Isaak Mannheimer
Isaak Noah Mannheimer (* 17. Oktober 1793 in Kopenhagen; † 18. März 1865 in Wien) war ein Rabbiner, der u. a. für seine Predigten und seine rituellen Reformen bekannt ist.
Biographie
Mannheimer wurde am 17. Oktober 1793 in Kopenhagen geboren.<ref name="18650310ODE" /> Nach der Emanzipation der Juden in Dänemark 1814 wurde Isaak Mannheimer zwei Jahre später zum ersten königlichen Katecheten ernannt. Nachdem er 1821 erstmals Wien besucht hatte und für den dortigen Gebrauch ein Programm zur Harmonisierung des orthodoxen und liberalen Ritus erstellt hatte, kehrte er zunächst nach Kopenhagen zurück und verbrachte die nächsten zwei Jahre in Berlin und Hamburg. 1824 berief man ihn auf Initiative des Wiener Großhändlers und Juweliers Michael Lazar Biedermann als Leiter der israelitischen Religionsschule nach Wien. Vor dem rechtlichen Bestand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien führte er den Titel Prediger, ab 1852 Rabbiner.
Er hielt die Predigt bei der Grundsteinlegung des Wiener Stadttempels 1825. 1848 veranstaltete er gemeinsam mit dem Katholiken Anton Füster eine „ökumenische Leichenfeier“ am Grab der Märzgefallenen.<ref>Feuilleton. Eine interessante Episode aus dem Jahre 1848. Reminiszenzen an I. N. Mannheimer. In: Wiener Jüdische Volksstimme, 8. August 1912, S. 1 (online bei ANNO).</ref> 1848 wurde er von der Stadt Brody in den Reichsrat gewählt. Zu seinem 70. Geburtstag im Jahre 1863 wurde ihm von der Stadt Wien das Bürgerrecht ehrenhalber verliehen. Zwei Jahre später verstarb Rabbiner Mannheimer nach 16-tägiger Krankheit<ref name="18650318WRZ">Kleine Chronik. In: Wiener Zeitung, 18. März 1865, S. 17 (online bei ANNO).</ref> am 18. März 1865<ref name="18650318WRZ" /><ref name="18650318NFP">Personal-Nachrichten. In: Neue Freie Presse, 18. März 1865, S. 13 (online bei ANNO).</ref><ref>Verstorbene. In: Wiener Zeitung, 19. März 1865, S. 15 (online bei ANNO).</ref><ref>Constantin von Wurzbach: Mannheimer, Isak Noa.</ref> an seinem Arbeitsort, im Wiener Stadttempel.
„Der berühmte Prediger der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Isak Noa Mannheimer, ist gestern nach mehrwöchentlichem schmerzhaften Krankenlager einer Lungenentzündung erlegen. Die Bedeutung des vielverehrten Hingeschiedenen für die fortschrittliche Entwicklung seiner Glaubensgenossen, seine mannhaften Kämpfe für die Gleichberechtigung derselben in allen Orten, wo er als Seelsorger wirkte, machen die schmerzliche Aufregung begreiflich, welche die Trauerkunde in seiner Gemeinde wie bei allen Israeliten Oesterreichs und Deutschlands hervorruft. Mannheimer war aber auch auherdem durch sein echt humanes Wirken eine in den weitesten Kreisen bekannte und hochgeschätzte Personlichkeit.“
Isaak Mannheimes wurde auf dem Jüdischen Friedhof Währing (heute in Döbling) beigesetzt. Später wurden seine Gebeine auf den Wiener Zentralfriedhof überführt.
Werk und Rezeption
Mannheimer ist von der Bewegung des liberalen Judentums bzw. Reformjudentums geprägt; beispielsweise predigte er in den Reformsynagogen in Berlin, Hamburg und in Leipzig. Als „Hauptkatechet“ in Kopenhagen verzichtete er zunächst ganz auf hebräische Sprache und verwendete auch Musik von christlichen Komponisten.<ref>Vgl. Bernard Suler: MANNHEIMER, ISAAC NOAH. In: Encyclopaedia Judaica, 2. Aufl., Bd. 13, S. 482.</ref> In späteren Jahren seines Wirkens in Wien kehrte Mannheimer von einem radikalen Reformjudentum ab und wandte sich gemäßigteren Formen zu; so hält er dann etwa die hebräische Sprache für unentbehrlich. In seiner Predigtweise, die didaktische Aspekte nur gering gewichtete, orientierte er sich teils auch an christlichen Theologen. Wirkungsgeschichtlich gilt Mannheimer als „einer der führenden Prediger des 19. Jahrhunderts“, der „alle Schichten der jüdischen Bevölkerung“ erreicht habe.<ref>Bernard Suler: MANNHEIMER, ISAAC NOAH. In: Encyclopaedia Judaica, 2. Aufl., Bd. 13, S. 482: „one of the leading preachers of the 19th century, attracting all segments of the Jewish population... he adhered to an inspirational rather than didactic concept of preaching ... he was not reluctant to acknowledge his debt to Christian masters of the art of preaching.“.</ref> Adolf Brüll urteilt: „Seine Wirksamkeit als Kanzelredner ist für das Judenthum geradezu als eine epochale zu bezeichnen.“<ref>Adolf Brüll: Mannheimer, Isaak Noah. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 20, Duncker & Humblot, Leipzig 1884, S. 205–207.</ref> Insbesondere hat Mannheimer den sog. „Wiener Ritus“ oder „Mannheimer Ritus“ mitgeprägt, der sich in jüdischen Gemeinden in Österreich, Ungarn, Böhmen und teils auch Deutschland verbreitete<ref>Vgl. Bernard Suler: MANNHEIMER, ISAAC NOAH. In: Encyclopaedia Judaica, 2. Aufl., Bd. 13, S. 482; J. Moser: Mannheimer Isak Noa. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 6, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1975, ISBN 3-7001-0128-7, S. 56 f. (Direktlinks auf S. 56, S. 57). Hier S. 56.</ref> und als gemäßigt-moderne Form eine Spaltung der Wiener Gemeinde verhindern konnte.<ref>Suler, S. 482; Robert S. Wistrich: Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs, Böhlau, Wien u. a. 1999, S. 85 (einsehbar bei Google Books).</ref> Zahlreiche seiner „Gottesdienstlichen Vorträge“ sind publiziert, sowohl in dänischer und deutscher Sprache wie hebräischer Übersetzung (durch E. Kuttner). Als Mannheimers Hauptwerk gilt das 1840 ersterschienene Wiener Gebetbuch.<ref>Festgebete der Israeliten nach der gottesdienstlichen Ordnung im israelitischen Bethause zu Wien und in mehreren andern Gemeinden, mit einer neuen Übersetzung von I. N. Mannheimer, Religionslehrer und Prediger, 3 Bände, F. E. v. Schmidt / J. J. Busch, Wien 1840.</ref> Es wurde unter wechselnden Titeln, teilweise überarbeitet und ergänzt, bis ins 20. Jahrhundert immer wieder nachgedruckt.<ref>Siehe zum Beispiel das Gebetbuch der Israeliten, 1969 im Sinai-Verlag in Tel Aviv erschienen, mit dem Gebet für das Wohl (שָׁלוֹם) des Staates Israel (S. 248).</ref>
Literatur
- Constantin von Wurzbach: Mannheimer, Isak Noa. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 16. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1867, S. 386–391 (Digitalisat).
- Adolf Brüll: Mannheimer, Isak Noa. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 20, Duncker & Humblot, Leipzig 1884, S. 205–207.
- Moses Rosenmann: Isak Noa Mannheimer, sein Leben und Werk. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nebst einer Auswahl der politischen Reden und Schriften Mannheimers. Löwit, Wien 1922
- J. Moser: Isaak Mannheimer. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 6, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1975, ISBN 3-7001-0128-7, S. 56 f. (Direktlinks auf S. 56, S. 57).
- Franz Menges: Mannheimer, Isaak Noah. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 16. Duncker & Humblot, Berlin 1990, ISBN 3-428-00197-4, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
Weblinks
- Literatur von und über Isaak Mannheimer in der Universitätsbibliothek JCS Frankfurt am Main: Digitale Sammlungen Judaica
- Literatur von und über Isaak Mannheimer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Digitalisierte Werke von Isaak Noah Mannheimer in der Bibliothek des Leo Baeck Instituts
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mannheimer, Isaak |
| ALTERNATIVNAMEN | Mannheimer, Isaak Noah; Mannheimer, Isaak Noa |
| KURZBESCHREIBUNG | jüdischer Prediger und Rabbiner |
| GEBURTSDATUM | 17. Oktober 1793 |
| GEBURTSORT | Kopenhagen |
| STERBEDATUM | 17. März 1865 |
| STERBEORT | Wien |