.

Gauleiter Paul Giesler, der am Tag darauf zum Nachfolger Himmlers im Amt des Reichsinnenministers ernannt wurde, schlug nach wenigen Stunden mit Hilfe von SS-Einheiten den Aufstand der Freiheitsaktion nieder. SS und Gestapo gingen mit aller Härte gegen die „Freiheitsaktion“ vor. Gerngross und seine Leute mussten fliehen, einige wurden auf der Flucht von der SS getötet. Gerngross und einige andere konnten untertauchen. Mit Hilfe von Formblättern, in der nur noch der Name des Verurteilten einzusetzen war, soll Giesler vor seiner Flucht binnen einer Stunde rund 150 Todesurteile gefällt und bestätigt haben. Allerdings wurden diese zum allergrößten Teil nicht mehr vollstreckt.<ref></ref>

Die Truppen der Alliierten rückten von Westen nach Bayern ein. In Augsburg wurde, dank der erfolgreichen Augsburger Freiheitsbewegung ohne Kampf, am 28. April die Kapitulation erklärt. In Dachau kam es zum Dachauer Aufstand. In Penzberg verhinderte der ehemalige SPD-Bürgermeister Hans Rummer die Sprengung des Bergwerkes, setzte den nationalsozialistischen Bürgermeister ab und sorgte für die Befreiung von Zwangsarbeitern und Gefangenen. Daraufhin wurde der Ort von einer durchziehenden Wehrmachtseinheit besetzt und 8 Personen erschossen. Vom sogenannten Werwolf Oberbayern unter Leitung von Hans Zöberlein wurden weitere 8 Personen in der Penzberger Mordnacht erhängt. Auch ein ungeborenes Kind kam dabei ums Leben.

Einzelne Bürger und Priester, die die weiß-blaue bayerische Flagge (Staatsflagge Bayerns) oder die weiße Flagge an Häusern oder an einem Kirchturm hissten, wurden von SS-Leuten – aber auch von fanatischen NSDAP-Anhängern – gejagt und erschossen oder zur Abschreckung der Restbevölkerung für alle sichtbar aufgehängt. Zur Überraschung der einrückenden Amerikaner wurde in vielen bayerischen Orten nicht die weiße Parlamentärsflagge gehisst, sondern die weiß-blaue bayerische Flagge.

Die SS-Leute und andere Nazis verfolgten „Wehrkraftzersetzung“ und „Drückebergerei“. Mehr als 40 Aufständische sind bekannt, die den Aufrufen der FAB gefolgt waren und nur Stunden vor der Befreiung ermordet wurden. So wurden beispielsweise in Burghausen drei Arbeiter der Wacker-Werke von der SS erschossen. An sie erinnert ein Mahnmal auf dem Fabrikgelände.

Eine Dissertation von 2011 kam durch aufwändige Archivrecherchen zur Einschätzung, dass etwa 1400 Personen in sehr unterschiedlicher Weise mit der Freiheitsaktion Bayern verbunden waren, davon rund 440 an der zentralen Aktion in München und Umgebung sowie annähernd 1000 Personen, die durch die Rundfunkansprachen zu eigenständigen Aktivitäten motiviert wurden. In München und Umgebung, Dachau, Altötting und Penzberg wurden nachweislich 58 Personen der Freiheitsaktion erschossen oder gehenkt. Einen Einfluss auf den Kriegsverlauf hatte die Aktion nicht mehr.<ref>Veronika Diem: Die Freiheitsaktion Bayern - Ein Aufstand im April 1945 und seine Folgen. In: Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München. 2011, abgerufen am 31. Januar 2026 (Seiten 301 ff).</ref>

Erinnerungskultur

Datei:Freiheitsaktion bayern 0514.JPG
Gedenktafel im Innenhof des Landwirtschaftsministeriums

Im Jahr 1947 wurde der frühere Feilitzschplatz (ab 1933 „Danziger Freiheit“) zu Ehren der Widerstandsbewegung in Münchener Freiheit umbenannt.

Eine Gedenktafel im Innenhof des Landwirtschaftsministeriums ehrt die an dieser Stelle hingerichteten Mitglieder der Freiheitsaktion Bayern für ihren Widerstand. Diese Tafel wurde vom Bezirksausschuß Maxvorstadt-Universität am 29. Juni 1981 beantragt (Antragsnummer 2238) und führte am 28. April 1982 zu einer Anfrage im Bayerischen Landtag durch Joachim Schmolcke. Die Gedenktafel durfte nicht wie beantragt an der Straßenfassade zur Ludwigstraße platziert werden, hierfür verweigerte Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann seine Zustimmung; die Tafel wurde am 28. April 1984 im sogenannten Schmuckhof angebracht.

Die folgenden Widerstandskämpfer wurden jedoch nicht im Schmuckhof, sondern im nördlich gelegenen Wirtschaftshof erschossen (Anmerkung: Harald Dohrn und Hans Quecke könnten auch im Perlacher Forst ermordet worden sein)<ref>Süddeutsche Zeitung: Der Sympathisant. 5. Februar 2018, abgerufen am 16. Oktober 2023.</ref><ref>Trotz allem: Der Glaube an die Menschlichkeit. 29. April 2005, abgerufen am 16. Oktober 2023.</ref> (oder doch im Wirtschaftshof ermordet und die sterblichen Überreste im Perlacher Forst beseitigt worden sein):

Datei:Grab von Harald Dohrn und Hans Quecke am 80. Todestag.jpg
Grab von Harald Dohrn und Hans Quecke am 80. Todestag
Datei:ScheipelSchönStegmair 3.jpeg
Teil des Denkmals in Burghausen

Der Innenhof des Landwirtschaftsministeriums ist seither als Erinnerungsort im Rahmen der Dienstzeiten des Ministeriums öffentlich zugänglich.<ref>Klaus Bäumler: “Dem Gedenken Namen und Orte geben” 30. S., S. 3; Stadtinspektor Hans Scharrer, Verwalter des Rathauses, öffnet der »Freiheitsaktion Bayern« Oberleutnant Hans Betz Kompaniechef des 61. Bataillons die Tore und führte sie zu Christian Weber (NS-Funktionär).</ref>

An Jakob Scheipel, Ludwig Schön und Josef Stegmair, die von der SS erschossenen Anführer des Widerstands im Wacker-Werk in Burghausen, erinnert seit 1946 ein Mahnmal auf dem Gelände des Werks<ref name="ANBA">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: Vorlage:Cite book/URL In: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger, 2014-11-08, PNP. Abgerufen am 29. November 2014Vorlage:Cite book/URL Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref>; die Stadt Burghausen benannte Straßen nach ihnen. Im November 2013 wurde am Park der Deutschen Einheit in Burghausen ein Denkmal aufgestellt<ref name="ANBA" /><ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Park der Deutschen Einheit.] regiowiki.pnp.de, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 29. November 2014.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/regiowiki.pnp.deVorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>, das Bilder der Widerstandskämpfer sowie eine Chronologie der Ereignisse vom 27./28. April 1945 zeigt.

An Karl Friedrich Scheid erinnert der Scheidplatz in München und eine Gedenktafel in Bad Wiessee.<ref>https://www.sueddeutsche.de/muenchen/schwabing-zum-gedenken-1.2512571</ref>

In Grünwald erinnert ein Gedenkstein an der nach ihm benannten Straße an Thomas Max, den Adoptivsohn von Colombo Max, der am 28. April 1945 als Mitglied der Freiheitsaktion Bayern auf offener Straße vom örtlichen Volkssturmführer Friedrich Ehrlicher erschossen wurde.<ref>wochenanzeiger.de</ref><ref name="sz_20180407" />

Rupprecht Gerngross ließ 1963 in China eine Dschunke namens „Mau Yee – Münchner Freiheit“ bauen, mit der er an die „Freiheitsaktion Bayern“ erinnerte.<ref>taz archiv: Geschichte segelt mit</ref>

1975 wurde im ZDF der Film Kennwort: Fasanenjagd München 1945 gesendet (Regie: Karlheinz Bieber), mit Karl-Michael Vogler als Rupprecht Gerngross und Werner Kreindl als Gauleiter Giesler.

In der Episode Fasanenjagd (Erstausstrahlung 1991) der Fernsehserie Löwengrube wurde der Widerstand der Freiheitsaktion Bayern ebenfalls thematisiert.

Am 28. April 2025 wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung des Bayerischen Rundfunks eine Erinnerungstafel auf dem Sendergelände des Senders Ismaning bei München eingeweiht.<ref>Ein Mahnmal für den Mut – 80 Jahre Freiheitsaktion Bayern. In: ismaning.de. Gemeinde Ismaning, 5. Mai 2025, abgerufen am 27. Oktober 2025.</ref>

Literatur

Weblinks

Kapitel 9: Unterm Hakenkreuz. Süddeutsche Zeitung Verlag. 3. Aufl. 2008, ISBN 978-3-86615-622-7.</ref>

Einzelnachweise

<references responsive> <ref name="sz_20180407"> Bernhard Lohr: Heldenkinder, Verräterkinder. In: Politik. Süddeutsche Zeitung, 7. April 2018, abgerufen am 9. April 2018: „Der Zweite Weltkrieg war fast vorbei, da wurde der Widerstandskämpfer Thomas Max in Grünwald von einem glühenden Nazi erschossen.“ </ref> </references>

Vorlage:Hinweisbaustein